Kategorie
Autor:innen
Jahr

Die Gewalt hat einen Schlüssel

Ein Satz für die Ewigkeit: Gisèle Pelicots mutiger Gang an die Öffentlichkeit markierte einen Wendepunkt in der gesellschaftlichen Diskussion über Gewalt an Frauen. (Bilder: pd/Jos Schmid)

Ein Satz für die Ewigkeit: Gisèle Pelicots mutiger Gang an die Öffentlichkeit markierte einen Wendepunkt in der gesellschaftlichen Diskussion über Gewalt an Frauen. (Bilder: pd/Jos Schmid)

Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.

Zu Be­ginn der Per­for­mance hallt ei­ne Stim­me durch den aus­ver­kauf­ten Thea­ter­saal: Ein Te­nor singt Cold Song aus Hen­ry Pur­cells King Ar­thur. Dann fol­gen die an­de­ren Stim­men: je­ne der an­ge­klag­ten Män­ner, der An­wält:in­nen, der Gut­ach­ter:in­nen, der An­ge­hö­ri­gen. Und die Stim­me von Gisè­le Pe­li­cot, de­ren Ehe­mann Do­mi­ni­que Pe­li­cot sie über Jah­re be­täub­te, ver­ge­wal­tig­te und an­de­ren Män­nern zur Ver­ge­wal­ti­gung über­liess.

Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle zeig­ten ver­gan­ge­nen Sonn­tag am Thea­ter St.Gal­len die Schwei­zer Erst­auf­füh­rung des sze­ni­schen Ora­to­ri­ums. Wie üb­lich bei Rau ste­hen ne­ben Schau­spie­ler:in­nen auch Gäs­te in wech­seln­den Rol­len auf der Büh­ne.

Zwei Spre­che­rin­nen sit­zen an ei­nem Tisch, glie­dern den Abend. An­hand von hun­der­ten Ak­ten, An­kla­ge­schrif­ten, Aus­sa­gen, In­ter­views, Gut­ach­ten, Ar­ti­keln oder Es­says wur­de der Ori­gi­nal­pro­zess re­kre­iert. Selbst Re­cher­che-Mails, die Mi­lo Rau wäh­rend der Ar­bei­ten am Stück er­hal­ten hat­te, wer­den vor­ge­le­sen und so Teil der Ak­ti­on.

Das Thea­ter ord­net und ver­dich­tet die­sen in sei­ner Fül­le an Fak­ten, Ma­te­ri­al und Be­tei­lig­ten kom­ple­xen, mensch­lich ab­grund­tie­fen und ju­ris­tisch ei­gent­lich doch sehr ein­fa­chen Fall: Denn die Schul­di­gen ste­hen von An­fang an fest. Weil an­ders als sonst bei Ver­ge­wal­ti­gun­gen, ha­ben die Tä­ter hier ih­re Ta­ten gleich selbst auf Vi­deo auf­ge­zeich­net. Vor Ge­richt ste­hen ne­ben Pe­li­cot auch fünf­zig Mit­an­ge­klag­te.

Auch die St.Galler Stadtpräsidentin Maria Pappa beteiligte sich am Reenactment des Pelicot-Prozesses.

Auch die St.Galler Stadtpräsidentin Maria Pappa beteiligte sich am Reenactment des Pelicot-Prozesses.

Die An­ge­klag­ten kom­men aus un­ter­schied­li­chen be­ruf­li­chen und so­zia­len Ver­hält­nis­sen: Feu­er­wehr­leu­te, Pfle­ge­fach­män­ner, Sol­da­ten, Last­wa­gen­fah­rer, Hand­wer­ker, ein Jour­na­list und ein In­for­ma­ti­ker. 37 da­von sind Fa­mi­li­en­vä­ter. Ein An­ge­klag­ter war ein Nach­bar der Pe­li­cots.

Die Män­ner ver­such­ten, ih­re Schuld an den Ver­bre­chen mit teil­wei­se ab­sur­den Aus­re­den, Lü­gen und Igno­ranz von sich zu schie­ben. «Ich hat­te nie die Ab­sicht, die Frau zu ver­ge­wal­ti­gen. Es gab kein Ein­drin­gen mit dem Pe­nis. Nein, nein, nein, nein!», ver­tei­digt sich ei­ner der An­ge­klag­ten – ge­spielt von ei­ner Lai­en­schau­spie­le­rin – laut und be­stimmt. Ein an­de­rer: «Nein, ich ge­be die se­xu­el­len Über­grif­fe nicht zu, ich ha­be nie ge­wusst, dass das Op­fer un­ter Dro­gen stand.»

Die Auf­füh­rung ist ei­ne kom­pri­mier­te und re­kon­stru­ier­te Ver­si­on, die ei­ne emo­tio­na­le und psy­chi­sche Zu­mu­tung ist. Für man­che im Pu­bli­kum. In den über vier Stun­den ver­las­sen Men­schen re­gel­mäs­sig den Saal, die meis­ten kom­men wie­der zu­rück. Un­ge­wohnt für ein ge­wöhn­lich kon­zen­trier­tes und still sit­zen­des Pu­bli­kum. Ich blei­be durch­ge­hend und bis zum En­de im Saal. Mich fes­seln ge­ra­de die Län­ge und das Aus­hal­ten. Je län­ger ich zu­hö­re, des­to drän­gen­der wird die Fra­ge: Wie konn­te es so weit kom­men? Was sind das für Män­ner? Und wie kann so­was in Zu­kunft ver­hin­dert wer­den?

Das Haus und der Ar­chi­var des Grau­ens

Der Abend nä­hert sich die­sen Fra­gen zu­nächst über den Ort des Ver­bre­chens. Ma­zan, ein klei­ner Ort in der Pro­vence na­he Avi­gnon. Dort gibt es ein Schloss, in dem einst der Mar­quis de Sa­de leb­te. Der Schrift­stel­ler und Ad­li­ge des 18. Jahr­hun­derts ver­band Se­xua­li­tät mit Ge­walt, Er­nied­ri­gung und Macht. Von sei­nem Na­men wur­de spä­ter der Be­griff «Sa­dis­mus» ab­ge­lei­tet. Ganz in der Nä­he des Schlos­ses, das heu­te ein Lu­xus­ho­tel ist, leb­te das Ehe­paar Pe­li­cot in ei­nem Ein­fa­mi­li­en­haus. Je­nes Haus, in dem Gisè­le Pe­li­cot zwi­schen 2011 und 2020 wie­der­holt be­wusst­los ge­macht und ver­ge­wal­tigt wur­de. Die Be­zie­hung die­ser bei­den sa­dis­ti­schen Or­te ist wohl ein ver­stö­ren­der his­to­ri­scher Zu­fall.

Ein Zu­fall war es auch, dass die Ta­ten über­haupt ans Licht ge­kom­men sind. Im Sep­tem­ber 2020 ent­deckt ein Si­cher­heits­mit­ar­bei­ter in ei­nem Su­per­markt auf dem Über­wa­chungs­mo­ni­tor ei­nen Mann, der sich auf­fäl­lig Frau­en nä­hert und ih­nen of­fen­bar un­ter die Rö­cke filmt. Der Si­cher­heits­mann bit­tet Do­mi­ni­que Pe­li­cot ins Bü­ro mit­zu­kom­men und alar­miert die Po­li­zei. Ei­ne der be­trof­fe­nen Frau­en er­stat­tet An­zei­ge.

In der Ein­kaufs­ta­sche fin­den die Be­am­ten zwei Mo­bil­te­le­fo­ne, ei­nen Fo­to­ap­pa­rat und ei­ne Vi­deo­ka­me­ra so­wie Kon­do­me. Pe­li­cot ist so­fort ge­stän­dig. Bei ihm zu­hau­se fin­det die Po­li­zei wei­te­res be­las­ten­des Ma­te­ri­al. Bei ei­ner zwei­ten Haus­durch­su­chung kön­nen die Be­am­ten so­gar ei­ne Fest­plat­te mit 20’000 Vi­de­os und Fo­tos si­cher­stel­len. Sie ent­hält das ent­schei­den­de Be­weis­ma­te­ri­al.

Die Fest­plat­te ist ein Ar­chiv des Grau­ens: Auf der Büh­ne wer­den die Ord­ner, Un­ter­ord­ner und Da­tei­na­men ver­le­sen, mit de­nen Pe­li­cot sei­ne Auf­nah­men be­schrif­tet hat­te. Ein Ver­zeich­nis trägt den Na­men «Miss­brauch», wel­ches 128 Ord­ner mit por­no­gra­fi­schen Fo­tos und Vi­de­os ent­hält, die zei­gen, wie Dritt­per­so­nen se­xu­el­le Hand­lun­gen an ei­ner be­wusst­lo­sen, ko­ma­tö­sen Gisè­le Pel­li­cot durch­füh­ren.

Wei­te­re Ord­ner be­schrif­te­te er mit «Ih­re Ver­ge­wal­ti­ger», «Ih­re Ara­ber», «Ih­re Schwar­zen». In an­de­ren Ord­nern gibt es un­zäh­li­ge Fo­tos von eri­gier­ten Pe­nis­sen, ins­be­son­de­re mit je­nem von Do­mi­ni­que Pe­li­cot.

Die bü­ro­kra­ti­sche Akri­bie, mit der Pe­li­cot sei­ne Ge­walt do­ku­men­tier­te und die Tau­sen­den Da­tei­en sys­te­ma­tisch auf sei­nem Com­pu­ter ab­leg­te, ist schwer aus­zu­hal­ten.

Und die Be­am­ten fin­den noch et­was Ver­stö­ren­des: Fo­tos von Ca­ro­li­ne Dari­an, der Toch­ter von Do­mi­ni­que Pe­li­cot. Sie zei­gen sie laut An­kla­ge­schrift in Un­ter­ho­se und ei­nem Ober­teil, seit­lich auf ei­nem Bett lie­gend. Aus­ser­dem fin­den sich Spu­ren ei­ner auf­ge­ru­fe­nen Da­tei mit dem Ti­tel «Mei­ne Toch­ter nackt».

Sie wer­de ih­ren Va­ter nie mehr Pa­pa nen­nen, ruft sie in den Saal. Die Fo­tos von ihr las­sen Fra­gen of­fen, auf die Dari­an kei­ne be­frie­di­gen­de Ant­wort er­hält. Pe­li­cot be­strei­tet bis zum Schluss, sei­ne Toch­ter oder ih­re Kin­der miss­braucht zu ha­ben. Die Toch­ter und die Öf­fent­lich­keit be­zwei­feln das.

Das Pu­bli­kum er­fährt, wie Do­mi­ni­que Pe­li­cot die frem­den Män­ner in sein Haus hol­te. Auf ei­ner Da­ting-Site, in der es ei­nen Chat­room mit dem Na­men «Oh­ne ihr Wis­sen» gab, such­te Pe­li­cot nach po­ten­zi­el­len Män­nern, die sei­ne be­täub­te Frau ver­ge­wal­ti­gen möch­ten. Der Fall macht da­mit auf die che­mi­sche Un­ter­wer­fung auf­merk­sam. Be­kannt ist sie vor al­lem im Zu­sam­men­hang mit K.O.-Trop­fen in Clubs und Bars.

DSC02973 1 Kopie

Spä­ter gibt er den Män­nern ge­naue An­wei­sun­gen: kein Par­füm, kei­nen Lärm, da­vor nicht Rau­chen oder nicht di­rekt vor dem Haus par­kie­ren. Sei­ne Frau soll­te nichts be­mer­ken oder rie­chen, die Nach­bar­schaft eben­falls nicht. Das Be­täu­bungs­mit­tel hat­te er ihr je­weils ins Es­sen ge­mischt.

Dar­in liegt ei­ne der er­schüt­ternds­ten Ver­schie­bun­gen die­ses Falls. Der ver­trau­te Ort, das Zu­hau­se, war der Tat­ort. Und der Mensch, dem sie 50 Jah­re ver­trau­te und ne­ben dem sie je­den Mor­gen auf­wach­te, hat­te ih­re Be­wusst­lo­sig­keit or­ga­ni­siert. Die che­mi­sche Be­täu­bung war auch der Grund für ih­re Ge­dächt­nis­lü­cken, an de­nen sie seit Jah­ren litt, oh­ne die Ur­sa­che zu ken­nen.

Tä­ter ha­ben oft ei­nen Schlüs­sel

Nach­dem sich Gisè­le Pe­li­cot fast vier Jah­re zu­rück­ge­zo­gen und sich für das Ge­sche­he­ne ge­schämt hat­te, ent­schloss sie sich 2024, die Sei­te zu wech­seln und an die Öf­fent­lich­keit zu ge­hen. Sie be­harr­te dar­auf, den Pro­zess ge­gen ih­ren Ehe­mann und die Mit­an­ge­klag­ten öf­fent­lich zu füh­ren. «Die Scham muss die Sei­te wech­seln» wur­de zum Satz, mit dem sich die­se Ent­schei­dung über Frank­reich hin­aus in die gan­ze Welt ver­brei­te­te.

Im Ora­to­ri­um folgt ein Text der fran­zö­si­schen Au­torin Lo­la La­fon. Er lenkt den Blick auf die Nä­he zwi­schen Tä­ter und Op­fern: «Sehr oft hat der Ver­ge­wal­ti­ger ei­nen Schlüs­sel. Zum Haus, zum Zim­mer, zur In­ti­mi­tät, zur Psy­che, zur Lie­be, zur Be­zie­hung.» Denn mehr­heit­lich fin­den Ver­ge­wal­ti­gun­gen und se­xu­el­le Ver­bre­chen in der ei­ge­nen Fa­mi­lie und im ei­ge­nen Haus statt. Der un­be­kann­te Tä­ter im Park oder Park­haus ist eben­falls Rea­li­tät, kommt aber sta­tis­tisch ge­se­hen viel sel­te­ner vor. 

Der Kör­per, an­geb­lich oh­ne Ver­stand

Im Ori­gi­nal­pro­zess wur­den die Miss­brauchs­vi­de­os auf Wunsch von Gisè­le Pe­li­cot ge­zeigt. In St.Gal­len zeigt Mi­lo Rau die Vi­de­os na­tür­lich nicht. Die Be­schrei­bung ein­zel­ner Sze­nen reicht, um sich ei­ne Vor­stel­lung da­von zu ma­chen, was auf den Auf­nah­men zu se­hen ist.

Gro­tesk ist bei­spiels­wei­se die er­zäh­le­ri­sche Dar­stel­lung ei­ner Sze­ne, in der ei­ne Per­son se­xu­el­le Hand­lun­gen an Gisè­le Pe­li­cot in ei­ner Feu­er­wehr­uni­form voll­zieht. Die Per­son hin­ter der Ka­me­ra ist zwei­fels­frei Do­mi­ni­que Pe­li­cot. Die bei­den Tä­ter ach­ten dar­auf, zu flüs­tern und auf ab­rup­te Be­we­gun­gen zu ver­zich­ten. Meh­re­re Vi­de­os do­ku­men­tie­ren, wie der Feu­er­wehr­mann Chris­ti­an L. die be­wusst­lo­se Gisè­le Pe­li­cot ver­ge­wal­tigt. Plötz­lich be­wegt sich Gisè­le Pe­li­cots Kör­per, wor­auf der Tä­ter zu­rück­schreckt. In ei­nem an­de­ren Vi­deo lä­chelt Chris­ti­an L. in die Ka­me­ra, wäh­rend er sei­nen Dau­men hoch­hält.

Im Ver­hör gibt sich Chris­ti­an L. un­schul­dig und un­ein­sich­tig: Er ha­be in sei­nem Be­ruf sein Le­ben da­mit ver­bracht, Men­schen zu ret­ten. Ein Ver­ge­wal­ti­ger sei er be­stimmt nicht. Er be­haup­tet so­gar, er ha­be nicht er­kannt, dass es ei­ne Ver­ge­wal­ti­gung war. «In den Vi­de­os ist es mein Kör­per, aber nicht mein Ver­stand.» Er recht­fer­tigt sich da­mit, dass er die Ein­la­dung des Ehe­manns und die zu­vor ge­trof­fe­nen Ab­spra­chen als Zu­stim­mung der Frau ver­stan­den ha­be. Gisè­le Pe­li­cot selbst hat er aber nie nach ih­rer Ein­wil­li­gung ge­fragt, wie er zu­gibt.

Spä­tes­tens als Chat­pro­to­kol­le von Chris­ti­an L. mit pä­do­phi­len Fan­ta­sien vor­ge­le­sen wer­den, ver­las­sen meh­re­re Per­so­nen den Saal. Ein nicht iden­ti­fi­zier­ter Mann bie­tet Chris­ti­an L. sei­ne 15-jäh­ri­ge Toch­ter an, um die­se mit Schlaf­mit­teln zu be­täu­ben und dann zu ver­ge­wal­ti­gen. An die­ser Stel­le ist die Fra­ge be­rech­tigt: Wie vie­le De­tails braucht ei­ne In­sze­nie­rung? Kann man das den Men­schen zu­mu­ten?

Oder ist es eben nicht ge­ra­de wich­tig, die Rea­li­tät aus­zu­hal­ten und nicht die Au­gen be­zie­hungs­wei­se die Oh­ren zu ver­schlies­sen? So trau­rig und schmerz­haft die­se Kon­fron­ta­ti­on auch ist: Weg­schau­en ver­hin­dert kei­nen ein­zi­gen Fall.

Be­son­ders bri­sant ist der Fall ei­nes Man­nes, der das Haus der Pe­li­cots wie­der ver­liess, als er er­kann­te, dass Gisè­le be­täubt war. Die Ge­walt mel­de­te er der Po­li­zei je­doch nicht – aus Scham und aus Angst, sei­ne Fa­mi­lie zu ver­lie­ren oder als per­vers zu gel­ten. Er ver­wei­ger­te die Be­tei­li­gung, doch sein Schwei­gen liess Pe­li­cot ge­wäh­ren. Er war der ein­zi­ge Be­tei­lig­te, der «Nein» zum Über­griff sag­te, aber kei­nen Alarm schlug, um wei­te­ren Miss­brauch zu ver­hin­dern.

Ei­ni­ge Fra­gen an den Thea­ter­ma­cher Mi­lo Rau

Wie im Fall Pe­li­cot stellt sich auch im ak­tu­el­len Fall an der Cor­nell Uni­ver­si­ty in den USA die Fra­ge nach der Ver­ant­wor­tung der Mit­wis­sen­den: Meh­re­re Mit­glie­der ei­ner Stu­den­ten­ver­bin­dung sol­len ei­ne ehe­ma­li­ge Stu­den­tin un­ter Dro­gen­ein­fluss ver­ge­wal­tigt ha­ben. Ei­ner von ih­nen soll über ei­nen Grup­pen­chat wei­te­re Män­ner da­zu ein­ge­la­den ha­ben. Nach An­ga­ben ih­res An­walts er­reich­te die Nach­richt 57 Män­ner, oh­ne dass je­mand ein­ge­grif­fen ha­be.

Was braucht es, da­mit Men­schen in sol­chen Si­tua­tio­nen ein­grei­fen? Was müs­sen Kin­der ler­nen und wel­che Ver­ant­wor­tung tra­gen die Er­wach­se­nen? Und wie lässt sich ver­hin­dern, dass es über­haupt so weit kommt? Dar­über ha­be ich nach der Auf­füh­rung mit Mi­lo Rau ge­spro­chen: 

Sai­ten: Müss­te Prä­ven­ti­on schon im Kin­der­gar­ten und in der Pri­mar­schu­le be­gin­nen?

Mi­lo Rau: Ich bin da­für kein Spe­zia­list, aber ich bin Va­ter von zwei Töch­tern. Kin­der ler­nen heu­te zum Glück, Nein zu sa­gen und sich ei­ner über­grif­fi­gen Si­tua­ti­on zu ent­zie­hen. Mich be­schäf­tigt aber auch die Tä­ter­sei­te: Wie kom­men Vä­ter, On­kel, Leh­rer oder äl­te­re Schü­ler über­haupt auf die Idee, ein Kind se­xu­ell zu be­drän­gen? Zu­dem: Auch Jun­gen müs­sen ler­nen, Nein zu sa­gen. Und vor al­lem müs­sen wir al­le das Schwei­gen bre­chen, das sol­che Ta­ten erst mög­lich macht.

Was zeigt der Pro­zess dar­über, war­um Män­ner se­xu­el­le Ge­walt nicht ver­hin­dern oder mel­den, selbst wenn sie da­von wis­sen?

Vie­le Män­ner wer­den sich ge­dacht ha­ben: Macht wei­ter wie bis­her, aber lasst euch da­bei nicht fil­men, dann kommt ihr da­von. Se­xu­el­le Ge­walt gilt un­ter Er­wach­se­nen im­mer noch als et­was Ent­schuld­ba­res, als ei­ne Art Ne­ben­ef­fekt der se­xu­el­len Be­frei­ung. Auch beim ak­tu­el­len Fall an der Cor­nell Uni­ver­si­ty in den USA stellt sich die Fra­ge: War­um schwei­gen Men­schen, ob­wohl ih­nen durch­aus be­wusst ist, dass es hier um Ver­ge­wal­ti­gung, al­so um ei­ne Straf­tat geht?

Im März besuchte Gisèle Pelicot (vorne) in der Judson Church in New York erstmals das Stück über ihren Prozess. Mit auf dem Bild: Theatermacher Milo Rau (links) und Dramaturgin Servane Dècle (hinten rechts). (Bild: pd)

Im März besuchte Gisèle Pelicot (vorne) in der Judson Church in New York erstmals das Stück über ihren Prozess. Mit auf dem Bild: Theatermacher Milo Rau (links) und Dramaturgin Servane Dècle (hinten rechts). (Bild: pd)

Was hält je­man­den da­von ab, die Ge­walt zu mel­den, die er selbst mit­be­kom­men hat?

Im Fall Pe­li­cot kommt ein ein­zi­ger Mann vor, der zu Pe­li­cot nach Hau­se geht, er­kennt, was mit Gisè­le ge­schieht, dass sie in Le­bens­ge­fahr schwebt und tat­säch­lich «Nein» sagt. Aber den­noch mel­det er es nicht der Po­li­zei. Hier kommt die Scham ins Spiel, aber von männ­li­cher Sei­te: Wenn be­kannt wird, dass er ir­gend­wie in die Sa­che ver­wi­ckelt war, dann dro­hen die­sel­ben ge­sell­schaft­li­chen Kon­se­quen­zen, wie wenn er die Tat selbst be­gan­gen hät­te. Das hängt da­mit zu­sam­men, dass In­ti­mi­tät und Se­xua­li­tät grund­sätz­lich noch im­mer scham­be­haf­tet sind. Wir sa­gen: Die Scham muss die Sei­te wech­seln, und das stimmt. Aber die Scham ist oh­ne­hin schon auf al­len Sei­ten. Die Scham müss­te sich kom­plett ver­ab­schie­den aus un­se­rer Ge­sell­schaft. Wir soll­ten of­fen und frei un­se­re Be­dürf­nis­se und un­se­re Gren­zen kund­tun.

Selbst die po­si­ti­ven Aspek­te von Se­xua­li­tät und Por­no­gra­fie sind noch im­mer mit Scham be­deckt.

Ja. Ein Vor­wurf ge­gen­über Gisè­le Pe­li­cot, be­zie­hungs­wei­se ei­ne Stra­te­gie der Ver­tei­di­gung war, dass sie Spass an Sex hat­te. Dass sie auch Spass an aus­ge­fal­le­nen Prak­ti­ken hat­te, wie na­tür­lich vie­le Men­schen. Ent­schei­dend ist aber die Un­ter­schei­dung zwi­schen Frei­wil­lig­keit und Un­frei­wil­lig­keit. Ich glau­be, un­se­re Ge­sell­schaft ist sehr stark auf Macht, Be­sitz und Do­mi­nanz aus­ge­rich­tet. Viel­leicht liegt das an un­se­rer Zi­vi­li­sa­ti­on, viel­leicht am Men­schen. Viel­leicht ver­stär­ken sich Na­tur und Kul­tur ge­gen­sei­tig. Das sind Fra­gen, de­nen wir im Stück nach­ge­hen.

Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Ge­off­roy de La­g­as­ne­rie ver­tritt – auch im Stück – den straf­recht­li­chen Ab­oli­tio­nis­mus: Er be­zwei­felt, dass Be­stra­fung und Ge­fäng­nis Ge­rech­tig­keit schaf­fen und Ge­walt ver­hin­dern. Ernst­haf­te Straf­frei­heit for­dert für sol­che Tä­ter ja nie­mand. 

Nein, es geht nicht um Straf­frei­heit. Es geht dar­um, wie ein Pro­zess ge­führt wird, wel­che ge­sell­schaft­li­chen Schluss­fol­ge­run­gen wir für die The­ra­pie und die Er­zie­hung von Män­nern aus sol­chen Fäl­len zie­hen. Ver­ge­wal­ti­gung ist ein Ka­pi­tal­ver­bre­chen, des­halb ha­ben die meis­ten Tä­ter 13 Jah­re Ge­fäng­nis er­hal­ten und nicht zwei. Aber ein Sys­tem, das die­je­ni­gen, die er­wischt wer­den, stig­ma­ti­siert, be­ant­wor­tet die ge­sell­schaft­li­che Fra­ge noch nicht: Wie war es mög­lich, dass von 100 Män­nern, die in ih­rer Un­ter­schied­lich­keit die kom­plet­te so­zia­le Brei­te an Männ­lich­keit ab­de­cken, nur ei­ner «Nein» ge­sagt hat – und kei­ner zur Po­li­zei ge­gan­gen ist? Ver­ges­sen wir nicht: Gisè­le Pe­li­cot be­fand sich in Le­bens­ge­fahr, es ist ein Wun­der, dass sie all das über­lebt hat. Es geht al­so nicht «nur» um Ver­ge­wal­ti­gung, son­dern wirk­lich um die völ­li­ge Ent­mensch­li­chung ei­ner Per­son. War­um tun Män­ner das – und zwar, nun ja: po­ten­zi­ell al­le.

Wie kann ein Thea­ter­stück da­zu bei­tra­gen, dass Män­ner se­xu­el­le Ge­walt er­ken­nen, ein­grei­fen und sie mel­den?

Viel­leicht muss man eher fra­gen: Was kann das Thea­ter­stück da­zu bei­tra­gen, dass der Fall Pe­li­cot be­kann­ter wird? Denn Gisè­le Pe­li­cot hat et­was an­ge­stos­sen: Wenn ei­ne Frau un­er­klär­li­che Schmer­zen hat, wenn sie sich nicht er­in­nern kann, soll­te das vom Arzt nicht ein­fach als Re­gel­be­schwer­den oder als Fol­ge der Wech­sel­jah­re ab­ge­tan wer­den, wie es bei Gisè­le der Fall war. Der Fall und auch das Stück stär­ken das Be­wusst­sein da­für, dass Sub­stan­zen und da­mit ei­ne Ver­ge­wal­ti­gung im Spiel sein könn­ten. Und vor al­lem: dass die Tä­ter oft aus dem al­ler­nächs­ten Um­feld kom­men.

Was hast du per­sön­lich aus dem Stück mit­ge­nom­men?

Was mir selbst als ge­wis­ser­mas­sen ers­tem Zu­schau­er des Stücks klar ge­wor­den ist, ist die Uni­ver­sa­li­tät des Pa­tri­ar­chats. Mei­ne zu­ge­spitz­te Er­kennt­nis ist, dass al­le Män­ner so er­zo­gen wer­den, dass al­le grund­sätz­lich zu ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung fä­hig wä­ren oder zu­min­dest schwei­gen wür­den – un­ab­hän­gig von ih­rem Hin­ter­grund. «Nein» zu sa­gen, er­scheint ei­nem mo­der­nen Mann scham­be­haf­te­ter als mit­zu­ma­chen: Ich muss jetzt da durch, sonst ste­he ich blöd da, sonst bin ich ein Lo­ser. Und wenn ich was durch­si­ckern las­se oder gar zur Po­li­zei ge­he, bin ich ein Ver­rä­ter. Na­tür­lich kom­men nur we­ni­ge Män­ner tat­säch­lich in ei­ne so ra­di­ka­le Si­tua­ti­on wie die bei Pe­li­cot. Und der Weg da­hin hat vie­le Stu­fen: Zu­erst geht man in die Fo­ren, dann führt man die ers­ten Chats. Ei­ni­ge tref­fen zu­nächst Paa­re, die sol­che Fan­ta­sien ein­ver­nehm­lich aus­le­ben. Und dann ge­rät man in ei­nen ver­meint­li­chen Grau­be­reich. Und hier kom­men die Vi­de­os ins Spiel, die es zum Glück gibt: die Be­haup­tung, die Män­ner hät­ten nicht ge­wusst, was sie ta­ten, stimmt nicht. Die Vi­de­os zei­gen, dass sie es wuss­ten – und es trotz­dem ta­ten.

Wie Männ­lich­keit ge­lernt wird

In der Auf­füh­rung wird auch an die US-ame­ri­ka­ni­sche fe­mi­nis­ti­sche Den­ke­rin bell hooks er­in­nert. Sie be­schreibt in Der Wil­le zur Ver­än­de­rung pa­tri­ar­cha­le Männ­lich­keit als er­lern­tes Ver­hal­ten: Jun­gen wür­den da­zu er­zo­gen, ih­re Ver­letz­lich­keit zu ver­ber­gen und Här­te zu zei­gen. Ih­re Ana­ly­se er­öff­net ei­ne Fra­ge, die Mi­lo Rau auch am Thea­ter­abend auf­wirft: Wie müs­sen Jun­gen auf­wach­sen, da­mit sie Ge­walt wi­der­spre­chen, statt mit­zu­ma­chen oder zu schwei­gen?

Wer Ge­walt er­lernt, ist ihr nicht wil­len­los aus­ge­lie­fert. Ei­ge­ne Miss­brauchs­er­fah­run­gen füh­ren nicht zwangs­läu­fig zu Tä­ter­schaft; das zeigt sich auch dar­an, dass Frau­en häu­fig se­xu­el­le Ge­walt er­fah­ren, oh­ne spä­ter selbst zu Tä­te­rin­nen zu wer­den.

Ge­gen En­de der epi­schen Auf­füh­rung tritt Do­mi­ni­que Pe­li­cots zur letz­ten Be­fra­gung in den Ge­richts­saal. «Ich woll­te ei­ne re­bel­li­sche Frau un­ter­wer­fen», so sei­ne un­ver­blüm­te Be­grün­dung für sei­ne Ta­ten. «Ge­gen­über Gisè­le ha­be ich be­wusst auf Ge­walt ver­zich­tet, sie ist ei­ne Hei­li­ge.» Sei­ne Aus­sa­ge zeigt ex­em­pla­risch, wie sol­che Tä­ter Ge­walt um­deu­ten: Die Be­täu­bung und die Ver­ge­wal­ti­gun­gen sei­ner Frau sind für ihn kei­ne Ge­walt, weil das Op­fer die Ge­walt nicht di­rekt mit­er­lebt hat.

Am 19. De­zem­ber 2024 wur­de Do­mi­ni­que Pe­li­cot zu zwan­zig Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Auch sämt­li­che Mit­an­ge­klag­ten wur­den zu Haft­stra­fen bis zu 15 Jah­ren ver­ur­teilt. Die ge­sell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung, die das Ora­to­ri­um von uns ein­for­dert, ist aber noch lan­ge nicht er­le­digt.

Sie be­ginnt viel frü­her: dort, wo ein Jun­ge ein Mäd­chen mit ei­nem se­xua­li­sier­ten Satz zum Schwei­gen bringt. Dort, wo männ­li­che An­er­ken­nung mit der Ab­wer­tung von Frau­en ein­her­geht. Dort, wo ein Ver­dacht nicht aus­ge­spro­chen wer­den darf, weil er ei­ne Fa­mi­lie oder ein Um­feld be­schä­di­gen könn­te.

Gisè­le Pe­li­cot, die welt­weit zur «Iko­ne» ge­gen se­xu­el­le- und che­mi­sche Ge­walt wur­de, denkt in ih­rem Schluss­plä­doy­er an ih­re En­kel­kin­der: «Man wird sich an ih­re Gross­mutter er­in­nern, wäh­rend man sich an Herrn Pe­li­cot we­ni­ger er­in­nern wird.»

Nach mehr als vier­ein­halb Stun­den blei­ben die Stim­men der Män­ner im Kopf: ih­re ver­stö­ren­den Er­klä­run­gen, ih­re Aus­re­den und ihr Schwei­gen. Aber auch Aus­sa­gen wie je­ne der Frau­en­recht­le­rin Gisè­le Ali­mi: «Ei­ne Frau, die ver­ge­wal­tigt wur­de, ist ei­ne ge­bro­che­ne Frau, ei­ne zer­stör­te Frau, ei­ne Frau, die sich mei­ner Mei­nung nach nie wie­der er­ho­len wird.»

Und es bleibt der Schlüs­sel aus Lo­la La­fons Text. Er steht für das Ver­trau­en, das Ge­walt mög­lich mach­te. Wer die­ses Ver­trau­en künf­tig schüt­zen will, muss frü­her han­deln: auf­merk­sam sein, ein­grei­fen, Nein sa­gen und Kin­der auf­klä­ren. Ge­for­dert und auf­ge­for­dert sind al­le Män­ner.

Schauspielerin Heidi Maria Glössner spricht das Schlusswort.

Schauspielerin Heidi Maria Glössner spricht das Schlusswort.

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2