Ein Festival für Punkrock
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Yellow Tales aus Wil am «Grabepunk» 2024. (Bilder: pd)
Fünf Konzertlokale, 18 Bands, viel Punkrock und Hardcore – und alles an einem Tag: Am Samstag steigt in St.Gallen zum ersten Mal das Punkfestival El Cartel. Damit reiht sich die Gallusstadt ein in die Liste von Schweizer Städten, in denen in den vergangenen Jahren solche Festivals entstanden sind: Yeah! Fest und Blaues Pferd Festival in Bern, Obenuse in Zürich, Rainy Days in Basel, Recluses Fest in Genf, Lagoon Punk Rock Fest in Lugano, dieses Jahr erstmals das Noise Riot Punk Fest in Aarau oder auch – in etwas kleinerem Format – Rotz im Rhintl in Widnau, um einige zu nennen.
Das El Cartel Fest ist gewissermassen zweigeteilt: Am Nachmittag finden die Konzerte in den vier kleineren Locations Schwarzer Engel (Gut Wound, Ionu, Cage, Hateful Monday), Øya-Klub (Monty, Old Kids Noise, Après la Chute, Fluffy Machine), im Tattoo-Shop Spider Fever (Track The Liars Down, The Masked Animals, Athlete, Syff) und in der Torpedo-Bar (Mistio, Domi Riot, Heavy Kevy) statt. Am Abend geht es dann in der Grabenhalle weiter mit Auftritten von Haunted Like Thieves, March und den Winterthurer Punkrock-Urgesteinen The Peacocks.
The Peacocks sind Headliner am El Cartel Fest. Die Winterthurer Punkband wurde 1990 gegründet.
Der Festivalpass für alle Konzerte kostet 45 Franken. Da die Grabenhalle eine viel grössere Kapazität hat als die vier kleinen Lokale, gibt es für die Abendshows auch dann noch Tickets, wenn die Festivalpässe ausverkauft sind – und von diesen gibt es nur noch wenige.
Hinter El Cartel stehen Barnabas Németh vom Grabenhalle-Kollektiv, Marius Hehli von der St.Galler Punkband Bear Pit und Rafael «Fux» Fuchs von der Rheintaler Punkgruppe Nofnog (No Fight, No Glory). Jeder von ihnen veranstaltet(e) schon länger Konzerte. Németh war früher in der Programmgruppe der Grabenhalle, bucht inzwischen keine Bands mehr, organisiert aber seit 2022 zusammen mit Hehli jährlich den «Grabepunk»-Abend, an dem jeweils mehrere Bands in der Grabenhalle auftreten. Und Fuchs veranstaltet im Tattooshop Spider Fever an der Bahnhofstrasse, wo er auch arbeitet, regelmässig Punkkonzerte.
Fuchs’ Idee war es, sich zusammenzuschliessen und ein Punk-Festival auf die Beine zu stellen. Dazu gründeten die drei den gleichnamigen Verein. Das Festival ist ausserdem auch ein Testballon für die künftigen Aktivitäten des Vereins. Zum einen soll das El-Cartel-Fest einen festen Platz in der städtischen Konzertagenda bekommen – nicht etwa als Ersatz für «Grabepunk», sondern als Ergänzung dazu. Zum anderen sei es das Ziel, El Cartel künftig als «Punkmarke» zu führen und regelmässig Konzerte zu veranstalten, «hoffentlich auch mit etwas bekannteren Acts», wie Németh sagt. So wird etwa auch «Grabepunk» das Label El Cartel erhalten.
Die Organisatoren: Barnabas Németh, Rafael «Fux» Fuchs und Marius Hehli.
Etabliert sich El Cartel, wollen Németh, Hehli und Fuchs den Verein noch breiter aufstellen, sprich weitere Personen hinzuholen. Denkbar sei auch die Zusammenarbeit mit anderen Veranstalter:innen, zum Beispiel mit Andreas Vogler, der bisher dreimal die Punk-Konzertreihe «Blackbird Punkrock Nights» im Bahnhof Bruggen organisiert hat; im September findet die vierte Ausgabe statt.
So weit, so positiv. Nur: In der St.Galler Punkszene ist es in erster Linie die alte Garde, welche die Punkfahne hochhält. Neben dem «Sonderfall» Knöppel sind es vor allem die Ur-Punks Tüchel, 1993 gegründet. Rund um die Jahrtausendwende gehörten The Masked Animals zur Speerspitze der Schweizer Punkszene, als diese nach dem Boom der 90er-Jahre richtiggehend blühte. 2006 lösten sie sich auf, fanden 2023 aber für eine Reunion-Show am «Grabepunk» wieder zusammen. Seit vergangenem Jahr sind sie mit neuem Drummer (Martin Rechsteiner von Painhead für Dominik Kesseli) wieder aktiv und spielten an der «Blackbird Punkrock Night» Anfang März auch einen neuen Song – am Samstag gibt es allenfalls weitere Neuheiten zu hören. Auch Painhead, 1994 in Rorschach gegründet, tauchen immer mal wieder aus der Versenkung auf.
Seit rund zehn Jahren pumpen Bear Pit frisches Blut in die Adern der Szene, zuerst mit englischen Texten, seit kurzem mit schweizerdeutschen. Doch jüngere Punkbands aus der Kantonshauptstadt sind kaum in Sicht. Mit Gut Wound hat es – neben The Masked Animals – gerade mal eine lokale Band ins Line-up des El-Cartel-Fests geschafft.
Etwas besser sieht es aus beim Blick über die Agglomerationsgrenze hinaus: die St.Galler-Thurgauer-Zürcher Band Batbait hat sich in den vergangenen Jahren weit ausserhalb der Ostschweiz Gehör verschafft, Yellow Tales aus Wil veröffentlichten vor zwei Wochen ihr Debütalbum Tides, Salomé Käsemodel alias Verbrennung 3. Grades aus dem Thurgau mischte mit ihrer Debüt-EP Die unsichtbare Hand des Marktes würgt mich (ohne Konsens) von Ende 2025 den Underground auf (und ist am 20. Juni am Parkplatzfest vor der Grabenhalle live zu sehen). Eine neuere Band ist Spoiz und Chodder aus dem Rheintal, von dort kommen auch The Sublinguals, die allerdings schon seit rund 20 Jahren unterwegs sind.
In der Szene mangle es an Nachwuchs, sowohl auf als auch vor der Bühne, sagt denn auch Fux. Seine Band Nofnog gehört mit über 20 Jahren Bandgeschichte ebenfalls schon fast zu den Veteranen der regionalen Punk-Szene. «Unser Publikum ist mit uns älter geworden.» Marius Hehli bestätigt diesen Eindruck: «Vor ein paar Jahren haben wir noch gedacht, wir könnten Anfang-20er für unsere Konzerte und für die Punkmusik begeistern.» Doch das klappe nicht richtig. Das zeige sich auch am «Grabepunk»: Der Altersdurchschnitt ist jenseits der 30er-Grenze.
Da sich das Festival nicht als Plattform für regionale Bands sieht, sondern auch nationale und internationale Bands auftreten, dürfte es auch nächstes Jahr kein Problem sein, ein ansprechendes Programm zusammenzustellen. Doch es wäre schön, wenn das El-Cartel-Fest dazu beitragen könnte, dass aus dem fruchtbaren Musikboden in St.Gallen und der Region auch wieder ein paar Punkbands spriessen. Umgekehrt wäre es für die Zukunft des Festivals wünschenswert, wenn es irgendwann Früchte ernten könnte, die es selber gesät hat.
Der Timetable des El Cartel Fests.
In anderen Schweizer Städten sind in letzter Zeit auch einige Punkfestivals wieder verschwunden: In Zürich findet Obenuse, 2015 erstmals durchgeführt, bereits seit 2023 nicht mehr statt. Seither präsentiert Obenuse gelegentlich einzelne Konzerte in kleineren Locations wie der Hafenkneipe. Auch das zweitägige Blaue Pferd Festival in Bern, das nach der Premiere 2020 diesen Januar zum fünften Mal ausgetragen wurde, musste – trotz 5000 Besucher:innen – die Notbremse ziehen. «Wir haben ein grosses finanzielles Defizit erlitten», schrieben die Verantwortlichen und kündigten für 2027 eine Pause an; 2028 soll es «mit neuen Ideen und Energie, aber auch mit einigen Veränderungen» wieder stattfinden.
El Cartel Fest: Samstag, 23. Mai, ab 15.30 Uhr, Schwarzer Engel, Øya-Klub, Torpedo-Bar, Spider Fever und Grabenhalle, St.Gallen. elcartelconcerts.ch
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