«Handeln wider besseres Wissen ist wieder populär»
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
Lukas Indermaur im St.Galler Bahnhofpärkli. (Bild: Nayla Baumgartner)
Saiten: Seit 1976 ist zum Schutz der Natur viel unternommen worden. Ist die Situation heute besser als damals?
Lukas Indermaur: Ja und nein. Ja, weil Probleme der 1970er-Jahre gelöst sind. So kamen vor 50 Jahren Flüsse und Bäche regelmässig grün und gelb daher. Mit dem Bau von Kläranlagen hat man heute Siedlungs- und Industrieabwässer meist im Griff. Zudem fanden Wolf und Biber den Weg zurück in unsere Landschaft. Beides ist erfreulich. Und nein, es geht Umwelt und Natur heute nicht besser als damals: Die Biodiversität ist dramatisch im Sinkflug. Es ist brutal, wie viele Arten wir verloren haben. So sind drei Viertel aller Fischarten bei uns vom Aussterben bedroht oder schon verschwunden.
Die Ursachen sind nicht neu?
Nein, sie sind seit langem bekannt. Hauptproblem ist, dass wir für die Biodiversität zu wenig Fläche haben und diese weiter schrumpft. Die Siedlungs- und Verkehrsflächen wachsen Jahr für Jahr um rund ein Prozent. Und wir haben die Landwirtschaft, die in den vergangenen 50 Jahren massiv intensiviert worden ist, sowie die Klimaerwärmung. Das sind Treiber, die den positiven Entwicklungen im Gewässerschutz sowie bei der Lebensraum- und Artenförderung entgegenwirken.
Es wurden aber viele Vorschriften zum Schutz von Natur und Umwelt geschaffen. Greifen sie nicht?
Es gibt viel Papier mit Vorschriften und Strategien, die vom Bund über die Kantone bis auf Regionen und Gemeinden heruntergebrochen wurden. Sie und die darin formulierten schönen Ziele für mehr Biodiversität werden oft nicht umgesetzt, weil der Wille oder das Geld fehlt. Im St.Gallischen ist ein weiterer Grund, dass die Kompetenz für den Naturschutz bei den Gemeinden und nicht beim Kanton liegt. Der Vollzug ist am falschen Ort angesiedelt.
Die Gemeinden vollziehen die Vorschriften ungenügend?
Oft ist das so. In kleinen Gemeinden, in denen alle irgendwie miteinander verknüpft sind, wird eine Baubewilligung oft auch erteilt, wenn die Voraussetzungen nicht gegeben und gesetzliche Vorgaben nicht erfüllt sind. Zum anderen ist bei den Gemeindeverwaltungen oft zu wenig Geld, Personal und Knowhow vorhanden, um die Biodiversität gemäss den Vorgaben zu schützen und zu fördern.
Das Bewusstsein über die Notwendigkeit des Naturschutzes scheint in der Bevölkerung besser verankert als vor 50 Jahren. Gibt das nicht Hoffnung?
Ja und nein. Wenn man eine Naturschönheit wie den Alpstein vor der Nase hat und sie direkt erleben kann, ist die Sensibilität für ihren Erhalt entsprechend gross. Man will die Natur erleben und darin wandern oder die Beiz auf dem Säntis besuchen. Anders ist das bei abgelegenen Orten, wie zum Beispiel Felswänden im Alpenraum mit wertvollen ökologischen Nischen für spezialisierte Brutvögel, etwa den Wanderfalken. Die Schutzwürdigkeit des Falken wird anders bewertet, wenn der Mensch von einem Nutzen profitiert, beispielsweise von einer Solaranlage in einer Felswand.
Dort, wo es um Profit geht, gerät Natur- und Umweltschutz ins Hintertreffen?
Ja, das spüren wir immer wieder. Es kommt mir vor, als würden wir aktiv am Ast sägen, auf dem wir als Menschheit sitzen. Man erlebt das etwa bei Bauprojekten, bei denen Grün fehlt, weil man die Parzelle komplett unterkellert und oberirdisch bis auf den letzten Quadratmeter ausnützt. Ein anderes Beispiel sind Zulassungen für Umweltgifte, von denen wir schon lange wissen, dass sie Mensch und Tier erheblich gefährden. Das ist aber nichts Neues. Schon als ich mein Biologiestudium an der Uni Bern 1996 in Angriff nahm, habe ich mich geärgert, wenn andere Interessen wichtiger waren als der Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen.
Der WWF St.Gallen wurde 1976 gegründet. Erster Präsident war Hans-Peter Grünenfelder. Der Verein zählt aktuell rund 9300 Mitglieder. Sein Einzugsgebiet ist der Kanton St.Gallen. Seit den Anfängen ergreift der WWF St.Gallen mit Kampagnen, Informationsarbeit, Rechtsmitteln und politischen Vorstössen Partei für Natur und Umwelt. Zentrales Anliegen ist Erhalt und Förderung der Artenvielfalt. Sein Jubiläumsjahr feiert der WWF St.Gallen mit Events, Aktionen und Wettbewerben sowie einer Jubiläumsmitgliederversammlung mit Kulturprogramm am 28. Mai im Cinewil in Wil. (vre)
wwfost.ch/wwf-arai-sg-tg/wwf-stgallen
Natur- und Umweltschutz haben es in der Politik derzeit schwer. Wieso wirkt die WWF-Überzeugungsarbeit nicht besser?
Das ist eine gute Frage. Wir stellen regional fest, dass das Verantwortungsgefühl für Natur und Umwelt bei den bürgerlichen Parteien verloren gegangen ist. Früher gab es auch viele FDP- und -SVP-Politiker:innen, die Natur- und Umweltschutzgedanken vertreten haben. In den 1980er-Jahren waren sie etwa in der Anti-AKW-Bewegung und beim Kampf gegen die Rheinkraftwerke aktiv. Das gibt es heute kaum mehr; die Polarisierung ist extrem weit fortgeschritten. Während sich die linksgrüne Seite geschlossen für Natur- und Umweltanliegen einsetzt, geben sich die Bürgerlichen – leider – meist umweltfeindlich. Zwischen den Blöcken gibt es nichts mehr. Und dass Abweichler rasch unter Druck geraten, dürfte der Lust, sich zu exponieren, auch nicht förderlich sein.
All das zusammengenommen lässt für die Zukunft von Natur und Umwelt nichts Gutes erahnen?
Wider besseres Wissen zu handeln, wird immer populärer. Ich vermute, der Leidensdruck ist nicht gross genug, damit vorsorgliche Massnahmen zum Schutz und Erhalt von Natur und Umwelt mehrheitsfähig sind und konsequent umgesetzt werden. Der Eindruck ist weit verbreitet, dass etwas mehr immer noch geht und dass die Folgen einen selbst sowieso nicht treffen werden. Ich gehe davon aus, dass wir alle die Konsequenzen unseres Handelns irgendwann zu spüren bekommen.
Dann könnte es zu spät sein für eine Trendwende.
Nur mutiges Handeln kann die Wende bringen und die Zukunft für Natur und Mensch sichern. Ohne -Handeln ist unsere Zukunft nicht gesichert. Die Natur hat sich seit Millionen Jahren angepasst. Sie käme ohne uns zurecht und würde sich von uns Genommenes zurückholen. Umgekehrt gilt das nicht.
Das tönt pessimistisch. Hinterfragt man so nicht manchmal den Sinn seines täglichen Engagements?
Manchmal fühlt man sich wie Sisyphos. Das ist gerade bei den Rheinkraftwerken der Fall. 1985 wurde deren Planung aus ökologischen Gründen eingestellt. Und jetzt taucht dieses Projekt wie ein Zombie wieder auf, weil die Kantonsregierung vor den Interessen der Stromwirtschaft eingeknickt ist. Und wir müssen wieder dagegen antreten. Als Reaktion könnte man aufgeben und die Gegenseite machen lassen. Das ist aber keine Alternative. Als WWF können wir im Moment keine grosse Umkehr beim Verlust an Biodiversität erreichen. Wir können aber auf eine Verlangsamung der Verluste hinarbeiten und langfristig auf die Trendwende hoffen.
Also gibt es doch positive Entwicklungen?
Ich bin und bleibe Optimist. Regional haben wir starke Hebel, um etwas zu erreichen. Rhesi, das Projekt für Hochwasserschutz und Revitalisierung des Rheins, hat das Potenzial, das Gesicht des Rheintals vom Bodensee bis Oberriet ökologisch positiv zu verändern, wenn mutig geplant wird. An der Thur vom Toggenburg bis in den Thurgau hinein haben wir viel Potenzial zur Schaffung neuer dynamischer Lebensräume mit grosser Artenvielfalt. Ich bin zuversichtlich, dass wir da viel erreichen können. Und ich glaube, dass man auch die Bevölkerung mit Anliegen der Biodiversität erreichen kann. Wie bei der Erweiterung des Baumschutzes in der Stadt St.Gallen mit zwei Dritteln Ja-Stimmen an der Abstimmungsurne.
Lukas Indermaur, 1970, ist Geschäftsleiter des WWF St.Gallen. Der Gewässerbiologe mit ETH-Doktortitel ist verantwortlich für Gewässerprojekte in den Kantonen St.Gallen und Thurgau sowie beiden Appenzell.
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