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Zeit des Winkens

Die St.Galler Autorin Christine Fischer denkt über die Wiederentdeckung des Winkens nach. Und hat die Hoffnung, «die gegenwärtige soziale Quarantäne könnte auch der Überprüfung dienen, inwiefern wir unseren Beziehungen tatsächlich trauen oder ob wir uns einer Zuneigung, einer Freundschaft unablässig vergewissern müssen».
Von  Gastbeitrag

Seit Corona die Regentschaft über unseren Alltag übernommen hat, gehöre ich als Pensionierte der Balkon- und Spazierwegfraktion an. Am Leben in unserem Quartier, unserer Strasse nehme ich nurmehr aus der Vogelwarte teil, und meine Spaziergänge führen mich nicht ins Herz der Stadt oder zum Bahnhof, sondern hinaus und hinauf in die Peripherie, in die Wälder, an die Wiesenböschungen. Es ist, als hätte mich die Zentrifugalkraft des aktuellen Geschehens in eine – durchaus interessante und privilegierte – Randlage gedrängt.

Von meiner peripheren Warte aus beobachte ich die neuen Umgangsformen zwischen uns Individuen. Nachdem wir – zumindest quantitativ – auf einem hohen Niveau der verbalen Kommunikation angekommen sind, besinnen wir uns aktuell wieder mehr des Zeichenhaften: Wir winken von Balkon zu Balkon, wir rufen uns Wünsche zu, wir schenken uns 2-Meter-Abstandslächel-Einheiten, wir gestikulieren über Gartenzäune hinweg, wir legen uns Muffins in die Briefkästen, wir applaudieren öffentlich für besondere Leistungen, wir stellen Kerzen ans Fenster. Gemeinsam mit meiner einjährigen Enkelin habe ich in den vergangenen zwei Wochen die wundersamen Möglichkeiten, die Spielarten, die Wirkungen des Winkens entdeckt.

Das Winken verbreitet sich in noch rasanterem Tempo als das Virus – und das will etwas heissen. Es scheint sich aus dem Schutt der abgelegten zivilisatorischen Verhaltensweisen wieder freigeschaufelt zu haben. Es ersetzt weitgehend die Rituale der verbalen Begrüssung, der Umarmung und der Küsschen-Küsschen-Stereotypie. Es ist leise, sicher und charmant. Es verletzt nicht, bedroht nicht, behauptet nicht. Es kommt daher als Vorschlag und als Frage: Ich sehe dich – siehst du mich auch?

Zu Anfang unseres jetzigen sozialen Ausnahmezustandes litt ich darunter, meine uralten Eltern und meine Enkelkinder nicht mehr sehen und betreuen zu können. Es war ein echter Verlust, ein schmerzhafter Verzicht, nicht aus dem Herzen, sondern aus der Vernunft geboren. Ich rief mir aber in Erinnerung, dass Menschen, die sich gernhaben, schon immer Trennungen unterworfen gewesen sind. Familienangehörige waren vielleicht nach Übersee ausgewandert und nie mehr zurückgekehrt. Söhne waren in den Krieg gezogen, Töchter hatten sich ins Welschland verheiratet, Kinder mussten nach Davos in die Quarantäne. Die Kommunikationswege waren noch sehr spärlich gewesen, ab und zu ein Brief vielleicht, wenn es hochkam. Die Verbindung zu den Liebsten musste innerlich aufrechterhalten werden: In der Erinnerung, in der Vorstellung, in der Gewissheit der Qualität der Beziehung, ihrer Robustheit und vielleicht auch ihrer Notwendigkeit fürs schlichte Überleben.

Mir will scheinen, die gegenwärtige soziale Quarantäne könnte auch der Überprüfung dienen, inwiefern wir unseren Beziehungen tatsächlich trauen oder ob wir uns einer Zuneigung, einer Freundschaft unablässig vergewissern müssen: über den Ton, über das Bild. Ob es die Flut an digitalen Botschaften, die aktuellen Aufrufe zu Videokonferenzen, ob es all diese zahllosen Schnappschüsse, Kurzvideos, Comix, Posts, Skypes und Streamings wirklich braucht, um uns einer Nähe, einer Zugehörigkeit rückzuversichern. Wäre es denkbar, dass statt der unablässigen Bebilderung ein – partiell blindes – Vertrauen in die Kraft der Solidarität wachsen könnte, ein Vertrauen in die Tragfähigkeit von Beziehungen, in die wachsende Resilienz von sehr vielen Menschen in Zeiten der Not, in den Goodwill, der unseren Begegnungen innewohnt und durch ein schlichtes Winken ein sichtbares und herzerfrischendes Zeichen setzt, über manchen Abstand hinweg.

Christine Fischer, 1952, lebt in St.Gallen. Sie publizierte unter anderem die Romane Solo für vier Stimmen, Vögel, die mit Wolken reisen, Nachruf für eine Insel und die Erzählung Els (alle im Appenzeller Verlag). Zuletzt erschien 2019 im Orte-Verlag Im Mai. Am Montag, eine Sammlung von Kurztexten.

 

 

 

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

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Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

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2 Tramhaeuschen Schibenertor

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Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

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«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

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Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

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Kolumne: Stimmrecht

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Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

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St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

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Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

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Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

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Von  David Gadze
Meter 6 david gadze