Hellebarden und Etikettenschwindel

Rechts vor den Mass-Voll-Fahnen: Mitglieder der Jungen Tat. (Bilder: Matthias Fässler)

In St.Gallen fand am vergangenen Samstag einer der grössten und militantesten rechtsradikalen Aufmärsche der letzten Jahre statt – toleriert von einer überforderten lokalen Polizei. Um die angekündigte Impfkritik ging es dabei nur am Rande.

Ei­gent­lich soll­te es an die­sem ver­reg­ne­ten Sams­tag­nach­mit­tag ums Imp­fen ge­hen. Kon­kret um das neue kan­to­na­le Ge­sund­heits­ge­setz, in dem ei­ne Art Impf­ob­li­ga­to­ri­um für «be­son­ders ex­po­nier­te Per­so­nen» fest­ge­schrie­ben wer­den soll – in­klu­si­ve fest­ge­leg­ter Bus­se von bis zu 20’000 Fran­ken für je­ne, die sich nicht dar­an hal­ten. Meh­re­re Schwei­zer Kan­to­ne ken­nen be­reits sol­che oder ähn­li­che Ge­setz­ge­bun­gen, die sich auf das na­tio­na­le Epi­de­mien­ge­setz von 2012 stüt­zen.

An­ge­kün­digt wa­ren zwei De­mons­tra­tio­nen, an un­ter­schied­li­chen Or­ten und zu un­ter­schied­li­chen Zei­ten. Die ers­te von «Mass-Voll», ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on, die im Zu­ge der Co­ro­na­pan­de­mie ent­stan­den war und sich als «Be­we­gung für Frei­heit, Sou­ve­rä­ni­tät und Grund­rech­te» ver­steht. Die zwei­te von ei­nem lo­sen Zu­sam­men­schluss, der un­ter dem Na­men «mei­ne­ent­schei­dung» erst kürz­lich ge­grün­det wur­de. 

We­nig über­ra­schend hat sich mit Blick auf die ers­te De­mons­tra­ti­on von Mass-Voll am En­de ge­zeigt: Ums Imp­fen ging es hier nur vor­der­grün­dig.

Impf­kri­tik als Eti­ket­ten­schwin­del

Denn die von Ni­co­las Ri­mol­di an­ge­führ­te Or­ga­ni­sa­ti­on Mass-Voll ist längst kei­ne rein mass­nah­men- oder impf­kri­ti­sche Be­we­gung mehr, die sie in ih­ren An­fangs­zei­ten al­len­falls mal war. Sie hat sich im Wind­schat­ten der Co­ro­na­pro­tes­te und spä­ter von ein biss­chen Op­po­si­ti­on ge­gen die E-ID zu ei­ner rechts­ra­di­ka­len Grup­pie­rung ge­wan­delt, der so­gar die Asyl- und Mi­gra­ti­ons­po­li­tik der SVP zu lasch ist. Sie sucht (und fin­det) schon län­ger die Nä­he zu rechts­extre­men Grup­pie­run­gen wie der Iden­ti­tä­ren Be­we­gung in Ös­ter­reich oder der Jun­gen Tat in der Schweiz. Auf Te­le­gram ruft sie of­fen zu «Re­mi­gra­ti­on» auf und ver­brei­tet an­ti­se­mi­ti­sche Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien, et­wa je­ne nach dem «Gre­at Re­set».

In zahl­rei­chen Me­di­en wie dem «Tag­blatt», der NZZ oder auch TVO durf­ten sie den­noch als ver­gleichs­wei­se harm­lo­se «Impf­kri­ti­ker» oder «Impf­geg­ner» auf­tre­ten. Es ist ein Eti­ket­ten­schwin­del, den Mass-Voll seit Jah­ren er­folg­reich be­treibt.

Es war dar­um auch kaum über­ra­schend, dass an die­sem Sams­tag nicht nur rund 25 Per­so­nen der Jun­gen Tat an der Mass-Voll-De­mo teil­nah­men. Es wa­ren die­se vor­nehm­lich jun­gen Män­ner, die sich an der Spit­ze des De­mons­tra­ti­ons­zu­ges fest­setz­ten und den Rhyth­mus und spä­ter auch die Rou­te vor­ga­ben. Un­ter den Teil­neh­men­den be­fan­den sich aus­ser­dem West­schwei­zer Ne­me­sis-Ak­ti­vist:in­nen und ei­ne Grup­pe christ­li­cher Fun­da­men­ta­lis­ten. Und mit San­dro Su­bo­tic auch min­des­tens ein ehe­ma­li­ges Mit­glied der SVP. 

Mit Hel­le­bar­den ge­gen die kör­per­li­che Un­ver­sehrt­heit

Da­bei war am An­fang noch gar nicht klar, ob die De­mons­tra­ti­on über­haupt statt­fin­den kann. Wie die Me­di­en­spre­che­rin der St.Gal­ler Stadt­po­li­zei, Fa­bi­en­ne Schenk, mit­teil­te, ha­be man die De­mons­tra­ti­on an­fangs nicht los­zie­hen las­sen, weil es in der In­nen­stadt zu «il­le­ga­len Stör­ak­tio­nen» ge­kom­men sei, wo­durch die Si­cher­heit ge­fähr­det ge­we­sen sei. Zu­dem hät­ten meh­re­re De­mo­teil­neh­mer von Mass-Voll Hel­le­bar­den mit sich ge­führt und sich ge­wei­gert, sich die­se ab­zu­le­gen. 

Kurz vor 13 Uhr ver­kün­de­te die Po­li­zei des­halb durchs Me­ga­fon auf der Kreu­zung vor der UBS, dass die De­mons­tra­ti­on auf­ge­löst wer­de und man sich straf­bar ma­che, wenn man den Platz nicht in­ner­halb von fünf Mi­nu­ten ver­las­se. 

Den­noch setz­te sich die rund 300 bis 400 Per­so­nen un­ter der Füh­rung der Jun­gen Tat in Be­we­gung – oh­ne Ge­gen­wehr der Po­li­zei. Der il­le­ga­le De­mons­tra­ti­ons­zug führ­te un­ter «Li­ber­té»- und «Schwiiz zerst!»-Ru­fen ein­mal quer durch die In­nen­stadt. Die Po­li­zei wirk­te da­bei so über­for­dert wie un­ent­schlos­sen. Als der Pulk durch die Mul­ter­gas­se zog, po­si­tio­nier­ten sich für ei­nen kur­zen Mo­ment fünf Po­li­zis­ten in der Gas­se und blo­ckier­ten den Weg. Nur um we­ni­ge Se­kun­den da­nach den Weg doch wie­der frei­zu­ma­chen.

Oh­ne­hin un­ter­nahm die Po­li­zei viel, um die De­mons­tra­ti­on durch die Stadt zu ge­lei­ten. Mit Weg­wei­sun­gen ge­gen ein­zel­ne Ge­gen­de­mons­trant:in­nen, die ge­mäss meh­re­ren Be­trof­fe­nen münd­lich und für 24 Stun­den aus­ge­spro­chen wur­den. Aber auch mit bru­ta­ler Här­te, wie ein Vi­deo zeigt, das Sai­ten vor­liegt. Zi­vil­be­am­te ver­such­ten zwei Ge­gen­de­mons­trant:in­nen zu Bo­den zu zer­ren, ver­setz­ten min­des­tens ei­nem meh­re­re Trit­te und schlu­gen sie mit ei­nem Schlag­stock, oh­ne dass die­se sich merk­lich weh­ren wür­den. Ge­gen halb Zwei kam die De­mons­tra­ti­on wie­der am Ver­samm­lungs­ort am Bahn­hof an. 

Po­li­zei: «Ein­satz grund­sätz­lich gut ver­lau­fen»

Nach­fra­ge am Sams­tag­abend bei der Me­di­en­stel­le der St.Gal­ler Stadt­po­li­zei: Hat die Po­li­zei an die­sem ja auch un­über­sicht­li­chen Sams­tag­nach­mit­tag Feh­ler ge­macht? Grund­sätz­lich sei der Ein­satz gut ver­lau­fen, sagt Schenk. Man ha­be ei­ne Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen Per­so­nen aus der lin­ken Sze­ne und Teil­neh­men­den der un­be­wil­lig­ten De­mons­tra­ti­on ver­hin­dern kön­nen. Zu­dem sei es zu kei­nen Sach­be­schä­di­gun­gen ge­kom­men. Um ei­ne Es­ka­la­ti­on und auch «Aus­wir­kun­gen auf Drit­te» zu ver­hin­dern, ha­be man den De­moum­zug nicht um je­den Preis stop­pen wol­len. «Die Po­li­zei muss im­mer ver­hält­nis­mäs­sig blei­ben.»

War­um wur­den die Tei­neh­men­den der of­fen­sicht­lich il­le­ga­len De­mons­tra­ti­on nicht an­ge­hal­ten? Es sei rich­tig, dass je­de Per­son, die an die­ser De­mo teil­ge­nom­men ha­be, sich straf­bar ge­macht ha­be. Ob die Po­li­zei die Ab­sicht hat­te, die De­mons­tra­ti­on ein­zu­kes­seln, kön­ne aber aus «po­li­zei­tak­ti­schen Grün­den» nicht ge­sagt wer­den. 

Den oben ge­schil­der­ten Fall mut­mass­li­cher Po­li­zei­ge­walt sieht Fa­bi­en­ne Schenk an­ders. Es ha­be sich um ei­nen An­griff auf ei­nen Po­li­zis­ten ge­han­delt, der dann aus Not­wehr Pfef­fer­spray ein­ge­setzt ha­be. Ob es sich um ei­nen Teil­neh­mer der Mass-Voll-De­mo oder ei­nen Ge­gen­de­mons­tran­ten ge­han­delt ha­be, kön­ne sie nicht sa­gen. Auf dem Vi­deo ist je­doch klar zu se­hen, dass die Per­son, die im obi­gen Fall be­schrie­ben wird, weit vor der Mass-Voll-De­mo läuft, al­so sicht­bar nicht da­zu­ge­hör­te. Hin­zu kommt, dass sie ei­ne FFP-2-Mas­ke trägt, die in der Mass-Voll-Sze­ne ver­pönt ist. Es ist je­doch nicht da­von aus­zu­ge­hen, dass Schenk und Sai­ten vom sel­ben Vor­fall spre­chen. 

In der Multergasse postieren sich kurzzeitig Polizeibeamte.

Of­fen­sicht­lich ist, dass die Po­li­zei an­fangs auf dem Korn­haus­platz tak­ti­sche Feh­ler be­gan­gen hat und es ihr nicht ge­lun­gen ist, das Los­lau­fen zu ver­hin­dern – trotz Gross­auf­ge­bots vor Ort, das man sonst nur von Fuss­ball­spie­len kennt. Hin­zu ka­men zahl­rei­che zi­vi­le Po­li­zist:in­nen, die es spä­ter auch mit­tels Reiz­stoff-Ein­sat­zes doch noch fer­tig brach­ten, die Mass-Voll-De­mons­tra­ti­on kurz­zei­tig zu stop­pen. 

Auch dass es die Po­li­zei nicht ge­schafft oder ent­schlos­se­ner ver­sucht hat, die De­mons­tra­ti­on fest­zu­set­zen, ist min­des­tens ir­ri­tie­rend, ge­ra­de auch wenn man sich vor Au­gen führt, dass es der Stadt­po­li­zei in Bern ge­ra­de erst kürz­lich ge­lun­gen ist, an­läss­lich ei­ner Pa­läs­ti­na­de­mo 536 Per­so­nen ein­zu­kes­seln und die Per­so­na­li­en fest­zu­stel­len.

Ir­ri­tie­rend wirkt auch, wie die Po­li­zei ver­such­te, Mass-Voll noch auf dem Korn­haus­platz von ei­nem «Kom­pro­miss» zu über­zeu­gen, um «me­di­al ei­nen gu­ten Auf­tritt zu ha­ben», wie auf ei­nem von Mass-Voll auf Face­book ver­öf­fent­lich­ten Vi­deo zu se­hen ist. Ei­ne Po­li­zei auf Ku­schel­kurs. Ri­mol­di ant­wor­te­te dar­auf üb­ri­gens tro­cken: «Das bringt nichts.» In ei­nem an­de­ren Vi­deo wird er spä­ter er­klä­ren: «Mit un­se­ren Hel­le­bar­den und Kampf­schil­dern ha­ben wir die Po­li­zei weg­ge­drückt.» Und wei­ter: «Das ers­te Mal seit fünf Jah­ren hat Mass-Voll wie­der ei­ne Po­li­zei­wand durch­bro­chen.» Der me­dia­le und öf­fent­li­che Auf­schrei fällt bis­lang er­schre­ckend ver­hal­ten aus.

«Lin­ke Stö­ren­frie­de»

Das Vor­ge­hen der Po­li­zei ir­ri­tiert auch dar­um, weil die lin­ken Ge­gen­pro­tes­te an Harm­lo­sig­keit kaum zu über­bie­ten wa­ren, ge­ra­de auch im Ver­gleich zu den of­fen ag­gres­siv und mi­li­tant auf­tre­ten­den Teil­neh­mer:in­nen der Mass-Voll­de­mo. 

Ge­gen 12:30 Uhr hat­te sich beim Markt­platz ei­ne über­schau­ba­re klei­ne Ge­gen­de­mo ge­bil­det, die sich in Rich­tung Bahn­hof be­weg­te. An­de­ren­orts zo­gen klei­ne Grup­pen mit Papp­kar­tons durch die In­nen­stadt.

Er­staun­lich ist in der me­dia­len, aber auch po­li­zei­li­chen Be­richt­erstat­tung, wie leicht es den Au­tor:in­nen fällt, die Ge­gen­pro­tes­te als «links» zu ver­or­ten, wäh­rend die Mass-Voll-De­mons­tra­ti­on zwar als «il­le­gal», aber po­li­tisch qua­si neu­tra­le An­samm­lung er­scheint. In der Me­di­en­mit­tei­lung der Stadt­po­li­zei fin­det sich mehr­mals der Ver­weis auf ei­ne lin­ke Sze­ne, von rechts oder rechts­extrem liest man hin­ge­gen nichts. Ei­nem Au­toren im «Tag­blatt» ist es da­zu noch ein be­son­de­res An­lie­gen, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass sich die Ge­gen­de­mons­trant:in­nen um 13:12 Uhr ge­trof­fen hät­ten. Der Zah­len­code, so ler­nen wir, ste­he für den Schlacht­ruf «All Cops are Bas­tards» und ha­be kürz­lich bei ei­nem Aus­wärts­spiel des FC St.Gal­lens für Schlag­zei­len ge­sorgt. Ir­gend­wo muss man die lin­ke Ge­walt ja dann noch fin­den, wenn schon die Pro­tes­te so fried­lich und harm­los wa­ren.

War­um hat man sich ei­gent­lich beim Bünd­nis «Ost­schweiz na­zifrei» da­ge­gen ent­schie­den, ei­ne be­wil­lig­te De­mons­tra­ti­on an­zu­mel­den? Auf An­fra­ge schreibt es, es sei von An­fang an klar ge­we­sen, dass man sich nicht auf staat­li­che Be­wil­li­gungs­pro­zes­se ver­las­sen wol­le. «Die letz­ten Jah­re ha­ben deut­lich ge­zeigt: Wenn rechts­extre­me und of­fen fa­schis­ti­sche Grup­pen wie Mass-Voll oder Jun­ge Tat mo­bi­li­sie­ren, wer­den sie ge­schützt, selbst wenn sich be­waff­ne­te Neo­na­zis un­ter ih­nen be­fin­den.» Es sei zu­dem kein Zu­fall, dass Neo­na­zis zu­neh­mend ver­su­chen wür­den, in Rand­re­gio­nen der Schweiz zu mo­bi­li­sie­ren. 

Das Bünd­nis kri­ti­siert zu­dem das Vor­ge­hen der Po­li­zei: Be­am­te in Voll­mon­tur sei­en oh­ne Vor­war­nung ge­gen De­mons­trie­ren­de vor­ge­gan­gen, hät­ten sie zu Bo­den ge­ris­sen und Pfef­fer­spray ein­ge­setzt. Es be­rich­tet da­von, dass ein­zel­ne Per­so­nen in Ge­wahr­sam ge­nom­men wur­den und min­des­tens zwei Men­schen we­gen Pfef­fer­spray­ein­sat­zes durch das ei­ge­ne Sa­ni­täts­kol­lek­tiv be­han­delt wer­den muss­ten. 

Free­style ge­gen das Imp­fen

Ein Au­gen­schein bei der zwei­ten De­mons­tra­ti­on, die rund ei­ne Stun­de spä­ter als je­ne von Mass-Voll be­gann. Im St.Le­on­hard­spark ver­sam­mel­ten sich rund 400 bis 500 Per­so­nen. Von der Büh­ne her dröhn­te lau­te Mu­sik, in der Luft hing ein lau­er Ha­schisch-Ge­ruch. Zehn Mi­nu­ten spä­ter setz­te sich auch die­se De­mons­tra­ti­on in Be­we­gung, be­wil­ligt. An der Spit­ze mar­schier­ten die Frei­heits­trych­ler und ga­ben mit den Glo­cken den Ton an. Die Frau, die am En­de des De­mons­tra­ti­ons­zu­ges aus ei­nem Mi­kro­fon free­style ge­gen das Imp­fen an­rapp­te, ver­stand man nur schlecht. Ir­gend­wo da­zwi­schen spiel­te ei­ner Du­del­sack, be­glei­tet von ei­ner Trom­mel.

Man ha­be Mass-Voll an­ge­bo­ten, die De­mons­tra­ti­on ge­mein­sam durch­zu­füh­ren, er­zähl­te Mit­or­ga­ni­sa­tor Mar­tin Va­sic auf Nach­fra­ge. Je­doch un­ter der Be­din­gung, dass kei­ne Ver­eins- oder Par­tei­lo­gos auf­tau­chen wür­den. Aber Mass-Voll woll­te nicht. Ein Pro­blem mit der rechts­ra­di­ka­len Ge­sin­nung von Mass-Voll und an­de­ren Grup­pie­run­gen, die an der ers­ten De­mons­tra­ti­on mit­ge­gan­gen sind, ha­be er nicht. Es wä­re nur dann ein Pro­blem ge­we­sen, wenn sie die­se Mei­nung auf der De­mo ver­tre­ten hät­ten. «Uns geht es ums Imp­fen, dar­um, dass nie­mand ent­schei­det, was man in un­se­ren Kör­per spritzt. Da geht es nicht um links oder rechts.»

Ja­s­ti­ne Deiss, ei­ne der Mit­or­ga­ni­sa­to­rin­nen von «mei­ne­ent­schei­dung», kan­di­dier­te 2023 für Mass-Voll für den St.Gal­ler Kan­tons­rat.

Die Demonstration von "meineentscheidung" mit Start im St.Leonhardspark ...

... verlief ohne Zwischenfälle.

Ein an­de­rer Teil­neh­mer er­zähl­te, er ha­be ei­gent­lich an bei­den De­mons­tra­tio­nen teil­neh­men wol­len. Die Po­si­ti­on, die er mit Mass-Voll tei­le, sei die Kri­tik an der Impf­pflicht. Aber na­tür­lich un­ter­stüt­ze er auch an­de­re Po­si­tio­nen, et­wa zu Mi­gra­ti­on, wel­che Mass-Voll ver­tre­te. «Wir müs­sen schon schau­en, was wir neh­men und was nicht.» Und so­wie­so, heu­te sei doch schon je­der rechts, der das Ge­schlecht sei­ner El­tern aus­ein­an­der­hal­ten kön­ne. 

Ei­ne ge­wis­se Frei­wil­lig­keit be­stehe zwar noch im­mer, sag­te ei­ne Hel­fe­rin. Schliess­lich kön­ne man auch mit dem neu­en Ge­sund­heits­ge­setz im Fal­le ei­nes Impf­ob­li­ga­to­ri­ums ein­fach sei­nen Be­ruf auf­ge­ben, falls man sich nicht imp­fen las­sen wol­le. «Aber es bleibt ei­ne Form von Nö­ti­gung.» Mit ei­ner Imp­fung sei im­mer ein Ri­si­ko ver­bun­den. «Und ich fin­de, je­der Mensch soll­te das sel­ber ab­schät­zen kön­nen und nicht vom Staat ge­zwun­gen wer­den.» Sie kom­me zwar aus Ba­den, wür­de aber das Re­fe­ren­dum un­ter­stüt­zen, das die In­iti­ant:in­nen hof­fent­lich er­grei­fen, wenn das Ge­setz so um­ge­setzt wer­den soll­te.

Wer in der De­mo­kra­tie schla­fe, der wa­che in ei­ner Dik­ta­tur auf, sag­te ei­ne an­de­re De­mo­teil­neh­me­rin. Und man le­be schon jetzt in ei­ner Dik­ta­tur. Vie­le hier be­rich­te­ten da­von, wie Co­ro­na ei­ne Art Er­we­ckungs­mo­ment ge­we­sen sei, da die staat­li­che Kon­trol­le Über­hand ge­nom­men ha­be. 

Wer mit den Men­schen hier sprach, der fand ei­ne gan­ze Pa­let­te an Ar­gu­men­ten und Über­zeu­gun­gen: von ein­fa­cher Impf­kri­tik oder -skep­sis bis hin zu gros­sen Er­zäh­lun­gen et­wa dar­über, dass die Schwei­zer Re­gie­rung von der WHO un­ter­wan­dert sei. Auf ei­nem klei­nen Schild stand: «Impf­zwang St.Gal­len: Glo­ba­lis­ti­scher Ab­lass­han­del». 

Was sie ver­bin­det, ist auch ein ge­ne­rel­les Miss­trau­en ge­gen­über dem Staat, «den» Be­hör­den. Und wohl auch das Ge­fühl ei­ner Art per­sön­li­cher Krän­kung durch sol­che Be­stim­mun­gen wie dem neu­en kan­to­na­len Ge­sund­heits­ge­setz, die so gross sein muss, dass man da­ge­gen auf die Stras­se geht. Ein Ge­setz, das fak­tisch kein Impf­zwang ist, son­dern ein Ob­li­ga­to­ri­um für ge­wis­se Be­rufs­grup­pen, dem man als be­trof­fe­ne Per­son aber auch aus­wei­chen kann – et­wa durch ei­ne an­de­re Tä­tig­keit oder not­falls ei­ne an­de­re Stel­le.

Ge­kränk­te Frei­heit

Von ei­nem Ge­fühl der «ge­kränk­ten Frei­heit» schrie­ben auch die So­zio­log:in­nen Oli­ver Nachtwey und Ca­ro­li­ne Am­lin­ger. In ih­rem im Nach­gang zur Co­ro­na­pan­de­mie 2023 ver­öf­fent­li­chen Buch schrei­ben sie von ei­nem li­ber­tä­ren Au­to­ri­ta­ris­mus, der in der Mass­nah­men­kri­ti­ker:in­nen- und Quer­den­ker:in­nen­sze­ne sicht­bar ge­wor­den sei. Li­ber­tär dar­um, weil vie­le ei­ne Art frei­heit­li­chen Hy­per­in­di­vi­dua­lis­mus pro­pa­gie­ren wür­den, der sich jen­seits ge­sell­schaft­li­cher Ver­ant­wor­tung und So­li­da­ri­tät ver­steht. Und au­to­ri­tär, weil sich die­ses Frei­heits­ver­ständ­nis als ab­so­lut dar­stel­le, kei­nen Raum mehr las­se für de­mo­kra­ti­sche Aus­hand­lung. Au­to­ri­tär aber auch, weil sich ver­mehrt Be­stra­fungs­phan­ta­sien of­fen­ba­ren wür­den. Ge­gen­über den­je­ni­gen, die für die Mass­nah­men ver­ant­wort­lich ge­macht wer­den. Phan­ta­sien, die sich auch in die­ser De­bat­te um ein Impf­ob­li­ga­to­ri­um ver­schie­dent­lich zeig­ten. 

Dass in die­sem Vul­gär­in­di­vi­dua­lis­mus na­tür­lich im­mer auch ein biss­chen neo­li­be­ra­le Wirt­schafts­leh­re steckt, scheint of­fen­sicht­lich. Wenn wir al­le nur mög­lichst auf uns sel­ber und den per­sön­li­chen Er­folg schau­en, dann nützt das am En­de der Ge­sell­schaft am meis­ten. Je­der für sich. Und am En­de auch ir­gend­wie: al­le ge­gen al­le.

Ri­mol­di und Mass-Voll ha­ben die­se li­ber­tä­re Ver­klei­dung längst ab­ge­legt. Das Au­to­ri­tä­re zeigt sich ganz of­fen­kun­dig. Jüngst et­wa auch in De­por­ta­ti­ons­phan­ta­sien ge­gen­über Schwei­zer Bür­ge­rin­nen wie der Po­li­ti­ke­rin Sa­ni­ja Ame­ti. Aber auch in ei­ner ra­di­ka­li­sier­ten Rhe­to­rik. «Wer uns im Weg steht, geht wie Sa­ni­ja Ame­ti un­ter», schrei­ben Mass-Voll in ih­rem Te­le­gram­ka­nal. Im Nach­gang zur De­mo pro­kla­mie­ren sie: «Wir füh­ren. Wir über­neh­men. Wir ha­ben den Staat und sei­ne Scher­gen be­siegt. Der Sieg ist UN­SER!»

Was sich bei Mass-Voll zeigt, ist ei­ne Art Sa­lat­bar-Ex­tre­mis­mus, wo man sich über­all ein biss­chen be­dient: ein biss­chen Eth­no­plu­ra­lis­mus, ein biss­chen Impf- und Staats­kri­tik, Que­er­feind­lich­keit und na­tio­na­le Hei­mat­tü­me­lei. Und sich da­bei aber gleich­zei­tig stets als un­ideo­lo­gisch, als jen­seits von «links und rechts» dar­zu­stel­len ver­sucht, als Be­we­gung, der es im Grund­satz um in­di­vi­du­el­le Frei­heits­rech­te geht. 

Kornhausplatz: Hier hatte die Polizei die Lage noch unter Kontrolle.

Der Ak­ti­vis­mus von Mass-Voll, aber auch der Jun­gen Tä­ter und ähn­li­chen Grup­pie­run­gen geht ein­her mit ei­ner Form mi­li­tan­ter Männ­lich­keit, die auf­ge­peitscht wirkt wie auf Ko­ka­in. Und die sich nicht nur im ag­gres­si­ven Auf­tre­ten in der Öf­fent­lich­keit zeigt, an ei­ner Lust an Es­ka­la­ti­on und Ge­walt, son­dern auch stark über Sym­bo­le funk­tio­niert: über Be­grüs­sungs­ri­tua­le, Hel­le­bar­den, Zi­gar­ren. 

Neo­fa­schis­ti­sche Ri­tua­le auf dem Korn­haus­platz

Wäh­rend die De­mons­tra­ti­on für Impf­frei­heit im Gleich­schritt der Glo­cken durch die In­nen­stadt zog und wie­der im St.Le­on­hard­spark en­den wird, such­ten Mit­glie­der der Jun­gen Tat ge­zielt nach lin­ken Ge­gen­de­mons­trant:in­nen. Noch kurz zu­vor hat­ten sie auf dem Bahn­hofs­platz ei­nem Ak­ti­vis­ten des «Kol­lek­tiv Ne­me­sis» ge­dacht, der in Ly­on bei ei­ner «Ak­ti­on ge­gen ei­ne links­ra­di­ka­le Pa­läs­ti­na­ak­ti­vis­tin» ge­tö­tet wor­den sei. Ein Ak­ti­vist der Jun­gen Tat stand er­höht über dem Trans­pa­rent mit der Auf­schrift «Kein Impf­zwang» und schrie den Na­men des Ak­ti­vis­ten, die Men­ge ant­wor­tet «pre­sen­te», dar­auf folg­te ei­ne Schwei­ge­mi­nu­te. Das ur­sprüng­lich links-an­ti­fa­schis­ti­sche Ri­tu­al ist heu­te von neo­fa­schis­ti­schen Auf­mär­schen be­kannt, et­wa in Ita­li­en.

Ak­tu­ell wür­den meh­re­re An­zei­gen we­gen un­ter­schied­li­cher Tat­be­stän­de ge­prüft, sagt Fa­bi­en­ne Schenk. Grund­sätz­lich hät­ten sich al­le Per­so­nen, die an der Mass-Voll-De­mons­tra­ti­on teil­ge­nom­men hat­ten, straf­bar ge­macht. Man wer­de in den nächs­ten Tag un­ter an­de­rem auch mit Vi­deo­bil­dern aus­wer­ten, wer ge­nau sich in wel­chem Um­fang straf­bar ge­macht ha­be. Ob die Teil­neh­men­den der Ge­gen­de­mons­tra­ti­on, die von der Po­li­zei auf­ge­löst wur­de, an­ge­zeigt wer­den, ist ak­tu­ell noch un­klar. Si­cher mit ei­ner An­zei­ge rech­nen müs­sen je­doch die Ver­an­stal­ter der Mass-Voll-De­mons­tra­ti­on, die ge­gen die Be­wil­li­gungs­auf­la­gen ver­stos­sen ha­ben, schreibt die Po­li­zei.

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