Wut speist sich aus unzähligen Quellen. Und sie hat verschiedene Gesichter. Die Winterthurer Band Anger Mgmt. übersetzt Wut in Musik. Wut auf die eigenen Probleme, auf die Machtlosigkeit, auf die Gesellschaft. Das manifestiert sich im Bandnamen und den Albumtiteln Anger Is Energy und Anger Is Eternal ebenso wie in der Heftigkeit der Songs, emotional wie musikalisch.
Das neue Album Anger Is Eternal, das heute erscheint, ist ein dunkler Monolith mit dichtem Sound, durchzogen von Furchen, die in die Abgründe führen. Nach einer halben Minute ist man bereits mittendrin im Thema: «I thought I’d started to make progress again / Instead I found myself stuck in this same old pain / All the highs, all the lows / Feel the pain in my bones», singt Nik Petronijević im Opener. Das Gefangensein in seinen eigenen Mustern, der Schmerz, der in die Knochen fährt – es ist der Auftakt zu einer Seelenschau, bei der es um Ängste, Unsicherheiten, (mangelndem) Selbstwertgefühl, aber auch um Gesellschaftskritik geht.
Musikalisch ist Anger Is Eternal eine Wucht. Es ist ein fantastisches Album, das einen ab den ersten Takten mit voller Kraft reinzieht. Das Trio bewegt sich in der Schnittmenge aus Post-Punk, Grunge und alternativem Rock und vereint brachiale Riffs mit druckvollen Drums und mitreissenden Melodien, getragen von der rauen, dunklen Stimme von Petronijević, die mal verletzlich ist, mal gefühlvoll und sich immer wieder wunderbar mit der etwas höheren Stimme von Bassist Simon Hirzel paart.
Ängste und Depressionen
Die Themenwahl kommt nicht von ungefähr: Petronijević leidet seit seiner Kindheit an einer Angsterkrankung und Depressionen. Die Panikattacken führten dazu, dass er sich übergeben müsse, erzählt der 33-Jährige. «Mir wird schwarz vor Augen, ich falle in Ohnmacht, und manchmal verspüre ich Todesangst.» Früher sei es noch viel schlimmer gewesen. Useless, seine Band vor Anger Mgmt., mussten mehrmals Konzerte wenige Minuten vor Beginn absagen, weil er es nicht auf die Bühne schaffte. Am schlimmsten sei es während der Lehre gewesen. Er arbeitete im Verkauf, trank und ass von morgens bis abends gar nichts, aus Angst, sich zu übergeben. Vier Jahre lang ging das so. «Ich war völlig abgemagert, alle dachten, ich sei magersüchtig.»
Die Panikattacken vor den Konzerten hat Petronijević inzwischen in den Griff bekommen. «Ich habe gelernt, einen Schalter umzulegen – dann ist es mir scheissegal, was andere von mir denken.» Die Angst ist jedoch weiterhin eine stetige Begleiterin. «Sobald ich mein Zuhause – meinen Safe Space – verlasse, spüre ich eine Anspannung.» Und wenn er mit Anger Mgmt. auf Tour ist, reist er allein im Zug, während die anderen im Bandbus unterwegs sind. «Im Auto bekomme ich Platzangst. Nicht wegen der Enge – ich muss fliehen können.» Dank einer mehrjährigen Therapie hält er es im Stadtverkehr inzwischen 15, 20 Minuten im Auto aus, auf der Autobahn fühlt er sich jedoch gefangen. Im Zug hingegen sei er freier, autonomer.
Den Grund für seine Angstzustände und die Depressionen sieht Petronijević in seiner schwierigen Kindheit. Die Eltern, die aus Bosnien und Serbien kommen, geben dem sensiblen Sohn kaum Nestwärme. Die Mutter arbeitet viel, der Vater ist kaum da – und wenn doch, lässt er seine Launen an den Kindern aus. «Ich hatte zu Hause niemanden, an dem ich mich festhalten konnte. Dadurch habe ich Bindungsängste entwickelt», sagt er. Es gibt auch Gewalt in der Familie. Als Nik acht Jahre alt ist, trennen sich die Eltern. Doch das Selbstwertgefühl des Buben ist bereits nachhaltig kaputt. Zu lange hat er zu hören bekommen, dass er nicht genügt, was er alles falsch macht. Darunter leidet er bis heute, auch wenn er sagt, dass er inzwischen zufrieden sei mit sich selbst – eine Aussage, die überhaupt erst dank der langjährigen Therapie möglich sei.
Das schwierige Verhältnis zum Vater, der bis heute nichts von den psychischen Problemen seines Sohnes weiss, verarbeitet Petronijević ebenfalls in der Musik. Auf dem Debüt handelt Don’t Blame It On Me davon, auf dem neuen Album das Stück In This Body. Es sind Texte, die beim Hören weh tun. «Ich werde das wohl nie abschliessen können», sagt er.
Dass Petronijević mit seinen Problemen so offen umgeht, hat auch damit zu tun, dass ihm die Musik dabei hilft, sie zu verarbeiten. Sie ist das Ventil, um den Schmerz, die Verzweiflung, die Wut rauszuschreien. Inzwischen engagiert er sich auch als Mental-Health-Aktivist, sei es in den Medien oder im Vorstand des Vereins Madnesst, der sich für das Thema psychische Gesundheit einsetzt.
Neue Band aus alten Bekannten
Anger Mgmt. entstanden Anfang 2021. Petronijevićs Band Useless liegt damals gerade auf Eis, weil die übrigen Mitglieder mit dem Studium beschäftigt sind. Also beginnt er, eigene Songs zu schreiben. Ein erstes Demo reicht er an der «Demotape Clinic» des M4Music-Festivals ein – die Resonanz auf den Song, der später als zweite Single Fake Manhood veröffentlicht wird, ist positiv. Doch um weiterzumachen, braucht Petronijević Mitmusiker. Mit Simon Hirzel (Sänger und Bassist von The Shattered Mind Machine) und Schlagzeuger Daniele Brumana (Megaton Sword, Forlet Sires), die er beide aus der lokalen Musikszene kennt, gründet er Anger Mgmt. Noch im selben Jahr spielt das Trio, mit drei Songs im Repertoire, sein erstes Konzert auf der «Startrampe», der Nachwuchsbühne der Winterthurer Musikfestwochen. «Das fühlte sich sehr richtig an, also beschlossen wir weiterzumachen», sagt Petronijević.
Schon bald folgen weitere Songs. Anger Mgmt. schreiben rund 50 Plattenfirmen an – und bekommen die Zusage vom deutschen Indie-Label Noisolution, das auch die Winterthurer Kollegen Hathors unter seinen Fittichen hat. Schon im Sommer 2022 geht es ins Studio, und Mitte 2023 erscheint das Debüt Anger Is Energy, das ihnen auch ausserhalb der Schweiz viel positive Kritik einbringt.
Dennoch sei nach dem Ausstieg von Daniele Brumana die Zukunft der Band kurz auf der Kippe gestanden, gesteht Petronijević. Doch mit Dominik Jucker, der mit Hirzel bei The Shattered Mind Machine spielt und bereits vorher für ein paar Konzerte eingesprungen war, geht es dann doch weiter. Den Wechsel hört man der Musik an: Klang das Drumming von Brumana auf Anger Is Energy stellenweise etwas zu Metal-lastig, passt Juckers punkige Spielweise besser zum Sound der Band. Dieser fühlt sich nun, trotz aller Ecken und Kanten, runder und homogener an. Das sieht auch Petronijević so: «Mir fehlte früher immer etwas in unserer Musik, und jetzt weiss ich, was es war.»
Zwei fast deckungsgleiche Bands
Speziell ist die Konstellation insofern, als Anger Mgmt. nun zu zwei Dritteln aus zwei Dritteln von The Shattered Mind Machine bestehen. Ein schwieriger Spagat zwischen den beiden Bands? Nein, sagt Petronijević. Denn die Rollenverteilung sei klar: Bei Anger Mgmt. schreibt er den Grossteil der Songs, spielt zuhause Gitarre und Bass ein und programmiert die Drumparts. Dieses «Grundgerüst», wie er es nennt, veredeln sie anschliessend zu dritt. Jeder dürfe sich einbringen, betont der Sänger. «Simon gibt viele Inputs zu den Arrangements, manchmal auch zu den Texten. Aber er ist der Hauptsongwriter von The Shattered Mind Machine, ich von Anger Mgmt.»
Nach einer halben Stunde beginnt das letzte Stück, Buzz – und plötzlich lichtet sich die Dunkelheit. «I drowned in the tides / I found a way to breathe / I feel better better better better / The currents pulled me deep / But I’ve pushed through the fear / I feel better better better better», heisst es da. Es ist ein grungiger Song, «wohl der fröhlichste, den ich in den letzten zehn Jahren geschrieben habe. Ich wollte damit zum Ausdruck bringen, dass nach jeder schlechten eine gute Zeit kommt», sagt Nik Petronijević. «Diese Erkrankung wird mich mein ganzes Leben begleiten. Aber dank Medikamenten und einem guten Umfeld kann ich mit ihr umgehen.» Nach den dunklen Wolken, die gleich zu Beginn des Albums aufziehen und dieses bis zum Ende begleiten, endet dieses also mit einem Lichtblick.
Anger Mgmt. – Anger Is Eternal (Noisolution): erscheint am 24. April auf Vinyl und digital.
Live: Dienstag, 5. Mai, 20.30 Uhr, Gaswerk, Winterthur (mit Dÿse).
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