«Wir wollen eure aufgeräumten Stadtbilder nicht»

Hellebarden unerwünscht: Ein breites Bündnis geht am Donnerstagabend in St.Gallen gegen rechtsextreme Vereinnahmungsversuche auf die Strasse. (Bilder: hrt)

In St.Gallen regt sich Widerstand gegen öffentliche Raumnahme und digitale Druckversuche rechtsextremistischer Kreise. Am Donnerstag haben gut 400 Personen in der Altstadt friedlich demonstriert, skandiert und gesungen und damit ein starkes Zeichen gesetzt.

Die Früh­lings­son­ne zwängt ih­re letz­ten Strah­len durch die Alt­stadt­gas­sen, be­vor die abend­li­che Käl­te lang­sam ein­zieht. Die Wär­me kommt heu­te von in­nen her­aus. Über 300 Men­schen ha­ben sich an die­sem Don­ners­tag­abend vor dem Va­di­an­denk­mal in St.Gal­len ein­ge­fun­den. Ein breit auf­ge­stell­tes Bünd­nis aus po­li­ti­schen, ak­ti­vis­ti­schen und zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Krei­sen hat zur Kund­ge­bung ge­gen den Rechts­extre­mis­mus auf­ge­ru­fen, der sich jüngst in St.Gal­len viel Platz ge­nom­men und sich so enor­me me­dia­le Auf­merk­sam­keit er­schli­chen hat.

Am 14. Fe­bru­ar hat­ten ver­schie­de­ne Grup­pie­run­gen zur An­ti-Impf­pflicht­de­mo auf­ge­ru­fen. Doch rechts­extre­me Kräf­te rund um die Mass-voll-Be­we­gung und aus Krei­sen der Jun­gen Tag, der Schwei­zer Na­tio­na­lis­ten und der Ne­me­sis-Be­we­gung hat­ten ei­ne der bei­den an­ge­kün­dig­ten De­mos rasch ver­ein­nahmt, sich mit ih­ren Hel­le­bar­den an die Spit­ze des Zugs ge­setzt und sind – trotz kurz­fris­ti­gen Ent­zugs der Be­wil­li­gung durch die Stadt­po­li­zei – an den macht­los (oder wil­len­los?) da­ste­hen­den Po­li­zist:in­nen vor­bei­mar­schiert. Um Impf­kri­tik ging es der rech­ten Schar, die die De­mo an­führ­te, al­ler­höchs­tens am Ran­de. Sai­ten hat on­line aus­führ­lich be­rich­tet.

Ab­sa­ge hin­ter­liess fah­len Bei­geschmack

So et­was woll­ten sich vie­le in St.Gal­len nicht bie­ten las­sen. Grü­ne und Jun­ge Grü­ne hat­ten für die­sen Don­ners­tag ei­nen Vor­trag mit ei­nem His­to­ri­ker und Rechts­extre­mis­mus­exper­ten ge­plant. Ge­la­belt war der Abend un­ter an­de­rem auch als «Nach­hilf­elek­ti­on» für die bür­ger­li­chen Par­tei­en, die sich bis heu­te nicht öf­fent­lich zur il­le­ga­len Ak­ti­on des rech­ten Mobs ge­äus­sert ha­ben. Doch der Vor­trag muss­te ab­ge­sagt wer­den, weil in rech­ten Chats zur Ge­gen­kund­ge­bung auf­ge­ru­fen wor­den war. Als Re­ak­ti­on mo­bi­li­sier­ten auch an­ti­fa­schis­ti­sche Krei­se. In­nert we­ni­ger Stun­den ent­wi­ckel­te sich im di­gi­ta­len Raum ei­ne Ei­gen­dy­na­mik, die bis nach Deutsch­land reich­te. Grü­ne und Jun­ge Grü­ne konn­ten und woll­ten nicht mehr für die si­che­re Durch­füh­rung ih­res An­las­ses ga­ran­tie­ren.

Der so­zi­al-me­dia­le Druck von Rechts­aus­sen hat­te vor­erst sei­ne Wir­kung ge­tan. Mass-voll und an­de­re Grup­pie­run­gen konn­ten ei­nen Zwi­schen­sieg ver­bu­chen und in­sze­nier­ten sich als Be­wah­rer der Mei­nungs­frei­heit, weil man ja an­geb­lich nur «re­den» woll­te, ein biss­chen Blu­men und Scho­ko­la­de ver­tei­len vor dem Waag­haus. Die Po­li­zei hat ih­re Ge­gen­de­mo al­ler­dings nicht be­wil­ligt. Und nach­dem klar war, dass der Vor­trags­abend nicht statt­fin­det, nahm Mass-voll of­fen­sicht­lich auch wie­der Ab­stand von der Idee, im Sin­ne der «rich­ti­gen Sa­che» un­be­wil­ligt in St.Gal­len auf­zu­kreu­zen.

Die Ab­sa­ge des Vor­trags hin­ter­liess aber doch ei­nen fah­len Bei­geschmack. «Kei­nen Mil­li­me­ter dem Fa­schis­mus» sei eben nicht bloss ein Slo­gan, wie die an­ti­fa­schis­ti­sche Re­cher­cheu­rin Lot­ta Mai­er spä­ter am Abend in der Gra­ben­hal­le fest­stel­len soll­te. So schnell woll­te man sich nicht ge­schla­gen ge­ben, hat kur­zer­hand ein brei­tes Bünd­nis auf die Bei­ne ge­stellt und zur De­mo ge­gen rechts auf­ge­ru­fen. Al­les von der Po­li­zei be­wil­ligt und an die­sem Abend auch her­vor­ra­gend über­wacht, in­klu­si­ve Droh­nen­über­flug und et­was Ab­seits in den Gas­sen – für die De­mo­teil­neh­men­den nicht sicht­bar – im Be­reit­schafts­mo­dus ste­hen­de Ein­satz­fahr­zeu­ge mit auf­ge­pflanz­ten Räum­schil­den.

Fried­li­che, un­ge­stör­te De­mo

In die­ser Wei­se vor all­fäl­li­gen rech­ten Stö­ren­frie­den be­schützt, kehr­te bald ei­ne fried­li­che, ge­mein­schaft­li­che, aber auch be­tont an­ti­fa­schis­ti­sche Stim­mung ein vor dem Va­di­an­denk­mal. Da­zu bei­getra­gen hat aber we­ni­ger das Si­cher­heits­dis­po­si­tiv, son­dern vor al­lem das red­ne­ri­sche und mu­si­ka­li­sche Rah­men­pro­gramm. Für die Po­li­zei blieb es bei der Tro­cken­übung, die be­fürch­te­ten rech­ten Stör­ma­nö­ver blie­ben aus.

His­to­ri­ker und Ak­ti­vist Mat­thi­as Fäss­ler er­in­ner­te in sei­ner An­spra­che dar­an, wie rechts­extre­mis­ti­sche Um­trie­be auch bei uns in der Re­gi­on seit 1945 schon im­mer klein­ge­re­det, ba­ga­tel­li­siert oder als Pro­blem in an­de­ren Län­dern lo­ka­li­siert wur­den. Er ap­pel­lier­te an das brei­te zi­vil­ge­sell­schaft­li­che En­ga­ge­ment und die Fä­hig­keit, Wi­der­sprü­che aus­zu­hal­ten, um die de­mo­kra­ti­schen In­sti­tu­tio­nen wie den Rechts­staat oder die Men­schen­rech­te zwar im­mer wie­der zu kri­ti­sie­ren, zu re­for­mie­ren, aber sie vor al­lem in ih­rem Kern zu be­wah­ren vor den An­grif­fen von Ideo­lo­gien, die kei­ne Wi­der­sprü­che zu­las­sen.

Künst­le­rin Ju­lia Ku­bik merk­te in ih­rer Re­de an: «Um es als pa­the­ti­sche Kühl­schrank­post­kar­te zu sa­gen: Das ein­zig Be­stän­di­ge ist der Wan­del.» Auch dar­um sei sie ge­gen rechts­extre­me Welt­bil­der, wo­nach al­les ei­nen fest­be­stimm­ten Platz ha­ben, al­les in or­dent­li­chen Bah­nen ver­lau­fen, je­de Le­bens­form vor­her­seh- und be­herrsch­bar sein müs­se. «Wir wol­len eu­re auf­ge­räum­ten Stadt­bil­der nicht», mein­te Ku­bik un­ter dem Ap­plaus der Men­ge, «wir ha­ben un­se­re ei­ge­nen!»

Julia Kubik verbindet in ihrer Rede gekonnt Autobiografisches, Heraklit und Antifaschismus.

Ist sichtlich erleichter, dass doch noch ein Anlass gegen rechts stattfinden konnte: Diego Müggler, Co-Präsident der Jungen Grünen.

Auch der Co-Prä­si­dent der Jun­gen Grü­nen, Die­go Mügg­ler, liess es sich nicht neh­men, an die­sem so gut be­such­ten «Er­satz­an­lass» für ih­ren ab­ge­sag­ten Vor­trags­abend das Wort zu er­greif­fen. Sei­ne Kri­tik rich­te­te sich vor al­lem an die bür­ger­li­chen Par­tei­en, die das Pro­blem noch im­mer nicht er­kannt und bei­spiels­wei­se im ver­gan­ge­nen Herbst im Kan­tons­rat die Gel­der für die Ex­tre­mis­mus­prä­ven­ti­on ge­kürzt hät­ten, «um da­für den Rei­chen noch et­was mehr die Steu­ern sen­ken zu kön­nen».

Und An­drea Scheck, bis vor Kur­zem noch SP-Kan­to­nal­prä­si­den­tin, be­rich­te­te von ih­ren Er­leb­nis­sen am 14. Fe­bru­ar. Sie war an der Ge­gen­de­mo ge­gen Mass-voll und Jun­ge Tat und al­so Teil je­ner Grup­pe, die von der Po­li­zei mit­un­ter hef­tig an­ge­gan­gen – es wur­de viel ge­pfef­fert, ein Ge­gen­de­mons­trant brach sich ei­ne Rip­pe – und in der Pres­se spä­ter als «links­extre­mis­tisch» ge­la­belt wur­de, wäh­rend die Hel­le­bar­dis­ten als «Impf­skep­ti­ker» ver­harm­lost wur­den. Scheck sel­ber, die nach ei­ge­nen An­ga­ben mit ei­ner Freun­din le­dig­lich am Stras­sen­rand ge­stan­den, ein Papp­schild hoch­ge­hal­ten und ge­buht ha­be, sei von der Po­li­zei mit kör­per­li­cher Ge­walt vom Ge­sche­hen weg­ge­zo­gen und für 24 Stun­den aus der Stadt, in der sie lebt, ver­wie­sen wor­den. Wäh­rend die­sel­be Po­li­zei den un­be­wil­lig­ten, be­waff­ne­ten Um­zug der Rech­ten ein­fach ge­wäh­ren liess. Sie wies schliess­lich auf die Ver­ein­nah­mung des fe­mi­nis­ti­schen Spruchs «Mein Kör­per, mei­ne Frei­heit» hin und gab die­se der Lä­cher­lich­keit preis, da der Slo­gan auch aus Mün­dern von Män­nern kam, die den weib­li­chen Kör­per an­sons­ten auf des­sen Ge­bär­fä­hig­keit re­du­zier­ten.

Aus­klang in der Gra­ben­hal­le

Mu­si­ka­lisch run­de­ten Punk­Pau­la mit zwei hüb­schen Bal­la­den (inkl. stim­mi­gem St.Man­gen­glo­cken-Ou­t­ro) und Si­mon Hotz mit zwei ker­ni­gen Ar­bei­ter:in­nen­lie­dern die Platz­kund­ge­bung vor dem Va­di­an­denk­mal ab. Der Abend war da­mit aber noch nicht ge­lau­fen. Ein Gross­teil folg­te Mat­thi­as Fäss­lers Ein­la­dung in die Gra­ben­hal­le, wes­halb sich dann doch noch ei­ne Art De­mons­tra­ti­ons­zug durch die Alt­stadt in Be­we­gung setz­te. Was will man auch ma­chen, wenn al­le das­sel­be Ziel ha­ben? Die Po­li­zei hat­te ein Ein­se­hen und re­gel­te den Ver­kehr, wäh­rend der Tross an­ti­fa­schis­ti­sche Pa­ro­len skan­die­rend über den Markt­platz durch die Metz­ger­gas­se hin­auf zur Gra­ben­hal­le zog.

Es kommt doch noch zum spontanen Umzug.

Die Polizei ist an diesem Abend wenig gefordert und hat die Situation im Griff.

Die Hüt­te füll­te sich rasch, das In­ter­es­se am Vor­trag von Re­cher­cheu­rin Lot­ta Mai­er – al­so doch noch ein Ex­pert:in­nen­ge­spräch! – war im­mens. Die Stuhl­rei­hen und die Steh­plät­ze wa­ren bald be­setzt. Mai­er gab Ein­bli­cke in die ak­tu­el­len rechts­extre­mis­ti­schen Strö­mun­gen in der Schweiz und dar­über hin­aus. Und sie stell­te St.Gal­len punk­to An­ti­fa­schis­mus ein gu­tes Zeug­nis aus. Sie ver­or­tet den fa­schis­ti­schen Hot­spot der­zeit eher in der Re­gi­on Zür­cher Ober­land/Tog­gen­burg. Und vom Kö­nig­reich Deutsch­land, das sich vor we­ni­gen Jah­ren im «Ap­pen­zel­ler­hof» in Spei­cher ein­nis­ten woll­te, sei dank des «auf­merk­sa­men zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen En­ga­ge­ments» im Mo­ment rein gar nichts mehr zu hö­ren.

Es gab vie­le Pu­bli­kums­fra­gen, es hät­te ver­mut­lich noch hun­der­te mehr ge­ge­ben, und Mai­er hät­te auch noch lan­ge wei­ter­erzäh­len kön­nen. Doch bald dräng­ten – wie frü­her je­weils bei den Stadt­ge­sprä­chen von Ku­bik und Fäss­ler – die Don­ners­tags-Ping­pöng­ler:in­nen in die Hal­le und ver­bann­ten das ernst­zu­neh­men­de wie läs­ti­ge The­ma Rechts­extre­mis­mus in die küh­le März­nacht hin­aus und ver­schaff­ten so end­lich der ge­müt­li­chen Hal­len­beiz­stim­mung Raum, die sich her­vor­ra­gend mit dem ge­stärk­ten Ge­mein­schafts­ge­fühl ei­nes er­mu­ti­gen­den, fried­li­chen und in­for­ma­ti­ven De­mo­abends ge­gen rechts ver­band. So geht An­ti­fa­schis­mus.

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