Tubes, Pipelines, Cords
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
(Bild: pd)
Die Silbertiere sind gelandet. Wie sind sie angekommen? Federn und Flügel haben sie nicht. Auch keine Beine, keine Arme. Ihr langer, glatter Leib geht nahezu ansatzlos in den Kopf über – wie bei einer Schlange. Oder hat dieser Kopf einen Vogelschnabel? Öffnet er sich eher wie das Maul eines Aals? Merkwürdige Mischwesen schlängeln sich auf dem Boden der Kunsthalle Arbon, richten sich halb auf, nehmen fast den gesamten Raum ein. Sind sie zu viert? Sind es fünf, die sich verknäuelt haben?
Eine unergründliche Stimmung breitet sich in der Ausstellung von Augustin Rebetez aus. Auch der Sound trägt dazu bei: Bei einem seiner Arbeitsaufenthalte in Bangladesch hat der Künstler eine befreundete Sängerin um Lieder ihrer Heimat gebeten. Nun tönt Rims Stimme aus zwei Boxen. Die Texte werden für die wenigsten verständlich sein. Macht aber nichts, denn eindringlich sind die alten und fremdländischen Melodien trotzdem. Sie sind getragen von Inhalten, die sich universell mitteilen, wie Rebetez ausführt: «Eines der Hauptthemen ist die romantische Liebe.»
Auch die silberfarbenen Wesen lassen sich in diesem Sinne verstehen, befinden sie sich doch in einem dichten Miteinander. Der 1986 in Delémont geborene Künstler verzichtet darauf, mit dieser Installation bestimmte Tierarten oder Monster nachzubilden, sondern bezieht sich auf grundsätzliche Fragen des Zusammenlebens: «In meiner Arbeit geht es mir um die Idee von Beziehungen, um Sehnsüchte und um universelle Gefühle.»
Beziehungen brauchen Verbindungen – solche sind in Rebetez’ Werken überall zu finden. So zeigt er in Arbon eine kleine Grafik dreier Köpfe: Nabelschnüren oder Kabeln gleich führen Leitungen von einem zum anderen. Oder sind es Schläuche, Rohre? Biologische Hohlkörper wie Röhren und Adern? Eine Definition der Motive braucht es nicht, was zählt ist der Kontakt der Körper. Selbst die Nähe der silbrigen Tiere zueinander lässt sich auf diese Weise lesen. Ihre Leiber – auch sie gleichen Leitungen – sind luftgefüllt. Ihre metallisch schimmernde Haut steht in einem starken Kontrast zu den rauen Oberflächen der Halle, zu dem aufgerissenen Asphaltboden, dem alten Anstrich der Stützen und Dachträger, den blinden Oblichtern.
Mit solchen «Inflatables» arbeitet Augustin Rebetez zum ersten Mal und schwärmt von den Produktionsbedingungen in Arbon: «Der Ausstellungsbeitrag ermöglichte mir diese grosse Installation. Zudem bietet die Halle viel Platz und einen engen Bezug zwischen Innen- und Aussenraum.» Hier gibt es kein Portal, keine Freitreppe, kein Foyer. Oft sind die Hallentore einladend weit geöffnet und geben den Ankommenden lange vor dem Eintritt den Blick auf die Installation frei. Nicht einmal eine Dämmung schottet die Halle vom Aussenraum ab, deshalb ist die Temperatur innen die gleiche wie draussen. Die flirrende Sommerhitze passt zum Thema der Ausstellung «My Heart Is Full of You», zur Nähe der Körper, zum Überschwang der Gefühle, zur Innigkeit der Gedanken oder wie es Rebetez in einer Serie von Druckgrafiken formuliert mit Sätzen wie «Hold Me Tight» oder «Skin Against Skin Again».
Augustin Rebetez hat für Arbon eine symbiotische Installation entworfen. Wer mehr von seinen dichten Bildwelten sehen möchte, sollte unbedingt die Maison Totale besuchen. Dort, in Bôle im Kanton Neuenburg, wohnt und arbeitet der Künstler. Hier verzahnen sich seine Werke miteinander und mit Haus und Garten. Jeweils von Juni bis September veranstaltet der Künstler vor Ort ein Festival mit Gastausstellungen, Konzerten und Performances.
Augustin Rebetez – «My Heart Is Full of You»: bis Sonntag, 4. Oktober, Kunsthalle Arbon.
kunsthallearbon.ch
augustinrebetez.com
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