Kunstkiosk trifft Nachtklub
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Das Organisationsteam (v.l.): Jonathan Steiger, Miriam Schöb, Carole Müller, Nathalie Brückner, Irène Unholz, Momoko Berthold und Hund Milli, Sebastian Quast (Bild: pd/Louisa Graefen)
Auf dem Tresen des ehemaligen Tiffany Night Clubs liegt allerlei Material. Klebeband, Werkzeug, irgendwelche Unterlagen, angebrochene Kekspackungen und Knabberzeug. Es riecht süss-klebrig nach Bar, auch wenn der letzte Barbetrieb wohl schon einige Zeit her ist. Seit 2024 steht das Gebäude leer. Nun nutzen ehemalige und aktive Mitglieder des St. Galler Kunstkiosks die Räumlichkeiten im Rahmen einer Zwischennutzung für die Jubiläumsausstellung «Coming of Age: 15 Jahre Kunstkiosk». Die Eröffnung findet am 12. September an der Museumsnacht statt – dann wird auch der alte Bartresen wieder in Betrieb genommen.
Die Schau wird von einer siebenköpfigen Gruppe organisiert, zu der auch Momoko Berthold gehört. Sie erklärt, dass man sich vor rund eineinhalb Jahren eigens für die Jubiläumsschau zusammengeschlossen und den Verein Freund:innen des Kunstkiosks gegründet habe. Mehrheitlich besteht das Septett aus Menschen, deren Zeit beim Kiosk der Vergangenheit angehört. Einzig Nathalie Brückner ist in der aktuellen Betriebsgruppe des Kunstkiosks.
Das Ausstellungsthema sei schnell klar gewesen, erzählt Berthold, die heute als Künstlerin in Wien lebt und studiert sowie derzeit stellvertretend an der St.Galler Kantonsschule Bildnerisches Gestalten unterrichtet. «Mit Coming-of-Age greifen wir den Wandel auf, den sowohl der Kunstkiosk als auch die mit ihm verbundenen Menschen durchlaufen haben. Es geht um Veränderung, Nostalgie und Aufarbeitung, aber auch um eine grosse Celebration.» Die Ausstellung sei ausserdem eine Wiedervereinigung: «Viele von uns haben sich seit Jahren nicht mehr gesehen.»
Auf einen Open-Call des Organisationsteams haben sich 30 ehemalige Mitglieder des Kunstkiosks gemeldet. Einige davon seien unterdessen etablierte Kunstschaffende, wie etwa Anna Zimmermann oder Felix Stöckle. Andere hätten einen gänzlich anderen Weg eingeschlagen. Seien in der Baubranche oder in einem Biologiestudium gelandet. Diese Vielfalt zeige sich auch in den zu meist eigens für die Ausstellung angefertigten Werken.
Weniger rasch ging es bei der Raumsuche voran. Es sei schwierig, in St.Gallen passende Räumlichkeiten zu finden, erklärt Momoko Berthold. Nathalie Brückner ergänzt: «Ich habe dann an der Fassade des ehemaligen Tiffany Night Clubs zufällig das Plakat der Immobilienfirma gesehen. Daraufhin haben wir die Firma angeschrieben.» Diese habe sich offen gezeigt und sei bereit gewesen, die Räumlichkeiten für die Kunstausstellung zu vermieten. Erst im Juni des Jahres sei der Mietvertrag unterzeichnet worden.
Am Donnerstag, rund eine Woche vor Eröffnung, ist die Ausstellung mitten im Aufbau, einige Werke sind schon da. Im Erdgeschoss, gleich neben der Bar, ein roter Raum, wo sich früher das Büro des Nachtklubs befand. Hier soll es einen Einblick in die Geschichte des Tiffanys geben, so Berthold. Gemeinsam mit Irène Unholz und Brückner, die heute Politik und Soziologie an der Uni Basel studiert, habe sie sich durch Archivalien gewühlt – und die alte Website des Nachtklubs mit der Wayback Machine aufgespürt. «Die Domain haben wir gekauft und die Website wird neu bespielt. Das Ergebnis zeigen wir dann in der Ausstellung», sagt Berthold schmunzelnd.
Luisa Zürchers Arbeit auf der Bühne (Bild: vez)
Vom Erdgeschoss führt eine kurze Treppe in den zweiten Stock. Die Fenster sind mit lichtundurchlässiger Folie beklebt – ein Relikt aus Tiffanys Zeiten. Auf der mit Furnier verkleideten Wand prangt bereits heute das Häkelwerk von Miriam Schöb. «You better rest Bitch» steht da ganz nonchalant in lila-grünen Lettern. Die Message ist vieldeutig, lässt sich vielleicht auch als Referenz auf den ehemaligen Stripclub lesen. Dessen Echo ist dauerpräsent: viele Spiegel, viel Rot, viel Schwarz. Wer genau hinschaut, mag noch das ein oder andere Nachtklub-Überbleibsel entdecken. Alles ist leicht bis sehr abgenutzt. Das, was dereinst wohl mal die Bühne war, hat Luisa Zürcher in Beschlag genommen: Drei Hellraumprojektoren übertragen sich windende Körper an die Wände.
Flavio Hodels Installation (Bild: vez)
Dann geht es ein wirklich, wirklich schmales Wendeltreppchen hinauf in eine helle Vierzimmerwohnung. «Hier haben die Tänzerinnen gewohnt und konnten sich mit Sexarbeit noch Geld dazu verdienen», erklärt Brückner. Ein Verweis auf das, was mal war, sind etwa zwei silberne Ringe an der Wand. Vor ihnen schwebt Flavio Hodels reduzierte Installation aus Gipsfragmenten. Richtig bunt ist dagegen die bemalte Tür von Fabio Costa. Auf ihre vormalige Existenz als WC-Tür deuten Schriftzug und Malereien hin. Sie stamme noch aus der Zeit des Kunstkiosks an der Rorschacherstrasse 48 und sei eine der wenigen alten Arbeiten, eine «Hommage an die Anfangszeiten», erzählt Brückner.
Entstanden ist der Kunstkiosk im Herbst 2010 als Projekt einer Gestaltungsklasse der Kantonsschule am Burggraben im Raum an der Rorschacherstrasse 48. Kurz nach Projektstart folgte 2011 die Vereinsgründung und aus dem Kanti-Projekt entwickelte sich ein selbstständig organisiertes Kollektiv. Dieses habe sich, abhängig davon, wer gerade mitarbeitete, stets «organisch» weiterentwickelt, sagt Momoko Berthold. Sie verstehe den Kiosk als «Experimentierraum», ein Gefäss, in dem man sich ausprobieren könne. Der Verein biete eine «wichtige Plattform für junge Kunstschaffende ausserhalb etablierter Institutionen». Er bilde für viele die erste Möglichkeit, eigene Arbeiten zu zeigen. «Ich weiss nicht, ob ich ohne den Kunstkiosk jetzt Kunst machen würde», resümiert sie.
Für die Zukunft des Kunstkiosks wünschen sich Momoko Berthold und Nathalie Brückner, er möge seine stets freie Form bewahren. Er solle ein «Herzensprojekt» bleiben, so Berthold, das ohne grosse Professionalisierung oder starre Strukturen auskomme. Gleichzeitig stellt sie fest: «Es ist schon krass, dass sich ein lose organisiertes Konstrukt wie der Kunstkiosk so lange halten konnte.» Brückner darauf lachend: «Der stirbt einfach nicht!» Ein 30-Jahr-Jubiläum? «Ich sehe das schon kommen!», sagt Berthold.
«Coming of Age: 15 Jahre Kunstkiosk»: Samstag, 12. September, bis Freitag, 9. Oktober, jeweils donnerstags 17 bis 20 Uhr, freitags bis sonntags 14 bis 18 Uhr, ehemaliger Tiffany Night Club, Lämmlisbrunnenstrasse 22, 9000 St. Gallen.
Vernissage im Rahmen der Museumsnacht mit Performances von Chiara Genova, Alina Rehsteiner und Matti Felix Kasper am Samstag, 12. September, ab 18 Uhr. Die Ausstellung wird begleitet von einem umfassenden Rahmenprogramm.
Beteiligte Künstler:innen: Akimsan Thambiah, Alice Bünger, Alina Rehsteiner und Matti Felix Kasper, Anna Zimmermann, Carol Müller, Chiara Genova, Fabio Brehm, Fabio Costa, Felix Stöckle, Felix Bächli, Flavio Hodel, Irène Unholz, Janina Zünd, Jared Bühler, Jonathan Steiger, Linus Stiefel, Lisa Jordan, Luisa Zürcher, Malena Pout und Tomàs Garcia, Masha Rittgardt, Mindaugas Matulis, Miriam Schöb, Momoko Berthold, Nathalie Brückner, Nina Schweizer, Raphael Reichert, Sebastian Quast, Seraina De Martin, Tanita Bürge.
Die aktuelle Betriebsgruppe des Kunstkiosks zelebriert das Jubiläum ebenfalls mit einer Schau. «15 Jahre Kunstkiosk»befasst sich mit der Geschichte des Kunstkiosks und ist bis Freitag, 16. Oktober, im Kulturbüro in St.Gallen zu sehen. Nathalie Brückner versteht sie als «Spin-off» zu jener im ehemaligen Tiffany Night Club.
Durchs grosse Schaufenster des Kulturbüros ist etwa eine Miniatur des Kiosks sowie eine textile Installation zu entdecken. Sobald es eindunkelt, wird auf dieser eine Projektion abgespielt. Im Inneren des Kulturbüros zeigt eine Videoarbeit Impressionen aus verschiedenen Kunstkiosk-Projekten.
«15 Jahre Kunstkiosk» bis Freitag, 16. Oktober, Kulturbüro St.Gallen.
Aktuelle Betriebsgruppe: Malena Pout, Mona Cissé, Nathalie Brückner, Carlotta Schellmoser, Luca Moser, Juan Baumann, Louisa Graefen, Enya Wiedl, Yael Gerber und Ardita Muji.
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Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
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