Fahnen der Vergänglichkeit
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Blossom 0 2 von Hoa Luo weht in Flawil am Fahnenmast. (Bild: Patrik Muchenberger)
Die Erderwärmung und das Artensterben lassen vieles verschwinden. Eisberge schmelzen, manche Pflanzen, Insekten, Tiere sterben wegen der zunehmenden Hitze, der Trockenheit, des Futtermangels oder des Verlusts ihres natürlichen Lebensraums aus.
Dem Verschwinden stehen aber auch Neuschöpfungen gegenüber: Neben der Klimaanpassung, die einigen Lebewesen gelingen mag, entsteht neue Sprache, neuer Ausdruck für Gefühle und Empfinden: 2005 prägte Glenn Albrecht, australischer Professor für Nachhaltigkeit, den Begriff Solastalgie. Ein Kompositum aus dem lateinischen Wort solacium (Trost) und der griechischen Endung -algia (Schmerz, Leid, Krankheit). Solastalgie steht für die Trauer, das Verlustgefühl, wenn sich der eigene Lebensraum infolge des Klimawandels verändert.
Diesem Gefühl widmet das Flawiler Kurator:innen-Duo Hoa Luo und Patrik Muchenberger die Ausstellung «Flimmern – Solastalgie». «Die vertraute Welt erscheint nicht mehr stabil – sie flimmert und verändert sich ständig», sagt Werner Muchenberger, Vater von Patrik Muchenberger und ehemaliger Gemeindepräsident von Flawil, der bei der Vernissage zum Thema spricht. «Damit berührt Solastalgie ganz unmittelbar auch unsere Gegenwart, nämlich mit der Auseinandersetzung, wie wir mit den negativen Seiten von Klimawandel, Umwelt- und Gesellschaftsveränderungen umgehen.»
Doch was heisst Ausstellung? 13 Flaggen von 14 Künstler:innen wehen bei der Eröffnung Mitte Oktober auf einer Wäscheleine im privaten Garten des Künstler:innenpaars mitten in einem Wohngebiet in Flawil. Bis Mitte Januar ist jede Woche eine andere am Fahnenmast gehisst, «im Aussenraum, rund um die Uhr öffentlich einsehbar, dem Wetter und der Nachbarschaft ausgesetzt», wie es im Ausstellungstext heisst.
Ganz rechts Remains von Eveline Laing, links daneben Still aus schweiend. (Bild: Patrik Muchenberger)
Im Winter wandern die Flaggen dann nach Malix, einem Dorf in der Gemeinde Churwalden. Dort werden sie in einem urchigen Bündner Haus auf etwa 1600 Meter Höhe gezeigt, um die Menschen in einer Umgebung, in der sich die Veränderungen der Natur besonders deutlich zeigen, das Thema Solastalgie näherzubringen. Im nächsten Jahr zieht die Ausstellung weiter: St.Gallen, Lichtensteig, Weinfelden, Bottmingen (Basel), Zürich, Wien und Leipzig sind voraussichtlich die nächsten Stationen. «Es sollen sich auch dezentrale Orte dem Thema widmen. Es ist eine Mischung aus Offspaces, Institutionen und privaten Räumen», erklärt Hoa Luo die Auswahl der Städte.
Zurück nach Flawil: Eine Fahne stammt von Eveline Laing. Sie ist Fotokünstlerin aus Basel und beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Lebensmittelverschwendung. Für ihre Fahne hat sie ein Bild aus der Serie «Remains» ausgesucht. In dieser legte sie Lebensmittel, die der Grosshandel oder Hofläden aussortiert hatten, auf analoges Fotopapier und dokumentierte die Veränderung bis zur Auflösung durch den Zersetzungsprozess. «Die Lebensmittel hinterlassen einen Abdruck. Mit ihm möchte ich ihre Wichtigkeit betonen und auf die Überproduktion hinweisen.»
Jasmine Noemi Jetzer und Lovis Dalla Libera, ebenfalls aus Basel, haben ein Filmstill gewählt aus ihrer Rauminstallation schweiend. Darin jagen sie lichtempfindlichen Insekten nach, die nicht nur exemplarisch fürs Insektensterben stehen, sondern auch für unseren unersättlichen Drang nach mehr. «Für unser Video haben wir im Sommer Insekten gesucht, aber nur sehr wenige gefunden», sagt Jasmine Jetzer. Das Video thematisiert also einerseits den Stress der Insekten, die einer Lichtquelle nachhetzen. Er soll sinnbildlich für unseren Stress stehen. Andererseits stehen sie für das Verschwinden von Arten. Den beiden Künstler:innen gefällt, dass ihre Fahne nun in einem Garten weht, da sie ihre Rauminstallation bisher nur im urbanen Kontext gezeigt haben.
Sonja Pfäffli aus Zürich greift den Begriff Solastalgie anhand ihres Acryl-Bildes Fading Horse, das Hoa Luo und Patrik Muchenberger für die Ausstellung auf eine Fahne gedruckt haben. Ein knallroter Cadillac verschwimmt, scheint sich aufzulösen, die Farbe tropft herunter, die Reifen sind bereits abmontiert. Ausrangiert, aber noch voller Farbkraft, ein Zwischenzustand, mit dem die Künstlerin auch den Alterungsprozess darstellen möchte; den plötzlichen Verlust der einstigen Schönheit, die Erkenntnis, unaufhaltsam zu vergehen.
Fading Horse mit dem roten Cadillac im Zerfall (Mitte). (Bild: Judith Schuck)
Hoa Luo nimmt diesen Prozess in Blossom 0.2 auf. Für ihre Fahne hat sie ihre Tochter als Baby beim Wickeln über einen längeren Zeitraum fotografiert und die Fotografien des nackten Säuglings so oft übereinandergelegt, dass alles verschwimmt, ja flimmert. «Es geht mir um die Idee des Innen und Aussen. Wie gehe ich damit um, dass sich meine Umgebung verändert? Ich muss auch zulassen, dass ich mich verändere. Darum der Begriff der Solastalgie, den ich der Nostalgie entgegenstelle.»
Hoa Luo geht es dabei nicht um das Hinterhertrauern oder die Verklärung im Sinn von «früher war alles besser». Die Solastalgie gehe mit Schmerz einher, aber wir kämen nicht umhin, diesen Schmerz, diese Trauer auch zuzulassen. Mit der Ausstellung wollen Luo/Muchenberger auch herausfinden, wie andere mit diesem Gefühl der Solastalgie umgehen und wie wir gemeinsam diesem Schmerz begegnen können.
«Flimmern»: bis ca. Mitte Januar, Ruhbergstrasse 21, Flawil; es ist jeweils nur die gehisste Flagge zu sehen, Wechsel sonntags. Das Datum der Finissage wird noch bekannt gegeben. Anmeldung oder mehr Infos per Mail an studioikun@gmail.comloumuchenberger.com
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