Wut als Treibstoff

Anger Mgmt. sind Dominik Jucker (Schlagzeug), Nik Petronijević (Gesang/Gitarre) und Simon Hirzel (Bass). (Bild: Dave Honegger)

In ihren Songs verarbeitet die Winterthurer Band Anger Mgmt. die psychischen Probleme ihres Sängers. Heute erscheint ihr zweites Album, das erneut in die inneren Abgründe führt. Es ist ein dunkler Monolith – mit einem Lichtblick am Schluss. 

Wut speist sich aus un­zäh­li­gen Quel­len. Und sie hat ver­schie­de­ne Ge­sich­ter. Die Win­ter­thu­rer Band An­ger Mgmt. über­setzt Wut in Mu­sik. Wut auf die ei­ge­nen Pro­ble­me, auf die Macht­lo­sig­keit, auf die Ge­sell­schaft. Das ma­ni­fes­tiert sich im Band­na­men und den Al­bum­ti­teln An­ger Is En­er­gy und An­ger Is Eter­nal eben­so wie in der Hef­tig­keit der Songs, emo­tio­nal wie mu­si­ka­lisch.

Das neue Al­bum An­ger Is Eter­nal, das heu­te er­scheint, ist ein dunk­ler Mo­no­lith mit dich­tem Sound, durch­zo­gen von Fur­chen, die in die Ab­grün­de füh­ren. Nach ei­ner hal­ben Mi­nu­te ist man be­reits mit­ten­drin im The­ma: «I thought I’d star­ted to make pro­gress again / In­s­tead I found mys­elf stuck in this sa­me old pain / All the highs, all the lows / Feel the pain in my bo­nes», singt Nik Pe­tro­ni­je­vić im Ope­ner. Das Ge­fan­gen­sein in sei­nen ei­ge­nen Mus­tern, der Schmerz, der in die Kno­chen fährt – es ist der Auf­takt zu ei­ner See­len­schau, bei der es um Ängs­te, Un­si­cher­hei­ten, (man­geln­dem) Selbst­wert­ge­fühl, aber auch um Ge­sell­schafts­kri­tik geht. 

Mu­si­ka­lisch ist An­ger Is Eter­nal ei­ne Wucht. Es ist ein fan­tas­ti­sches Al­bum, das ei­nen ab den ers­ten Tak­ten mit vol­ler Kraft rein­zieht. Das Trio be­wegt sich in der Schnitt­men­ge aus Post-Punk, Grunge und al­ter­na­ti­vem Rock und ver­eint bra­chia­le Riffs mit druck­vol­len Drums und mit­reis­sen­den Me­lo­dien, ge­tra­gen von der rau­en, dunk­len Stim­me von Pe­tro­ni­je­vić, die mal ver­letz­lich ist, mal ge­fühl­voll und sich im­mer wie­der wun­der­bar mit der et­was hö­he­ren Stim­me von Bas­sist Si­mon Hir­zel paart. 

Ängs­te und De­pres­sio­nen 

Die The­men­wahl kommt nicht von un­ge­fähr: Pe­tro­ni­je­vić lei­det seit sei­ner Kind­heit an ei­ner Angst­er­kran­kung und De­pres­sio­nen. Die Pa­nik­at­ta­cken führ­ten da­zu, dass er sich über­ge­ben müs­se, er­zählt der 33-Jäh­ri­ge. «Mir wird schwarz vor Au­gen, ich fal­le in Ohn­macht, und manch­mal ver­spü­re ich To­des­angst.» Frü­her sei es noch viel schlim­mer ge­we­sen. Use­l­ess, sei­ne Band vor An­ger Mgmt., muss­ten mehr­mals Kon­zer­te we­ni­ge Mi­nu­ten vor Be­ginn ab­sa­gen, weil er es nicht auf die Büh­ne schaff­te. Am schlimms­ten sei es wäh­rend der Leh­re ge­we­sen. Er ar­bei­te­te im Ver­kauf, trank und ass von mor­gens bis abends gar nichts, aus Angst, sich zu über­ge­ben. Vier Jah­re lang ging das so. «Ich war völ­lig ab­ge­ma­gert, al­le dach­ten, ich sei ma­ger­süch­tig.» 

Die Pa­nik­at­ta­cken vor den Kon­zer­ten hat Pe­tro­ni­je­vić in­zwi­schen in den Griff be­kom­men. «Ich ha­be ge­lernt, ei­nen Schal­ter um­zu­le­gen – dann ist es mir scheiss­egal, was an­de­re von mir den­ken.» Die Angst ist je­doch wei­ter­hin ei­ne ste­ti­ge Be­glei­te­rin. «So­bald ich mein Zu­hau­se – mei­nen Safe Space – ver­las­se, spü­re ich ei­ne An­span­nung.» Und wenn er mit An­ger Mgmt. auf Tour ist, reist er al­lein im Zug, wäh­rend die an­de­ren im Band­bus un­ter­wegs sind. «Im Au­to be­kom­me ich Platz­angst. Nicht we­gen der En­ge – ich muss flie­hen kön­nen.» Dank ei­ner mehr­jäh­ri­gen The­ra­pie hält er es im Stadt­ver­kehr in­zwi­schen 15, 20 Mi­nu­ten im Au­to aus, auf der Au­to­bahn fühlt er sich je­doch ge­fan­gen. Im Zug hin­ge­gen sei er frei­er, au­to­no­mer. 

Den Grund für sei­ne Angst­zu­stän­de und die De­pres­sio­nen sieht Pe­tro­ni­je­vić in sei­ner schwie­ri­gen Kind­heit. Die El­tern, die aus Bos­ni­en und Ser­bi­en kom­men, ge­ben dem sen­si­blen Sohn kaum Nest­wär­me. Die Mut­ter ar­bei­tet viel, der Va­ter ist kaum da – und wenn doch, lässt er sei­ne Lau­nen an den Kin­dern aus. «Ich hat­te zu Hau­se nie­man­den, an dem ich mich fest­hal­ten konn­te. Da­durch ha­be ich Bin­dungs­ängs­te ent­wi­ckelt», sagt er. Es gibt auch Ge­walt in der Fa­mi­lie. Als Nik acht Jah­re alt ist, tren­nen sich die El­tern. Doch das Selbst­wert­ge­fühl des Bu­ben ist be­reits nach­hal­tig ka­putt. Zu lan­ge hat er zu hö­ren be­kom­men, dass er nicht ge­nügt, was er al­les falsch macht. Dar­un­ter lei­det er bis heu­te, auch wenn er sagt, dass er in­zwi­schen zu­frie­den sei mit sich selbst – ei­ne Aus­sa­ge, die über­haupt erst dank der lang­jäh­ri­gen The­ra­pie mög­lich sei. 

Das schwie­ri­ge Ver­hält­nis zum Va­ter, der bis heu­te nichts von den psy­chi­schen Pro­ble­men sei­nes Soh­nes weiss, ver­ar­bei­tet Pe­tro­ni­je­vić eben­falls in der Mu­sik. Auf dem De­büt han­delt Don’t Bla­me It On Me da­von, auf dem neu­en Al­bum das Stück In This Bo­dy. Es sind Tex­te, die beim Hö­ren weh tun. «Ich wer­de das wohl nie ab­schlies­sen kön­nen», sagt er.

Dass Pe­tro­ni­je­vić mit sei­nen Pro­ble­men so of­fen um­geht, hat auch da­mit zu tun, dass ihm die Mu­sik da­bei hilft, sie zu ver­ar­bei­ten. Sie ist das Ven­til, um den Schmerz, die Ver­zweif­lung, die Wut raus­zu­schrei­en. In­zwi­schen en­ga­giert er sich auch als Men­tal-He­alth-Ak­ti­vist, sei es in den Me­di­en oder im Vor­stand des Ver­eins Mad­nesst, der sich für das The­ma psy­chi­sche Ge­sund­heit ein­setzt. 

Neue Band aus al­ten Be­kann­ten 

An­ger Mgmt. ent­stan­den An­fang 2021. Pe­tro­ni­je­vićs Band Use­l­ess liegt da­mals ge­ra­de auf Eis, weil die üb­ri­gen Mit­glie­der mit dem Stu­di­um be­schäf­tigt sind. Al­so be­ginnt er, ei­ge­ne Songs zu schrei­ben. Ein ers­tes De­mo reicht er an der «De­mo­tape Cli­nic» des M4Mu­sic-Fes­ti­vals ein – die Re­so­nanz auf den Song, der spä­ter als zwei­te Sin­gle Fake Man­hood ver­öf­fent­licht wird, ist po­si­tiv. Doch um wei­ter­zu­ma­chen, braucht Pe­tro­ni­je­vić Mit­mu­si­ker. Mit Si­mon Hir­zel (Sän­ger und Bas­sist von The Shat­te­red Mind Ma­chi­ne) und Schlag­zeu­ger Da­nie­le Bru­ma­na (Me­ga­ton Sword, For­let Si­res), die er bei­de aus der lo­ka­len Mu­sik­sze­ne kennt, grün­det er An­ger Mgmt. Noch im sel­ben Jahr spielt das Trio, mit drei Songs im Re­per­toire, sein ers­tes Kon­zert auf der «Start­ram­pe», der Nach­wuchs­büh­ne der Win­ter­thu­rer Mu­sik­fest­wo­chen. «Das fühl­te sich sehr rich­tig an, al­so be­schlos­sen wir wei­ter­zu­ma­chen», sagt Pe­tro­ni­je­vić. 

Schon bald fol­gen wei­te­re Songs. An­ger Mgmt. schrei­ben rund 50 Plat­ten­fir­men an – und be­kom­men die Zu­sa­ge vom deut­schen In­die-La­bel Noiso­lu­ti­on, das auch die Win­ter­thu­rer Kol­le­gen Ha­thors un­ter sei­nen Fit­ti­chen hat. Schon im Som­mer 2022 geht es ins Stu­dio, und Mit­te 2023 er­scheint das De­büt An­ger Is En­er­gy, das ih­nen auch aus­ser­halb der Schweiz viel po­si­ti­ve Kri­tik ein­bringt. 

Den­noch sei nach dem Aus­stieg von Da­nie­le Bru­ma­na die Zu­kunft der Band kurz auf der Kip­pe ge­stan­den, ge­steht Pe­tro­ni­je­vić. Doch mit Do­mi­nik Ju­cker, der mit Hir­zel bei The Shat­te­red Mind Ma­chi­ne spielt und be­reits vor­her für ein paar Kon­zer­te ein­ge­sprun­gen war, geht es dann doch wei­ter. Den Wech­sel hört man der Mu­sik an: Klang das Drum­ming von Bru­ma­na auf An­ger Is En­er­gy stel­len­wei­se et­was zu Me­tal-las­tig, passt Ju­ckers pun­ki­ge Spiel­wei­se bes­ser zum Sound der Band. Die­ser fühlt sich nun, trotz al­ler Ecken und Kan­ten, run­der und ho­mo­ge­ner an. Das sieht auch Pe­tro­ni­je­vić so: «Mir fehl­te frü­her im­mer et­was in un­se­rer Mu­sik, und jetzt weiss ich, was es war.» 

Zwei fast de­ckungs­glei­che Bands 

Spe­zi­ell ist die Kon­stel­la­ti­on in­so­fern, als An­ger Mgmt. nun zu zwei Drit­teln aus zwei Drit­teln von The Shat­te­red Mind Ma­chi­ne be­stehen. Ein schwie­ri­ger Spa­gat zwi­schen den bei­den Bands? Nein, sagt Pe­tro­ni­je­vić. Denn die Rol­len­ver­tei­lung sei klar: Bei An­ger Mgmt. schreibt er den Gross­teil der Songs, spielt zu­hau­se Gi­tar­re und Bass ein und pro­gram­miert die Drum­parts. Die­ses «Grund­ge­rüst», wie er es nennt, ver­edeln sie an­schlies­send zu dritt. Je­der dür­fe sich ein­brin­gen, be­tont der Sän­ger. «Si­mon gibt vie­le In­puts zu den Ar­ran­ge­ments, manch­mal auch zu den Tex­ten. Aber er ist der Haupt­song­wri­ter von The Shat­te­red Mind Ma­chi­ne, ich von An­ger Mgmt.» 

Nach ei­ner hal­ben Stun­de be­ginnt das letz­te Stück, Buzz – und plötz­lich lich­tet sich die Dun­kel­heit. «I drow­ned in the ti­des / I found a way to brea­the / I feel bet­ter bet­ter bet­ter bet­ter / The curr­ents pul­led me deep / But I’ve pu­shed th­rough the fear / I feel bet­ter bet­ter bet­ter bet­ter», heisst es da. Es ist ein grung­i­ger Song, «wohl der fröh­lichs­te, den ich in den letz­ten zehn Jah­ren ge­schrie­ben ha­be. Ich woll­te da­mit zum Aus­druck brin­gen, dass nach je­der schlech­ten ei­ne gu­te Zeit kommt», sagt Nik Pe­tro­ni­je­vić. «Die­se Er­kran­kung wird mich mein gan­zes Le­ben be­glei­ten. Aber dank Me­di­ka­men­ten und ei­nem gu­ten Um­feld kann ich mit ihr um­ge­hen.» Nach den dunk­len Wol­ken, die gleich zu Be­ginn des Al­bums auf­zie­hen und die­ses bis zum En­de be­glei­ten, en­det die­ses al­so mit ei­nem Licht­blick. 


An­ger Mgmt. – An­ger Is Eter­nal (Noiso­lu­ti­on): er­scheint am 24. April auf Vi­nyl und di­gi­tal. 
Live: Diens­tag, 5. Mai, 20.30 Uhr, Gas­werk, Win­ter­thur (mit Dÿ­se). 
an­germgmt.ch 

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