St.Gallen in den Augen eines Soldaten
Dieser Sommer ist für mich irgendwie ganz besonders. Auch deshalb, weil ich meine Kindheitsfreunde wiedersehen konnte.
Einer von ihnen lebt in München und arbeitet bei Google. Wir kennen uns wohl seit 20 Jahren. Einen anderen Freund, der zurzeit in der Armee dient, hat er eingeladen, im Urlaub zu Besuch zu kommen. Trotz aller bürokratischer Verrenkungen hat es geklappt.
Mychajlo war im zivilen Leben Programmierer. Und Gitarrensammler. Wir lernten uns bei gemeinsamen Freunden kennen, beim Feiern über die Winterfeiertage. Das war 2009, eine halbe Ewigkeit her.
Ausserdem hatte er eine Band, in der alle meine besten Freunde zusammen spielten. Wir gingen an ihre Konzerte, schauten uns ihre Musikvideos an … Bei ihm zu Hause stand ein Klavier, auf dem er gerne improvisierte. Er ist ein sehr stiller, herzlicher Mensch mit viel Tiefgang.
Letztes Jahr meldete er sich zum Dienst. Er ging freiwillig. Diese Nachricht erreichte mich in Lausanne, an der Präsentation eines ukrainischen Buches. Bei allem Respekt vor seiner Entscheidung wollte mir auf dem ganzen Heimweg das «Wie» nicht in den Kopf.
Genau aus solchen Menschen besteht ein riesiger Teil unserer Armee. Sie waren einst Programmierer oder Schriftsteller, spielten in ihrer Freizeit Gitarre. Und als der Krieg kam, stellten sie sich zur Verteidigung.
Und nun war Mychajlo zum ersten Mal da, mit dem Zug München–St.Gallen. Auch das konnte ich kaum glauben. Denn echte Freundschaft heisst: Man hat sich fünf Jahre nicht gesehen und sieht sich dann wieder, als wäre es gestern gewesen …
Und dann die nächste Überraschung: Er brachte mir ein Geschenk von meiner Schulfreundin mit, die mich kennt, seit ich sieben Jahre alt war! Und eins von meinem Grossvater! Am liebsten hätte ich sogar die Schokoladenwickel von zu Hause aufbewahrt … Ich platzte fast vor Freude.
Und zugleich lag eine grosse Traurigkeit über allem. Denn was ich sah, kann kein Remarque in seinen Büchern über den Krieg schreiben …
Wir gingen durch die Stadt, und er hielt Ausschau nach Antennen. Er blickte auf den Hauptbahnhof und sagte: «Boah, so viel Glas.» Ich wollte ihm den Wildpark Peter und Paul zeigen. Keine gute Idee: Der Wald erinnerte ihn an seine militärische Ausbildung. Der Mensch war körperlich hier, aber gedanklich ganz weit weg. So weit, dass er im Zug den Laptop aufklappte, weil «auf der Luftalarm-Karte etwas los» war. Und ständig schaute er den Flugzeugen nach.
Ich sah das alles und dachte: Genau so habe ich im ersten Jahr ausgesehen. Es ist unmöglich, sich nach ein paar Tagen «hier» zu fühlen. Ich habe dafür mehrere Jahre gebraucht.
Der Krieg ist etwas Schreckliches. Gerade deswegen wollen wir so sehr leben.
Liliia Matviiv, 1988, stammt aus Lviv in der Ukraine. Die Journalistin, Essayistin und Sozialaktivistin ist im Frühling 2022 in die Schweiz gekommen und lebt derzeit in St.Gallen. Ol’ha Gneupel hat den Text übersetzt.
Kolumne: Stimmrecht
Ich weiss noch, wie ich gerade nach meiner Ankunft in der Schweiz völlig erstaunt war über die Menschen, die in einer Kollektivunterkunft gelandet waren. Ich war nicht bloss erstaunt, ich war geschockt. Denn was ich dort sah, war meilenweit entfernt von den Menschen, die tatsächlich in der…
Eines Tages fuhr ich mit meinem geliebten roten Trogenerbähnli durch die Stadt und irgendwo bei der Haltestelle Spisertor ging mir ein Licht auf. Ich blickte auf die Schaufenster der Pizzeria gegenüber. Ich erinnerte mich ganz deutlich, wo ich solche Tische, solche Pizza und sogar solchen Kakao…
In der Netflix-Serie Outlander gibt es Szenen, in denen Menschen über magische Steinkreise durch die Zeit reisen können. Etwas Ähnliches, scheint mir, geschieht manchmal auch in St.Gallen.
Manchmal höre ich das Rauschen des Regens, und es trägt mich zurück in jenen April, als ich…
Ich möchte diese Geschichte mit einer jungen Frau beginnen, die 20 Jahre alt war und sich ein denkbar schwieriges Forschungsthema ausgesucht hatte: Die Publizistik von Victor Hugo. Eigentlich gehörten noch «Motivation und Problematik» zum Titel, aber der erschien allen zu lang. Damals…
Ich bin sicher, ihr habt Streets of London gehört, dieses wunderschöne Lied von Blackmore’s Night, und falls nicht, dann hört es euch an. Es ist wie früher Frühling, wie Johnny Cash, wie ein Zustand, in dem alles gerade erst erwacht.
Doch als Migrant:in begreift man seinen Text ganz…
Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn konnten Ukrainer:innen in der Schweiz etwas Unglaubliches erleben, nämlich ins Kino gehen und einen Film auf Ukrainisch sehen, auf der grossen Leinwand. Bislang gab es nur kurze Arthouse-Filme, Animationen, Dokumentarfilme oder unglaublich schwere Filme wie 2000…
Es ist richtig schön, diese Kolumne nach einem besonderen Ereignis zu schreiben. Nämlich nach einem Besuch im Regierungsgebäude.
Ich spazierte mit der Gruppe durch Gänge mit unglaublichen Ornamenten, betrachtete die «marmornen» Wände, die eigentlich aus Holz sind, lachte über Witze und…
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.