Saiten: Du bist kürzlich 75 Jahre alt geworden. Am Dienstag feierst du deinen Geburtstag im Palace. Wie ist es zu dieser öffentlichen Party gekommen?
Steff Signer: Die Idee, diesen Abend anlässlich meines Geburtstags so zu gestalten, entstand in Gesprächen sowie durch die Initiative von Florian Vetsch und den Gästen, die dabei sein würden. Nicht zuletzt war auch die Offenheit des Palace entscheidend, eine solche Feier im Rahmen der «Erfreulichen Universität» stattfinden zu lassen. Der Grund hierfür ist also nicht meine Eitelkeit. (lacht) Es geht nicht um mich, sondern um das, was wir gemeinsam erschaffen. Ein weiterer Auslöser dafür war meine Biografie, die vor knapp zwei Jahren erschienen ist. Zum einen hat sie mein ganzes Leben bis dahin gewissermassen abgeschlossen. Ich musste mich für das Buch an vieles erinnern, konnte nach der Fertigstellung aber auch wahnsinnig viel vergessen. Zum anderen habe ich dadurch neue Bekanntschaften geschlossen, die zu musikalischen Kollaborationen geführt haben.
Hat dich diese Würdigung in Buchform gefreut? Der kürzlich verstorbene Veit Stauffer, der berühmteste und wichtigste Plattenverkäufer der Schweiz, schrieb einmal, es bestehe die Gefahr, dass du vergessen würdest, weil man dich nicht einordnen könne. Ausserdem seist du unterbewertet. Empfindest du das auch so?
Unterbewertet … wer weiss? Obwohl, mich kontaktieren auch heute noch Leute, die meine Musik entdecken. Zum Beispiel Chanan Hanspal, der seine Doktorarbeit über Frank Zappa geschrieben und auf seinem Youtube-Kanal bereits drei Videos über mich und meine Musik veröffentlicht hat. Und es gab eine Zeit, in der auch die mediale Öffentlichkeit durchaus wahrgenommen hat, was ich mache. I’m Alive (Signers Rockoper von 1984, Anm. d. Red.) war das erste Rockalbum der Schweiz, das unter anderem vom Bund über Pro Helvetia, von der Stadt und dem Kanton St. Gallen finanziell unterstützt wurde. Hits schreiben zu wollen, das kam mir nie wirklich in den Sinn. Ich war Anhänger der «strange smelling music».
Das Kommerzielle war dir immer ein Graus.
Absolut. Die Vorstellung, einen Hit schreiben oder bestimmten Erwartungen entsprechen zu müssen, entsprach nicht meinem Naturell.
In der Saiten-Besprechung deiner Biografie schrieb Corinne Riedener so schön: «Interessant, dass so einer, der in keine Schublade passen will und äusserst fluid in seinem Denken und Schaffen ist, eine Biografie über sich verfassen und sein Leben so in eine ‹feste Form› bringen lässt.»
Das trifft es ziemlich gut. Ich war wohl nie fassbar, weil ich so unterschiedliche Sachen erstellt habe. Selbst für mein Umfeld nicht. Ich musste immer einen Schritt weiter gehen, meist unbewusst. Einmal hat mich Hanspeter Spörri, der damals mein Manager war (und Hauptautor der Biografie ist, d. Red.), angerufen, um mir die nächsten Konzerttermine durchzugeben. Ich musste ihm erklären, dass ich soeben meine Band aufgelöst hatte …
«Wenn es um die Musik ging, war ich ein Diktator.»
Du hast deine Bands damals immer wieder neu zusammengestellt. Waren sie bloss Mittel zum Zweck, Vehikel für die Musik?
Früher interessierten mich die Mitglieder meiner Bands nur als Musiker:innen, nicht als Personen. Wenn es um die Musik ging, war ich ein Diktator. Essenspausen – wozu? Wir waren schliesslich da, um Musik zu machen. Das ist inzwischen umgekehrt. Heute interessieren mich vor allem die Personen hinter dem Schaffen und der Kreativität. Zusammenarbeit funktioniert für mich nur noch aufgrund von Sympathie.
Zurück zu deiner Geburtstagsfeier: Was kann das Publikum von ihr erwarten?
Gute Unterhaltung, hoffentlich. Es erwartet die Besucher:innen ein sehr vielfältiges Programm mit musikalischen Beiträgen von Kammermusik bis Rock, Videos aus der Reihe «Cabinet Music» mit Fotos des Fotografen Mario Baronchelli, der mit seit 1980 abgelaufenen AGFA-Filmen arbeitet, Gedichten von Florian Vetsch. Ausserdem gibt es ein Gespräch mit Hanspeter Spörri und Heidi Eisenhut von der Ausserrhoder Kantonsbibliothek, die mein Archiv übernommen hat. Chanan Hanspal, der extra aus England anreist, spielt ein kleines Soloprogramm auf der E-Gitarre. Gemeinsam mit Sophie Diggelmann (Sängerin von Velvet Two Stripes), Chanan Hanspal (E-Gitarre) und mir an der türkischen Saz wird mein neuer Rocksong Burn Your Lover erstmals live präsentiert. Damit wird auch die Frage beantwortet, wie Infrasteff 2026 klingen könnte. Übrigens basiert dieser Song auf einem Satz aus einer Saiten-Wochenschau über die Zunahme von Femiziden. Dieser Satz hat mich dazu motiviert, Burn Your Lover fertigzustellen.
Steff Signer und Sophie Diggelmann
Du veröffentlichst nach wie vor sehr viel Musik, auf Youtube findet man mehr als 260 Videos. Gibt es vielleicht irgendwann nochmal ein ganzes Album?
Who knows? «Into the great white open...», hat Tom Petty mal gesungen. Ich werde auf jeden Fall weiter Musik machen und will die Kollaborationen mit Chanan Hanspal, Florian Vetsch, Mario Baronchelli und anderen weiterführen.
Ist das Älterwerden – oder der Tod – etwas, das dich beschäftigt?
Ja. Im neugierigen Sinn. Meine Endlichkeit wird mir immer wieder bewusst, zum Beispiel wenn ich vor dem Haus sitze und den Säntis betrachte: The Mountains of Oblivion. Mal erscheint er weiter entfernt, mal näher. Das ist, wie es ist, wie das Ein- und Ausatmen. Als bei mir vor ein paar Jahren Krebs diagnostiziert wurde, war das auch einfach so. Auch ein Endlichkeitsthema. Ich musste mich entscheiden: Schulmedizin mit Operationen, Bestrahlungen, Chemo oder alternative Methoden – und entschied mich für eine Kombination aus beidem. Ich bekam ein zusätzliches Zimmer, in dem ich meditieren und singen konnte. Selbst in der Röhre beim Bestrahlen habe ich gesungen: «Häxe ond Zwerge i de Urnäschschlucht, triibets gär ardlig Tag ond Nacht ...»
Hat dir also auch die Musik geholfen?
Ja. Im Leben gibt es zwei Fixpunkte – die Geburt und den Tod. Über diesem Zeitstrahl schwebt ein grosses «Vielleicht». Es enthält all die Möglichkeiten, die einem das Leben bietet. Ein grosser Teil meines «Vielleichts» ist mit der Musik verbunden. Ich hatte ausserdem grosses Glück, dass ich meine depressiven Phasen immer in Musik kanalisieren konnte. Andere kommen deswegen vielleicht weniger gut über die Runden, ich hingegen verarbeitete das einfach zu Songs, Texten oder Bildern. Tönt einfacher, als es war. Aber das hat mich überleben lassen.
75 Yeah Yeah Yeahs of Steff Signer: Dienstag, 3. März, 19.30 Uhr, Palace, St.Gallen; mit Steff Signer, Mario Baronchelli (Fotografie), Sophie Diggelmann (Leadsängerin Velvet Two Stripes), Heidi Eisenhut (Kantonsbibliothek AR), Chanan Hanspal (E-Gitarre), Konrad Lemmenmeier (Fagott), Ida Lotz (Gesang), Annika Nef (Klavier), Hanspeter Spörri (Biograf) und Florian Vetsch (Gedichte, MC).