Kein Kompliment
Sagt ein erwachsener Mann zu einem jungen Menschen, er sei «reif für sein Alter», ist das kein Kompliment. Das neue Jugendstück Unreif von Lena Riemer am Theater Konstanz greift diese Thematik auf und plädiert fürs Hinsehen und Handeln.
Die drei Freund:innen gespielt von Maria Lehber, Sylvana Schneider, und Luise Hipp (Bild: pd/Ilja Mess)
«Du wirkst älter, als du bist», sagt Manfred (50) zu Aila (17). «Du bist reif, für dein Alter», sagt Daniel (32) zu Robin (14). Zwei ausgedachte Szenen, die im Film, in der Literatur oder im Alltag so oder ähnlich immer wieder vorkommen.
Wenn ein erwachsener Mann so was zu einer Teenager:in sagt, scheint das auf den ersten Blick das ultimative Kompliment zu sein. Die Bestätigung schlechthin. Älter, reifer wirken, will man als Jugendliche:r nur zu gerne.
Aber man ist halt eben nicht älter und definitiv nicht reifer. Und die Aussage alles andere als ein Kompliment. Vielmehr erlaubt sie dem Sender heuchlerisch, den Körper eines sehr jungen Menschen zu sexualisieren. Oder rechtfertigt vermeintlich sexuelle Handlungen. Sie verschleiert, dass da ein hochproblematisches Machtgefälle vorliegt. Zwischen einem Erwachsenen und einem Nicht-Erwachsenen.
Genau diese Thematik greift die deutsche Theaterschreiberin Lena Riemer in Unreif auf. Das «Coming-of-Rage»-Stück wurde am 10. Oktober am Theater Konstanz uraufgeführt und ist noch bis Anfang November zu sehen.
«Hat man euch damals eigentlich auch erzählt, dass ihr reif für euer Alter seid?» Dieser Frage gehen die drei erwachsenen Freund:innen (Luise Hipp, Maria Lehberg und Sylvana Schneider) in dem rund einstündigen Stück nach. Durchforsten ihre Jugenderinnerungen, «als sie von Kindern zu Körpern wurden», heisst es in der Stückbeschreibung.
Da waren die Pfiffe von älteren Männern im Schwimmbad, die viel zu langsam über Körper gleitenden Blicke, die anzüglichen Kommentare. Das Trio überlegt, wie sie in diesen Situationen aus heutiger Sicht gerne reagiert hätten. Mutig. Laut. Unterstützend. Diese imaginierten Reaktionen spielen sie im von Hannah Frauenrath (Regie) und Romana Lautner (Dramaturgie) inszenierten Stück nach.
Mit dem vermeintlichen Kompliment sah sich die Stückschreiberin Riemer selbst als Jugendliche konfrontiert. Für Unreif tauschte sie sich zudem mit über 50 Teenager:innen zwischen elf und sechzehn Jahren über deren Erfahrungen mit Sexismus und Catcalling aus. «Alle von ihnen konnten aus persönlicher Erfahrung sprechen», heisst es seitens des Theaters.
Auch den Schreibprozess, der im Rahmen des Retzhofer Dramapreises erfolgte, begleiteten Jugendliche und gaben immer wieder Feedback. Durch dieses Vorgehen habe sie die Lebensrealität ihrer Zielgruppe einfangen können, erklärt Lena Riemer im Gespräch mit der Dramaturgin Romana Lautner auf der Theaterwebsite.
So sei etwa der digitale Raum vor allem auf Input der Jugendlichen in das Stück eingegangen. «Gespräche mit den Jugendlichen haben mir gezeigt, wie sehr sich die digitale und die analoge Lebenswelt bei ihnen ergänzen. Was auf dem Schulhof beginnt, wird auf Instagram weitergeführt. Ich musste darüber schreiben, wie sich diese beiden Welten auf positive und negative Weise verschränken.»
Das Erschreckende bei der gesamten Thematik sei, wie wenig kompetente Bezugspersonen es gebe. Riemer dazu: «Aus meiner Erfahrung gehen viele Menschen schnell in den Verteidigungsmodus (…). Dann fallen schnell Sätze wie ‹Aber das war ja gar nicht so gemeint› oder ‹Nicht alle Männer›.» Sie wünsche sich mehr Offenheit und Respekt von Erwachsenen, wenn Jugendliche von ihren Erlebnissen berichten, um das Problem gemeinsam anzugehen.
Der Status quo dürfe nicht akzeptiert werden, so viel ist für Riemer klar: «Nichts ist ‹einfach so›. Unsere Gesellschaft ist das, was wir aus ihr machen. Das bedeutet, wir müssen als Erwachsene endlich unsere eigene Angst und Scham überwinden und nie wieder weggucken, wenn wir Zeug:innen von Grenzüberschreitungen werden.»
Unreif: Donnerstag, 22. Oktober, 19.30 Uhr und Sonntag, 8. November, 18 Uhr, Spiegelhalle, Theater Konstanz.
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