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«Sie wissen, dass ihnen Gefängnis oder der Tod droht, wenn sie an Protesten teilnehmen. Und sie tun es trotzdem.»

Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.

260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Sai­ten: Seit Kriegs­be­ginn En­de Fe­bru­ar hat die ira­ni­sche Re­gie­rung den In­ter­net­zu­gang mehr­mals blo­ckiert. In der Zwi­schen­zeit wur­de die Sper­re kurz­zei­tig auf­ge­ho­ben. Was er­fah­ren Sie von den 
Men­schen im Iran über die ak­tu­el­le La­ge?

Moh­sen Ma­sou­di: Ich ha­be Kon­takt zu mei­nen El­tern und mei­nem Bru­der. Sie er­zäh­len mir, wie hart das Le­ben ak­tu­ell ist, dass sie Angst ha­ben vor all dem, was der Krieg aus­ge­löst hat. In Is­fa­han, wo ich ge­lebt ha­be, be­fin­den sich vie­le Nu­kle­ar­an­la­gen. Dar­um wird die Re­gi­on noch viel stär­ker bom­bar­diert wer­den als an­de­re Ge­bie­te.

Wie schwie­rig ist es für Sie, den Kon­takt zu den Men­schen im Iran zu hal­ten und sich zu in­for­mie­ren?

Ob­wohl die In­ter­net­sper­re auf­ge­ho­ben wur­de, ha­ben vie­le kei­nen di­rek­ten Zu­gang, weil es sehr teu­er ist. Dass die Sper­re über­haupt auf­ge­ho­ben wur­de, hat pri­mär öko­no­mi­sche Grün­de. Vie­le Fir­men sind auf ei­nen In­ter­net­zu­gang an­ge­wie­sen und for­der­ten, die Sper­re auf­zu­he­ben. Die Re­gie­rung hat die­sem Druck nach­ge­ge­ben.

In ei­ner Pe­ti­ti­on mit mitt­ler­wei­le rund 3500 Un­ter­schrif­ten for­dern Sie ei­nen Ab­schie­be­stopp aus der Schweiz und den Flücht­lings­sta­tus für ira­ni­sche Ge­flüch­te­te. Sie be­grün­den das ins­be­son­de­re mit der ver­än­der­ten Si­tua­ti­on seit An­fang Jahr. Was hat sich seit En­de 2025, als die Pro­tes­te aus­bra­chen, bis heu­te kon­kret ver­än­dert?

Die UNO hat in meh­re­ren Be­rich­ten fest­ge­stellt, dass die Men­schen­rechts­la­ge im Iran seit Aus­bruch der Pro­tes­te ka­ta­stro­phal ist. In den ver­gan­ge­nen sechs Mo­na­ten wur­den tau­sen­de Men­schen um­ge­bracht, hun­der­te er­hängt, noch viel mehr be­fin­den sich im Ge­fäng­nis oder war­ten auf die Voll­stre­ckung der To­des­stra­fe. Die Re­pres­si­on hat al­so mas­siv zu­ge­nom­men. Die ak­tu­el­le re­strik­ti­ve Asyl­pra­xis der Schwei­zer Be­hör­den ori­en­tiert sich noch stark an der Si­tua­ti­on vom letz­ten Jahr, wo­bei die Men­schen­rechts­la­ge schon da­mals nicht gut war. Ge­mäss UNO gab es 2025 kein an­de­res Land, dass so vie­le Men­schen er­hän­gen liess wie der Iran.

An­fang März hat das Staats­se­kre­ta­ri­at für Mi­gra­ti­on die Asy­l­ent­schei­de für ira­ni­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge und den Weg­wei­sungs­voll­zug sis­tiert. Wie be­ur­tei­len Sie die­sen Ent­scheid?

Ei­ne Sis­tie­rung ist kein dau­er­haf­ter Schutz, son­dern nur ein Auf­schub. Da­mit löst man das ei­gent­li­che Pro­blem der ira­ni­schen Ge­flüch­te­ten über­haupt nicht. Viel­mehr hält sie die Men­schen in ei­ner zer­mür­ben­den psy­chi­schen und recht­li­chen Un­ge­wiss­heit ge­fan­gen. Die La­ge im Iran hat sich in den letz­ten Mo­na­ten so mas­siv zu­ge­spitzt, dass es ei­gent­lich ei­ne dau­er­haf­te Ge­wäh­rung des Flücht­lings­sta­tus bräuch­te. Es gibt mehr als ge­nug Be­wei­se da­für, dass die Ge­fahr im Iran per­ma­nent und le­bens­be­droh­lich ist. Al­len Ira­ner:in­nen droht bei ei­ner Rück­kehr Ge­fahr – un­ab­hän­gig da­von, ob sie an den Pro­tes­ten teil­ge­nom­men ha­ben oder nicht.

Was für ei­ne Rol­le spielt der «Na­tio­na­le Wi­der­stands­rat Iran» (NWRI), dem Sie an­ge­hö­ren, für die po­li­ti­sche Op­po­si­ti­on und für Sie?

Der Rat ist ei­ne Art par­la­men­ta­ri­sche Dach­or­ga­ni­sa­ti­on im Aus­land. Un­ser Ziel ist es, das is­la­mi­sche Re­gime im Iran zu stür­zen und ei­ne de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaft zu er­rich­ten. Wir sind hier in der Schweiz aber nicht als Par­tei or­ga­ni­siert, son­dern viel­mehr als Netz­werk. Wir or­ga­ni­sie­ren Kund­ge­bun­gen und Pro­test­ak­tio­nen und un­ter­stüt­zen ins­be­son­de­re den Zehn-Punk­te-Plan von Ma­ryam Ra­ja­vi.

Was sieht die­ser Plan vor?

Er ist das of­fi­zi­el­le Ma­ni­fest der NWRI. Wir for­dern et­wa die Ab­schaf­fung der To­des­stra­fe, ei­ne kla­re Tren­nung von Re­li­gi­on und Staat, ei­nen atom­waf­fen­frei­en Iran, ei­ne grund­le­gen­de De­mo­kra­ti­sie­rung – al­so Volks­ab­stim­mun­gen –, in­di­vi­du­el­le und so­zia­le Grund­rech­te, Gleich­be­rech­ti­gung der Ge­schlech­ter.

Der NWRI ist der po­li­ti­sche Arm der Volks­mud­scha­he­din (MEK). Kri­ti­ker wer­fen der Or­ga­ni­sa­ti­on au­to­ri­tä­re und sek­ten­ar­ti­ge Zü­ge und ei­nen Per­so­nen­kult um Ma­ryam Ra­ja­vi vor. Wie ste­hen Sie da­zu?

Der NWRI ist kein ein­heit­li­cher Block, son­dern ein bun­ter Mix aus ver­schie­de­nen ira­ni­schen Grup­pen, In­tel­lek­tu­el­len und Men­schen mit un­ter­schied­li­chen po­li­ti­schen An­sich­ten. Die Vor­wür­fe ken­nen wir nur zu gut. Sie kom­men prak­tisch al­le di­rekt aus der Kü­che des ira­ni­schen Ge­heim­diens­tes, weil be­kannt ist, dass der NWRI die ein­zi­ge or­ga­ni­sier­te Al­ter­na­ti­ve ist. Ra­ja­vi ist für uns das Ge­sicht die­ses de­mo­kra­ti­schen Plans und ei­ne star­ke Frau, die sich der frau­en­feind­li­chen Mul­lah-Dik­ta­tur ent­ge­gen­stellt. Das hat nichts mit ei­nem Per­so­nen­kult zu tun.

Ne­ben der NWRI gibt es auch an­de­re Or­ga­ni­sa­tio­nen. Wie ge­spal­ten ist ei­gent­lich die ira­ni­sche Exil­op­po­si­ti­on hier in der Schweiz?

Na­tür­lich gibt es im Exil – auch hier in der Schweiz – ver­schie­de­ne Mei­nun­gen. Das ist aber kei­ne Schwä­che, son­dern macht ei­ne De­mo­kra­tie aus. Die Trenn­li­nie ver­läuft bei den Grund­prin­zi­pi­en. Ei­ni­ge wol­len zu­rück zur al­ten Mon­ar­chie. Wir hin­ge­gen wol­len ei­ne de­mo­kra­ti­sche Re­pu­blik. Am En­de sind wir uns aber trotz al­ler Dif­fe­ren­zen im De­tail ei­nig: Das Mul­lah--Re­gime in Te­he­ran muss weg.

Sie sind 2022 aus dem Iran ge­flüch­tet – im Zu­ge der Pro­tes­te, die un­ter dem Slo­gan «Frau, Le­ben, Frei­heit» statt­fan­den. Was war der kon­kre­te Aus­lö­ser für Ih­re Flucht?

Ich war Teil der Pro­test­be­we­gung «Frau, Le­ben, Frei­heit» und ha­be zu­sam­men mit an­de­ren un­ter­schied­li­che Ak­tio­nen or­ga­ni­siert, et­wa die Ko­or­di­na­ti­on von De­mons­tra­ti­ons­um­zü­gen oder be­stimm­ten Sprech­chö­ren. Da­durch ge­riet ich ins Vi­sier der Be­hör­den. Ei­nes Ta­ges such­te die Po­li­zei bei mir zu­hau­se nach mir. Da­mit war klar: Mein Le­ben war in Ge­fahr.

Es gab ver­schie­de­ne Pro­test­wel­len in den letz­ten Jahr­zehn­ten. Wor­in un­ter­schei­det sich der ak­tu­el­le Pro­test von den vor­he­ri­gen?

Ich ha­be noch nie ei­ne sol­che Ent­schlos­sen­heit und ei­nen sol­chen Zu­sam­men­halt er­lebt. Die Men­schen wa­ren plötz­lich so mu­tig, das war kom­plett neu. Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder so­gar der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem. Die mas­si­ve Re­pres­si­on durch das Re­gime ist auch ein Zei­chen da­für, dass es un­ter Druck steht. Und lan­ge wird es nicht mehr durch­hal­ten kön­nen. Beim ak­tu­el­len An­griffs­krieg der USA und Is­ra­els ist je­doch klar: Der Sturz des Re­gimes kann nur aus der ira­ni­schen Be­völ­ke­rung selbst kom­men.

Sie for­dern in ei­ner wei­te­ren Pe­ti­ti­on die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft in der Schweiz. Was er­hof­fen Sie sich da­durch?

En­de Ja­nu­ar 2026 hat die EU be­schlos­sen, die ira­ni­schen Re­vo­lu­ti­ons­gar­den als Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on ein­zu­stu­fen. Wir ha­ben es al­so mit ei­ner ter­ro­ris­ti­schen Re­gie­rung zu tun. Je­den Tag hö­ren wir da­von, wie sie jun­ge Men­schen er­hän­gen lässt, ob die­se nun an Pro­tes­ten teil­ge­nom­men ha­ben oder nicht. Die Schweiz, die sich die Wah­rung von Men­schen­rech­ten auf die Fah­nen schreibt, kann doch kei­ne Re­gie­rung ak­zep­tie­ren, die Zehn­tau­sen­de ih­rer ei­ge­nen Be­völ­ke­rung tö­tet. Zu­dem ist die Bot­schaft ei­ne Ge­fahr für Exil-Ira­ner:in­nen.

In­wie­fern?

Es gibt Be­rich­te, un­ter an­de­rem vom Nach­rich­ten­dienst oder ver­schie­de­nen Zei­tun­gen, die zei­gen, dass die ira­ni­sche Re­gie­rung über die Mit­ar­bei­ter der Bot­schaft Op­po­si­tio­nel­le in der Schweiz aus­spio­niert und ver­folgt, et­wa um de­ren Fa­mi­li­en­mit­glie­der im Iran ein­zu­schüch­tern oder ih­nen et­was an­zu­tun.

Füh­len Sie sich be­droht?

Die Schweiz ist ein Land, das uns be­schüt­zen könn­te. Na­tür­lich ha­be ich manch­mal Angst. Doch ich weiss: Auch wenn sie mich ein­schüch­tern wol­len, wer­de ich mei­ne Mei­nung nicht än­dern. Für das Land und die Men­schen wer­de ich bis zum Äus­sers­ten ge­hen.

Was er­hof­fen Sie sich von den Pe­ti­tio­nen?

Ich weiss, dass die Schweiz ein frei­es Land ist und hier je­der ei­ne Stim­me hat. Und ich möch­te ei­ne Stim­me für mein Land sein, den Men­schen zei­gen, dass sie nicht al­lei­ne sind. Ich brau­che al­so die Frei­heit, die man hier hat, um dies zu tun.

Zu den Pe­ti­tio­nen von Moh­sen Ma­sou­di:
act.cam­pax.org/pe­ti­ti­ons/stoppt-aus­schaf­fun­gen-nach-iran-schutz-und-asyl-fur-ira­ni­sche-ge­fluch­te­te
act.cam­pax.org/pe­ti­ti­ons/un­ter­stut­zung-fur-ein-frei­es-und-de­mo­kra­ti­sches-iran

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«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

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