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Das Zeug zur Veränderung

Die St.Galler Autorin Christine Fischer schärft den Blick für das, was um und in uns ist, in verblüffenden und lang nachwirkenden Textminiaturen. «Der Zweifel, der Jubel, das Staunen» heisst ihr neues Buch. Am 17. November liest sie beim Appenzeller Verlag.
Von  Peter Surber , 

«Die Welt ist nicht das, wonach sie den Anschein macht.» Das ist die Programmatik dieser Texte: Man ist in Christine Fischers neuem Buch, ihrem zehnten, immer nah am Alltäglichen, im vermeintlich vertrauten Leben drin – und zugleich tun sich dahinter, darunter, darüber tiefere und höhere Schichten auf, wie Blicke hinter die Kulissen oder wie der Moment, wenn sich der Nebel verzieht und eine Landschaft in neuer Klarheit hervortritt.

Es sind aber selten Abgründe (die gibt es auch), vielmehr verborgene Wunder, verschüttete Wahrheiten, vergessene Wünsche. Dinge, zu denen Zugang hat, wer sich, mit dem Titel des Buchs gesprochen, dem Zweifel, dem Jubel und dem Staunen hingibt und aussetzt.

Möglicherweise gibt es keine toten Dinge, und alle gewachsenen und alle geschaffenen Dinge wären somit Wesen. Der Berg hinter dem Haus, der Salat im Supermarkt, die Schiene auf dem Trassee, die Zahnbürste in meiner Hand. Sie reagierten auf die Bedingungen, die sie vorfänden, auch auf meinen beobachtenden Verstand. Sie hätten das Zeug zur Veränderung. In der ihnen eigenen Weisheit speicherten sie Erfahrungen, sendeten Botschaften aus. An ihresgleichen und an meinesgleichen.

Das ist eine dieser staunenswerten Überlegungen, aus dem Kapitel «Mutmassungen». Die sieben Kapitelüberschriften sind bereits eine Welt für sich. Sie heissen weiter «Anrufungen», «Anfechtungen», «Behauptungen», «Bedachtsamkeiten», «Begründungen» und «Lobpreisungen». Sie stecken die Himmelsrichtungen der Weltbetrachtung ab, man glaubt in ihnen das reflektierende Ich dieser Texte zu sehen, wie es sich mal dahin, mal dorthin dreht, wie es bald jubelnd, bald staunend, bald zweifelnd sich einen neuen Blick aneignet und sieht und sagt, was zu sagen ist, in so knapper wie poetischer Form.

Das kann die Schönheit eines Tulpenstrausses sein, die bleibt, auch wenn er allein gelassen ungesehen verwelkt – «weil alles geschieht, was geschieht, auch wenn wir es nicht bemerken». Oder die Notwendigkeit der Wolken, weil wir sonst nicht wüssten, wo der Himmel endet, und selbst das Nahe fern bliebe und ein Gespräch unmöglich würde. Oder die fantastischen Qualitäten der Nacht, denen ein ganzes Kapitel, «Behauptungen», gewidmet ist. Einer meiner Lieblingstexte ist dieser, schon sein erster Satz macht hellwach.

Die Nacht trägt am Gürtel ein Messer. Sie kappt die Taue, die uns mit dem Ufer der Gewissheit verbinden, es sind deren drei. Und wir driften weg, hinaus aufs offene Meer. Dort stehen die Sterne wie bleiche Fischschwärme in der Tiefe. Dort sind wir weniger als ein Tropfen Wasser, weniger als ein Salzkorn. Dort sind wir nichts, und doch fallen uns die wundersamsten Geschenke zu: das Geschenk der Ahnung, das Geschenk der Ergriffenheit, das Geschenk des Nichtwissens. Was gäbe es besseres?

Christine Fischer: Der Zweifel, der Jubel, das Staunen. Mit Zeichnungen von Jan Kaeser, orte Verlag, Schwellbrunn, 2017, Fr. 28.90.

Christine Fischer liest am «Wort-Ort» im Verlagshaus Schwellbrunn: Freitag, 17. November, 19.30 Uhr

Buchpremiere mit Christine Fischer, Maya Homburger (Violine) und Jan Kaeser: Donnerstag, 26. Oktober, 19 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen.

Aus Christine Fischers Miniaturen spricht ein Glaube, der nicht religiös im konfessionellen Sinn wirkt, ein Glaube vielmehr an die Unerschöpflichkeit und Unversehrbarkeit des Menschen und der Schöpfung. Das hat nichts Idyllisches; Abschiede, Verluste, der Tod haben ihren Platz darin ebenso wie Glücksmomente. Das «Schlingern des Raumschiffes namens Welt» treibt die Autorin ebenso um wie die «Eiszeit der Menschenwürde»: die Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer, denen sie im Kapitel «Anfechtungen» mehrere Texte widmet. Im Innersten dieser Texte steckt aber ein Kern an Zuversicht, an «Vertrauen in die grundsätzliche Unschuld des Menschen», wie es in einer kurzen Meditation über die Engel heisst und über die Not, die ausbrechen würde, wenn sie sterblich wären.

Gerade so schlimm, gerade so unvorstellbar wäre es, allein zu sein und ohne die Liebe – davon handelt das Kapitel «Begründungen». Hier wie in den abschliessenden «Lobpreisungen» (dem Lob des Staubs, der Pause, des Erzfeinds, der Begeisterung, des Chaos und anderer grossartiger Errungenschaften) bekommt Christine Fischers Stimme eine geradezu biblische Eindringlichkeit, dem Tonfall des Hohelieds nah, ohne dass dies missionarisch oder gar fromm wirken würde. Wenn schon, dann ist es eine Frommheit der Menschenliebe.

Und wenn ich glaube, das Liebste verloren zu haben und triebe in einem Meer von Tränen, so würde ich irgendwann ans Ufer gespült. Die Sonne trocknete mein Haar, der Sand wärmte meinen Körper und eine Stimme sagte: Steh auf, schau um dich. Du wirst gebraucht, denn die Trauer ist nicht das Ende, sie ist nur ein neuer Anfang.

Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.

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Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto