Kategorie
Autor:innen
Jahr

Milo Rau: «Es geht darum, Mechanismen zu verändern»

Theatermacher Milo Rau erhält den Grossen St.Galler Kulturpreis doch noch – aber nicht jenen der Stadt, sondern der kantonalen st.gallischen Kulturstiftung. «Das freut mich extrem», sagt Rau am Telefon im Zug nach Gent.
Von  Peter Surber
Milo Rau, Kulturpreisträger. (Bild: Michiel Devijver)

Die SMS kommen im Minutentakt, dazwischen ein Anruf auf dem anderen Telefon: Milo Rau, am Montagmorgen im Zug von seinem Wohnort Köln nach Gent, wo er seit 2018 das Schauspielhaus NT Gent leitet, ist kurz nach der Bekanntgabe des St.Galler Kulturpreises ein gefragter Mann – gefragter, als er es sonst schon ist mit seinen Produktionen, die sich auf beinah allen Kontinenten theatralisch in die Gesellschaft einmischen.

Immer wieder höre er dabei von Gratulant:innen die Reaktion: «Jetzt hat es doch noch geklappt.» Und muss korrigieren: Es ist nicht der  Kulturpreis der Stadt St.Gallen, den er 2018 auf Beschluss des Stadtrats gegen den Vorschlag der Kulturkommission nicht erhalten hat – sondern jener der st.gallischen Kulturstiftung, die quer durch den Kanton ihre Preise vergibt, darunter alle drei Jahre den mit 30’000 Franken dotierten Grossen Kulturpreis.

Der St.Galler Stadtrat hatte damals sein Njet damit begründet, dass Raus «kultureller Fussabdruck» in der Stadt selber zu wenig stark sei. Und konnte den Verdacht nicht ganz ausräumen, dass der Entscheid auch eine politische Komponente hatte: Mit dem Projekt City of Change, vor elf Jahren am Theater St.Gallen realisiert, hatte Rau ursprünglich den Mord an einem St.Galler Lehrer künstlerisch thematisieren wollen – und damit in Teilen der Bevölkerung Entrüstung ausgelöst, so dass das Projekt abgeändert werden musste.

Symbolszene aus City of Change, 2011 am Theater St.Gallen. (Bild: pd)

«Zwischen Begeisterung und Polarisierung» bewegten sich die Reaktionen auf Raus Arbeiten immer wieder, schreibt die Kulturstiftung denn auch. Und betont zugleich explizit die «starke Verbundenheit» Raus mit St.Gallen, der Stadt, in der er aufgewachsen ist und bis 20 gelebt hat und wo er journalistisch (unter anderem für Saiten) sowie mit City of Change und einem aktuellen Inszenierungsangebot für das Theater St.Gallen weiter präsent sei.

* * *

Milo Rau, was ist Ihre Reaktion auf den Preis?

Milo Rau: Mich freut der Preis extrem. Ich hatte eher angenommen, in St.Gallen «persona non grata» zu sein, und freue mich jetzt umso mehr, in einer Reihe mit früheren Preisträger:innen wie Martin Schläpfer, Roman Signer oder Pipilotti Rist zu stehen, die ich sehr schätze.

Es gab gleich zweimal Konflikte mit der Stadt, bei City of Change und beim Kulturpreis. Schwelt da noch etwas?

Dass ich den Preis nicht bekommen habe, ist egal. Ärgerlich war, dass mir zum Vorwurf gemacht worden ist, kein «richtiger St.Galler» zu sein, weil das einfach nicht stimmt. Aber es geht mir nicht um meine Person, sondern um den Vorgang, dass die Politik in den künstlerischen Entscheid eines Fachgremiums eingreift. Es gibt Expert:innen für Kultur, für Sport, für Justiz, für Politik und so weiter – da muss Gewaltenteilung herrschen und der Respekt vor Fachwissen. Dass sich eine Regierung über ein Kulturgremium hinwegsetzt, gäbe in Deutschland einen gewaltigen Skandal.

St.Gallen bekommt einen neuen Theaterdirektor – gibt es Pläne für eine Rau-Inszenierung?

Das kann ein Neuanfang sein, auch wenn ich es sehr schade finde, dass Jonas Knecht gehen muss. Das Problem ist aber, dass Koproduktionen mit anderen Häusern am Theater St.Gallen und übrigens auch bei vielen anderen Stadttheatern nicht vorgesehen sind. Das ist mit ein Grund für die Regionalität des St.Galler Theaters. In der internationalen Szene sind solche Gastspiel-Kooperationen zentral. Ich bin darauf angewiesen, eine Produktion auch in Deutschland oder in Gent zeigen zu können. Da muss sich in St.Gallen etwas ändern.

Szene aus dem Kongo-Tribunal. (Bild: pd)

Die Kulturstiftung lobt Ihre Arbeiten als «Weltkunst» in dem Sinn: «Sie verlassen immer wieder die Komfortzone des Kunstbetriebs und gehen an die Brennpunkte globaler Auseinandersetzungen.» Exemplarisch dafür sei das Kongo-Tribunal. Wie sehen Sie das?

Das Kongo-Tribunal ist ein gutes Beispiel, weil es inzwischen seit sieben Jahren im Gang ist und weite Kreise in die Gesellschaft hinein zieht. Aktuell extrem wichtig ist für mich Nachhaltigkeit, deshalb zum Beispiel die Gründung der Filmschule in Mossul. Theater ist für mich nicht einfach die Herstellung von Stücken, sondern die Schaffung von Strukturen und Veränderung. So ist es mit dem Neuen Evangelium, das wir in den Tomatenplantagen in Süditalien inszeniert haben, gelungen, ein Netzwerk für die Distribution von Gemüse aufzubauen und inzwischen rund tausend Personen zu regularisieren.

Die «Revolution der Würde», Szene aus der Inszenierung Das Neue Evangelium von Milo Rau. (Bild: Armin Smailovic)

Kunst macht Politik?

Ich sehe mich zwar als Künstler, aber es geht mir um langfristige Wirkung, mit Unterstützung von Netzwerken aller Art. Ich werde oft als «Skandalnudel» betrachtet, aber das Ziel meiner Arbeit ist es, Mechanismen zu verändern. Das kann heissen, Mikroökologien zu schaffen, alternative Lebensformen zu fördern, den Menschen zu mehr Würde zu verhelfen. Da wird Kunst sehr konkret.

* * *

Die St.Gallische Kulturstiftung schreibt in ihrer Preisbegründung: «Rau beschreibt gesellschaftliche Realitäten, weltumspannende Innenräume der globalen Wirtschaft; ihre Alpträume und Hoffnungen, ihre Unter- und Gegenwelten. Reales wird aus dem Schatten der Dokuente ans Licht der Präsenz gezerrt, unbewusstes Tun zu einem Bewussten und damit moralisch und politisch frag-würdig gemacht.»

Rund um die Verleihung des Kulturpreises am 17. November zeigt die Kunsthalle St.Gallen eine mehrtägige Ausstellung zu den filmischen, theatralischen und aktivistischen Arbeiten von Milo Rau.

Sie zitiert im weiteren Raus Bemerkung aus einem Interview mit Rolf Bossart, der Teufel lasse immer eine Lücke, in die der Künstler hineinkriechen könne. «Die Kulturstiftung ehrt den Regisseur und Kunsttheoretiker Milo Rau mit dem Grossen Kulturpreis, weil er seit Jahren immer wieder und unerbittlich diese Lücken findet, in die er sich voll hineingibt, sich einmischt und seine Finger mitten in die Wunden legt, die erst dann heilen können, wenn der Grund der Verletzung klar ist und sich direkt oder indirekt Betroffene dazu äussern können. Durch sein Einmischen geht er immer wieder ein grosses Wagnis ein.»

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49

Mu­si­ka­li­sches Fest zum 150.

Die Ton­hal­le Wil wur­de 1876 er­öff­net. Seit­her be­rei­chert sie prak­tisch un­un­ter­bro­chen das kul­tu­rel­le Le­ben der Äb­te­stadt. An den kom­men­den zwei Wo­chen­en­den wird ge­fei­ert.

Von  Roman Hertler
DSC2639

Lau­te Ein­sam­keit

Jo­nas Ul­rich taucht mit sei­nem ers­ten Spiel­film in die Black-Me­tal-Welt ab. Wol­ves ist ei­ne bild­star­ke Ge­schich­te über Ein­sam­keit und das Da­zu­ge­hö­ren, vol­ler Ge­gen­sät­ze und mit et­was holp­ri­gen Dia­lo­gen.

Von  Daria Frick
001 wolves

Das Ge­dächt­nis der Zu­kunft

St.Gal­len be­wahrt nicht mehr nur 1000-jäh­ri­ge Hand­schrif­ten. Mit dem In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht hier ein Ar­chiv für Web­sei­ten, künst­li­che In­tel­li­genz und das di­gi­ta­le Ge­dächt­nis der Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
2606 Internet Archive 01
Heftvorschau 06/26
archive.org, Generalverdacht, 80er-Aufbruch

Mit In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht in St.Gal­len ein Ab­le­ger des gröss­ten Ar­chivs für Web­si­ten und Künst­li­che In­tel­li­genz welt­weit. Aus­ser­dem im Ju­ni­heft: Män­ner un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht, das gros­se St.Gal­ler 80er-Buch, das Ab­schieds­in­ter­view mit dem lang­jäh­ri­gen Kel­ler­büh­nen­chef und die Fla­schen­post aus Ve­ne­dig.

Saiten 2606 01 Cover

«Han­deln wi­der bes­se­res Wis­sen ist wie­der po­pu­lär»

Der WWF St.Gal­len wird 50 Jah­re alt. Sein Ge­schäfts­lei­ter Lu­kas In­der­maur zieht bei der Be­ur­tei­lung der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on von Na­tur und Um­welt ei­ne durch­zo­ge­ne Bi­lanz.

Von  Reto Voneschen
2605 Redeplatz Lukas Indermaur

Freu­de am Ma­chen

«Urs Frei. A – Z» im Kunst­mu­se­um St. Gal­len ist die ers­te Re­tro­spek­ti­ve zum aus­ser­or­dent­li­chen Schaf­fen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Ar­bei­ten ge­ben Ein­blick in ein Werk, das kaum zu fas­sen ist. Das ge­hört zu sei­ner Qua­li­tät.

Von  Ursula Badrutt
Urs frei online

Ideen für die Zu­kunft

Wie wol­len wir künf­tig le­ben und un­se­re Nah­rungs­mit­tel pro­du­zie­ren? Die Aus­stel­lung «How goes To­mor­row» der Ost­schwei­zer Künst­le­rin Clau­de Büh­ler in der Shed­hal­le in Frau­en­feld sen­si­bi­li­siert für nach­hal­ti­ge Hand­lungs­stra­te­gien. 

Von  Vera Zatti
IMG 9114

Vom Un­glück der Frau, die ihn ge­bo­ren hat

«Das Kind zu­rück­las­sen? Wie kann man so dumm und herz­los sein», schreibt der Schwei­zer Au­tor Lu­kas Bär­fuss über sei­ne Mut­ter, die kei­ne Mut­ter für ihn sein konn­te. In sei­nem neu­en Buch schaut er in die Ver­gan­gen­heit und hat Ver­ständ­nis, nicht für die Mut­ter, aber doch für die­se Frau, die nie Glück und im­mer zu we­nig Geld hat­te.

Von  Sieglinde Wöhrer
Jhqzg1tg 1 1 Stefano de Marchi

Lau­sanne-Ouchy vs. FCSG – St. Gal­len ist end­lich Cup­sie­ger!

Gaal, Gört­ler und Wit­zig schies­sen St. Gal­len zum lang­ersehn­ten Cup­sieg!

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bis­se am Bo­den­see­ufer

Die Me­di­ka­men­ten­ver­su­che von Müns­ter­lin­gen als Teil ei­nes Vam­pir-Mu­si­cals? Auf die Idee muss man erst ein­mal kom­men. Die Büh­ne Mam­mern wagt den Ver­such. Ab 29. Mai im Zir­kus­zelt.

Von  Michael Lünstroth
Cast landscape

Zwi­schen Gleis, Ge­gen­wart und Ge­sell­schaft

Die dies­jäh­ri­ge Kul­tur­lands­ge­mein­de fin­det ent­lang der Bahn­li­nie zwi­schen Gos­sau und Was­ser­au­en statt. Es ist ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Ex­pe­ri­m­ent­zwi­schen Kunst, Ge­sell­schaft und Ak­ti­vis­mus. Aus­ser­dem stellt die Kul­tur­lands­ge­mein­de künst­le­risch und or­ga­ni­sa­to­risch die Wei­chen für die Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
KULA Vorstand Oleksandra Tsapko

Ein Fes­ti­val für Punk­rock

Am Sams­tag fin­det in St.Gal­len erst­mals das Punk­fes­ti­val El Car­tel statt. Es soll da­zu bei­tra­gen, die Sze­ne zu stär­ken. Da­bei fehlt es ge­ra­de in St.Gal­len an Nach­wuchs.

Von  David Gadze
Yellow tales grabepunk

Wy­bora­da: Die fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek der Ost­schweiz

Seit 40 Jah­ren macht die Bi­blio­thek Wy­bora­da in St.Gal­len sicht­bar, was lan­ge fehl­te: Li­te­ra­tur von und über Frau­en. Heu­te sind Au­torin­nen und fe­mi­nis­ti­sche The­men zwar stär­ker prä­sent in der Öf­fent­lich­keit, doch die Re­le­vanz der Bi­blio­thek ist nach wie vor gross.

Von  Marion Loher
2605 Wyborada Laura Tura room

Or­ches­trier­ter An­griff ge­gen ex­ter­nen Auf­klä­rungs­un­ter­richt 

Mit ei­ner In­ter­pel­la­ti­on grei­fen SVP und EDU im St.Gal­ler Kan­tons­rat den aus­ser­schu­li­schen Auf­klä­rungs­un­ter­richt an. Und mit Un­ter­stüt­zung des «Leh­rer­netz­werks Schweiz» wol­len El­tern aus Büt­schwil ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen vor Ge­richt brin­gen. Da­hin­ter steckt ei­ne or­ches­trier­te Ak­ti­on.

Von  René Hornung
2502 Aufklaerung Badges Inv nr 1300

Brü­cke zwi­schen mu­si­ka­li­scher und sprach­li­cher Tra­di­ti­on

«Die­ci», die ita­lie­ni­sche Zahl für zehn, ist das Mot­to des dies­jäh­ri­gen Hei­den-Fes­ti­vals. Es ver­weist da­bei nicht nur auf das Ju­bi­lä­um, son­dern auch auf ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Hal­tung.

Von  Lilli Kim Schreiber
Heiden Festival Nicoals Senn Tom Rigney USA

Naturmuseum Thurgau

Der Grim­bart zum An­fas­sen

Von  Vera Zatti
Dachs Illustration quer def 1

Ein Ber­ner in St.Gal­len

Das St.Gal­ler Thea­ter Trou­vail­le ent­deckt den Mu­si­ker und Ju­ris­ten Ma­ni Mat­ter neu. «’S isch ei­nisch ei­ne gsy»– 90 Jah­re Ma­ni Mat­ter ver­bin­det zahl­rei­che Lie­der und li­te­ra­ri­sche Tex­te des Ber­ners zu ei­nem abend­fül­len­den Pro­gramm. Sai­ten hat mit dem Thea­ter­lei­ter Mat­thi­as Flü­cki­ger ge­spro­chen.

Von  Vera Zatti
Mani Matter Pressefoto

Ein Kurz­trip durch Schein­wel­ten

Vier Jah­re nach ih­rem De­büt keh­ren Lev Ti­gro­vich mit ei­ner neu­en EP zu­rück. Die­se han­delt von Kon­troll­ver­lust, Il­lu­sio­nen und gros­sen Ge­füh­len – und ent­hält erst­mals ei­nen Song, der nicht auf Rus­sisch ge­sun­gen ist.

Von  David Gadze
Lev Tigrovich Press Photo 4 Lena Frei