Vadian, Gallus – Hauptsache Wurst. So geht Standortförderung in St.Gallen. Dabei geht gern vergessen, dass die erste heiliggesprochene Frau überhaupt in St.Gallen gelebt hat: Wiborada. Auch sie war ursprünglich eine Auswärtige. Woher sie gekommen ist, weiss man nicht so genau, vermutlich aus dem Thurgau. Was die Geschichte umso interessanter macht. Und man könnte sie durchaus als ungewöhnliche, ja emanzipierte Frau bezeichnen, zumindest für damalige Verhältnisse. Sie hat sich nicht in eine Ehe drängen lassen, sondern mithilfe ihres Bruders Hitto jahrelang die Welt erkundet. Bis sie sich schliesslich in St.Georgen niedergelassen und später als Inklusin in der heute reformierten Kirche St.Mangen einmauern lassen hat, wo sie vielen Halt und Rat gab.
Wiborada, die vergessene Heilige: Unter diesem Motto ist 2021 eine ökumenische Initiative entstanden, die sich dieser bemerkenswerten Frau annähern will. An jenem Ort, wo sie eingemauert lebte und starb, steht heute eine nachgebaute Zelle. Im Mai lassen sich dort jeweils fünf Menschen eine Woche lang alleine einschliessen. Dieses Jahr sind es erstmals fünf Männer. Seit letztem Jahr findet parallel dazu auch ein «Kunstprojekt für vergessene Frauengeschichte» statt. 2022 hat die Künstlerin Michèle Thaler mit Garn und Glasperlen Eine Tür für Wiborada gestickt.
«I Adore You»: 2. Mai, 12 Uhr Vadiandenkmal, 13 Uhr Klosterwiese, 14 Uhr Talstation Mühleggbahn, 15 Uhr Kornhausplatz, 16 Uhr Oberer Graben, 17 Uhr Multergasse, 18 Uhr Engelgasse, 19 Uhr St.Mangen mit «Ritual der Liebe» zum Abschluss
heilige-wiborada.ch
Dieses Jahr am 2. Mai, dem Wiborada-Tag, führt die Künstlerin Lika Nüssli die Performance «I Adore You» auf, eine dezentrale Hommage an die Heilige. Dezentral darum, weil man gar nicht genau weiss, wo Wiborada begraben wurde, St.Mangen ist nur eine Vermutung. An verschiedenen Orten in der Innenstadt wird Nüssli das unsichtbare Grab «nachstellen» und sich nur in ein Tuch gehüllt auf den Boden legen. Der Stoff nimmt mittels Farbe ihre Körperabdrücke und die der Orte auf. Von der Performance übrig bleibt nur das Tuch – eine moderne Reliquie.
Diese Intervention im öffentlichen Raum soll laut Nüssli feministisches Gedenken, weibliches Vorbild und das Bild einer selbstbestimmten Frau evozieren. «I Adore You», den Titel der Performance, versteht sie als «Aussage, Bekenntnis, Aufforderung oder Infragestellung von Anbetung und Verehrung». Weibliche Heilige wie Maria würden in der katholischen Kirche grenzenlos verehrt, den heutigen Frauen hingegen werde die vollständige Gleichberechtigung noch immer vorenthalten. Ihr Wort in San Franciscos Ohr!
Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.
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