Saiten: Was haben 80 Jahre mit dem Kinderdorf Pestalozzi gemacht?
Bertha Camacho: In der Nachkriegszeit sollten vom Krieg betroffene Kinder ein Zuhause finden, vor allem Waisenkinder. Heute ist das Kinderdorf ein Begegnungsort, wo wir Jugendliche aus der Schweiz aber auch aus verschiedenen Ländern Europas in Austauschprojekten zusammenbringen. Dort werden Themen wie Medien, Nachhaltigkeit, Identität, Gleichstellung, Diskriminierung, Privilegien, interkulturelle Verständigung oder Kinderrechte diskutiert. Vor allem sind wir aber seit 1984 über Länderbüros mit Bildungsprojekten vor Ort. Wir unterstützen Kinder in elf weiteren Ländern in unterschiedlichen Situationen, in Armut, in Konfliktgebieten oder Kinder, die auf der Flucht sind.
Wie kam es zu dieser Veränderung?
Die Dringlichkeiten haben sich verschoben. Bei der Gründung waren Kinder aus Europa direkt vom Zweiten Weltkrieg betroffen. Dann kamen Kinder aus anderen Konfliktgebieten, aus Tibet oder aus Äthiopien. Irgendwann hat man festgestellt, dass unsere Arbeit in der Form nicht mehr relevant war. Um die Kinder zu schützen, braucht es einen nachhaltigen Ansatz. Wir müssen die Kinder vor Ort unterstützen, um längerfristig eine Wirkung zu erzielen.
Welche Projekte laufen aktuell?
Wir arbeiten mit einem systemischen Bildungsansatz, der das gesamte Umfeld, die Strukturen und die Akteure im Bildungssystem einbezieht. In der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein liegen unsere Schwerpunkte in der Medienbildung an Schulen oder in Austauschprojekten hier im Kinderdorf. Im Ausland arbeiten wir in Schulsystemen, direkt mit den Kindern und Lehrer:innen. Daneben setzen wir uns mit Entscheidungsträger:innen für bessere Bildungsgesetze ein, um im ganzen Land wirken zu können.
Ukraine, Gaza, Sudan, jetzt Iran, Libanon – wie blickt ihr auf diese Kriege?
Unser Emergency Fund ermöglicht uns, schnell reagieren zu können. In Moldawien unterstützen wir die Integration ukrainischer Kinder ins Schulsystem. In Myanmar, wo es letztes Jahr ein Erdbeben gab, helfen wir beim Wiederaufbau einer Schule, die wir bereits davor gemeinsam mit der Glückskette unterstützt haben, und bilden Lehrer:innen zu Themen wie Kinderrechte weiter. Letztlich sind wir aber keine Nothilfe-Organisation, wir können nicht in jedem Kriegsland Hilfe leisten, sondern müssen dort reagieren, wo wir Projekte haben, Strategien, Partner und Büros. Immer mit dem Ziel, Kinder in Not zu unterstützen.
Zu 70 bis 80 Prozent seid ihr von Spendengeldern finanziert, etwa 25 Prozent kommen von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit des Bundes (DEZA). Wie begegnet ihr den Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit?
Es ist ein schwieriger Prozess, in dem wir uns alle befinden. Wir müssen unsere Prioritäten sortieren und überlegen, wie wir künftig fortfahren. Mit einer neuen Fundraising-Strategie wollen wir neue Spendenquellen erschliessen. Gleichzeitig bereiten wir uns auf die Kürzungen vor. Seit einem Jahr dürfen nicht mehr als zehn Prozent der Beitragsgelder der DEZA in Projekte in Lateinamerika fliessen. Darum mussten wir unser Programm in El Salvador schliessen.
Was bedeutet das für euch?
Es zeigt die Prioritäten der Bevölkerung. In der Schweiz merkt man kaum, dass Not herrscht. Wir sind hier sehr privilegiert. Darum leisten wir in der Schweiz auch viel Sensibilisierungsarbeit über Bildungsangebote. Hier im Kinderdorf werden Besucher:innen darüber informiert, wie wichtig Grundbildung ist, um soziale Ungleichheiten abzubauen und allen Kindern einen fairen Start zu ermöglichen.
2022 habt ihr im Kinderdorf temporäre Unterkünfte für ukrainische Geflüchtete angeboten. Ist sowas auch in Zukunft möglich?
Wir arbeiten mit dem Kanton zusammen und bieten aktuell zwei bis drei Häuser für Geflüchtete als Zwischenlösung an. Die Familien können hier leben, bis sie eine Wohnung gefunden haben. Zwar können wir nicht das gesamte Kinderdorf zur Verfügung stellen, weil es ja nicht nur Kinder sind, aber wir finden es sehr wichtig, diese Familien zu unterstützen.
Wohnen nebst den Geflüchteten noch andere Kinder hier?
Nein. Zurzeit leben etwa 30 Geflüchtete konstant hier. Die anderen Häuser werden für die Bildungsprojekte temporär genutzt. Man könnte aber auch sagen, wir sind immer ausgebucht. Wir haben so viele Projekte, es sind fast immer Kinder und Jugendliche hier. Hättest du vor einer Woche gefragt, wäre die Antwort 300 gewesen.
Also ist es nicht so, dass ihr die Häuser an Tourist:innen vermietet? An solchen Plänen wurde ja vor einiger Zeit auch Kritik laut.
Wir haben ein Haus, das vermietet werden kann. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass wir nicht profitorientiert sind. Jeder Rappen wird in die Projekte investiert. Wir müssen uns finanziell vielfältig aufstellen, weil auch wir unter finanziellem Druck stehen. Und gleichzeitig können wir die Räume intelligent nutzen, zum Beispiel für Seminare. Es geht aber sicher nicht um ein touristisches Angebot.
Ihr habt kürzlich ein digitales Streetwork-Projekt gestartet. Wie funktioniert das?
Das Projekt «digitalstreetwork.ch» ist schweizweit einzigartig und steht noch am Anfang. Ziel ist es, Kinder und Jugendliche vor problematischen und extremistischen Inhalten im digitalen Raum zu schützen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Wir arbeiten mit zwei Ansätzen: dem content-basierten und dem non-Content-basierten. Einerseits wird auf unseren Kanälen Wissens-Content verbreitet und andererseits gehen Sozialarbeiter:innen in Chats und Foren aktiv auf Jugendliche zu. Sie versuchen, problematische Signale oder Tendenzen proaktiv aufzugreifen und die Jugendlichen direkt zu kontaktieren. Beispielsweise wenn ein rechtsextremer Code auftaucht.
Würdest du sagen, dass das Internet für Kinder und Jugendliche heutzutage eine grosse Bedrohung darstellt?
Unsere Analysen zeigen, dass die Themen Medien und Bildung in der Schweiz höchste Priorität haben und Schulen sowie Eltern grosse Sorgen bereiten – gerade im Hinblick auf Radikalisierung. Der Umgang mit Medien ist eine riesige Herausforderung, weil die Tools noch fehlen. Deswegen ist es für uns sehr wichtig, Medienkompetenzen über diverse Projekte zu fördern. Wir haben beispielsweise ein tolles Radioprojekt und vermitteln dort auch, wie man mit Sozialen Medien oder mit Fake News umgeht.
Was ist die grösste Bedrohung für die Kinder weltweit?
Gute Frage. Klima ist für alle ein Thema. Unsere Gletscher schmelzen, das ist die Realität. Jugendliche in der Schweiz wie auch im Globalen Süden wachsen in einer Welt auf, die klar von den Folgen des Klimawandels bedroht ist, das ist ihre Zukunft. Eine zweite Herausforderung ist die politische Radikalisierung. In Baden-Württemberg haben gerade viele junge Menschen die AfD gewählt. Das ist eine Notsituation – und in der Schweiz sind wir nicht so weit weg davon. Auch hier herrscht eine Politik, die sich tendenziell gegen Migration, Gleichstellung und Inklusion wehrt. Und wir sind weiterhin mit Konflikten und Kriegen konfrontiert – oft weil radikalisierte Regierungen gewählt werden. Medien spielen dabei eine grosse Rolle. Deswegen müssen wir Medienkompetenz, Demokratiebildung und Zugänge diskutieren und stärker fokussieren. Das ist das Teil unserer Strategie.
Bertha Camacho, 1974, ist in La Paz (Bolivien) geboren und heute Schweizer Staatsbürgerin. Seit Oktober 2024 leitet sie das strategische Geschäftsfeld «Programme» und ist Teil der Geschäftsleitung bei der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi in Trogen. Sie bringt über 25 Jahre Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit mit und war in zahlreichen Ländern in Lateinamerika, Asien, Afrika und Osteuropa tätig. Seit 2014 lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in Trogen.