Der Wirbel war gross: In einem offenen Brief forderten Mitarbeitende, Studierende und Professor:innen der Universität St.Gallen eine Distanzierung von Curtis Yarvin, der als Redner am diesjährigen St.Gallen Symposium eingeladen war. Das Thema löste medial eine breite Debatte aus: SP-Co-Präsident Cédric Wermuth bezeichnete Yarvin in den sozialen Medien als «Chefideologen einer anti-demokratischen, menschenverachtenden und neo-faschistischen Bewegung» und warf der HSG vor, dessen extreme Positionen zu normalisieren.
Doch «normalisiert» wurde an diesem Symposium erstaunlich wenig. Eher das Gegenteil war der Fall: Die mehreren hundert Gäste in der HSG-Aula wurden am Mittwochmorgen Zeugen einer bizarren Selbstentlarvung – und erhielten zugleich einen selten direkten Einblick in ein Denken, das nicht nur grosse Teile des techno-libertären und neoreaktionären Silicon-Valley-Milieus prägt, sondern mit US-Vizepräsident JD Vance inzwischen auch bis ins Weisse Haus reicht.
Schon die Ausgangslage war bemerkenswert. Das 55. St. Gallen Symposium stand unter dem Motto «Disrupted Age». Mit Yarvin wurde jemand vom sogenannten «Dark Enlightenment Movement» eingeladen, der sich Disruption in ihrer extremsten Form herbeisehnt: die Abschaffung der liberalen Demokratie zugunsten eines techno-monarchischen Herrschaftsmodells.
Exzentrischer Geschichtsunterricht
Direkt nach der Eröffnungszeremonie wurde die Bühne zur grossen Systemfrage umgebaut. Links sass der bulgarische Politologe Ivan Krastev, in der Mitte der sich als freundlich und cool gebende Curtis Yarvin, daneben Moderator Nico Luchsinger, der ab Sommer das Gottlieb Duttweiler Institut leiten wird. Die Leitfrage der Diskussion lautete: Lohnt es sich noch, an der Demokratie festzuhalten?
Bereits zu Beginn erklärte Yarvin, ihn störe grundsätzlich der Begriff «Demokratie». Die meisten Menschen würden das Wort zwar mögen, aber völlig Unterschiedliches darunter verstehen. Demokratie bedeute heute bloss noch, Politiker:innen zu wählen, die wiederum die Regierung kontrollieren.
Nur wenige Sätze später begann er abzuschweifen. Yarvin präsentierte sich als eine Art exzentrischer Geschichtslehrer, der seine kruden Ideen mit historischen Analogien zu erklären versucht. Die Geschichte habe schliesslich gezeigt, dass autokratische Systeme durchaus funktionieren könnten – mal mehr, mal weniger. Bei Adolf Hitler habe es «nicht ganz funktioniert», bei Friedrich dem Grossen hingegen schon eher.
Ein König oder ein CEO als Staatsoberhaupt
Während des Gesprächs hakte Moderator Luchsinger immer wieder nach. Doch weder er noch das Publikum wurden wirklich schlau daraus, wie sich Yarvin eine funktionierende Alternative zur Demokratie konkret vorstellt. Sinngemäss denkt er den Staat wie ein Unternehmen: Statt eines parlamentarischen Systems mit Gewaltenteilung soll ein einzelner «CEO» oder – wie er es nennt – Monarch zentral herrschen und klare Verantwortung tragen. Bürger:innen hätten dabei schlechte Karten: ein Mitbestimmungsrecht gibt es in dieser dystopischen, antiegalitären Idealwelt nicht. Wer mit seinem Herrscher unzufrieden sei, könne im Grunde nur noch eines tun: auswandern in ein anderes Land.
Wer die Mächtigen kontrolliert, gehört zu den ältesten Fragen der politischen Philosophie. Yarvin hatte darauf eine bemerkenswert abenteuerliche Antwort parat: Auf die Frage, wer einen schlechten «CEO» eines Staates kontrollieren oder absetzen könne, entwarf er die Idee eines Verwaltungsrats für den Monarchen – ein unabhängiges Kontrollgremium, ähnlich einem Unternehmensboard.
Der gut gelaunte und intellektuell präzise Ivan Krastev, Professor am Institut für die Wissenschaften vom Menschen an der Uni Wien, fragte trocken zurück, wer dieser Verwaltungsrat denn eigentlich sein solle. «Ich kann in Ihrem Land derzeit gut den König erkennen», so Krastev mit Blick auf die USA. «Aber mir ist nicht klar, wer der Verwaltungsrat ist.»
Yarvin lieferte darauf keine wirkliche Antwort. Stattdessen verlor er sich erneut in abstrakten Überlegungen über anonyme Kontrollinstanzen, technologische Sicherungssysteme und informelle Machtstrukturen – oft mit dem Eindruck, als sei er sich selbst nicht ganz sicher, wie schlüssig seine Konstruktionen wirklich sind.
Besonders entlarvend wurde es, als Yarvin gefragt wurde, was geschehen würde, wenn sich seine Vision einer CEO-Monarchie als Irrtum herausstellen sollte. Wie käme die Menschheit dann wieder zurück zur Demokratie? Yarvin musste einräumen, dass ein solcher Rückweg wohl schwierig wäre. Damit benannte er unfreiwillig selbst das Kernproblem autoritärer Systeme: Man kann sie leicht errichten – aber oft nur schwer wieder loswerden.
Bizarres Treffen mit dem JD-Vance-Verehrer
Immer wieder wich Yarvin konkreten Nachfragen aus und flüchtete sich in die Rolle des grossen Denkers und Historikers. Dabei sprang er assoziativ von Hitler zum Römischen Reich, von Nordkorea zur Sowjetunion, vom Silicon Valley zu monarchistischen Fantasien – weniger wie ein politischer Theoretiker mit klarer Argumentation als vielmehr wie jemand, der sich zunehmend in seinen eigenen Gedankengebäuden verirrt.
Aufschlussreich war seine Haltung zu Donald Trump und JD Vance, die er mir in einem rund 20-minütigen Gespräch persönlich erklärte. Trump denke «wie eine Frau – intuitiv und stark über Wahrnehmung», so Yarvin in frauenverachtender Weise. Und überhaupt: JD Vance stehe ihm ideologisch näher, weil dieser «gebildeter» sei. Trump sei ohnehin der falsche Mann: Der US-Präsident habe den Anspruch aufgegeben, «König von Amerika» zu sein, und versuche stattdessen eher, «König der Welt» zu werden. Zwischen den Zeilen wurde deutlich: Trump ist Yarvin letztlich nicht radikal und disruptiv genug. Und sowieso habe Trump den «Verwaltungsrat» der USA – er meint damit den Kongress – überhaupt nicht im Griff. Es sollte uns zu denken geben: Während die meisten von uns Trump für zu aggressiv und zu radikal halten, bezeichnet ihn Yarvin als harmloses Weichei, das keine Courage hat, das amerikanische Volk richtig zu regieren.
In einem weiteren offiziellen Gespräch mit der HSG-Professorin und Amerika-Expertin Claudia Brühwiler hüpfte Yarvin erneut sprunghaft durch Geschichte und Gegenwart: von den Römern zu Hitler, von Kalifornien nach Dubai, von Kriminalität in San Francisco zu blitzsauberen Flughäfen in Shanghai. «Wenn man in Kalifornien ankommt, hat man das Gefühl, man lande in der Dritten Welt.» In seinem autoritär geführten Monarchiestaat wären die Strassen von Downtown Los Angeles sauber und aufgeräumt, denn Obdachlose und andere Minderheiten hätten in seiner autokratisch geführten Welt keinen Platz.
Curtis Yarvin im Gespräch mit HSG-Professorin Claudia Brühwiler.
Noch abstruser wurde es, als Brühwiler das Gespräch auf die Gleichheit und Rechte aller Menschen lenkte. Für Yarvin erwartungsgemäss völliger Unsinn. Menschen seien nicht alle gleich, das sei bloss ein «Irrglaube des liberalen Denkens», erklärte er selbstbewusst, bevor er erneut in historische Abschweifungen verfiel und wieder bei Hitler landete.
Das Publikum wirkte sichtlich irritiert, zugleich aber auch befremdlich belustigt. Der Mann, vor dem sich im Vorfeld so viele gefürchtet hatten, erwies sich weniger als brillanter Vordenker, sondern vielmehr als Karikatur seiner selbst – und damit auch als Karikatur der neurechten Bewegung insgesamt.
Präsentation des wirren Clowns war problematisch
Es war richtig – oder zumindest nicht falsch –, Curtis Yarvin einzuladen. Gerade weil Figuren wie er längst Einfluss auf Teile der amerikanischen Rechten und des Silicon Valley ausüben, ist es sinnvoll, ihre Ideen öffentlich sichtbar zu machen und kritisch zu diskutieren.
Problematisch war weniger die Einladung an sich als die Inszenierung rund um seinen Auftritt. Die Organisator:innen des Symposiums (jedes Jahr ein anderes Kollektiv aus Student:innen) haben dem Mann und seinen irren Theorien eine viel zu grosse Bühne gegeben. Sein erster Auftritt fand unmittelbar nach der feierlichen Eröffnungszeremonie statt – auf der grossen Bühne der HSG-Aula, vor mehreren hundert Gästen. Allein diese Platzierung verlieh ihm unnötig eine symbolische Gravitas, die er nie einlösen konnte und auch nicht verdient.
Angebrachter wäre ein kleineres Gesprächsformat gewesen – etwa wie jenes mit Claudia Brühwiler. Dort sprach Yarvin vor vielleicht 30 oder 40 Menschen, aber nicht vor mehreren Hundert.
Trotz heftiger Proteste im Vorfeld blieb es während des Symposiums erstaunlich ruhig. Proteste von Studierenden gab es nicht, weder innerhalb der Veranstaltung noch ausserhalb der Universität. Auch aus dem Publikum gab es nur vereinzelt kritische Reaktionen, eher konsterniertes Achselzucken und Irritation über den Auftritt.
Ivan Krastev und seine intellektuelle Brillanz
Gerade durch Yarvins bizarre Aussagen wurde Ivan Krastev zur eigentlichen Hauptfigur. Während Yarvin in techno-libertären Fantasien stecken blieb, verteidigte Krastev die Demokratie mit einer Nüchternheit, die fast befreiend wirkte. Demokratie sei «langsam, chaotisch und fehlerhaft», sagte er – «aber gerade deshalb korrigierbar». Wer Wahlen verliere, verliere nicht alles. Vier Jahre später könne man erneut antreten. Genau darin liege die Stärke der Demokratie.
Bemerkenswert war auch, wie deutlich die Spannung bereits in den Eröffnungsreden spürbar wurde. Sowohl HSG-Rektor Manuel Ammann als auch der deutsche Ex-Diplomat Christoph Heusgen betonten auffallend stark Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und demokratische Institutionen – fast so, als wollten sie das Publikum vorsorglich auf das vorbereiten, was danach folgen würde.
Gleichzeitig blieb diese Einordnung etwas zu vorsichtig und vage. Gerade um einem möglichen Imageschaden der Universität entgegenzuwirken, hätte die HSG-Leitung deutlicher benennen können, dass Yarvins Vorstellungen mit den Grundprinzipien der liberalen Demokratie fundamental unvereinbar sind und er lediglich als Negativbeispiel eingeladen worden sei.
Trotzdem war die Einladung letztlich richtig
Die eigentliche Demontage seiner Ideen erfolgte ohnehin nicht durch Empörung, sondern durch die Debatte selbst – und durch die sichtbare Diskrepanz zwischen dem in rechten Kreisen aufgebauten Mythos des grossen neoreaktionären Vordenkers und dem tatsächlichen Auftritt eines Mannes, der sich immer wieder in seinen eigenen Gedankenschlaufen verlor. Das macht ihn zwar nicht weniger gefährlich, aber die Auseinandersetzung mit ihm macht uns bewusst, dass wir die liberale Gesellschaftsordnung immer wieder neu erkämpfen müssen. Und es macht uns bewusst, dass es tatsächlich Menschen gibt, die eine völlig andere, bedrohliche Vorstellung von der Zukunft haben.
Denn ein Curtis Yarvin, eine Alice Weidel, ein Steve Bannon oder ein Peter Thiel verschwinden nicht einfach, wenn man sie ignoriert. Sie sind leider längst Realität im politischen Alltag, ob uns das passt oder nicht. Gerade deshalb müssen wir ihre Ideen öffentlich sichtbar machen und sie dezidiert und kontextualisiert in die Schranken weisen.
«Die Sache ist nun überstanden und vorbei», bemerkte etwa Claudia Brühwiler nach ihrer Begegnung mit Yarvin. Offiziell heisst es von der Universität und Symposium-Verantwortlichen «No comment», ob aus Peinlichkeit oder um weiteren Imageschaden von der Uni abzuwenden, bleibt offen. Auf Youtube ist das Gespräch zwischen Krastev und Yarvin – trotz vorheriger Ankündigung – bis jetzt zumindest nicht zu finden.