Von Mode und Körpern
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Eine Rennbahnfotografie aus dem Jahr 1922 aus der Sammlung des Textilmuseums (Bild: pd/Georges Royer)
Ein heisser Sommertag, das Textilmuseum St.Gallen hat grad die Tore geöffnet. Beim Aufgang ins Obergeschoss des «Palazzo Rosso» spielt ein grossformatiger Schwarz-Weiss-Film. Man sieht ein Set, Studiobeleuchtung, einen Fotografen. Drei Models, die posieren. Hin und her mit dem Oberkörper, die Hände mal an der Hüfte, mal im Gesicht. Ein Schnitt, dann Fotograf und Crew von hinten. Die Models wechseln erneut die Pose, machen kleine Sprünge.
Es ist ein Lehrfilm fürs RTS aus den 60er-Jahren für Jugendliche über Berufe in der Modebranche. «Ein behind-the-scenes-Film, der verdeutlicht, wie inszeniert Modefotografie ist», erzählt die Assistenzkuratorin Sina Jenny. Für die kürzlich eröffnete Ausstellung des Museums «Mise en Scène. Modefotografie von der Belle Époque bis heute» könnte der Film als eine Art Prolog kaum passender sein.
Dass sich das Textilmuseum mit dem Medium der Fotografie befasst, ist naheliegend, denn es verfügt über eine umfassende Fotosammlung. Für die Schau holte die Ausstellungskuratorin Silvia Gross zudem Objekte und Bilder etwa aus dem Ausserrhoder Staatsarchiv, dem Museum Baselland oder Firmenarchiven wie jenen von Akris und Forster Rohner ins Haus.
Die Arbeit mit den Bildern sei eine Herausforderung gewesen, erklärt Gross. «Die fotografischen Bestände – sowohl unsere als auch die Bestände der anderen Archive und Sammlungen – sind nicht systematisch erschlossen und kaum beforscht, geschweige denn digitalisiert oder rechtlich abgeklärt.» Deshalb sei die Vorbereitungszeit von einem Jahr für die Ausstellung sehr knapp gewesen. Gross hofft, dass man die gewonnenen Erkenntnisse zu einem späteren Zeitpunkt vertiefen kann. Sei es in einer Publikation oder sogar in der geplanten Dauerausstellung im Museum, das 2030 wiedereröffnet wird. Im Frühling 2027 schliesst das Haus zwecks Umbaus nämlich für rund drei Jahre. «Mise en Scène» ist damit die letzte Schau im «alten» Textilmuseum.
Der Ausstellungssaal im ersten Obergeschoss liegt im Dunkeln. Sobald man eintritt, geht das Licht an. Damit schütze man die lichtempfindlichen Objekte in der Ausstellung, sagt Assistenzkuratorin Charlotte Leonie Hammann. Der Blick gleitet rasch über verschiedenste Fotografien, über Vitrinen mit Stoffen und containerartige Module mit grossen Schaufenstern, in denen sich Kleider präsentieren. Edle Gewänder, feine Spitzen, teure Stoffe. Man fühlt sich an eine Einkaufsstrasse erinnert, will flanieren und denkt, dass wohl nicht nur Modefotografie, sondern auch Ausstellungen inszeniert sind.
Schnell ist man mittendrin in «Mise en Scène», mittendrin in etwa 120 Jahren Modegeschichte. Bilder stehen im Zentrum der Schau und in ihnen übernehmen fast ausnahmslos Frauen die Hauptrolle. Ergänzt werden die Fotografien von erfrischend knapp gehaltenen Begleittexten. Alles ist aufs Wesentliche heruntergebrochen. So kann man sich richtig dem Bilderrausch hingeben.
Da sind die Rennbahnaufnahmen des Franzosen Paul Géniaux aus den 1920ern. Die Rennbahnen rund um Paris seien damals Orte des Sehens und Gesehenwerdens gewesen, erklärt Charlotte Leonie Hammann. Die Bilder zeigen die Pariser High-Society-Damen in aktueller Mode. Sicher sei da das eine oder andere St.Galler Textil verarbeitet, so Sina Jenny. Als Drucke oder Postkarten schickte man die Aufnahmen um die ganze Welt. Rennbahnfotografien, heisst es, «wurden so zu einer frühen Form moderner Modeberichterstattung».
Dann gibt es die eleganten, sinnlichen Aufnahmen aus den späten 50ern von Tom Kublin, bei denen die Frauen an Audrey Hepburn erinnern. Die Fotoarbeiten von Helmut Newton, der in den 70ern Aufträge für die beiden St.Galler Firmen Forster Willi und Jakob Schlaepfer umsetzte, sind dann nicht mehr nur schwarz-weiss, sondern auch in Farbe. So schreibt sich der technische Fortschritt, wenn auch implizit, immer wieder in die Ausstellung ein.
Modefotografie von Tom Kublin aus dem Archiv von Forster Rohner/ForsterWilli (Bild:pd/Rechte bei Maria Helena Kublin)
Man streift die Nullerjahre mit den klaren, fast futuristischen Bildern von Steven Klein für Akris und landet mit der geometrisch-künstlerischen Videoarbeit von Anton Corbijn, ebenfalls für Akris, in der Gegenwart. «Mise en Scène» zeigt Arbeiten von namhaften Fotografen. Silvia Gross dazu: «Mir war besonders wichtig, dass die Fotografien einen eigenständigen künstlerischen Wert haben, dass sie einer recherchierbaren Künstlerperson zugeordnet und in deren Gesamtwerk eingeordnet werden können.»
Den Bildern gegenübergestellt sind passende Stickereien, Stoffmuster, Strümpfe, Badeanzüge, Oberteile oder grad ganze Roben. Dadurch holt man die im Bild sichtbare, zweidimensionale Materialität in den Raum. Der Wow-Effekt, wenn man das auf einem Schwarz-Weiss-Foto gezeigte Oberteil von Nina Ricci aus den 60ern dann live und in Farbe vor sich hat, ist gross. Und ob in Bild, Objekt oder Textil: Die Schau hebt konsequent die Verbindung der Ostschweizer Textilindustrie mit Paris, Wien oder New York hervor.
«Mise en Scène» zeigt, wie sehr sich Mode und Modefotografie über die Jahre verändert haben. Gesellschaftliche Entwicklungen wie etwa die Emanzipation der Frau, aber auch Wirtschaftskrisen und Krieg schlagen sich unmittelbar in der Mode nieder und beeinflussen, was als «schön» und damit erstrebenswert gilt. Die Modeindustrie tut dann wohl ihr Übriges und trägt zu einer zumindest temporären Etablierung eben dieser Ideale bei.
Doch auch das, was seit rund 120 Jahren unverändert bleibt, macht die Ausstellung durch das dichte Nebeneinander sichtbar: Im Fokus der Modeindustrie steht die Frau und der weibliche Körper. Und es stimmt: Was als «schön» gilt, hat sich über die Jahre hinweg verändert. Aber die in der Modefotografie inszenierten Körper entsprechen immer dem Ideal der jeweiligen Zeit. Es sind immer normschöne Körper, die für die allermeisten unerreichbar sind. Körper, die, ebenso wie die in der Ausstellung gezeigte Mode, mit sozialer Anerkennung und Status verbunden sind.
Dass die Ausstellung fast ausschliesslich von Männern gemachte Fotografien von Frauen zeigt, verhandelt die Ausstellung nicht direkt. Da hätte man sich vielleicht eine kurze Vertiefung gewünscht. Verweist dieser Umstand doch symptomatisch auf bestehende Machtverhältnisse. Auf jene in der Modebranche, ebenso wie auf jene in Museen und Archiven. Denn sie alle sind historisch von patriarchalen Strukturen und Logiken geprägt.
Und so scheint die Ausstellung unweigerlich die Guerrilla Girls anzurufen und ihre Frage aus den 90er-Jahren zu aktivieren: «Do women have to be naked to get into the Met Museum?» Nun, nackt in diesem Falle vielleicht nicht, aber definitiv von einem Mann in Szene gesetzt.
«Mise en Scène. Modefotografie von der Belle Époque bis heute»: bis 28. Februar 2027, Textilmuseum St.Gallen.
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