Die Gewalt hat einen Schlüssel
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Ein Satz für die Ewigkeit: Gisèle Pelicots mutiger Gang an die Öffentlichkeit markierte einen Wendepunkt in der gesellschaftlichen Diskussion über Gewalt an Frauen. (Bilder: pd/Jos Schmid)
Zu Beginn der Performance hallt eine Stimme durch den ausverkauften Theatersaal: Ein Tenor singt Cold Song aus Henry Purcells King Arthur. Dann folgen die anderen Stimmen: jene der angeklagten Männer, der Anwält:innen, der Gutachter:innen, der Angehörigen. Und die Stimme von Gisèle Pelicot, deren Ehemann Dominique Pelicot sie über Jahre betäubte, vergewaltigte und anderen Männern zur Vergewaltigung überliess.
Milo Rau und Servane Dècle zeigten vergangenen Sonntag am Theater St.Gallen die Schweizer Erstaufführung des szenischen Oratoriums. Wie üblich bei Rau stehen neben Schauspieler:innen auch Gäste in wechselnden Rollen auf der Bühne.
Zwei Sprecherinnen sitzen an einem Tisch, gliedern den Abend. Anhand von hunderten Akten, Anklageschriften, Aussagen, Interviews, Gutachten, Artikeln oder Essays wurde der Originalprozess rekreiert. Selbst Recherche-Mails, die Milo Rau während der Arbeiten am Stück erhalten hatte, werden vorgelesen und so Teil der Aktion.
Das Theater ordnet und verdichtet diesen in seiner Fülle an Fakten, Material und Beteiligten komplexen, menschlich abgrundtiefen und juristisch eigentlich doch sehr einfachen Fall: Denn die Schuldigen stehen von Anfang an fest. Weil anders als sonst bei Vergewaltigungen, haben die Täter hier ihre Taten gleich selbst auf Video aufgezeichnet. Vor Gericht stehen neben Pelicot auch fünfzig Mitangeklagte.
Auch die St.Galler Stadtpräsidentin Maria Pappa beteiligte sich am Reenactment des Pelicot-Prozesses.
Die Angeklagten kommen aus unterschiedlichen beruflichen und sozialen Verhältnissen: Feuerwehrleute, Pflegefachmänner, Soldaten, Lastwagenfahrer, Handwerker, ein Journalist und ein Informatiker. 37 davon sind Familienväter. Ein Angeklagter war ein Nachbar der Pelicots.
Die Männer versuchten, ihre Schuld an den Verbrechen mit teilweise absurden Ausreden, Lügen und Ignoranz von sich zu schieben. «Ich hatte nie die Absicht, die Frau zu vergewaltigen. Es gab kein Eindringen mit dem Penis. Nein, nein, nein, nein!», verteidigt sich einer der Angeklagten – gespielt von einer Laienschauspielerin – laut und bestimmt. Ein anderer: «Nein, ich gebe die sexuellen Übergriffe nicht zu, ich habe nie gewusst, dass das Opfer unter Drogen stand.»
Die Aufführung ist eine komprimierte und rekonstruierte Version, die eine emotionale und psychische Zumutung ist. Für manche im Publikum. In den über vier Stunden verlassen Menschen regelmässig den Saal, die meisten kommen wieder zurück. Ungewohnt für ein gewöhnlich konzentriertes und still sitzendes Publikum. Ich bleibe durchgehend und bis zum Ende im Saal. Mich fesseln gerade die Länge und das Aushalten. Je länger ich zuhöre, desto drängender wird die Frage: Wie konnte es so weit kommen? Was sind das für Männer? Und wie kann sowas in Zukunft verhindert werden?
Der Abend nähert sich diesen Fragen zunächst über den Ort des Verbrechens. Mazan, ein kleiner Ort in der Provence nahe Avignon. Dort gibt es ein Schloss, in dem einst der Marquis de Sade lebte. Der Schriftsteller und Adlige des 18. Jahrhunderts verband Sexualität mit Gewalt, Erniedrigung und Macht. Von seinem Namen wurde später der Begriff «Sadismus» abgeleitet. Ganz in der Nähe des Schlosses, das heute ein Luxushotel ist, lebte das Ehepaar Pelicot in einem Einfamilienhaus. Jenes Haus, in dem Gisèle Pelicot zwischen 2011 und 2020 wiederholt bewusstlos gemacht und vergewaltigt wurde. Die Beziehung dieser beiden sadistischen Orte ist wohl ein verstörender historischer Zufall.
Ein Zufall war es auch, dass die Taten überhaupt ans Licht gekommen sind. Im September 2020 entdeckt ein Sicherheitsmitarbeiter in einem Supermarkt auf dem Überwachungsmonitor einen Mann, der sich auffällig Frauen nähert und ihnen offenbar unter die Röcke filmt. Der Sicherheitsmann bittet Dominique Pelicot ins Büro mitzukommen und alarmiert die Polizei. Eine der betroffenen Frauen erstattet Anzeige.
In der Einkaufstasche finden die Beamten zwei Mobiltelefone, einen Fotoapparat und eine Videokamera sowie Kondome. Pelicot ist sofort geständig. Bei ihm zuhause findet die Polizei weiteres belastendes Material. Bei einer zweiten Hausdurchsuchung können die Beamten sogar eine Festplatte mit 20’000 Videos und Fotos sicherstellen. Sie enthält das entscheidende Beweismaterial.
Die Festplatte ist ein Archiv des Grauens: Auf der Bühne werden die Ordner, Unterordner und Dateinamen verlesen, mit denen Pelicot seine Aufnahmen beschriftet hatte. Ein Verzeichnis trägt den Namen «Missbrauch», welches 128 Ordner mit pornografischen Fotos und Videos enthält, die zeigen, wie Drittpersonen sexuelle Handlungen an einer bewusstlosen, komatösen Gisèle Pellicot durchführen.
Weitere Ordner beschriftete er mit «Ihre Vergewaltiger», «Ihre Araber», «Ihre Schwarzen». In anderen Ordnern gibt es unzählige Fotos von erigierten Penissen, insbesondere mit jenem von Dominique Pelicot.
Die bürokratische Akribie, mit der Pelicot seine Gewalt dokumentierte und die Tausenden Dateien systematisch auf seinem Computer ablegte, ist schwer auszuhalten.
Und die Beamten finden noch etwas Verstörendes: Fotos von Caroline Darian, der Tochter von Dominique Pelicot. Sie zeigen sie laut Anklageschrift in Unterhose und einem Oberteil, seitlich auf einem Bett liegend. Ausserdem finden sich Spuren einer aufgerufenen Datei mit dem Titel «Meine Tochter nackt».
Sie werde ihren Vater nie mehr Papa nennen, ruft sie in den Saal. Die Fotos von ihr lassen Fragen offen, auf die Darian keine befriedigende Antwort erhält. Pelicot bestreitet bis zum Schluss, seine Tochter oder ihre Kinder missbraucht zu haben. Die Tochter und die Öffentlichkeit bezweifeln das.
Das Publikum erfährt, wie Dominique Pelicot die fremden Männer in sein Haus holte. Auf einer Dating-Site, in der es einen Chatroom mit dem Namen «Ohne ihr Wissen» gab, suchte Pelicot nach potenziellen Männern, die seine betäubte Frau vergewaltigen möchten. Der Fall macht damit auf die chemische Unterwerfung aufmerksam. Bekannt ist sie vor allem im Zusammenhang mit K.O.-Tropfen in Clubs und Bars.
Später gibt er den Männern genaue Anweisungen: kein Parfüm, keinen Lärm, davor nicht Rauchen oder nicht direkt vor dem Haus parkieren. Seine Frau sollte nichts bemerken oder riechen, die Nachbarschaft ebenfalls nicht. Das Betäubungsmittel hatte er ihr jeweils ins Essen gemischt.
Darin liegt eine der erschütterndsten Verschiebungen dieses Falls. Der vertraute Ort, das Zuhause, war der Tatort. Und der Mensch, dem sie 50 Jahre vertraute und neben dem sie jeden Morgen aufwachte, hatte ihre Bewusstlosigkeit organisiert. Die chemische Betäubung war auch der Grund für ihre Gedächtnislücken, an denen sie seit Jahren litt, ohne die Ursache zu kennen.
Nachdem sich Gisèle Pelicot fast vier Jahre zurückgezogen und sich für das Geschehene geschämt hatte, entschloss sie sich 2024, die Seite zu wechseln und an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie beharrte darauf, den Prozess gegen ihren Ehemann und die Mitangeklagten öffentlich zu führen. «Die Scham muss die Seite wechseln» wurde zum Satz, mit dem sich diese Entscheidung über Frankreich hinaus in die ganze Welt verbreitete.
Im Oratorium folgt ein Text der französischen Autorin Lola Lafon. Er lenkt den Blick auf die Nähe zwischen Täter und Opfern: «Sehr oft hat der Vergewaltiger einen Schlüssel. Zum Haus, zum Zimmer, zur Intimität, zur Psyche, zur Liebe, zur Beziehung.» Denn mehrheitlich finden Vergewaltigungen und sexuelle Verbrechen in der eigenen Familie und im eigenen Haus statt. Der unbekannte Täter im Park oder Parkhaus ist ebenfalls Realität, kommt aber statistisch gesehen viel seltener vor.
Im Originalprozess wurden die Missbrauchsvideos auf Wunsch von Gisèle Pelicot gezeigt. In St.Gallen zeigt Milo Rau die Videos natürlich nicht. Die Beschreibung einzelner Szenen reicht, um sich eine Vorstellung davon zu machen, was auf den Aufnahmen zu sehen ist.
Grotesk ist beispielsweise die erzählerische Darstellung einer Szene, in der eine Person sexuelle Handlungen an Gisèle Pelicot in einer Feuerwehruniform vollzieht. Die Person hinter der Kamera ist zweifelsfrei Dominique Pelicot. Die beiden Täter achten darauf, zu flüstern und auf abrupte Bewegungen zu verzichten. Mehrere Videos dokumentieren, wie der Feuerwehrmann Christian L. die bewusstlose Gisèle Pelicot vergewaltigt. Plötzlich bewegt sich Gisèle Pelicots Körper, worauf der Täter zurückschreckt. In einem anderen Video lächelt Christian L. in die Kamera, während er seinen Daumen hochhält.
Im Verhör gibt sich Christian L. unschuldig und uneinsichtig: Er habe in seinem Beruf sein Leben damit verbracht, Menschen zu retten. Ein Vergewaltiger sei er bestimmt nicht. Er behauptet sogar, er habe nicht erkannt, dass es eine Vergewaltigung war. «In den Videos ist es mein Körper, aber nicht mein Verstand.» Er rechtfertigt sich damit, dass er die Einladung des Ehemanns und die zuvor getroffenen Absprachen als Zustimmung der Frau verstanden habe. Gisèle Pelicot selbst hat er aber nie nach ihrer Einwilligung gefragt, wie er zugibt.
Spätestens als Chatprotokolle von Christian L. mit pädophilen Fantasien vorgelesen werden, verlassen mehrere Personen den Saal. Ein nicht identifizierter Mann bietet Christian L. seine 15-jährige Tochter an, um diese mit Schlafmitteln zu betäuben und dann zu vergewaltigen. An dieser Stelle ist die Frage berechtigt: Wie viele Details braucht eine Inszenierung? Kann man das den Menschen zumuten?
Oder ist es eben nicht gerade wichtig, die Realität auszuhalten und nicht die Augen beziehungsweise die Ohren zu verschliessen? So traurig und schmerzhaft diese Konfrontation auch ist: Wegschauen verhindert keinen einzigen Fall.
Besonders brisant ist der Fall eines Mannes, der das Haus der Pelicots wieder verliess, als er erkannte, dass Gisèle betäubt war. Die Gewalt meldete er der Polizei jedoch nicht – aus Scham und aus Angst, seine Familie zu verlieren oder als pervers zu gelten. Er verweigerte die Beteiligung, doch sein Schweigen liess Pelicot gewähren. Er war der einzige Beteiligte, der «Nein» zum Übergriff sagte, aber keinen Alarm schlug, um weiteren Missbrauch zu verhindern.
Wie im Fall Pelicot stellt sich auch im aktuellen Fall an der Cornell University in den USA die Frage nach der Verantwortung der Mitwissenden: Mehrere Mitglieder einer Studentenverbindung sollen eine ehemalige Studentin unter Drogeneinfluss vergewaltigt haben. Einer von ihnen soll über einen Gruppenchat weitere Männer dazu eingeladen haben. Nach Angaben ihres Anwalts erreichte die Nachricht 57 Männer, ohne dass jemand eingegriffen habe.
Was braucht es, damit Menschen in solchen Situationen eingreifen? Was müssen Kinder lernen und welche Verantwortung tragen die Erwachsenen? Und wie lässt sich verhindern, dass es überhaupt so weit kommt? Darüber habe ich nach der Aufführung mit Milo Rau gesprochen:
Saiten: Müsste Prävention schon im Kindergarten und in der Primarschule beginnen?
Milo Rau: Ich bin dafür kein Spezialist, aber ich bin Vater von zwei Töchtern. Kinder lernen heute zum Glück, Nein zu sagen und sich einer übergriffigen Situation zu entziehen. Mich beschäftigt aber auch die Täterseite: Wie kommen Väter, Onkel, Lehrer oder ältere Schüler überhaupt auf die Idee, ein Kind sexuell zu bedrängen? Zudem: Auch Jungen müssen lernen, Nein zu sagen. Und vor allem müssen wir alle das Schweigen brechen, das solche Taten erst möglich macht.
Was zeigt der Prozess darüber, warum Männer sexuelle Gewalt nicht verhindern oder melden, selbst wenn sie davon wissen?
Viele Männer werden sich gedacht haben: Macht weiter wie bisher, aber lasst euch dabei nicht filmen, dann kommt ihr davon. Sexuelle Gewalt gilt unter Erwachsenen immer noch als etwas Entschuldbares, als eine Art Nebeneffekt der sexuellen Befreiung. Auch beim aktuellen Fall an der Cornell University in den USA stellt sich die Frage: Warum schweigen Menschen, obwohl ihnen durchaus bewusst ist, dass es hier um Vergewaltigung, also um eine Straftat geht?
Im März besuchte Gisèle Pelicot (vorne) in der Judson Church in New York erstmals das Stück über ihren Prozess. Mit auf dem Bild: Theatermacher Milo Rau (links) und Dramaturgin Servane Dècle (hinten rechts). (Bild: pd)
Was hält jemanden davon ab, die Gewalt zu melden, die er selbst mitbekommen hat?
Im Fall Pelicot kommt ein einziger Mann vor, der zu Pelicot nach Hause geht, erkennt, was mit Gisèle geschieht, dass sie in Lebensgefahr schwebt und tatsächlich «Nein» sagt. Aber dennoch meldet er es nicht der Polizei. Hier kommt die Scham ins Spiel, aber von männlicher Seite: Wenn bekannt wird, dass er irgendwie in die Sache verwickelt war, dann drohen dieselben gesellschaftlichen Konsequenzen, wie wenn er die Tat selbst begangen hätte. Das hängt damit zusammen, dass Intimität und Sexualität grundsätzlich noch immer schambehaftet sind. Wir sagen: Die Scham muss die Seite wechseln, und das stimmt. Aber die Scham ist ohnehin schon auf allen Seiten. Die Scham müsste sich komplett verabschieden aus unserer Gesellschaft. Wir sollten offen und frei unsere Bedürfnisse und unsere Grenzen kundtun.
Selbst die positiven Aspekte von Sexualität und Pornografie sind noch immer mit Scham bedeckt.
Ja. Ein Vorwurf gegenüber Gisèle Pelicot, beziehungsweise eine Strategie der Verteidigung war, dass sie Spass an Sex hatte. Dass sie auch Spass an ausgefallenen Praktiken hatte, wie natürlich viele Menschen. Entscheidend ist aber die Unterscheidung zwischen Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit. Ich glaube, unsere Gesellschaft ist sehr stark auf Macht, Besitz und Dominanz ausgerichtet. Vielleicht liegt das an unserer Zivilisation, vielleicht am Menschen. Vielleicht verstärken sich Natur und Kultur gegenseitig. Das sind Fragen, denen wir im Stück nachgehen.
Der französische Philosoph Geoffroy de Lagasnerie vertritt – auch im Stück – den strafrechtlichen Abolitionismus: Er bezweifelt, dass Bestrafung und Gefängnis Gerechtigkeit schaffen und Gewalt verhindern. Ernsthafte Straffreiheit fordert für solche Täter ja niemand.
Nein, es geht nicht um Straffreiheit. Es geht darum, wie ein Prozess geführt wird, welche gesellschaftlichen Schlussfolgerungen wir für die Therapie und die Erziehung von Männern aus solchen Fällen ziehen. Vergewaltigung ist ein Kapitalverbrechen, deshalb haben die meisten Täter 13 Jahre Gefängnis erhalten und nicht zwei. Aber ein System, das diejenigen, die erwischt werden, stigmatisiert, beantwortet die gesellschaftliche Frage noch nicht: Wie war es möglich, dass von 100 Männern, die in ihrer Unterschiedlichkeit die komplette soziale Breite an Männlichkeit abdecken, nur einer «Nein» gesagt hat – und keiner zur Polizei gegangen ist? Vergessen wir nicht: Gisèle Pelicot befand sich in Lebensgefahr, es ist ein Wunder, dass sie all das überlebt hat. Es geht also nicht «nur» um Vergewaltigung, sondern wirklich um die völlige Entmenschlichung einer Person. Warum tun Männer das – und zwar, nun ja: potenziell alle.
Wie kann ein Theaterstück dazu beitragen, dass Männer sexuelle Gewalt erkennen, eingreifen und sie melden?
Vielleicht muss man eher fragen: Was kann das Theaterstück dazu beitragen, dass der Fall Pelicot bekannter wird? Denn Gisèle Pelicot hat etwas angestossen: Wenn eine Frau unerklärliche Schmerzen hat, wenn sie sich nicht erinnern kann, sollte das vom Arzt nicht einfach als Regelbeschwerden oder als Folge der Wechseljahre abgetan werden, wie es bei Gisèle der Fall war. Der Fall und auch das Stück stärken das Bewusstsein dafür, dass Substanzen und damit eine Vergewaltigung im Spiel sein könnten. Und vor allem: dass die Täter oft aus dem allernächsten Umfeld kommen.
Was hast du persönlich aus dem Stück mitgenommen?
Was mir selbst als gewissermassen erstem Zuschauer des Stücks klar geworden ist, ist die Universalität des Patriarchats. Meine zugespitzte Erkenntnis ist, dass alle Männer so erzogen werden, dass alle grundsätzlich zu einer Vergewaltigung fähig wären oder zumindest schweigen würden – unabhängig von ihrem Hintergrund. «Nein» zu sagen, erscheint einem modernen Mann schambehafteter als mitzumachen: Ich muss jetzt da durch, sonst stehe ich blöd da, sonst bin ich ein Loser. Und wenn ich was durchsickern lasse oder gar zur Polizei gehe, bin ich ein Verräter. Natürlich kommen nur wenige Männer tatsächlich in eine so radikale Situation wie die bei Pelicot. Und der Weg dahin hat viele Stufen: Zuerst geht man in die Foren, dann führt man die ersten Chats. Einige treffen zunächst Paare, die solche Fantasien einvernehmlich ausleben. Und dann gerät man in einen vermeintlichen Graubereich. Und hier kommen die Videos ins Spiel, die es zum Glück gibt: die Behauptung, die Männer hätten nicht gewusst, was sie taten, stimmt nicht. Die Videos zeigen, dass sie es wussten – und es trotzdem taten.
In der Aufführung wird auch an die US-amerikanische feministische Denkerin bell hooks erinnert. Sie beschreibt in Der Wille zur Veränderung patriarchale Männlichkeit als erlerntes Verhalten: Jungen würden dazu erzogen, ihre Verletzlichkeit zu verbergen und Härte zu zeigen. Ihre Analyse eröffnet eine Frage, die Milo Rau auch am Theaterabend aufwirft: Wie müssen Jungen aufwachsen, damit sie Gewalt widersprechen, statt mitzumachen oder zu schweigen?
Wer Gewalt erlernt, ist ihr nicht willenlos ausgeliefert. Eigene Missbrauchserfahrungen führen nicht zwangsläufig zu Täterschaft; das zeigt sich auch daran, dass Frauen häufig sexuelle Gewalt erfahren, ohne später selbst zu Täterinnen zu werden.
Gegen Ende der epischen Aufführung tritt Dominique Pelicots zur letzten Befragung in den Gerichtssaal. «Ich wollte eine rebellische Frau unterwerfen», so seine unverblümte Begründung für seine Taten. «Gegenüber Gisèle habe ich bewusst auf Gewalt verzichtet, sie ist eine Heilige.» Seine Aussage zeigt exemplarisch, wie solche Täter Gewalt umdeuten: Die Betäubung und die Vergewaltigungen seiner Frau sind für ihn keine Gewalt, weil das Opfer die Gewalt nicht direkt miterlebt hat.
Am 19. Dezember 2024 wurde Dominique Pelicot zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Auch sämtliche Mitangeklagten wurden zu Haftstrafen bis zu 15 Jahren verurteilt. Die gesellschaftliche Verantwortung, die das Oratorium von uns einfordert, ist aber noch lange nicht erledigt.
Sie beginnt viel früher: dort, wo ein Junge ein Mädchen mit einem sexualisierten Satz zum Schweigen bringt. Dort, wo männliche Anerkennung mit der Abwertung von Frauen einhergeht. Dort, wo ein Verdacht nicht ausgesprochen werden darf, weil er eine Familie oder ein Umfeld beschädigen könnte.
Gisèle Pelicot, die weltweit zur «Ikone» gegen sexuelle- und chemische Gewalt wurde, denkt in ihrem Schlussplädoyer an ihre Enkelkinder: «Man wird sich an ihre Grossmutter erinnern, während man sich an Herrn Pelicot weniger erinnern wird.»
Nach mehr als viereinhalb Stunden bleiben die Stimmen der Männer im Kopf: ihre verstörenden Erklärungen, ihre Ausreden und ihr Schweigen. Aber auch Aussagen wie jene der Frauenrechtlerin Gisèle Alimi: «Eine Frau, die vergewaltigt wurde, ist eine gebrochene Frau, eine zerstörte Frau, eine Frau, die sich meiner Meinung nach nie wieder erholen wird.»
Und es bleibt der Schlüssel aus Lola Lafons Text. Er steht für das Vertrauen, das Gewalt möglich machte. Wer dieses Vertrauen künftig schützen will, muss früher handeln: aufmerksam sein, eingreifen, Nein sagen und Kinder aufklären. Gefordert und aufgefordert sind alle Männer.
Schauspielerin Heidi Maria Glössner spricht das Schlusswort.
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