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Organik trifft KI

Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.

Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil (Bild: Shqipton Rexhaj)

Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil (Bild: Shqipton Rexhaj)

Die ho­hen Fens­ter der Kunst­hal­le Wil las­sen das Licht flach in den Raum fal­len. Es ist kurz vor 16 Uhr. Im Par­terre ist es noch leer: ei­ne Ru­he vor dem Ein­tref­fen der Gäs­te, die sich bald in ei­nem Ge­flecht aus Ge­schich­te und Tech­no­lo­gie wie­der­fin­den wer­den. Gui­do R. von Stür­ler ist be­reits da. Er steht im Raum und ver­sucht, über ei­nen Mac ein Vi­deo zu star­ten. Er klickt, hält in­ne, be­ginnt von vorn. Die Tech­nik ge­hört da­zu, sie ist bei ihm seit Jahr­zehn­ten in­te­gra­ler Be­stand­teil der Ar­beit, bleibt aber ein Werk­zeug, das sich nicht im­mer so­fort fügt. 

Be­vor von Stür­ler zum Pio­nier der di­gi­ta­len Kunst wur­de, war sein Ate­lier an der Tech­ni­kum­stras­se in Win­ter­thur ein «so­zia­ler Ort». Bis zu 25 Leu­te pro Tag gin­gen dort ein und aus. «Am Schluss war ich fast mehr Psy­cho­lo­ge als Künst­ler», er­in­nert er sich schmun­zelnd. Es war die Zeit der Ju­gend­un­ru­hen An­fang der 1980er Jah­re, ge­prägt von ei­ner ex­plo­si­ven Stim­mung. Wäh­rend draus­sen po­li­tisch al­les beb­te, wur­de das Ate­lier zum Rück­zugs­ort für Neu­gie­ri­ge. 

Von Stür­ler woll­te da­mals schon nicht mehr klas­sisch mit dem Pin­sel ma­len. Er be­gann zu bau­en. Sei­ne Tech­nik war phy­sisch. Er kleb­te Ab­deck­band, schich­te­te Acryl und kon­stru­ier­te Bil­der, statt sie nur dar­zu­stel­len. Ein prä­gen­der Mo­ment war die Rück­kehr aus Lon­don, von der St. Mar­tin’s School of Art, wo er ei­ne Frei­heit ken­nen­ge­lernt hat­te, die es in der Schwei­zer En­ge so nicht gab.

Das Trau­ma der Milch­fla­sche

Die gross­for­ma­ti­gen Di­pty­chen der Se­rie B.4.A.I. im Erd­ge­schoss wir­ken mo­dern. Die Wur­zeln vie­ler Mo­ti­ve in von Stür­lers Werk rei­chen je­doch bis in sei­ne Kind­heit in Aus­tra­li­en zu­rück. In der ka­tho­li­schen Schu­le be­ob­ach­te­te der jun­ge Gui­do, wie ei­ne «Blue-Bot­t­le»-Flie­ge auf ei­nem war­men Milch­trop­fen ih­re Ei­er ab­leg­te. Ein Bild der Fas­zi­na­ti­on und des Ekels zu­gleich, das ihn bis heu­te nicht los­lässt. In den 1980er Jah­ren wur­den sei­ne Ar­bei­ten mit ech­ten Flie­gen­kör­pern oft ab­ge­lehnt; sie wa­ren zu di­rekt, zu roh. Doch für von Stür­ler war die Flie­ge der In­be­griff des Or­ga­ni­schen, das sich der tech­ni­schen Kon­trol­le ent­zieht. Er schuf «ge­schlos­se­ne Sys­te­me»: Vi­tri­nen aus Glas und Stahl, Me­ta­phern für po­li­ti­sche Sys­te­me wie Russ­land oder Chi­na, in de­nen nichts ent­wei­chen kann. Dem ge­gen­über ste­hen sei­ne «of­fe­nen Sys­te­me» der 90er Jah­re, in de­nen Flie­gen aus den Ob­jek­ten in den Raum ent­wei­chen konn­ten: ein Bild für Im­mi­gra­ti­on und Frei­heit.

Be­reits 1992 be­gann von Stür­ler kon­se­quent mit Com­pu­ter­gra­fik zu ar­bei­ten. Sei­ne Neu­gier auf Tech­no­lo­gie war grös­ser als die Angst vor dem Un­be­kann­ten. Doch 1995 folg­te ein ra­di­ka­ler Schnitt. Er brauch­te Di­stanz zum Kunst­be­trieb, den er selbst als ein in sich ge­schlos­se­nes Sys­tem emp­fand. In Win­ter­thur grün­de­te er ei­ne der ers­ten In­ter­net­fir­men der Schweiz. Ein Jahr­zehnt lang blieb die Kunst im Hin­ter­grund und er ar­bei­te­te in der IT‑Bran­che. Heu­te nutzt er Künst­li­che In­tel­li­genz als Werk­zeug, nicht als Au­torin. Für sei­ne ak­tu­el­le Se­rie speist er ei­ge­nes Bild- und Text­ma­te­ri­al, das er teil­wei­se ins Eng­li­sche über­setzt hat, in die KI ein. «Die Ma­schi­ne pro­du­ziert Mög­lich­kei­ten, aber sie ver­steht nichts», sagt er tro­cken. Er sieht die KI als Fort­set­zung sei­ner Ar­beit mit Aug­men­ted und Vir­tu­al Rea­li­ty, the­ma­ti­siert aber auch den ho­hen En­er­gie­ver­brauch die­ser di­gi­ta­len Se­ri­en kri­tisch.

Der Geist von «Hier und Jetzt»

Die Aus­stel­lung ist auch ei­ne Rück­kehr zu den Wur­zeln in Wil. 1986 war von Stür­ler zu­sam­men mit zwei wei­te­ren Kunst­kol­leg:in­nen Teil des Kern­teams, das mit dem Pro­jekt «Hier und Jetzt» den Grund­stein für die heu­ti­ge Kunst­hal­le leg­te. Dass er nun, 40 Jah­re spä­ter, hier sei­ne Werk­über­sicht zeigt, schliesst ei­nen his­to­ri­schen Kreis. Be­son­ders deut­lich wird die­se Kon­ti­nui­tät am Ge­mein­schafts­op­fer­ge­fäss vor der Kunst­hal­le. Der Ent­wurf stammt von 1988, doch erst jetzt wur­de er rea­li­siert. Der Auf­bau aus Ton­röh­ren, Glas und le­ben­den Flie­gen war ein Kraft­akt; die Kon­struk­ti­on er­wies sich als in­sta­bil und muss­te mehr­fach neu auf­ge­baut wer­den. Es ist ein per­ma­nen­tes Aus­ta­rie­ren zwi­schen Idee und phy­si­scher Rea­li­tät.

In ih­rer Lau­da­tio ver­weist Son­ja Rüegg auf Alex­an­der von Hum­boldt. «Al­les hängt mit al­lem zu­sam­men.» Die Aus­stel­lung ist kein li­nea­rer Rück­blick, son­dern ein Ge­flecht aus Rück­kopp­lun­gen. Von Stür­ler nutzt flo­ra­le Ele­men­te in sei­nen neu­es­ten Ar­bei­ten als «Tür­öff­ner» für das Pu­bli­kum, doch dar­un­ter lie­gen Ebe­nen, die weh­tun kön­nen. Lang­sam füllt sich der Raum. Oben die fra­gi­len ana­lo­gen Sys­te­me der 80er Jah­re, un­ten die be­rech­ne­ten di­gi­ta­len Pro­zes­se von 2024. Die zen­tra­le Fra­ge, die Gui­do R. von Stür­ler an­treibt, bleibt am En­de über je­dem Sys­tem ste­hen. «Was ist Le­ben?» Ei­ne Fra­ge, die sich durch sein ge­sam­tes Künst­ler­le­ben zieht und bis heu­te of­fen ist.

Gui­do von Stürler – «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt»: bis Sonn­tag, 28. Ju­ni, Kunst­hal­le Wil.

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