Vom Leben und Schreiben
Daniel Badraun beleuchtet in Mondläufer ungelebte Möglichkeiten und körperliche Grenzen. Der Autor aus dem Thurgau greift in seinem Roman auch philosophische Fragen auf.
Fünf Tage vergehen in Daniel Badrauns Roman Mondläufer. Fünf Tage, die der Autor Arne Felix Kreil mit seinem Mountainbike unterwegs ist und sich bei schlechtem Wetter und schmerzenden Beinen mühsam abstrampelt auf seinem Bikepacking-Abenteuer. Tausend Kilometer führt ihn das Rennen auf der vorgegebenen Route vom Bodensee durch die Kantone Thurgau, Zürich, St.Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Schwyz, und mit jedem Kaffee, jeder Cola und jeder im Wasser aufgelösten Magnesiumtablette ist Kreil dem Ziel in Montreux ein Stück näher, erreicht es am Ende aber nicht. Es ist ein gleichförmiger Tagesablauf, der detailgenau beschreibt, wo es den Fahrer herumtreibt, mit welchen Erschwernissen er zu kämpfen hat und wie er beschwerlich, aber stetig vorankommt.
Währenddessen sitzt der Öko-Terrorist Anatol Kranetz im Gefängnis und schreibt über die möglichen Leben, die er in einer anderen Realität hätte führen können. In den Dialogen spricht er mit Tabea, die seine Frau wäre, fantasiert sich in Situationen im Draussen, wo er mit seinen Mitgefangenen im Wald und in den Bergen Hirsche beobachtet oder mit Frau und Kindern in einem kleinen Haus am Land wohnt.
So präzise wie Badraun Kreils Tagesablauf beschreibt, so grosszügig hält er sich mit Erklärungen zurück. Nicht nur das Velorennen, sondern auch die anderen Handlungsstränge verlaufen etappenweise und mit schlagartig wechselnden Perspektiven, sodass man beim Lesen oft unvorbereitet in verworrene Situationen geworfen wird. Die Szenen wechseln abrupt, brechen auch mal unerwartet ab und werden irgendwann später an einer anderen Stelle weitererzählt. So dauert es eine Weile, bis sich die einzelnen Schnipsel in dieser Geschichte zusammenfügen.
«Die Interpretationen überlasse ich dem Publikum», sagt Kreil an einer Stelle seinem Lektor Dupresse, der wegen der vielen Charaktere in den losen Textfragmenten langsam die Geduld verliert. Schon bald sollen sie als Kurzgeschichten-Band erscheinen, aber Kreil ist mit wesentlicheren Dingen beschäftigt.
Mit der Zeit gewöhnt man sich jedoch an die die parallele dynamische Erzählweise. Was beim Lesen anfangs verwirrend, ja sogar störend ist, entwickelt sich zu einem spannenden Rhythmus. Gerade noch hat Kreil auf seinem Velo mit den Höhenmetern zu kämpfen hat und muss es zwischendurch schieben, plötzlich verbringt er fünf Tage in seiner Heimatstadt Samedan. Und während er dort im Spital auf seine Diagnose wartet, seine Mutter im Altersheim besucht und in die aus dem Zusammenhang gerissenen Kurzgeschichten schreibt, mit denen er Dupresse immer wieder vertröstet, entfaltet sich auf clevere Weise die eigentliche Geschichte.
Kreil und die erfundenen Figuren greifen ineinander und erzählen von einem Mann mittleren Alters, der es gerade nicht leicht hat im Leben und sich an einem schwachen Punkt abmüht, irgendwie voranzukommen. Der Protagonist Arno Felix Kreil ist ein Autor, der sich selbst in alle seine Figuren hineinschreibt und dabei sehr konträre Persönlichkeiten annimmt.
Zwischenmenschliche Beziehungen sind ein Thema und die Beschäftigung mit dem Tod, dem Kranksein und den Fragen nach den richtigen und falschen Entscheidungen und Lebensentwürfen wird teilweise fast philosophisch angehaucht. Trotz des klaren, nüchternen Schreibstils von Badraun kommt man seiner Hauptfigur und dessen fiktiven Abspaltungen sehr nah. «Ich bin wie Anatol. Er ist wie ich.»
Daniel Badraun: Mondläufer. Zytglogge Verlag, Basel 2026.
Der Autor liest aus seinen neuesten Büchern Mondläufer und Die tote Tante in der Limmat (2026): Donnerstag, 29. Oktober, 19.30 Uhr, Culture Time, Winterthur.
Neues Buch von Christine Fischer
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Neues Buch
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
In seinem aktuellen Roman River – An American Dreaming verbindet der St.-Galler-New-Yorker Autor Christoph Keller diverse Genres: Das Buch ist Thriller, New-York-Roman, Kunstbetriebssatire, Liebesroman und Indigenen-Mythos in einem. Ein literarisches Gespräch unter Freunden.
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
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Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
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Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
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In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater