Die unverzichtbaren Sommertipps – Teil 3
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Colazione Sull’Erba, 2021. Öl, Acryl, Filzstift, Bleistift auf zusammengenähten Leinwandstücken, 210 × 333 cm.
Noemi Pfister, 1991, aus Locarno, lebt und arbeitet in Basel. Sie hat Fine Arts in Basel und Genf studiert. In ihrer Malerei verbindet Pfister kunsthistorische Motive mit Popkultur und dem kollektiven Bildgedächtnis. Traumartige Landschaften werden von rätselhaften Figuren bevölkert, deren Körper zwischen Spiel, Erschöpfung und Kontemplation oszillieren. Durch die Verbindung des Vertrauten mit dem Unheimlichen erkundet ihre Arbeit mögliche Formen von Gemeinschaft und Koexistenz.
Wie der Mensch mit der Welt umgeht
Grosse Fragen einfach darzustellen, das ist wahre Kunst. Erst recht, wenn es dann noch gelingt, Humor hineinzupacken ... Olaf Breuning stellt zum ersten Mal nach 25 Jahren wieder im Museum zu Allerheiligen in seiner Geburtsstadt Schaffhausen aus. Humor helfe bei den harten Themen, sagt der Künstler, der in der Nähe von New York lebt. In der Ausstellung «Humans» begegnen wir 30 Rittern auf Rollschuhen oder einer Yeti-Familie. «Ich schaue in die Welt, ich verdaue, was ich sehe, und spucke es als Kunst aus», beschreibt der 56-Jährige im Trailer zur Ausstellung seine Arbeitsweise. Ein Affe betrachtet die vergoldete Spitze eines 300 Meter langen Seils, das für 4,5 Milliarden Jahre Erdgeschichte steht. Die kleine Spitze symbolisiert die geringe Zeitspanne der Menschheit – und ob dieses Zeitalter für die Erde wirklich so golden ist? «Warum ist der Mensch überhaupt da? Die Welt ohne den Menschen hätte wahrscheinlich so funktioniert, wie sie immer funktioniert hat», sagt Olaf Breuning. «Wir sind auf sehr dünnem Eis.» (Judith Schuck)
Olaf Breuning – «Humans»: bis Sonntag, 27. September, Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen.allerheiligen.ch
Zeitreise ins 19. Jahrhundert
Napoleon III. liebte den Fortschritt: Fotografie, Eisenbahn und Dampfschiff waren die neuesten technischen Errungenschaften, als er 1865 mit seiner Frau Eugénie erstmals wieder seinen Sehnsuchtsort, die Bodenseeregion, besuchte. Dies mit dem neu erbauten Schnellzug von Paris nach Konstanz und weiter ins Schloss Arenenberg im Thurgau. Die Eindrücke dieser Reise werden in der Fotoausstellung «Was der Kaiser noch sah» im Cinéma des Napoleonmuseums rekonstruiert. Rund 500 Fotografien, davon 100 analoge, zeigen die Landschaften und Städte, auf die der letzte französische Monarch damals traf. Thurgauer Schlösser, der gerade erst erbaute Konstanzer Bahnhof, Landschaften, wie sie Napoleon III. gesehen haben muss. Auf einer Reise mit dem Raddampfer «Germania» über den Untersee kam er an der Reichenau und der Mainau vorbei und fuhr an der Schweizer Seite des Obersees entlang. Aus heutiger Perspektive ist es spannend, den Wandel zu entdecken. (Judith Schuck)
«Was der Kaiser noch sah»: bis Sonntag, 20. September, Napoleonmuseum Arenenberg, Salenstein.arenenberg.ch
Gegen die Sprachlosigkeit der Trauer
Was bleibt, wenn ein geliebter Mensch stirbt und die Welt ihren Halt verliert? In ihrem Debütroman Das verlassene Rettungsboot erzählt die 2006 geborene Oriana Bruseghini von Verlust, Depression und der verzweifelten Suche nach einem Weg zurück ins Leben. Im Zentrum stehen die beiden Jugendlichen Alea und Elwin, die sich schon seit ihrer Geburt kennen und deren freundschaftliche Beziehung sich in eine erste Liebe verwandelt. Doch der plötzliche Tod von Aleas Mutter wirft einen dunklen Schatten über die zart aufkeimende Liebesgeschichte.
Bruseghini nähert sich ihren Figuren mit einer grossen Behutsamkeit. Die Erzählperspektive wechselt zwischen Alea und Elwin, und durch die tagebuchartige Sprachlichkeit entsteht eine Nähe zu den Figuren ebenso wie ein Gefühl zu der Lebensrealität, in der eine erste Liebe stattfindet – irgendwo zwischen Schulalltag und der Freiheit der ersten Roadtrips im Auto. Für viele Jugendliche ist diese Zeit des Erwachsenwerdens eine Herausforderung, für einige von ihnen ist sie nicht zu bewältigen und sie beenden ihr Leben, bevor der neue Abschnitt beginnt. Die St.Galler Autorin hat ihre Maturarbeit zu Suizid bei Jugendlichen geschrieben, wie wir im Nachwort von Jörg Weisshaupt vom Verein Trauernetz erfahren. Sie nähert sich in ihrem Debüt literarisch an diese tabuisierte Thematik, um «das Schweigen zu brechen und Mut zu machen», wie sie selbst schreibt.
Das verlassene Rettungsboot ist keine leichte Sommerlektüre, sondern ein Ausflug in eine innere Dunkelheit und Tiefe sowie die schmerzliche Erkenntnis, dass Liebe allein nicht immer die Rettung sein kann. (Veronika Fischer)
Oriana Bruseghini: Das verlassene Rettungsboot. Zytglogge Verlag, Basel 2026. zytglogge.ch oriana-bruseghini.com
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.