Anti-Corona-Demos in Chur, Liestal, Altdorf, Schaffhausen und zuletzt Rapperswil – von überall her pilgert das oppositionelle Volk mittlerweile in die Kleinstädte. Auch in der Hoffnung, dass man an der Peripherie weniger polizeiliche Repression zu befürchten hat als in Zürich, Basel oder Bern. Bisher ist diese Rechnung aufgegangen.
Im Vorfeld der unbewilligten Demo vom letzten Samstag in Rapperswil hat die Polizei in den Sozialen Medien eindringlich dazu aufgerufen, nicht zu kommen.
Das tat sie auch im Rahmen der sogenannten Osterkrawalle in der Kantonshauptstadt. Doch anders als bei den Jugendlichen in St.Gallen hat sie die Leute in Rapperswil nicht gleich am Bahnhof abgefangen und aufgrund ihres Aussehens kollektiv für 30 Tage weggewiesen. Aus Gründen der Verhältnismässigkeit.
Das ist auch richtig so. Kollektivstrafen mögen zwar legal sein, aber nicht unbedingt legitim. Gemäss Medienmitteilung der Kapo wurden bei über 4000 Teilnehmenden in Rapperwil 45 Wegweisungen ausgesprochen. Ansonsten ist es ruhig geblieben, abgesehen von den Treicheln, die die Ohren der Rapperswiler Städtlibevölkerung malträtierten.
Keine Aggression, kein Schlagstock?
Trotzdem bleibt die Frage nach der Verhältnismässigkeit: Bei Schweizerfahnen, Wanderfunktionskleidung und On-Turnschuhen lässt sich die Polizei offenbar bereitwillig umarmen und mit Blumen beschenken, aber kaum sind Sneakers und schwarze Trainerhosen im Spiel, hat man die Kontrolle über seinen Schlagstock verloren.
Ein Beispiel dafür ist die linke Gegendemo im November 2020 auf dem St.Galler Gallusplatz. Zur Anti-Corona-Demo am Samstag in Rapperswil sagte Kapo-Mediensprecher Hanspeter Krüsi: «Wenn uns niemand mit Aggression droht, greifen wir nicht zum Schlagstock.»
Das gilt offenbar nicht für die erwähnten Gegendemonstrant:innen, die zu keiner Zeit «mit Gewalt gedroht» haben und trotzdem niedergeknüppelt wurden.
Man wird den Eindruck nicht los, dass die ominöse Verhältnismässigkeit je nach sozialer Zugehörigkeit oder politischem Spektrum der Demonstrierenden anders ausgelegt wird.
Dazu passt der Vertrauensvorsprung, den man den «Querdenker:innen» entgegenbringt. Die Leute hätten in der Regel beteuert, dass sie nur dort seien, um einen Kaffee zu trinken, sagte Regierungsrat Fredi Fässler im «Tagblatt»-Interview zu Rapperwil. «Die Polizei konnte sie schlecht wegweisen, da sie nicht mit Sicherheit wusste, ob sie lügen.» Den Jugendlichen und Linken begegnet man da wesentlich misstrauischer.
«Die Antifa hat keine Freude an uns»
Diesen Samstag hätte nun die erste Anti-Corona-Demo in einer richtigen Stadt stattfinden sollen, in Bern. Da am Ersten Mai die Strasse aber traditionell der Linken gehört, kam man von diesem Plan wieder ab. Wohl aus Respekt vor der Antifa, die diesen Samstag zahlreich auf Platz sein wird. Stattdessen wird in den einschlägigen Chats zu einer Demo in Lugano aufgerufen.
Auch der Thurgauer YouTuber Daniel Stricker rät davon ab, am 1. Mai nach Bern zu gehen. «Die Antifa hat keine Freude an uns», bedauert er am Mittwoch in seiner Sendung. Obwohl diese ja eigentlich dieselbe Abneigung gegen faschistische Regierungen habe wie seine «Bewegung». Stricker kann es gar nicht so recht verstehen, dass «die Antifa» nicht mitgeht bei den Anti-Corona-Protesten.
«Journalist» Stricker, der so gern gegen die «Massenmerdien» (sic) wettert, hat sich sicher eingehend mit «der Antifa» beschäftigt. Ernstgemeint kann das also nicht gewesen sein.
Falls doch, hier nochmal zur Klärung: Antifaschist:innen laufen – nebst vielen anderen vernünftigen Gründen – nicht mit, wenn rechtsextreme Symbole und Holocaustverharmlosungen in der Menge geduldet werden. Höchstens nebenher, um die Szene im Auge zu behalten.
Das Label Thor Steinar ist ein Statussymbol in der Neonaziszene. Rapperswil, 24. April.
Von Abgrenzung ist bei den «Querdenker:innen» keine Spur. Rundherum drückt man schön beide Augen zu. Es geht schliesslich um die Sache (gegen «Coronadiktatur» und «Plandemie»!), nicht um die Gesinnung.
Das Neonazi-Label Thor Steinar etwa ist an den Demos regelmässig zu sehen und mischt sich ganz selbstverständlich unter die Kuhglocken und Kantonsflaggen. Dazu gesellen sich gelbe «Coronasterne» und Slogans wie «Impfen macht frei».
Auch die PNOS macht in ihrem Parteiblatt «Harus» Werbung für die Anti-Corona-Demos und führt neuerdings auch eine eigene T-Shirt-Linie.
Werbung im «Harus»-Magazin
Und hier live in Rapperswil:
Ganz zu schweigen von den Chats, wo Antisemitismus und Rassismus an der Tagesordnung sind. Im Telegram-Chat der «Freunde der Verfassung» etwa, jenem Verein, der das Referendum gegen das Covid-19-Gesetz lanciert hat, werden Links zum Magazin «Compact» geteilt, das vom neurechten Netzwerker Jürgen Elsässer herausgegeben wird.
Hier ein Beispiel, apropos Antifa:
«Die Linksextremisten sind fest im Staatsapparat verwurzelt, beherrschen die Medien, werden verhätschelt und gepäppelt», heisst es im Editorial der Spezialausgabe.
Dass die Rechte offen ist gegenüber Verschwörungserzählungen, ist nichts Neues. Auch die Mär von der angeblich staatlich finanzierten Antifa wird fleissig weitererzählt. «Der neue Faschismus wird nicht sagen, ich bin der Faschismus – er wird sagen, ich bin der Antifaschismus», ist ein Bonmot der Szene.
Solche «Weisheiten» sind auch in den Chats der Schweizer «Querdenker:innen» immer wieder zu lesen. Unklar woher diese Obsession kommt. Oder der Glaube, dass «die Antifa» ein straff durchorganisierter Block sei.
Alle über einen Kamm
Bis jetzt konnten die «Querdenker:innen» grösstenteils unbehelligt durch die Schweizer Peripherie treicheln, egal wie rechtsoffen die «Bewegung» ist. Linken Aktivist:innen hingegen begegnet die Polizei regelmässig mit Repression, Tränengas, Schlagstöcken.
Und pünktlich zum Ersten Mai kann der «Blick» wiedermal «Schweiz ist auf dem linken Auge blind» titeln und lässt den immerselben «Aussteiger» aus dem «Schwarzen Block» seine realitätsverzerrten Geschichten auftischen: Linksradikale eine Sekte, gewalttätig sowieso – alle über einen Kamm.
Kein Wunder, finden es dann morgen wieder alle «verhältnismässig», wenn die Polizei die eine oder andere 1. Mai-Demo runterpfeffert, während in Lugano friedlich gegen die «Plandemie» anspaziert werden darf.
Screenshot «Blick», 29. April 2021
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