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Zwischen Ruhm und Knast

Matthias Peter spielt Jakob Stutz. (Bild: pd/Timon Furrer)

Matthias Peter spielt Jakob Stutz. (Bild: pd/Timon Furrer)

Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.

Es ist ei­ne Art Dé­ja-vu: Mat­thi­as Pe­ter probt in der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne, die er mehr als 20 Jah­re lang ge­lei­tet hat, sein neu­es Stück mit dem Ti­tel War­um nur. War­um? Seit Som­mer ist Pe­ter pen­sio­niert, das Thea­ter lässt ihn aber den­noch nicht los: Mit sei­nem Mo­bi­len Text-Thea­ter rea­li­siert er in ei­ge­ner Re­gie li­te­ra­risch-thea­tra­li­sche Pro­jek­te. Sein neu­es Stück gas­tiert im No­vem­ber in He­ris­au und Tro­gen so­wie zwei­mal in der Kel­ler­büh­ne, nächs­ten Früh­ling dann im Zür­cher Ober­land. 

Ei­ne Art Dé­ja-vu er­lebt auch die Haupt­fi­gur Ja­kob Stutz, dank ei­nem dra­ma­tur­gi­schen Kniff: 225 Jah­re nach sei­ner Ge­burt und 150 Jah­re nach sei­nem Tod, so die Stück­an­la­ge, geis­tert Stutz nachts in ei­ner Aus­stel­lung her­um, die an ihn er­in­nert. Und er­zählt in Mund­art sein Dop­pel-Le­ben: hier der Best­sel­ler­au­tor, So­zi­al­re­for­mer, Spar­kas­sen­grün­der und in­no­va­ti­ve Leh­rer – dort der an sei­ner Ho­mo­se­xua­li­tät Lei­den­de und we­gen pä­do­phi­ler Über­grif­fe mehr­fach Ver­ur­teil­te.

Chro­nist des «Volks­le­bens» 

1801 im Zür­cher Ober­land ge­bo­ren, fin­det Ja­kob Stutz nach ei­ner pre­kä­ren Ju­gend als Ver­ding­bub in Ster­nen­berg För­de­rer, die ihm ei­ne Leh­rer­aus­bil­dung er­mög­li­chen und ihn zum Dich­ten er­mun­tern. Er wird als Werk- und Ele­men­tar­leh­rer an die Ge­hör­lo­sen­schu­le in Zü­rich ge­holt und als Au­tor mit dem ers­ten Band sei­ner Ge­mäl­de aus dem Volks­le­ben schlag­ar­tig be­rühmt. Im Schrei­ben und Er­zie­hen ha­be er sei­ne «Le­bens­auf­ga­be» ge­fun­den, hält Stutz in sei­ner Bio­gra­fie fest. Zu­gleich sei­en aber die «Nei­gun­gen, die mich seit frü­hes­ter Kind­heit ge­quält ha­ben», im­mer we­ni­ger zu un­ter­drü­cken ge­we­sen. We­gen Über­grif­fen an Zög­lin­gen ver­liert er nach zehn Jah­ren sei­ne Stel­le in Zü­rich.

Die Ge­schich­te wie­der­holt sich im Ap­pen­zel­ler­land: Stutz kommt als Leh­rer nach Schwell­brunn, ent­wi­ckelt dort ei­ne weit­her­um be­ach­te­te Me­tho­de, die Kin­der in der Schrift­spra­che zu för­dern, schreibt Thea­ter­stü­cke – und ge­rät wie­der­um we­gen sei­ner «Fehl­trit­te», wie er sie nennt, mit dem Ge­setz in Kon­flikt. We­gen se­xu­el­ler Hand­lun­gen «mit Er­wach­se­nen und Schutz­be­foh­le­nen» wird er zu Ge­fäng­nis und «im­mer­wäh­ren­der» Ver­wei­sung aus dem Kan­ton ver­ur­teilt.

Nach der Ent­las­sung, zu­rück in Ster­nen­berg, en­ga­giert sich Stutz, «mit gu­ten Vor­sät­zen ge­pan­zert», als Men­tor jün­ge­rer Schrift­stel­ler, schreibt sei­ne Au­to­bio­gra­fie Sie­ben­mal sie­ben Jah­re aus mei­nem Le­ben. Das Volk sucht in Scha­ren sei­nen Rat, doch 1856 wird er auch dort an­ge­klagt und we­gen «wi­der­na­tür­li­cher Wol­lust» mit Er­wach­se­nen ver­ur­teilt. Rast­lo­se Wan­der­jah­re fol­gen, 1877 stirbt er im zür­che­ri­schen Bä­rets­wil.

«Ver­diens­te und Ver­ge­hen»

Ein Tisch, ein Man­tel, die Gi­tar­re, Bü­cher sei­ner Weg­ge­fähr­ten und Bild­ta­feln sind die Re­qui­si­ten, in de­nen Mat­thi­as Pe­ter sich in den «Wie­der­gän­ger» Ja­kob Stutz ver­wan­delt. Und ein To­ten­kopf, wie er auch auf Por­träts des Au­tors zu se­hen ist. Zu ihm spricht Stutz ein­mal, ver­dammt sich da­für, dass «das Fleisch über den Geist tri­um­phiert». Op­fer sei­ner Zeit, die Ho­mo­se­xua­li­tät un­ter Stra­fe stellt, lehnt Stutz sel­ber sei­nen «wi­der­na­tür­li­chen Ge­schlechts­trieb» wort­reich ab. 

«War­um nur – war­um?»: Der Satz, der dem Stück sei­nen Ti­tel gibt, steht in ei­nem Ta­ge­buch, das Ja­kob Stutz im Ge­fäng­nis in Tro­gen schreibt. Es ist ei­ne der erst jüngst tran­skri­bier­ten Quel­len, die Mat­thi­as Pe­ter nutzt für sein Nächt­li­ches Ge­spräch über Ver­diens­te und Ver­ge­hen, wie das Stück im Un­ter­ti­tel heisst. 


War­um nur. War­um?: Auf­füh­run­gen am Mitt­woch, 4. No­vem­ber, 20 Uhr, Stuhl­fa­brik He­ris­au; Sonn­tag, 15. No­vem­ber, 17 Uhr, und Mon­tag, 16. No­vem­ber, 20 Uhr, Kel­ler­büh­ne St.Gal­len; Sams­tag, 21. No­vem­ber, 20 Uhr, Kro­ne Tro­gen (17 Uhr: Füh­rung im Rat­haus, wo Stutz hin­ter Git­tern sass). 
text-thea­ter.ch

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck