«Die Musik hat mich überleben lassen»

«Es geht nicht um mich»: Steff Signer im Vorfeld des Geburtstagsanlasses im Palace. (Bild: dag)

Am Dienstag feiert der Appenzeller Musiker und Künstler Steff Signer alias Infrasteff im Palace seinen 75. Geburtstag – mit vielen Gästen und neuer Musik. Im Gespräch mit Saiten erzählt er, was es mit dieser öffentlichen Geburtstagsparty auf sich hat, wie sich sein Zugang zu Musik verändert hat und was das Älterwerden mit ihm macht. 

Sai­ten: Du bist kürz­lich 75 Jah­re alt ge­wor­den. Am Diens­tag fei­erst du dei­nen Ge­burts­tag im Pa­lace. Wie ist es zu die­ser öf­fent­li­chen Par­ty ge­kom­men? 

Steff Si­gner: Die Idee, die­sen Abend an­läss­lich mei­nes Ge­burts­tags so zu ge­stal­ten, ent­stand in Ge­sprä­chen so­wie durch die In­itia­ti­ve von Flo­ri­an Vetsch und den Gäs­ten, die da­bei sein wür­den. Nicht zu­letzt war auch die Of­fen­heit des Pa­lace ent­schei­dend, ei­ne sol­che Fei­er im Rah­men der «Er­freu­li­chen Uni­ver­si­tät» statt­fin­den zu las­sen. Der Grund hier­für ist al­so nicht mei­ne Ei­tel­keit. (lacht) Es geht nicht um mich, son­dern um das, was wir ge­mein­sam er­schaf­fen. Ein wei­te­rer Aus­lö­ser da­für war mei­ne Bio­gra­fie, die vor knapp zwei Jah­ren er­schie­nen ist. Zum ei­nen hat sie mein gan­zes Le­ben bis da­hin ge­wis­ser­mas­sen ab­ge­schlos­sen. Ich muss­te mich für das Buch an vie­les er­in­nern, konn­te nach der Fer­tig­stel­lung aber auch wahn­sin­nig viel ver­ges­sen. Zum an­de­ren ha­be ich da­durch neue Be­kannt­schaf­ten ge­schlos­sen, die zu mu­si­ka­li­schen Kol­la­bo­ra­tio­nen ge­führt ha­ben.

Hat dich die­se Wür­di­gung in Buch­form ge­freut? Der kürz­lich ver­stor­be­ne Veit Stauf­fer, der be­rühm­tes­te und wich­tigs­te Plat­ten­ver­käu­fer der Schweiz, schrieb ein­mal, es be­stehe die Ge­fahr, dass du ver­ges­sen wür­dest, weil man dich nicht ein­ord­nen kön­ne. Aus­ser­dem seist du un­ter­be­wer­tet. Emp­fin­dest du das auch so? 

Un­ter­be­wer­tet … wer weiss? Ob­wohl, mich kon­tak­tie­ren auch heu­te noch Leu­te, die mei­ne Mu­sik ent­de­cken. Zum Bei­spiel Chanan Han­s­pal, der sei­ne Dok­tor­ar­beit über Frank Zap­pa ge­schrie­ben und auf sei­nem You­tube-Ka­nal be­reits drei Vi­de­os über mich und mei­ne Mu­sik ver­öf­fent­licht hat. Und es gab ei­ne Zeit, in der auch die me­dia­le Öf­fent­lich­keit durch­aus wahr­ge­nom­men hat, was ich ma­che. I’m Ali­ve (Si­gners Rock­oper von 1984, Anm. d. Red.) war das ers­te Rock­al­bum der Schweiz, das un­ter an­de­rem vom Bund über Pro Hel­ve­tia, von der Stadt und dem Kan­ton St. Gal­len fi­nan­zi­ell un­ter­stützt wur­de. Hits schrei­ben zu wol­len, das kam mir nie wirk­lich in den Sinn. Ich war An­hän­ger der «stran­ge smel­ling mu­sic».

Das Kom­mer­zi­el­le war dir im­mer ein Graus. 

Ab­so­lut. Die Vor­stel­lung, ei­nen Hit schrei­ben oder be­stimm­ten Er­war­tun­gen ent­spre­chen zu müs­sen, ent­sprach nicht mei­nem Na­tu­rell. 

In der Sai­ten-Be­spre­chung dei­ner Bio­gra­fie schrieb Co­rin­ne Rie­de­ner so schön: «In­ter­es­sant, dass so ei­ner, der in kei­ne Schub­la­de pas­sen will und äus­serst flu­id in sei­nem Den­ken und Schaf­fen ist, ei­ne Bio­gra­fie über sich ver­fas­sen und sein Le­ben so in ei­ne ‹fes­te Form› brin­gen lässt.» 

Das trifft es ziem­lich gut. Ich war wohl nie fass­bar, weil ich so un­ter­schied­li­che Sa­chen er­stellt ha­be. Selbst für mein Um­feld nicht. Ich muss­te im­mer ei­nen Schritt wei­ter ge­hen, meist un­be­wusst. Ein­mal hat mich Hans­pe­ter Spör­ri, der da­mals mein Ma­na­ger war (und Haupt­au­tor der Bio­gra­fie ist, d. Red.), an­ge­ru­fen, um mir die nächs­ten Kon­zert­ter­mi­ne durch­zu­ge­ben. Ich muss­te ihm er­klä­ren, dass ich so­eben mei­ne Band auf­ge­löst hat­te … 

«Wenn es um die Mu­sik ging, war ich ein Dik­ta­tor.»

Steff Signer

Du hast dei­ne Bands da­mals im­mer wie­der neu zu­sam­men­ge­stellt. Wa­ren sie bloss Mit­tel zum Zweck, Ve­hi­kel für die Mu­sik? 

Frü­her in­ter­es­sier­ten mich die Mit­glie­der mei­ner Bands nur als Mu­si­ker:in­nen, nicht als Per­so­nen. Wenn es um die Mu­sik ging, war ich ein Dik­ta­tor. Es­sens­pau­sen – wo­zu? Wir wa­ren schliess­lich da, um Mu­sik zu ma­chen. Das ist in­zwi­schen um­ge­kehrt. Heu­te in­ter­es­sie­ren mich vor al­lem die Per­so­nen hin­ter dem Schaf­fen und der Krea­ti­vi­tät. Zu­sam­men­ar­beit funk­tio­niert für mich nur noch auf­grund von Sym­pa­thie.

Zu­rück zu dei­ner Ge­burts­tags­fei­er: Was kann das Pu­bli­kum von ihr er­war­ten? 

Gu­te Un­ter­hal­tung, hof­fent­lich. Es er­war­tet die Be­su­cher:in­nen ein sehr viel­fäl­ti­ges Pro­gramm mit mu­si­ka­li­schen Bei­trä­gen von Kam­mer­mu­sik bis Rock, Vi­de­os aus der Rei­he «Ca­bi­net Mu­sic» mit Fo­tos des Fo­to­gra­fen Ma­rio Ba­ron­chel­li, der mit seit 1980 ab­ge­lau­fe­nen AG­FA-Fil­men ar­bei­tet, Ge­dich­ten von Flo­ri­an Vetsch. Aus­ser­dem gibt es ein Ge­spräch mit Hans­pe­ter Spör­ri und Hei­di Ei­sen­hut von der Aus­ser­rho­der Kan­tons­bi­blio­thek, die mein Ar­chiv über­nom­men hat. Chanan Han­s­pal, der ex­tra aus Eng­land an­reist, spielt ein klei­nes So­lo­pro­gramm auf der E-Gi­tar­re. Ge­mein­sam mit So­phie Dig­gel­mann (Sän­ge­rin von Vel­vet Two Stripes), Chanan Han­s­pal (E-Gi­tar­re) und mir an der tür­ki­schen Saz wird mein neu­er Rock­song Burn Your Lo­ver erst­mals live prä­sen­tiert. Da­mit wird auch die Fra­ge be­ant­wor­tet, wie In­fra­steff 2026 klin­gen könn­te. Üb­ri­gens ba­siert die­ser Song auf ei­nem Satz aus ei­ner Sai­ten-Wo­chen­schau über die Zu­nah­me von Fe­mi­zi­den. Die­ser Satz hat mich da­zu mo­ti­viert, Burn Your Lo­ver fer­tig­zu­stel­len. 

Steff Signer und Sophie Diggelmann

Du ver­öf­fent­lichst nach wie vor sehr viel Mu­sik, auf You­tube fin­det man mehr als 260 Vi­de­os. Gibt es viel­leicht ir­gend­wann noch­mal ein gan­zes Al­bum? 

Who knows? «In­to the gre­at white open...», hat Tom Pet­ty mal ge­sun­gen. Ich wer­de auf je­den Fall wei­ter Mu­sik ma­chen und will die Kol­la­bo­ra­tio­nen mit Chanan Han­s­pal, Flo­ri­an Vetsch, Ma­rio Ba­ron­chel­li und an­de­ren wei­ter­füh­ren.

Ist das Äl­ter­wer­den – oder der Tod – et­was, das dich be­schäf­tigt? 

Ja. Im neu­gie­ri­gen Sinn. Mei­ne End­lich­keit wird mir im­mer wie­der be­wusst, zum Bei­spiel wenn ich vor dem Haus sit­ze und den Sän­tis be­trach­te: The Moun­ta­ins of Ob­li­vi­on. Mal er­scheint er wei­ter ent­fernt, mal nä­her. Das ist, wie es ist, wie das Ein- und Aus­at­men. Als bei mir vor ein paar Jah­ren Krebs dia­gnos­ti­ziert wur­de, war das auch ein­fach so. Auch ein End­lich­keits­the­ma. Ich muss­te mich ent­schei­den: Schul­me­di­zin mit Ope­ra­tio­nen, Be­strah­lun­gen, Che­mo oder al­ter­na­ti­ve Me­tho­den – und ent­schied mich für ei­ne Kom­bi­na­ti­on aus bei­dem. Ich be­kam ein zu­sätz­li­ches Zim­mer, in dem ich me­di­tie­ren und sin­gen konn­te. Selbst in der Röh­re beim Be­strah­len ha­be ich ge­sun­gen: «Hä­xe ond Zwer­ge i de Urn­äsch­schlucht, tri­ibets gär ard­lig Tag ond Nacht ...» 

Hat dir al­so auch die Mu­sik ge­hol­fen? 

Ja. Im Le­ben gibt es zwei Fix­punk­te – die Ge­burt und den Tod. Über die­sem Zeit­strahl schwebt ein gros­ses «Viel­leicht». Es ent­hält all die Mög­lich­kei­ten, die ei­nem das Le­ben bie­tet. Ein gros­ser Teil mei­nes «Viel­leichts» ist mit der Mu­sik ver­bun­den. Ich hat­te aus­ser­dem gros­ses Glück, dass ich mei­ne de­pres­si­ven Pha­sen im­mer in Mu­sik ka­na­li­sie­ren konn­te. An­de­re kom­men des­we­gen viel­leicht we­ni­ger gut über die Run­den, ich hin­ge­gen ver­ar­bei­te­te das ein­fach zu Songs, Tex­ten oder Bil­dern. Tönt ein­fa­cher, als es war. Aber das hat mich über­le­ben las­sen. 
 

75 Ye­ah Ye­ah Ye­ahs of Steff Si­gner: Diens­tag, 3. März, 19.30 Uhr, Pa­lace, St.Gal­len; mit Steff Si­gner, Ma­rio Ba­ron­chel­li (Fo­to­gra­fie), So­phie Dig­gel­mann (Lead­sän­ge­rin Vel­vet Two Stripes), Hei­di Ei­sen­hut (Kan­tons­bi­blio­thek AR), Chanan Han­s­pal (E-Gi­tar­re), Kon­rad Lem­men­mei­er (Fa­gott), Ida Lotz (Ge­sang), An­ni­ka Nef (Kla­vier), Hans­pe­ter Spör­ri (Bio­graf) und Flo­ri­an Vetsch (Ge­dich­te, MC). 

pa­lace.sg 
steff­si­gner.ch

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