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Fast ein ganzes Leben später 

Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen. 

Die Autorin Christine Fischer (Bild: pd/A. Butz)

Die Autorin Christine Fischer (Bild: pd/A. Butz)

Zwei Le­ben. Ei­ne Frau, ein Mann. Sie, Eva. Er, Ces­co, Franz oder Franz­li. An­no da­zu­mal folg­te auf die gros­se Lie­be die Tren­nung. «Als klar ge­wor­den sei, dass er als Er­zeu­ger nichts taug­te, ha­be Eva ihn fal­len las­sen wie ei­ne fau­li­ge Bir­ne.» Auch noch im ho­hen Al­ter sitzt der Schmerz tief bei Franz. Kin­der­wunsch über Be­zie­hung. Hät­te man sich da nicht fin­den kön­nen, fragt man sich. Viel­leicht. Viel­leicht wä­re dann al­les an­ders ge­kom­men, viel­leicht auch nicht. Und viel­leicht ist das Viel­leicht voll­kom­men egal, än­dern lässts sich so­wie­so nicht mehr.

Eva und Franz sind die Prot­ago­nist:in­nen im neu­en Ro­man Schwind­lig von Chris­ti­ne Fi­scher. Die Lu­zer­ner Au­torin lebt seit vie­len Jah­ren in St.Gal­len und hat zahl­rei­che Bü­cher ver­öf­fent­licht. Zu­letzt er­schien 2021 Herz, Kranz, Ge­fäss. Vor zwei Jah­ren er­hielt die Au­torin den Kunst­preis der St.Gal­li­schen Kul­tur­stif­tung für ihr li­te­ra­ri­sches Schaf­fen.

Auf knapp 160 Sei­ten er­zählt Schwind­lig im flie­gen­den Wech­sel von den un­ter­schied­li­chen Le­bens­we­gen von Eva und Franz. Der Ori­en­tie­rung beim Le­sen hel­fen klei­ne Sym­bo­le: Ihr Er­zähl­strang ist mar­kiert mit ei­nem Kreuz, sei­ner mit ei­nem Pfeil. Es sind kur­ze Epi­so­den, kei­ne ist län­ger als ei­ne Sei­te. Und ob­schon es in sich ge­schlos­se­ne Ge­schich­ten sind, wir­ken die Wech­sel zwi­schen den Strän­gen un­ver­mit­telt, fast ab­rupt. Man braucht ei­ni­ge Sei­ten, um sich dar­auf ein­zu­stel­len. Dann ist man drin und springt mun­ter hin und her. 

Auf Kind­heit folgt Al­ter

Eva und Franz, da­mals noch Franz­li, wuch­sen in zwei un­ter­schied­li­chen, na­men­lo­sen Schwei­zer Dör­fern auf. Auf das Wann kann man nur aus dem Kon­text schlies­sen, ver­mut­lich ir­gend­wann in den 50ern oder 60er Jah­ren. In kla­ren, tro­cke­nen Sät­zen führt die all­wis­sen­de Er­zähl­stim­me durch das Ge­sche­hen.

Eva ist ein träu­me­ri­sches Mäd­chen, das sich ger­ne in ih­re ei­ge­ne Welt flüch­tet und den An­schluss nicht so recht fin­den mag. «Fremd im Dorf, fremd in der Fa­mi­lie, im ab­ge­zir­kel­ten Gar­ten, im Ver­band der Klas­se, in der Schar.» Ha­ge­re Sta­tur und Bril­le ver­stär­ken ih­re Un­si­cher­heit. Die­se emp­fun­de­ne An­ders­ar­tig­keit prägt Evas Selbst­bild, die Tro­pe des «quir­ky girls» drängt sich auf. Fi­scher bricht sie je­doch mit stör­ri­schen, wü­ten­den Zü­gen, die teils ins Thea­tra­li­sche ab­drif­ten. Ein Hoch auf sper­ri­ge Cha­rak­te­re, die nicht nur Sym­pa­thie­punk­te sam­meln. 

Franz­li scheint we­ni­ger kan­tig. Mut und Sport sind nicht sein Ding, aber er ist ein pa­ten­ter Bur­sche und gut in der Schu­le – ein «Mus­ter­schü­ler». Rei­bung ent­steht aus der Be­zie­hung zu sei­nem Va­ter. So setzt er sein Stu­di­um an der Han­dels­schu­le trotz ei­ge­nem Miss­fal­len fort: «Er konn­te Va­ter nicht noch mehr ent­täu­schen.»

Auf Kind­heit fol­gen Pu­ber­tät und das Er­wach­sen­wer­den. Und da­mit die ers­te Lie­be, die ers­ten Küs­se, der ers­te Sex. Aus Franz­li ist Franz ge­wor­den und der je­den­falls scheint sei­ne Se­xua­li­tät aus­gie­big zu ge­nies­sen. Bei Eva da­ge­gen läufts an­ders, als sie sich das vor­ge­stellt hat­te, näm­lich gar nicht. Dann be­geg­nen sich Eva und Franz. Aus Franz wird Ces­co. Pas­se bes­ser, fin­det Eva. 

Nach die­ser Be­geg­nung springt die Er­zäh­lung in die Ge­gen­wart. Das zeigt sich auch in der Spra­che: Bis­lang im Prä­ter­itum ge­hal­ten, er­folgt die Er­zäh­lung nun im Prä­sens. Rund 40 Jah­re sind ver­gan­gen. Die Le­bens­mit­te ist über­sprun­gen. Ein Sprung, ähn­lich un­ver­mit­telt, wie es an­fäng­lich der Wech­sel zwi­schen den Per­spek­ti­ven war. So schnell geht das Le­ben. An­sons­ten das glei­che Sche­ma: ein Kreuz für Eva, ein Pfeil für Franz. Nur grob er­fährt man in Rück­blen­den, was ge­schah: Eva und Franz hei­ra­te­ten, doch nach­dem Evas un­er­füll­ter Kin­der­wunsch zur Schei­dung ge­führt hat­te, ging ein je­der sei­ner We­ge. Aber viel wich­ti­ger als die Ver­gan­gen­heit ist in Schwind­lig die Ge­gen­wart. Da scheint sich die er­zähl­te Zeit zu ver­lang­sa­men: Wäh­rend sich in der ers­ten Hälf­te des Ro­mans an die 20 Jah­re ent­fal­ten, um­fasst die zwei­te Hälf­te we­ni­ge Wo­chen oder Ta­ge – bei fast glei­cher Sei­ten­zahl.

Gran­tig bis zu Trä­nen

Das Jetzt ist wich­tig, auch im Al­ter. Und da ist «Schwin­del so et­was wie ihr [Evas] Leit­sym­ptom» ge­wor­den. Ei­ne lei­di­ge Al­ters­er­schei­nung, mit al­lem an­de­ren Ge­bre­chen das letz­te Tröpf­chen, das den Um­zug ins be­treu­te Woh­nen für Eva un­ver­meid­bar mach­te. Franz da­ge­gen lebt nach wie vor in ei­ner ei­ge­nen Woh­nung. Ist selbst­stän­dig. 

Un­ver­se­hens be­geg­nen sich die ehe­ma­li­gen Ehe­leu­te er­neut. Noch im­mer ist da Zu­nei­gung. Vor­sich­tig bis arg­wöh­nisch nä­hern sie sich an, sind da­bei nicht nur nett zu­ein­an­der. Bei­de brin­gen Bal­last mit. Al­te Wun­den bre­chen auf. Franz und Eva sind mür­risch, re­ni­tent, bo­ckig und ma­chen Le­sen­de manch­mal so rich­tig gran­tig. Et­wa Franz mit sei­ner Sau­fes­ka­pa­de oder die Art, wie Eva mit ih­rer Toch­ter um­geht. Und dann, schei­nen die Cha­rak­te­re wie­der un­fass­bar zer­brech­lich, so­dass man mit ih­nen wei­nen möch­te (und es stel­len­wei­se auch tut). Ei­ne emo­tio­na­le Ach­ter­bahn­fahrt, fern­ab ei­ner kit­schi­gen Lie­bes­ge­schich­te. 

Eingewebte Szenen, in denen Eva des Nachts mit ihrer verstorbenen Freundin Monique Zwiesprache hält, sind für manche dann etwas zu spirituell angehaucht. Aber was will man klagen, wenn einem dafür Sätze aus Gold begegnen, die gleichermassen erfrischend wie sinnig sind? «Der Tag strich ihm die Angst aufs Pausenbrot. Butter, Zucker und Angst.»Oder: «Der Bekanntenkreis unter den Toten wächst mit jedem Jahr.»

Christine Fischers Schwindlig erzählt eine Geschichte vom Altsein. Beschönigt oder idealisiert wird nichts. Mit achtzig ist man nicht mehr Kind. Und doch war man dereinst mal eines, und von dem steckt auch in den alten Knochen noch so einiges. Sie, Eva, habe sich das Alter anders vorgestellt, heisst es einmal: «Alles Belastende würde für immer von ihr abfallen, und sie müsste sich um nichts mehr sorgen. Doch nun steht sie da, halbblind, schwindlig, verunsichert. Ein Taumeln in Widersprüchlichkeiten. Was soll das? Der Weg alles Irdischen, hatte es früher geheissen … Eva pfeift drauf. Fliegen möchte sie – hui – und weg.»

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Chris­ti­ne Fi­scher: Schwind­lig, Or­te Ver­lag, He­ris­au 2026. 

Jock Kobels zweiter Fall

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Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

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Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

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Von Viviane Sonderegger,
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Von Jeremias Heppeler,
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Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
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Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti