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Ein Berner in St.Gallen

Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.

Das musikalische Trio: Ralph Hufenus, Matthias Flückiger und Gabriel Meyer (Bild: pd)

Das musikalische Trio: Ralph Hufenus, Matthias Flückiger und Gabriel Meyer (Bild: pd)

Seit mehr als 50 Jah­ren ist der Schwei­zer Sän­ger und Lie­der­ma­cher Ma­ni Mat­ter tot. Ge­stor­ben im No­vem­ber 1972 bei ei­nem Au­to­un­fall. Und doch ha­ben vie­le heu­te noch die ein­gän­gi­gen Gi­tar­ren­klän­ge und die un­ver­kenn­ba­re Stim­me des Ber­ner Chan­son­niers im Ohr: «S'­git lüt, die wür­den al­let­wä­ge nie / Es lied vor­sin­ge, so win ig jitz hie / Eis sin­gen um kei prys, nei bhüetis nei / Wil si hem­mi­ge hei.» 

Hem­mi­ge heisst das knapp zwei­mi­nü­ti­ge Lied aus den 70er Jah­ren. Für ein Pro­jekt von SRF2 an­läss­lich des fünf­zigs­ten To­des­jah­res von Mat­ter co­ver­te es 2022 Ve­ro­ni­ca Fus­aro, die die­ses Jahr am Eu­ro­vi­si­on-Con­test für die Schweiz star­te­te. Auch wei­te­re zeit­ge­nös­si­sche Mu­si­ker:in­nen wa­ren Teil des Pro­jekts und in­ter­pre­tier­ten Wer­ke des Ber­ner Mu­si­kers: Lo­co Escri­to sang Ds Hei­di und der Rhein­ta­ler Mu­si­ker Cri­mer Yr Ise­bahn (nach­zu­hö­ren gibts das üb­ri­gens al­les auf You­tube).

Mat­ter, so viel dürf­te klar sein, fas­zi­niert weit über sei­nen Tod hin­aus. Die­ses Jahr wä­re er 90 Jah­re alt ge­wor­den. Das hat sich Mat­thi­as Flü­cki­ger, Lei­ter des Thea­ter Trou­vail­le in St.Gal­len, zum An­lass ge­nom­men, in das Le­ben des «Vers­li-Schmie­des» ein­zu­tau­chen. Ent­stan­den ist dar­aus ei­ne mu­si­ka­li­sche Le­sung, wie es Flü­cki­ger nennt. Am 21. Mai fei­ert «’S isch ei­nisch ei­ne gsy»– 90 Jah­re Ma­ni Mat­ter Pre­mie­re. Im Ge­spräch mit Sai­ten gibt Flü­cki­ger ei­nen Ein­blick in das Pro­jekt.

Sai­ten: Dem Ber­ner Lie­der­ma­cher Ma­ni Mat­ter in St.Gal­len ein Stück zu wid­men – wie kam es da­zu?

Mat­thi­as Flü­cki­ger: Ich woll­te schon lan­ge ei­ne Ma­ni-Mat­ter-Pro­gramm ge­stal­ten. Er und sein Werk fas­zi­nie­ren mich. Nicht zu­letzt, weil ich da­mit auf­ge­wach­sen bin und re­de, wie Mat­ter in sei­nen Lie­dern singt, näm­lich Bern­deutsch. Aber mei­ne De­vi­se war im­mer: Ich kann erst et­was über ihn ma­chen, wenn ich ei­nen pas­sen­den Gi­tar­ris­ten fin­de. In Ga­bri­el Mey­er ha­be ich die­sen nun ver­gan­ge­nes Jahr bei ei­nem Gast­spiel im Thea­ter Trou­vail­le ge­fun­den. Dass Mat­ter die­ses Jahr 90 Jah­re alt ge­wor­den wä­re, macht das Gan­ze letzt­lich zu ei­ner run­den Sa­che, und in­fol­ge­des­sen ha­ben wir das Pro­jekt ge­star­tet.

Um was geht es im Stück?

MF: Es ist ei­ne Hom­mage an Ma­ni Mat­ter, wo­bei wir kei­ne li­nea­re Ge­schich­te er­zäh­len. Ich be­glei­te das Pu­bli­kum als Mo­de­ra­tor durch das Stück, das in ver­schie­de­ne Ka­pi­tel, wie et­wa Ei­sen­bahn, Frau­en und Po­li­tik, ge­glie­dert ist. In die­sen Ka­pi­teln grei­fen wir the­ma­tisch pas­sen­de Lie­der, aber auch li­te­ra­ri­sche Wer­ke von Mat­ter auf und brin­gen sie in ei­ne neue Form. So las­sen wir den Mu­si­ker und Ju­ris­ten selbst spre­chen.

Wor­auf habt ihr bei der Ad­ap­ti­on von Mat­ters Mu­sik ge­ach­tet?

MF: Uns war es wich­tig, Mat­ter nicht ein­fach zu ko­pie­ren. Das ist oh­ne­hin un­mög­lich: Nur Ma­ni Mat­ter kann Ma­ni Mat­ter. Aber wir woll­ten uns sei­ner Mu­sik an­nä­hern und sie auf un­se­re Art um­set­zen. Des­halb ha­ben wir Ralph Hu­fe­nus an Bord ge­holt. Als Trio le­gen wir die rund dreis­sig Lie­der, die wir ins Stück ein­ge­baut ha­ben, neu auf. Ich bin für den Ge­sang ver­ant­wort­lich, Ralph und Ga­bri­el über­neh­men wahl­wei­se Gi­tar­re, Kla­vier und Kon­tra­bass. Das er­mög­licht uns ein brei­tes Mu­sik­spek­trum: von Klas­sik bis zum Jazz strei­fen wir fast al­les.

Wel­che Lie­der spielt ihr?

MF: Wir spie­len na­tür­lich ei­ni­ge Klas­si­ker, wie S Zünd­hölz­li oder Ds Lot­ti Schi­let, bei de­nen man Mat­ters poin­tier­ten und spie­le­ri­schen Um­gang mit Spra­che er­kennt. Er­gän­zend da­zu spie­len wir auch un­be­kann­te­re Wer­ke, die er kurz vor sei­nem Tod ge­schrie­ben hat. Die sind um ei­ni­ges schär­fer, ja so­gar rich­tig ge­sell­schafts­kri­tisch. Was wir nicht spie­len, oder zu­min­dest nicht in er­wart­ba­rer Form, ist das Lied mit der ti­tel­ge­ben­den Zei­le «’S isch ei­nisch ei­ne gsy». Die Bal­la­de, die Mat­ter 1970 als Auf­trags­ar­beit für den Spiel­film Däl­len­bach Ka­ri von Kurt Früh rea­li­siert hat. Mehr sei an die­ser Stel­le aber nicht ver­ra­ten.

Was wa­ren die Her­aus­for­de­run­gen?

MF: Ge­plant war, dass ich al­le dreis­sig Lied­tex­te aus­wen­dig kann. Das stell­te sich bald als sehr an­spruchs­voll her­aus, denn die Tex­te sind un­heim­lich kom­plex. Ein klei­ner Feh­ler, schon stim­men Rhyth­mus und In­halt nicht mehr. Des­halb ha­ben wir von die­sem Vor­ha­ben ab­ge­las­sen, und ich neh­me mir den Text zur Hand. Das Stück ist al­so als mu­si­ka­li­sche Le­sung zu ver­ste­hen. Ei­ne wei­te­re Her­aus­for­de­rung war, der Um­gang mit Be­grif­fen oder Äus­se­run­gen in den Tex­ten, die man heu­te nicht mehr sa­gen wür­de. Wir ver­ste­hen Mat­ters Werk als Kind sei­ner Zeit und ha­ben uns ent­schlos­sen, es ori­gi­nal­ge­treu wie­der­zu­ge­ben. Pas­sa­gen, die wir als re­fle­xi­ons­be­dürf­tig er­ach­ten, grei­fe ich aber in der Mo­de­ra­ti­on auf.

Was reizt euch an der Ar­beit mit Mat­ters Er­be?

MF: Mat­ters mu­si­ka­li­sches Werk ver­ste­he ich als Schwei­zer Kul­tur­gut. Vor al­lem in den 70ern hat­te es ei­ne na­tio­na­le Aus­strah­lung. Und noch heu­te fas­zi­nie­ren sei­ne ein­gän­gi­gen Stü­cke, die zwar sim­pel klin­gen, es aber kei­nes­falls sind. Auf der sprach­li­chen Ebe­ne ar­bei­tet Mat­ter mit enor­men Ver­knap­pun­gen: Da ist kein Wort zu viel und kei­nes zu we­nig. Auch kom­po­si­to­risch ist sei­ne Ar­beit un­glaub­lich durch­dacht. In­halt­lich geht es in den Lie­dern oft um Lie­be, um Be­zie­hun­gen oder um Sehn­süch­te. Zeit­lo­se The­men, an die man im­mer wie­der an­knüp­fen kann.

Sein Werk hat ja durch­aus auch po­li­ti­sches Po­ten­zi­al… 

MF: Ab­so­lut. Je län­ger man sich mit Ma­ni Mat­ter und sei­ner Ar­beit be­fasst, des­to mehr ver­steht man, dass er ein eben­so in­tel­li­gen­ter wie kri­ti­scher Den­ker war. In sei­nen Lie­dern und vor al­lem in sei­nen Tex­ten hin­ter­fragt er ideo­lo­gisch mo­ti­vier­tes Den­ken und Han­deln, setzt sich mit der De­mo­kra­tie aus­ein­an­der und da­mit, wie un­ser Zu­sam­men­le­ben aus­se­hen kann. Für Mat­ter war der Dia­log oft zen­tral, das Re­den mit­ein­an­der. Heu­te scheint das re­le­van­ter denn je, des­halb lohnt sich die Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nem Werk und da­zu möch­te ich das Pu­bli­kum in ge­wis­ser Hin­sicht auch an­re­gen.

Ist das das Ziel des Stücks?

MF: Nicht di­rekt, wir möch­ten in ers­ter Li­nie un­ter­hal­ten und nicht be­leh­ren. Aber man könn­te sa­gen, dass der Dia­log oder das Stre­ben nach die­sem so et­was wie die Kern­aus­sa­ge un­se­res Stücks ist – dar­um geht es et­wa im Lied Dr Al­pe­flug. Bei Mat­ters Tex­ten muss man ge­nau zu­hö­ren, um zu ver­ste­hen, was ge­sagt wird und was es be­deu­tet. Das soll­ten wir als Ge­sell­schaft ver­mehrt wie­der tun…

«’S isch ei­nisch ei­ne gsy» - 90 Jah­re Ma­ni Mat­ter: 21. Mai bis 26. Sep­tem­ber, Thea­ter Trou­vail­le, St.Gal­len.

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