Magic circles
In der Netflix-Serie Outlander gibt es Szenen, in denen Menschen über magische Steinkreise durch die Zeit reisen können. Etwas Ähnliches, scheint mir, geschieht manchmal auch in St.Gallen.
Manchmal höre ich das Rauschen des Regens, und es trägt mich zurück in jenen April, als ich hier ankam – nur sind diesmal alle freundlich. Ich schaue aus dem Fenster und kehre in Gedanken zur Vorlesung zurück. Die Dozentin bittet um Fragen, und gleichzeitig heben eine Frau aus meiner Sitzreihe und ich die Hand. In der Pause kommen wir ins Gespräch, und es stellt sich heraus, dass sie aus Finnland stammt. Ich beginne, mich an meine Zeit in Finnland zu erinnern: die Nokia-Museen, den Fischmarkt, die Kleider von Marimekko, die Mumins. Innerhalb weniger Augenblicke wird mir klar, dass ich mit einer völlig fremden Person denselben kulturellen Code teile. Wir verstehen einander auf Anhieb. Einen Kaffee zu trinken haben wir gar nicht mehr geschafft, so sehr waren wir ins Gespräch vertieft. Auch über die bekannten psychologischen Kriegsspielchen rund um die finnisch-russische Grenze haben wir gesprochen. Ich kann nicht sagen, dass sie mir sinnlos erscheinen. Es tut gut, wenn jemand versteht, wie sich das anfühlt.
Erst zu Hause fiel mir wieder ein, wo ich dieses Gefühl schon einmal erlebt hatte. Das war 2011, bei meinem allerersten Aufenthalt in der Schweiz und zugleich meinem allerersten Flug überhaupt. Ich war an einer grossen Konferenz. In der Lobby kam ich mit einer über 60-jährigen Frau ins Gespräch, die gerade eine ausgedehnte Bergwanderung hinter sich hatte und mir begeistert davon erzählte. Sie hiess Minna und kam ebenfalls aus Finnland. Damit schliesst sich für mich in der Schweiz nun ein Kreis: Ich sitze wieder auf einer Veranstaltung und spreche begeistert über etwas, genau wie vor 15 Jahren.
Damals hatte ich gerade das Studium abgeschlossen, und die Welt war gross. Ich flog zum ersten Mal irgendwohin und fühlte mich hier sofort zu Hause. Ich spürte, wie diese Berge mich annahmen, mich verstanden. Umso weniger begriff ich, was dieses Mal mit ihnen geschehen war, warum ich ganze vier Jahre gebraucht habe, um wieder zu empfinden, dass ich gehört und gesehen werde. Ich bin dieselbe, nur mit einer etwas anderen Frisur.
Ich gehe zur Bank. Ich muss etwas unterschreiben. Diese Bank mag ich inzwischen sehr: Es sind immer dieselben Mitarbeitenden, dieselben Sessel, und offenbar kann sogar ein so alltäglicher Vorgang leicht und freundlich sein. Man nickt mir schon zu. Wie schön, denke ich, wenn alle einander kennen. So wie zu Hause in Lwiw, wenn man durch die Stadt geht und die Menschen grüsst. Vorausgesetzt, über ihnen fliegen keine Killerdrohnen.
Ein paar Drohnen habe ich hier kürzlich übrigens auch gesehen. Ich weiss, dass man in der Schweiz eine besondere Bewilligung dafür braucht, doch das beruhigt mich nicht. Es ist immer noch unbehaglich.
Ich hole mich zurück ins Hier und Jetzt und bemerke, dass die Bankmitarbeiterin ein schönes Armband aus Vulkanlava trägt. Solche Armbänder kenne ich; sie gelten als Schutz. Wir kommen ganz unverstellt über diese Armbänder und Steine ins Gespräch. Sie empfiehlt mir noch, bei Farfalla vorbeizuschauen und dort die Düfte auszuprobieren. Mein Gott, denke ich, es ist ganz wie zu Hause. St.Gallen, du hörst und siehst mich endlich. Du kannst also doch so schön sein.
Ich gehe zu Fuss nach Hause und spüre, wie die Schweiz mich umhüllt, mit eben jenem Gefühl von damals, kurz nach dem Studium. Endlich haben wir einander wiedererkannt.
Kolumne: Stimmrecht
Ich möchte diese Geschichte mit einer jungen Frau beginnen, die 20 Jahre alt war und sich ein denkbar schwieriges Forschungsthema ausgesucht hatte: Die Publizistik von Victor Hugo. Eigentlich gehörten noch «Motivation und Problematik» zum Titel, aber der erschien allen zu lang. Damals…
Ich bin sicher, ihr habt Streets of London gehört, dieses wunderschöne Lied von Blackmore’s Night, und falls nicht, dann hört es euch an. Es ist wie früher Frühling, wie Johnny Cash, wie ein Zustand, in dem alles gerade erst erwacht.
Doch als Migrant:in begreift man seinen Text ganz…
Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn konnten Ukrainer:innen in der Schweiz etwas Unglaubliches erleben, nämlich ins Kino gehen und einen Film auf Ukrainisch sehen, auf der grossen Leinwand. Bislang gab es nur kurze Arthouse-Filme, Animationen, Dokumentarfilme oder unglaublich schwere Filme wie 2000…
Es ist richtig schön, diese Kolumne nach einem besonderen Ereignis zu schreiben. Nämlich nach einem Besuch im Regierungsgebäude.
Ich spazierte mit der Gruppe durch Gänge mit unglaublichen Ornamenten, betrachtete die «marmornen» Wände, die eigentlich aus Holz sind, lachte über Witze und…
Kürzlich habe ich auf Einladung einer internationalen Organisation, die sich für die Förderung der ukrainischen Bibliothek einsetzt, die Frankfurter Buchmesse besucht. Es war wie ein grosser Atemzug frischer Luft und zugleich wie ein Stück Zuhause. In Lwiw gibt es seit 1994 eine solche…
Unmerklich hat sich nach und nach das Bewusstsein eingestellt, hier in der Schweiz zu leben. In der «Sprache der Psychologie» würde man dies wohl als Aneignung einer Erfahrung bezeichnen. Ein Mensch im Stress spürt oft gar nicht oder kann kaum glauben, was mit ihm geschieht. Erst wenn Ruhe…
In meiner letzten Kolumne schrieb ich von Träumen, die in Erfüllung gehen. Diese Geschichte handelt von noch so einem.
Eines Winterabends sass ich in der Küche meiner Freundin, einer Geigerin aus der Tonhalle. Ihr kennt bestimmt die behagliche Atmosphäre – Pasta Bolognese, Gespräche von…
In St.Gallen hat sich etwas verändert. Plötzlich ist es so deutlich spürbar geworden. Selbst in einfachen, scheinbar alltäglichen Dingen.
So stand ich einmal am SBB-Schalter im Hauptbahnhof und sagte beiläufig zu einer Frau, dass sie einen sehr schönen Nachnamen habe.…
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Das Filmdrama Fuori erzählt ein kurzes Kapitel der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte italienischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.