Die Religion und das weibliche Geschlecht führen eine, gelinde gesagt, komplizierte Beziehung. Besonders im Katholizismus, der von alten Männern und prunkseliger Folklore geprägt ist. Würde Mann auf die «Basis» hören, sähe die katholische Welt wohl längst anders aus. Frauen dürften die Priesterinnenweihe empfangen, würden nicht mehr zur Gebärmutter und Hausfrau degradiert; sie dürften Ehen schliessen, Sakramente erteilen, Beichten abnehmen, Kinder taufen.
So konkret müssen die Forderungen aber gar nicht sein, zumindest wenn es nach Hildegard Aepli, Franz Mali und Esther Rüthemann geht. Die zwei Ostschweizer Theologinnen und der Priester formulieren es diplomatisch: Frauen sollen gleichberechtigt in das Nachdenken, Entscheiden und Gestalten der katholischen Kirche miteinbezogen werden.
Mit diesem Anliegen im Gepäck sind sie am 2. Mai 2016, dem Festtag der heiligen Wiborada, unter dem Beifall von hunderten Gläubigen im St.Galler Klosterviertel aufgebrochen, 1200 Kilometer Fussweg vor ihnen, allen möglichen Wettern zum Trotz, um Papst Franziskus ihre Botschaft zu überbringen.
Die Kamera pilgert mit
Die zweimonatige Pilgerinnenreise nach Rom stand unter dem Motto «Für eine Kirche mit * den Frauen» und zog zahlreiche Gleichgesinnte an, die sich dem neunköpfigen Pilgerinnen-Kernteam etappenweise anschliessen konnten. Insgesamt pilgerten 1651 Männer und Frauen auf verschiedenen Wegstücken zwischen St.Gallen und Rom mit.
Filmisch festgehalten wurde diese Wallfahrt zu Fuss von drei jungen Männern: Regisseur Silvan Maximilian Hohl, Kameramann Nino Burkhard und Tontechniker Ahren Merz. Eineinhalb Jahre haben sie an ihrem Dokfilm Habemus Feminas! gearbeitet, den sie via Crowdfunding finanzieren konnten. Ab Donnerstag ist er im St.Galler Kinok zu sehen.
Während der Dreharbeiten haben Hohl, Burkhard und Merz mit den Pilgerinnen und Pilgern zusammengelebt. Anfangs wollten sie nur beobachten und das Geschehen möglichst nicht beeinflussen. So ganz geklappt hat das nicht: «Mir wurde bewusst, dass auch wir Teil der Pilgergruppe sind», sagt Hohl rückblickend. «Mit jedem Tag und jedem gepilgerten Kilometer wurden wir mehr integriert.»
Dass die drei Filmemacher keineswegs nur in der Rolle der unbeteiligten Beobachter sind, spürt man immer wieder im Film. Etwa wenn sie sich fragen, warum eigentlich die Strukturen der katholischen Kirche so stur und patriarchal sind, wo doch Jesus immer für die Schwachen und Verstossenen eingestanden ist. Oder wenn sie werweissen, ob sie nun mitmachen sollen bei der Schweigestunde oder plappernd vorbeiziehen. Und natürlich, wenn sie über ihren eigenen Bezug zum Glauben sinnieren und andere nach ihrer spirituellen Haltung fragen.
Premiere im Kinok St.Gallen: 11. Januar, 18 Uhr, danach Podiumsgespräch mit den Initiantinnen und dem Regisseur. Abschliessende Worte von Bischof Markus Büchel und Karin Keller-Sutter.
Solche Szenen sind ein willkommener Kontrast zu den Gebeten, Gesängen und manchmal etwas pathetischen Statements der Pilgerinnen – wobei sich auch bei ihnen nicht alles nur um Glaube, theologische Fragen und die Kritik am katholischen Apparat dreht, sondern immer wieder auch um lädierte Hüften, lästige Blasen, nasse Kleider oder um die anfängliche Frage, ob man denn überhaupt fähig sei, zwei Monate auf engstem Raum und jeden Abend an einem anderen Ort mit anderen in einem Raum zu schlafen. Diese Episoden bereichern den Film, nicht zuletzt, weil es beruhigend ist, zu sehen, dass bei allen frommen Wünschen und reinen Herzen auch das Weltliche seinen Platz hat.
Der Papst lässt sich entschuldigen
Handwerklich gibt es im Film noch Luft nach oben. Mit 111 Minuten ist er reichlich lang, und der 1200 Kilometer lange Marsch nach Rom, der einen Grossteil der Dokumentation ausmacht, kommt landschaftlich nur bedingt zur Geltung, da die Szenen als Rückblenden angelegt und in schwarz-weiss gehalten sind. Sehr deutlich wird hingegen die riesige Unterstützung aus allen möglichen Windrichtungen, die den Pilgerinnen zuteil wird, sei es von Klosterfrauen, von Daheimgebliebenen oder von einer eben erst kennengelernten Sexarbeiterin, die der Pilgergruppe ebenfalls einen Wunsch mit auf den Weg gibt, wie viele andere vor und nach ihr.
Weitere Vorstellungen: 14. Januar, 12.30 Uhr 17. Januar, 14.30 Uhr 27. Januar, 13 Uhr
kinok.ch
Eindrücklich auch die Bilder des letzten Pilgertages. Fast 600 Gläubige finden sich am 2. Juli in Rom ein, um Papst Franziskus die dringliche Botschaft zu übermitteln. Dieser hat aber offenbar anderes zu tun und lässt sich entschuldigen. Er wisse vom Projekt, so die Nachricht. Später stellt sich heraus, dass er erst Monate später vom Projekt «Kirche mit * den Frauen» erfahren hat – ein weiteres Zeichen dafür, wie wichtig die weibliche Hälfte der Menschheit der katholischen Kirche ist.
Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
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