Brennende Waden und leuchtende Katzen
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Profiradsport in Ölfarbe (Bild: vez)
Das ein oder andere Velo fährt an der grossen Fensterfront des Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen vorbei. Vernünftige Velofahrer:innen mit Helm, andere ohne. Und um Velofahrer:innen geht es auch in der aktuellen Schau hier an der Rorschacherstrasse. Wobei der Begriff «Velofahrer:innen» vielleicht etwas zu profan ist. Es sind schliesslich Radprofis, mit denen sich die Ausstellung «Il Girotondo» des deutschen Künstlers Marcel Hüppauff befasst.
Zu den grossen Rundfahrten, den sogenannten Grand Tours, gehören die Tour de France, der Giro d’Italia und die Vuelta a España. Eben diese Rennen inspirieren den in Rom lebenden Hüppauff. Sie flimmern seit Langem als Hintergrundrauschen über einen Bildschirm in seinem Atelier. Das sei spannend und zugleich meditativ, schreibt der Künstler auf Anfrage von Saiten. «Im Rennen jagen die Fahrer durch die Landschaften, zeichnen Linien und Flächen, es flirren Farben, Licht, Schatten – ein Spektakel.»
Ebensolche Szenen transferiert Hüppauff in seiner derzeitigen Schaffensphase mit Öl auf Leinwand oder mit Pastellkreide auf Papier. Dafür screent er Aufzeichnungen von Rennen und sucht die perfekte Szene. Bis er diese gefunden habe, dauere es manchmal zehn Minuten, manchmal auch Stunden. «Oft hat der gewählte Ausschnitt nichts mit dem sportlich entscheidenden Moment des jeweiligen Tages zu tun.» Ohnehin gehe es ihm nicht nur um den Radsport an sich, sondern auch um das Über-die-eigenen-Grenzen-hinausgehen. Darum, Leib und Seele in etwas zu investieren. Beides sei ihm als Künstler und passioniertem Ausdauerläufer alles andere als fremd.
Marcel Hüppauffs Auseinandersetzung mit dem Radsport hat bisher schon zwei Kunstbücher hervorgebracht und nun auch die Ausstellung «Il Girotondo». Diese tourt. War zuerst in Rom zu sehen, jetzt in St.Gallen. Im Herbst wird sie dann in Hamburg gezeigt. Rund 70 Werke vereint die Schau im Chambre Directe-Schubiger. Felix Müller-Boekamp, der den Raum seit rund sechs Jahren bespielt und ebenfalls Künstler ist, kennt Hüppauff seit vielen Jahren und erklärt: «Wir wollten schon lange etwas zusammen machen. Die Veröffentlichung des zweiten Künstlerbuchs und die Durchfahrt der Tour de Suisse in Gais am 19. Juni erschienen uns als idealer Ausgangspunkt für die Ausstellung.»
Dass man im Chambre eine Einzelausstellung zeige, sei eher die Ausnahme, so Boekamp. «Unser Fokus liegt auf der Auseinandersetzung mit Medien wie Kunstbüchern oder Kunstplakaten.» Aber es gäbe auch Ausnahmen, wie eben jene von Hüppauff. Dieser hat Werkauswahl und Szenografie für die Ausstellung in St.Gallen selbst geplant und umgesetzt. Boekamp dazu: «Wenn wir etwas inszenieren, dann verstehen wir das Ausstellen selbst als künstlerische Praxis. Kunstschaffende erhalten bei uns eine Carte Blanche und sind selbst für die Inszenierung ihrer Arbeiten im Chambre verantwortlich.»
Serie in Pastellkreide (Bild: vez)
Eine Einladung zum Entdecken, das soll die Ausstellung nach Hüppauff sein, und: «sie soll auch Menschen abholen, denen Radsport egal ist. Es geht zwar darum, aber dann auch wieder nicht.» Und wie man sich so auf dieses Entdecken einlässt, ist es die Luftigkeit des Ausstellungsraumes, die zuerst auffällt: Die grosse Fensterfront und das viele Weiss der Wand. Es riecht nach frischer Farbe und jeder Schritt klingt hohl. Es gibt keine Wandtexte, keine Werktitel, keine Rahmungen. In Reih und Glied hängen Hüppauffs Werke wie nackt an den Wänden.
Gleich beim Eingang, im toten Winkel, ein Ölbild. Es zeigt einen Radfahrer, der über die Schulter blickt, vielleicht in seinen eigenen toten Winkel. Dann führt eine kleinformatige Pastellbildserie auf etwa zwei Meter Höhe der Fensterfront entlang. Es ist, als schwebte das Radrennen über einen hinweg. Es sind dynamische, farbenfrohe Bilder, denen eine Leichtigkeit innewohnt. Verspielt, ausdrucksstark. Körper und Räder verschmelzen. Sie bilden eine Symbiose, die wiederum zu einer Masse aus Körper und Rädern wird. Keine Individuen, ein Kollektiv, ein Schwarm, und man glaubt zu spüren, mit welcher Kraft sich dieser in Kurven legt.
In anderen Szenen gibt Marcel Hüppauff dem Leistungsdruck Raum oder zeigt das Scheitern. Da ist beispielsweise einer am Strassenrand, mit einer Acht im Vorderrad … Es scheinen solche Momente zu sein, in denen die Szenerien leicht ins Düstere gleiten. Aber erst mit den Katzen scheint das Ganze dann so richtig zu kippen. Wird dunkler, albtraumhafter, abgründiger. Menschenähnlich sitzen die Katzenwesen im Radsattel. Wirken wie Dämonen, gemalt in einer erdig-dunklen bis grell-leuchtenden Farbpalette.
Katzen auf Rädern (Bild: vez)
Für Hüppauff sind die Inszenierungen jedoch nicht düster. «Es sind einfach unterschiedliche Intensitätsgrade, die Spannungsverhältnisse erzeugen.» Dass diese Vierbeiner überhaupt in seinen Grand-Tour-Arbeiten auftauchen, sei eine eher neuere Entwicklung, zugleich aber eine Verbindung zu seinen vergangenen Arbeiten, erklärt er und merkt, wohl halb scherzend, an: «Gertrud, unsere uns zugelaufene Katze in Rom, hat mir dazu geraten.»
Die Figur der Katze erlaube einen spielerischen Zugriff auf den «alltäglichen weltweiten Albtraum», sei eine Art «Rettung» aus diesem. Und wer weiss, so denkt man, vielleicht schaffen es die Katzen ja, diesem Albtraum davonzufahren. Gelesen als das Pendant zum weissen Hasen von Alice, würden wir vielleicht gut daran tun, ihnen zu folgen – wobei auch im Wunderland nicht alles wunderbar war.
Aber lassen wir das Wunderland und bleiben im Chambre. Da scheint es, als fügten sich die Werke zu einem ganz eigenen Rennen zusammen – der «Tour de Chambre». Diese wabert zwischen Szenerien von Katzen und Menschen auf Rädern hin und her. Zwischen Sieg und Niederlage, eben durch die Höhen und Tiefen des Spitzensports. Oder, weiter gefasst, durch die Höhen und Tiefen, die man erlebt, wenn man für etwas so richtig brennt und bereit ist, alles zu geben.
Marcel Hüppauff - «Il Girotondo»: bis Sonntag, 30. August, jeweils mittwochs 17 bis 19 Uhr, Chambre Directe-Schubiger, St.Gallen.
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