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«Die grösste Bedrohung? Klimawandel und politische Radikalisierung»

Das Kinderdorf Pestalozzi feiert sein 80-jähriges Bestehen. Mit welchen Herausforderungen Kinder heutzutage konfrontiert sind und wie die Stiftung dagegenhält, erklärt Programmleiterin Bertha Camacho.

2604 Redeplatz Bertha Camacho Sarah Spirig

Sai­ten: Was ha­ben 80 Jah­re mit dem Kin­der­dorf Pes­ta­loz­zi ge­macht?

Ber­tha Ca­ma­cho: In der Nach­kriegs­zeit soll­ten vom Krieg be­trof­fe­ne Kin­der ein Zu­hau­se fin­den, vor al­lem Wai­sen­kin­der. Heu­te ist das Kin­der­dorf ein Be­geg­nungs­ort, wo wir Ju­gend­li­che aus der Schweiz aber auch aus ver­schie­de­nen Län­dern Eu­ro­pas in Aus­tausch­pro­jek­ten zu­sam­men­brin­gen. Dort wer­den The­men wie Me­di­en, Nach­hal­tig­keit, Iden­ti­tät, Gleich­stel­lung, Dis­kri­mi­nie­rung, Pri­vi­le­gi­en, in­ter­kul­tu­rel­le Ver­stän­di­gung oder Kin­der­rech­te dis­ku­tiert. Vor al­lem sind wir aber seit 1984 über Län­der­bü­ros mit Bil­dungs­pro­jek­ten vor Ort. Wir un­ter­stüt­zen Kin­der in elf wei­te­ren Län­dern in un­ter­schied­li­chen Si­tua­tio­nen, in Ar­mut, in Kon­flikt­ge­bie­ten oder Kin­der, die auf der Flucht sind.

Wie kam es zu die­ser Ver­än­de­rung?

Die Dring­lich­kei­ten ha­ben sich ver­scho­ben. Bei der Grün­dung wa­ren Kin­der aus Eu­ro­pa di­rekt vom Zwei­ten Welt­krieg be­trof­fen. Dann ka­men Kin­der aus an­de­ren Kon­flikt­ge­bie­ten, aus Ti­bet oder aus Äthio­pi­en. Ir­gend­wann hat man fest­ge­stellt, dass un­se­re Ar­beit in der Form nicht mehr re­le­vant war. Um die Kin­der zu schüt­zen, braucht es ei­nen nach­hal­ti­gen An­satz. Wir müs­sen die Kin­der vor Ort un­ter­stüt­zen, um län­ger­fris­tig ei­ne Wir­kung zu er­zie­len.

Wel­che Pro­jek­te lau­fen ak­tu­ell?

Wir ar­bei­ten mit ei­nem sys­te­mi­schen Bil­dungs­an­satz, der das ge­sam­te Um­feld, die Struk­tu­ren und die Ak­teu­re im Bil­dungs­sys­tem ein­be­zieht. In der Schweiz und dem Fürs­ten­tum Liech­ten­stein lie­gen un­se­re Schwer­punk­te in der Me­di­en­bil­dung an Schu­len oder in Aus­tausch­pro­jek­ten hier im Kin­der­dorf. Im Aus­land ar­bei­ten wir in Schul­sys­te­men, di­rekt mit den Kin­dern und Leh­rer:in­nen. Da­ne­ben set­zen wir uns mit Ent­schei­dungs­trä­ger:in­nen für bes­se­re Bil­dungs­ge­set­ze ein, um im gan­zen Land wir­ken zu kön­nen.

Ukrai­ne, Ga­za, Su­dan, jetzt Iran, Li­ba­non – wie blickt ihr auf die­se Krie­ge?

Un­ser Emer­gen­cy Fund er­mög­licht uns, schnell re­agie­ren zu kön­nen. In Mol­da­wi­en un­ter­stüt­zen wir die In­te­gra­ti­on ukrai­ni­scher Kin­der ins Schul­sys­tem. In My­an­mar, wo es letz­tes Jahr ein Erd­be­ben gab, hel­fen wir beim Wie­der­auf­bau ei­ner Schu­le, die wir be­reits da­vor ge­mein­sam mit der Glücks­ket­te un­ter­stützt ha­ben, und bil­den Leh­rer:in­nen zu The­men wie Kin­der­rech­te wei­ter. Letzt­lich sind wir aber kei­ne Not­hil­fe-Or­ga­ni­sa­ti­on, wir kön­nen nicht in je­dem Kriegs­land Hil­fe leis­ten, son­dern müs­sen dort re­agie­ren, wo wir Pro­jek­te ha­ben, Stra­te­gien, Part­ner und Bü­ros. Im­mer mit dem Ziel, Kin­der in Not zu un­ter­stüt­zen.

Zu 70 bis 80 Pro­zent seid ihr von Spen­den­gel­dern fi­nan­ziert, et­wa 25 Pro­zent kom­men von der Di­rek­ti­on für Ent­wick­lung und Zu­sam­men­ar­beit des Bun­des (DE­ZA). Wie be­geg­net ihr den Kür­zun­gen in der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit?

Es ist ein schwie­ri­ger Pro­zess, in dem wir uns al­le be­fin­den. Wir müs­sen un­se­re Prio­ri­tä­ten sor­tie­ren und über­le­gen, wie wir künf­tig fort­fah­ren. Mit ei­ner neu­en Fund­rai­sing-Stra­te­gie wol­len wir neue Spen­den­quel­len er­schlies­sen. Gleich­zei­tig be­rei­ten wir uns auf die Kür­zun­gen vor. Seit ei­nem Jahr dür­fen nicht mehr als zehn Pro­zent der Bei­trags­gel­der der DE­ZA in Pro­jek­te in La­tein­ame­ri­ka flies­sen. Dar­um muss­ten wir un­ser Pro­gramm in El Sal­va­dor schlies­sen.

Was be­deu­tet das für euch?

Es zeigt die Prio­ri­tä­ten der Be­völ­ke­rung. In der Schweiz merkt man kaum, dass Not herrscht. Wir sind hier sehr pri­vi­le­giert. Dar­um leis­ten wir in der Schweiz auch viel Sen­si­bi­li­sie­rungs­ar­beit über Bil­dungs­an­ge­bo­te. Hier im Kin­der­dorf wer­den Be­su­cher:in­nen dar­über in­for­miert, wie wich­tig Grund­bil­dung ist, um so­zia­le Un­gleich­hei­ten ab­zu­bau­en und al­len Kin­dern ei­nen fai­ren Start zu er­mög­li­chen.

Jubiläums-Programm

28. April: 80. Ge­burts­tag des Kin­der­dorfs Pes­ta­loz­zi: The­ma­ti­sche Füh­rung, Ein­wei­hung re­no­vier­te Grün­der­häu­ser, Aus­stel­lung im Be­su­cher­zen­trum, 11. Ju­ni: Cha­ri­ty-Ta­vo­la­ta im Kin­der­dorf, 22. Au­gust: Som­mer­fest

2022 habt ihr im Kin­der­dorf tem­po­rä­re Un­ter­künf­te für ukrai­ni­sche Ge­flüch­te­te an­ge­bo­ten. Ist so­was auch in Zu­kunft mög­lich?

Wir ar­bei­ten mit dem Kan­ton zu­sam­men und bie­ten ak­tu­ell zwei bis drei Häu­ser für Ge­flüch­te­te als Zwi­schen­lö­sung an. Die Fa­mi­li­en kön­nen hier le­ben, bis sie ei­ne Woh­nung ge­fun­den ha­ben. Zwar kön­nen wir nicht das ge­sam­te Kin­der­dorf zur Ver­fü­gung stel­len, weil es ja nicht nur Kin­der sind, aber wir fin­den es sehr wich­tig, die­se Fa­mi­li­en zu un­ter­stüt­zen.

Woh­nen nebst den Ge­flüch­te­ten noch an­de­re Kin­der hier?

Nein. Zur­zeit le­ben et­wa 30 Ge­flüch­te­te kon­stant hier. Die an­de­ren Häu­ser wer­den für die Bil­dungs­pro­jek­te tem­po­rär ge­nutzt. Man könn­te aber auch sa­gen, wir sind im­mer aus­ge­bucht. Wir ha­ben so vie­le Pro­jek­te, es sind fast im­mer Kin­der und Ju­gend­li­che hier. Hät­test du vor ei­ner Wo­che ge­fragt, wä­re die Ant­wort 300 ge­we­sen.

Al­so ist es nicht so, dass ihr die Häu­ser an Tou­rist:in­nen ver­mie­tet? An sol­chen Plä­nen wur­de ja vor ei­ni­ger Zeit auch Kri­tik laut.

Wir ha­ben ein Haus, das ver­mie­tet wer­den kann. Es ist aber wich­tig zu ver­ste­hen, dass wir nicht pro­fit­ori­en­tiert sind. Je­der Rap­pen wird in die Pro­jek­te in­ves­tiert. Wir müs­sen uns fi­nan­zi­ell viel­fäl­tig auf­stel­len, weil auch wir un­ter fi­nan­zi­el­lem Druck ste­hen. Und gleich­zei­tig kön­nen wir die Räu­me in­tel­li­gent nut­zen, zum Bei­spiel für Se­mi­na­re. Es geht aber si­cher nicht um ein tou­ris­ti­sches An­ge­bot.

Ihr habt kürz­lich ein di­gi­ta­les Street­work-Pro­jekt ge­star­tet. Wie funk­tio­niert das?

Das Pro­jekt «di­gi­tal­street­work.ch» ist schweiz­weit ein­zig­ar­tig und steht noch am An­fang. Ziel ist es, Kin­der und Ju­gend­li­che vor pro­ble­ma­ti­schen und ex­tre­mis­ti­schen In­hal­ten im di­gi­ta­len Raum zu schüt­zen und Auf­klä­rungs­ar­beit zu leis­ten. Wir ar­bei­ten mit zwei An­sät­zen: dem con­tent-ba­sier­ten und dem non-Con­tent-ba­sier­ten. Ei­ner­seits wird auf un­se­ren Ka­nä­len Wis­sens-Con­tent ver­brei­tet und an­de­rer­seits ge­hen So­zi­al­ar­bei­ter:in­nen in Chats und Fo­ren ak­tiv auf Ju­gend­li­che zu. Sie ver­su­chen, pro­ble­ma­ti­sche Si­gna­le oder Ten­den­zen pro­ak­tiv auf­zu­grei­fen und die Ju­gend­li­chen di­rekt zu kon­tak­tie­ren. Bei­spiels­wei­se wenn ein rechts­extre­mer Code auf­taucht.

Wür­dest du sa­gen, dass das In­ter­net für Kin­der und Ju­gend­li­che heut­zu­ta­ge ei­ne gros­se Be­dro­hung dar­stellt?

Un­se­re Ana­ly­sen zei­gen, dass die The­men Me­di­en und Bil­dung in der Schweiz höchs­te Prio­ri­tät ha­ben und Schu­len so­wie El­tern gros­se Sor­gen be­rei­ten – ge­ra­de im Hin­blick auf Ra­di­ka­li­sie­rung. Der Um­gang mit Me­di­en ist ei­ne rie­si­ge Her­aus­for­de­rung, weil die Tools noch feh­len. Des­we­gen ist es für uns sehr wich­tig, Me­di­en­kom­pe­ten­zen über di­ver­se Pro­jek­te zu för­dern. Wir ha­ben bei­spiels­wei­se ein tol­les Ra­dio­pro­jekt und ver­mit­teln dort auch, wie man mit So­zia­len Me­di­en oder mit Fake News um­geht.

Was ist die gröss­te Be­dro­hung für die Kin­der welt­weit?

Gu­te Fra­ge. Kli­ma ist für al­le ein The­ma. Un­se­re Glet­scher schmel­zen, das ist die Rea­li­tät. Ju­gend­li­che in der Schweiz wie auch im Glo­ba­len Sü­den wach­sen in ei­ner Welt auf, die klar von den Fol­gen des Kli­ma­wan­dels be­droht ist, das ist ih­re Zu­kunft. Ei­ne zwei­te Her­aus­for­de­rung ist die po­li­ti­sche Ra­di­ka­li­sie­rung. In Ba­den-Würt­tem­berg ha­ben ge­ra­de vie­le jun­ge Men­schen die AfD ge­wählt. Das ist ei­ne Not­si­tua­ti­on – und in der Schweiz sind wir nicht so weit weg da­von. Auch hier herrscht ei­ne Po­li­tik, die sich ten­den­zi­ell ge­gen Mi­gra­ti­on, Gleich­stel­lung und In­klu­si­on wehrt. Und wir sind wei­ter­hin mit Kon­flik­ten und Krie­gen kon­fron­tiert – oft weil ra­di­ka­li­sier­te Re­gie­run­gen ge­wählt wer­den. Me­di­en spie­len da­bei ei­ne gros­se Rol­le. Des­we­gen müs­sen wir Me­di­en­kom­pe­tenz, De­mo­kra­tie­bil­dung und Zu­gän­ge dis­ku­tie­ren und stär­ker fo­kus­sie­ren. Das ist das Teil un­se­rer Stra­te­gie.

Ber­tha Ca­ma­cho, 1974, ist in La Paz (Bo­li­vi­en) ge­bo­ren und heu­te Schwei­zer Staats­bür­ge­rin. Seit Ok­to­ber 2024 lei­tet sie das stra­te­gi­sche Ge­schäfts­feld «Pro­gram­me» und ist Teil der Ge­schäfts­lei­tung bei der Stif­tung Kin­der­dorf Pes­ta­loz­zi in Tro­gen. Sie bringt über 25 Jah­re Er­fah­rung in der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit mit und war in zahl­rei­chen Län­dern in La­tein­ame­ri­ka, Asi­en, Afri­ka und Ost­eu­ro­pa tä­tig. Seit 2014 lebt sie mit ih­rem Mann und ih­ren zwei Söh­nen in Tro­gen.

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