1904, bei der Einweihung des Vadian-Denkmals in der Marktgasse, war der katholische Konfessionsteil aussen vor geblieben. Man steckte tief im «Kulturkampf», der die st.gallische Politik und die Stadtentwicklung über Jahrhunderte und geprägt hat und teils noch immer prägt. 2017, im Reformationsjahr, soll hingegen gemeinsam gefeiert werden – im Patronatskomitee für den Grossanlass 2017/18 sitze auch Bischof Markus Büchel, sagt Martin Schmidt, Präsident des evangelisch-reformierten Kirchenrats. Er hofft auf ein überkonfessionelles Fest und auf nichts weniger als eine «gesellschaftliche Erneuerungsbewegung» im Jahr 500 nach Luthers Thesenanschlag in Wittenberg.
Dies lassen sich die Kirche, die Stadt und der Kanton etwas kosten. Der finanzielle Anteil der Stadt St.Gallen beträgt 700’000 Franken; über den Kredit entscheidet das Stadtparlament noch im Juni. Die evangelisch-reformierte Landeskirche steckt laut Kirchenratspräsident Schmidt 1 Mio Franken ins Jubiläumsjahr, der Kanton hat aus dem Lotteriefonds letzten Herbst 350’000 Franken für das Gesamtprogramm sowie 120’000 Franken für die Spezialanlässe im Toggenburg, der Heimat von Reformator Huldrych Zwingli gesprochen.
Die zweigeteilte Stadt
St.Gallen trägt seit 2015 das Label «Reformationsstadt» – als eine von zehn in der Schweiz und rund 50 Städten in Europa. Das verdankt sie, wie Stadtpräsident Thomas Scheitlin bei der Präsentation des neu erschlossenen Reformationswegs am Montag sagte, allen voran seinem Vor-Vor-Vor-Vor-Vorgänger Joachim von Watt, genannt Vadianus (1484 – 1551). 1524 zum Bürgermeister gewählt, setzt der Arzt, Humanist und Theologe die Reformation in der Stadt St.Gallen durch. Eine zweite prägende Figur ist Johannes Kessler (1502/03 – 1574), der die Ideen der Reformation unter das Volk brachte.
Ihnen gelten die ersten Stationen des Reformationswegs: Er führt vom Vadiandenkmal über die Wohnhäuser des Reformators («Zum Goldapfel» und «Zum Tiefen Keller») zum Stadthaus und zur Kirche St.Laurenzen, dem Brennpunkt der Reformation. Dann betritt die Tour ehemaliges «Feindesland»: Klosterbezirk, Schiedmauer und Karlstor (durch welches einst der Abt sein Revier erreichen konnte, ohne evangelischen Stadtboden zu betreten) zeugen von der jahrhundertelangen politisch-konfessionellen Zweiteilung St.Gallens. Letzte Stationen sind das Schlössli am Spisertor als Zeuge der Textilblüte, das Kloster St.Katharinen und die Kirche St.Mangen. Eigens beschriftet sind die Stationen nicht – eine Broschüre gibt Auskunft.
«Gastereien», Ausstellungen, Vorträge…
Bei der touristischen Erschliessung der Reformationsstadt soll es aber nicht bleiben. Vielmehr soll das Jubiläumsprogramm aufzeigen, was der gewaltige, gesamteuropäische Umbruch von damals mit heute zu tun hat. In fünf Themenfeldern (Gesellschaft und Politik / Geschichte / Religion und Kirche / Kunst, Kultur und Architektur / Wissenschaft) sind alle möglichen Institutionen am Werk: Die Ortsbürgergemeinde bereitet Quellen der Stadtgeschichte online auf und erarbeitet Lehrmittel für die Schulen, die Kirchen (beziehungsweise, gut überkonfessionell formuliert: die Glaubenszentren) öffnen ihre Türen, «Gastereien» erinnern an die Ess- und Trinkkultur der Vadianzeit, Genusstag, Gallusfeier, Vortragszyklen der Universität, der Fachhochschule und des Stadtarchivs nehmen das Thema auf, eine neue Vadian-Biographie von Rudolf Gamper und das Neujahrsblatt sowie ein Film sollen erscheinen, Denkmalpflege und Historisches Museum erarbeiten Ausstellungen.
Stefan Sonderegger und Dorothee Guggenheimer im Kreuzgang des ehemaligen Frauenklosters St.Katharinen, einem der «Opfer» der Reformation.
Auch eine Sozialrevolte
An Sprengstoff fehlt es dem Thema nicht, wie die federführenden Historiker, Stefan Sonderegger und Dorothee Guggenheimer vom Stadtarchiv der Ortsbürger, an der Medienorientierung klarmachten. So hatte die Abkehr der Reformation vom Ablasshandel und von den käuflichen Heilsversprechungen der katholischen Kirche soziale Folgen. Für die zuvor damit finanzierten sozialen Einrichtungen wie das St.Galler Heilig-Geist-Spital musste ein neues «Geschäftsmodell» gefunden werden: Sozialhilfe wurde zur staatlichen Aufgabe, und das den Gläubigen versprochene Seelenheil blieb nicht mehr nur den wohlhabenden Schichten vorbehalten.
Dies zeigt für Sonderegger, wie stark die Reformation neben der religiösen auch eine politisch rebellische Stossrichtung hatte. Wie es dennoch gelang, dass die Reformation in der Ostschweiz fast ganz ohne Blutvergiessen und innert weniger Jahre Erfolg hatte, sei ein anderer Aspekt, der im Jubiläumsjahr vertieft untersucht werden soll – samt der Frage, was man daraus für heutige gesellschaftliche Umwälzungen lernen könnte.
Ein weiteres Thema ist das einstige Frauenkloster St.Katharinen. Es wurde nach der Reformation schrittweise aufgehoben, funktionierte später als Schul- und Bibliotheksgebäude, diente der hugenottischen Gemeinde als Zentrum. Und einen Teil des Gebäudekomplexes samt Kirche erwarb 2007 die Wegelin-Bank (heute Notenstein). Geld statt Geist: Auch das gehört zu den Spätfolgen der St.Galler Reformation.
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