Grüsse aus einem komplizierten Land
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
(Bild: pd/Nicha Rodboon)
Der Arschlochfinger kommt relativ früh, nach zirka fünf Minuten. Nur Regengeplätscher (wir sind in England) ist zu hören. Doch der restliche Pulk schafft es auch ohne Musik, weiterhin synchron zu tanzen. Bald zerfällt die Einheit ganz – und wird dies immer wieder tun. Oft sind es einzelne Rebell:innen, manchmal gleich die Hälfte der Kompanie, die sich der Synchronität widersetzen.
Wann fühlen wir uns heimisch und zugehörig? Die Themen Nationalismus und Patriotismus bieten viel Sprengstoff, die Hofesh Shechter in seinem einstündigen Stück From England with Love hervorragend explodieren lässt. Seine Wahlheimat England wird dabei immer wieder mit klischierten Bildern sichtbar. Logisch also, dass die Kompanie in englischen Schuluniformen gekleidet ist: Weisse Hemden mit Pullover, Krawatten, Kniesocken, Faltenröcke oder Shorts, dazu Rucksäcke.
Shechter zeigt eine Grussbotschaft aus einem Land, das von Einheit träumt, aber weit davon entfernt ist. Das Chaos dominiert, immer wieder flammen neue Konflikte auf. Die Bühne ist oft kaum ausgeleuchtet, sodass nur die Silhouetten zu sehen sind. In den Momenten, wo die Scheinwerfer hell leuchten, wird der Ärger und die Fuck-Off-Attitüde in den Gesichtsausdrücken sichtbar. Zu hören ist Regengeplätscher, der King’s College Choir aus Cambridge, elektronische Musik oder in Scherben zerfallendes Porzellan.
Die weissen Hemden sind irgendwann halb aufgeknöpft, die Krawatten als Bandanas um den Kopf gebunden und die Rucksäcke werden hinter die Bühne geschmissen. Es werden Pistolen- und Halsabschneidergesten aufeinander gezeigt. Leichen werden über die Bühne gezerrt und später wie Kadaver von den anderen Raubtieren verspeist.
Der Abend sorgt aber auch immer wieder für Schmunzler. Der Royal Wave, der in den schrägsten Momenten gezeigt wird. Oder die kurze Twerk-Einlage von Tommaso Terribile – schräg und grossartig. Trotzdem entwickelt man irgendwann so etwas wie Mitleid mit der Gruppe. Besonders, als Toon Theunissen eine berührende Solo-Einlage hat. Er stolpert, fällt zusammen, geht weiter, stolpert wieder. Theunissen ist eines der neuen Mitglieder der Kompanie und hat das Stück in der Nachwuchscompagnie von Shechter in anderen europäischen Städten getanzt.
Insgesamt überzeugt der Abend, der ein kompliziertes Land mit wundervollen Kontrasten zeigt. Von der Zeitlupe zum Schock, von der Euphorie zur Zerbrechlichkeit, von der Ernsthaftigkeit zur Ironie. So kann auch der Begriff «Love» im Titel ironisch verstanden werden. Das Stück strotzt vor Konflikten und will keine Lösungen liefern. Vielmehr arbeitet es sich an den komplexen Strukturen und widersprüchlichen Werten ab, die das Land prägen. Es verblüfft, da einige Erzählstränge gut auf die Schweiz oder gar global übertragen werden können: Die Suche nach der eigenen Identität, die Stimmungsschwankungen, die Frage, ob man gehen oder bleiben soll.
Am Ende ist nur noch Vogelgezwitscher zu hören. Die Tanzkompanie, die selbst aus unterschiedlichsten Nationalitäten besteht, entscheidet sich für Bleiben. Warum? Vielleicht einfach nur, um die verscherbelten Teetassen aufzuwischen und weiter zu streiten. Andernorts wären die Konflikte wohl eh dieselben.
From England with Love: Tanzstück von Hofesh Shechter, weitere Aufführungen bis Februar 2027, Theater St.Gallen
konzertundtheater.ch
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