Physik und erschöpfte Maschinen
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Caline Aouns Infinite Energy, Finite Time (2019) in Appenzell (Bild: pd/Conradin Frei)
Doppel- oder Dreifachverglasungen sind gut fürs Klima. Für Eisblumen hingegen sind sie schlecht. Wo gut isoliert ist, blühen keine frostigen Kristalle. Dafür braucht es warme Raumluft und eine kalte Oberfläche – so wie im Kunstmuseum Appenzell. Eigentlich sind Museen nicht dafür bekannt, Eiskristalle zu züchten oder sich an hoher Luftfeuchtigkeit zu erfreuen. Mit der Ausstellung von Caline Aoun ist das anders. Die libanesische Künstlerin inszeniert physikalische Phänomene und damit verbundene Naturerscheinungen. Ihre Werke sind jedoch keine Überbleibsel abgeschlossener Vorgänge.
Aoun interessiert sich für Prozesse, nicht für Vollendung; für Zustände, nicht für Ewigkeitsansprüche. Deshalb lässt das Kunstmuseum Appenzell jetzt Wasser und Eis ins Haus. Schon im ersten Ausstellungsraum tropft und glitzert es: Alle dreissig Minuten friert ein von der Decke hängendes Kupferrohr ein. Der Wasserdampf aus der Luft schlägt sich an der kalten Oberfläche nieder und tropft schliesslich in flüssigem Aggregatzustand nach unten in ein Becken. Es wird sich im Verlauf der Ausstellung mehr und mehr füllen. Somit enthält das Werk The Kinetics of Invisible (2019) auch den Faktor Zeit. Das gilt für viele der Werke Aouns.
In einem der Kabinette hat die 1982 in Beirut geborene und seit 2014 wieder dort lebende Künstlerin einen grossen Kreis aus fein gemahlenem Zement und Kalk geschüttet. In die Mitte hat sie Wasser gegossen, das sich nun langsam in den pulvrigen Ring hinein ausbreitet, sich in ihn hineinfrisst, ihn bröckeln und einstürzen lässt. Der Vorgang vollzieht sich langsam, unmerklich und doch unausweichlich. Anderes passiert immer wieder aufs Neue, wie beispielsweise das Vereisen der Chromstahlplatten im zweiten Ausstellungsraum. Die rechteckigen Platten werden mithilfe von Kompressoren heruntergekühlt, sodass sich auch hier Wasserdampf aus der Luft an der kalten Oberfläche sammelt, gefriert und schliesslich als Wasser zu Boden rinnt. Direkt auf das Parkett, das deshalb täglich gewischt werden muss. An Tagen mit viel Publikum und somit höherer Luftfeuchtigkeit sogar mehrmals.
Ausstellungsansicht von The Surface Remembers (2026) von Caline Aoun (Bild: pd/Conradin Frei)
Die Platten sind einerseits Teil der technischen Versuchsanordnung. Andererseits werden sie im Kontext der Ausstellung und in den gediegenen Museumsräumen zu Bildern. Sie zeigen keine von Menschenhand erzeugten Sujets, sondern die Spuren der Naturphänomene: Eiskristalle überziehen die Flächen, Feuchtigkeit schimmert auf dem Metall.
Mit dem Material Chromstahl bezieht sich Caline Aoun auf die Gebäudehülle: Das von Annette Gigon und Mike Guyer entworfene Haus ist mit Chromstahlblechen verkleidet. Die matt schimmernde Haut erinnert an silbrig verwitterte Schindelfassaden der traditionellen Appenzeller Bauten genauso wie an das Grau der Steine der nahen Berge. Dem Alpstein erweist auch die Künstlerin ihre Referenz – sowohl mit dem fein gemahlenen Kalk des Ringes als auch mit den Kalksteinbrocken im letzten Raum Richtung Gleise. Hier liegen sie vor dem grossen Fenster und funktionieren wie eine Uhr: Je nach Sonnenstand spiegeln ihre polierten Flächen schwächer oder stärker, und ihre steinernen Körper beginnen heller zu strahlen.
Nachmittags lässt das einfallende Sonnenlicht die etwa viertausend Kupfernadeln der Installation vor dem westlichen Fenster glühen. Die Künstlerin hat dazu eine einzige, von einem Baum in der Nähe ihres Ateliers gefallene Kiefernadel vervielfältigt. So ist sie nun ein sichtbares Zeichen von Entropie, vom Weg von der Ordnung zur Unordnung. Dieses Motto liesse sich auch über einige Installationen in der Kunsthalle Appenzell stellen. Nach Alice Channer vor drei Jahren ist Caline Aoun nun die Zweite, deren Kunst in beiden Ausstellungshäusern gleichzeitig zu sehen ist.
Die Libanesin wechselt hier vom Thema Natürlichkeit zu Künstlichkeit. Im grossen Saal im Erdgeschoss hat sie auf einem strahlend weissen Teppich vier Brunnen installiert. Sie plätschern in den Druckfarben Blau, Magenta, Gelb und Schwarz. Feine Tropfen landen stetig auf dem weissen Teppich – bei jedem Brunnen in seiner Farbe. Doch mit der Zeit werden die Spuren dunkler und dunkler werden, denn die Brunnen sind durch Schläuche miteinander verbunden und die Farben nähern sich immer mehr dem Schwarz an.
Contemplating Dispersion aus dem Jahr 2018 von Caline Aoun (Bild: pd/Conradin Frei)
Aoun arbeitet nicht nur mit Druckfarben, sondern auch mit den Druckern selbst, um den Prozess des Bildermachens zu untersuchen. Zwei eindrückliche Beispiele dafür sind unter dem Dach der Kunsthalle ausgestellt: Die Künstlerin beauftragt die Drucker, eine vollständig schwarze Seite zu drucken, auch dann noch, wenn die erforderliche Farbe aufgebraucht ist. Die Blätter werden immer farbiger und schliesslich immer leerer, bis nur noch weisse Seiten aus dem Gerät kommen. Die Maschine ist erschöpft. Die Künstlerin macht weiter – prozesshaft und experimentell.
Caline Aoun – «The Threshold of Impermanence»: bis 25. Oktober, Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell.
Kunstausstellung
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Kunst im Thurgau
Paris, New York, Shanghai, Ittingen: Mit Fabrice Hyber gastiert mal wieder ein international renommierter Künstler im Kunstmuseum Thurgau. Eine Begegnung.
In der Lokremise St.Gallen ist die erste Schweizer Einzelausstellung von Delcy Morelos zu sehen. In «Las formas de la sombra» baut die Künstlerin eine Brücke aus ihrer kolumbianischen Heimat in die Ostschweiz – und greift im gleichnamigen Kunstwerk die Vergänglichkeit des Lebens auf.
Die Galerie Art d'Osera in Balgach zeigt Skulpturen und Werke des Rheintaler Künstlers Peter Federer. Saiten war an der Vernissage.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Das Filmdrama Fuori erzählt ein kurzes Kapitel der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte italienischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.