Masterdiplom
Ich möchte diese Geschichte mit einer jungen Frau beginnen, die 20 Jahre alt war und sich ein denkbar schwieriges Forschungsthema ausgesucht hatte: Die Publizistik von Victor Hugo. Eigentlich gehörten noch «Motivation und Problematik» zum Titel, aber der erschien allen zu lang. Damals fragten viele: Wozu brauchst du so ein kompliziertes Thema? Wäre es nicht einfacher … und so weiter. Die junge Frau entschied sich trotzdem, sowohl den Bachelor als auch später den Master genau diesem Thema zu widmen. Das Leben eines berühmten Menschen zu erforschen und anhand seiner Biografie eine ganze Epoche zu lesen.
Diese junge Frau war ich. Mehr als 15 Jahre später sollte mir das nützlich werden. Auf eine ausgesprochen mystische Art.
Wie ein «Hallo» von den «Misérables».
Am Ende meines Studiums, als ich bereits im Kulturressort einer Redaktion arbeitete, hatten viele von meiner Abschlussarbeit gehört. Während andere auf Partys gingen, sass ich in Bibliotheken, umgeben von den gewaltigen Bänden André Maurois’. Aber meine Freunde wussten: Wenn ich etwas anfange, bringe ich es auch zu Ende. Zur Diplomfeier kam deshalb eine ziemlich grosse Gruppe: enge Freunde, Kolleg:innen aus der Redaktion, Verwandte. Es war wunderschön.
Alle dachten, es sei nun endlich Schluss mit diesem Hugo.
Dem war aber nicht so. Als der Krieg ausbrach und ich in St.Gallen landete, empfing mich als erstes ein riesiges Plakat von Les Misérables an einem Gebäude beim Hauptbahnhof. «Na hallo», dachte ich.
Später stand ich vor der mächtigen Kathedrale St.Nikolaus in Freiburg und mir war klar: Ich muss dieses Diplom anerkennen lassen. Die gewaltigen Steine, das Kopfsteinpflaster, der gotische Turm. All das verband mich plötzlich mit der 20-jährigen Version von mir, die damals nur ahnte, was noch vor ihr lag.
Dann kamen sieben Kreise der Hölle. Vielleicht auch alle 20. Aber ich wusste: Wenn etwas wirklich zu dir gehört, findest du den Weg dorthin.
Ich wusste, dass es ein Teil von mir ist, meine Identität. Ich musste das für mich tun. Ich konnte diesen Teil von mir nicht einfach aufgeben. Mein ganzes Leben hatte ich daran gearbeitet. Als Kind glaubte ich, dass Bildung zählt. Und Hugo war ein grossartiger Mensch: Er analysierte eine ganze Nation, versuchte, nichts zu verbergen, nicht einmal die dunkelsten Momente. Er sang das Lied des Lebens. Ich glaube, er war so etwas wie der erste «Opinion Leader», noch lange vor all den modischen Trends. Er liess die Menschen jedenfalls nicht gleichgültig.
Dieser Frühling begann für mich mit der besten Nachricht, die es geben konnte. Im Ernst. Ich habe mein Masterdiplom anerkennen lassen. Meine Ausbildung ist jetzt in der Schweiz auf Masterniveau anerkannt.
Ich glaube, ich habe es selbst noch nicht ganz begriffen. Fast eine ganze Woche habe ich geweint. Aber ihr dürft mir gratulieren. Es ist genau das, woran ich immer geglaubt habe: Wir sind auf dieser Erde, um miteinander zu teilen. Wir sind gleich. Wir können einander mit Respekt begegnen.
Mir schien, als würde Hugo irgendwo dort drüben lächeln.
Ich möchte mich von Herzen bei allen bedanken, die mich auf diesem langen und nicht leichten Weg begleitet haben. Besonders bei meinem Grossvater, der immer sagte, man müsse an seine Träume glauben. Und bei meinem Vater, der nicht mehr lebt. Ich glaube, er hat gesehen, was mich das alles gekostet hat.
Und bei der Person bei Saiten, die mich getroffen und mit mir auf Augenhöhe gesprochen hat, ohne jegliche Diplome. Denn wenn man im Leben plötzlich ganz unten landet, ist es entscheidend, dass jemand einen sieht und an einen glaubt. Das ist unbezahlbar.
Jetzt darf gefeiert werden.
Liliia Matviiv, 1988, stammt aus Lviv in der Ukraine. Die Journalistin, Essayistin und Sozialaktivistin ist im Frühling 2022 in die Schweiz gekommen und lebt derzeit in St.Gallen. Ol’ha Gneupel hat den Text übersetzt.
Kolumne: Stimmrecht
Ich bin sicher, ihr habt Streets of London gehört, dieses wunderschöne Lied von Blackmore’s Night, und falls nicht, dann hört es euch an. Es ist wie früher Frühling, wie Johnny Cash, wie ein Zustand, in dem alles gerade erst erwacht.
Doch als Migrant:in begreift man seinen Text ganz…
Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn konnten Ukrainer:innen in der Schweiz etwas Unglaubliches erleben, nämlich ins Kino gehen und einen Film auf Ukrainisch sehen, auf der grossen Leinwand. Bislang gab es nur kurze Arthouse-Filme, Animationen, Dokumentarfilme oder unglaublich schwere Filme wie 2000…
Es ist richtig schön, diese Kolumne nach einem besonderen Ereignis zu schreiben. Nämlich nach einem Besuch im Regierungsgebäude.
Ich spazierte mit der Gruppe durch Gänge mit unglaublichen Ornamenten, betrachtete die «marmornen» Wände, die eigentlich aus Holz sind, lachte über Witze und…
Kürzlich habe ich auf Einladung einer internationalen Organisation, die sich für die Förderung der ukrainischen Bibliothek einsetzt, die Frankfurter Buchmesse besucht. Es war wie ein grosser Atemzug frischer Luft und zugleich wie ein Stück Zuhause. In Lwiw gibt es seit 1994 eine solche…
Unmerklich hat sich nach und nach das Bewusstsein eingestellt, hier in der Schweiz zu leben. In der «Sprache der Psychologie» würde man dies wohl als Aneignung einer Erfahrung bezeichnen. Ein Mensch im Stress spürt oft gar nicht oder kann kaum glauben, was mit ihm geschieht. Erst wenn Ruhe…
In meiner letzten Kolumne schrieb ich von Träumen, die in Erfüllung gehen. Diese Geschichte handelt von noch so einem.
Eines Winterabends sass ich in der Küche meiner Freundin, einer Geigerin aus der Tonhalle. Ihr kennt bestimmt die behagliche Atmosphäre – Pasta Bolognese, Gespräche von…
In St.Gallen hat sich etwas verändert. Plötzlich ist es so deutlich spürbar geworden. Selbst in einfachen, scheinbar alltäglichen Dingen.
So stand ich einmal am SBB-Schalter im Hauptbahnhof und sagte beiläufig zu einer Frau, dass sie einen sehr schönen Nachnamen habe.…
Mit dem Start in den Sommer kam auch eine grossartige Sache ins Rollen. (Ja genau, es passieren nicht nur schlimme Dinge.) Die Idee war lange in mir gereift, und jetzt kam endlich ihre Stunde: Ich habe in St.Gallen einen Lesekreis gegründet! (An dieser Stelle möchte ich vor Freude…
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.