Drei Schauspieler, eine Schauspielerin, ein Wohnzimmer mit Sofa, Buffet und Familienfotos, eine Live-Kamera, die die Schauspieler beim Reden filmt: Das ist Milo Raus Minimal-Theater, ohne Handlung, ohne Interaktion, reduziert auf vier Menschen und ihre Geschichten, die man sich anhört, als wären sie wahr. Und denen man zwei Stunden lang mit hohem Interesse folgt.
Depressiv und gewalttätig
Aus den lockeren Erzählungen, in französisch und flämisch mit deutscher Übersetzung, schält sich nach und nach der Kern heraus – das Drama der verlorenen Väter. Sara de Bosschere sieht ihren begabten und schillernden Vater, Pianist und Trotzkist, nach und nach in Depressionen versinken. Sébastian Foucault verliert seinen Vater, der den gleichen Namen wie der Philosoph Michel Foucault trägt, an wahnhafte Verfolgungszustände. Karim Bel Kacem verwünscht seinen gewalttätigen, arbeitslosen Trinker-Vater. Johan Leysen schliesslich, mit Runzelgesicht und Grossvater-Lächeln, erzählt vom frühen Tod des Vaters und von den kuriosen Erlebnissen mit Kino-Übervater Jean-Luc Godard – es sind die heitersten Momente im meist gemessen-ernsten Erzählstück.
Lebensgeschichten, noch dazu von hervorragenden Schauspielern erzählt: Was will man mehr? Der Titel «The Civil Wars» und Milo Raus Erläuterungen zum Stück (in einem Gespräch mit Rolf Bossart) deuten aber darauf hin, dass das Projekt mehr als ein Stück Biographie-Arbeit sein will. In der Vaterlosigkeit sieht er ein europäisches Grundproblem, und die Titel der einzelnen Akte greifen ins Volle: «Die grossen Bewegungen», «Geschichte des Wahnsinns» oder «Diskurs über die Methode». Den Kontext sieht Rau geradezu apokalyptisch: 2073 soll laut einer Nasa-Studie die Welt endgültig den Klima-Kollaps erleiden. Und: «Die grossen politischen Fragen unserer Zeit spiegeln sich in den privaten Erzählungen jedes einzelnen.»
Tatsächlich kann man in den Familienepisoden durchaus Archetypisches heraushören – das Zerbrechen der Väter am Exil und am ökonomischen Druck, die Not der Kinder mit den Idealbildern, welche die Eltern auf sie projizieren, der unerfüllbare Wunsch nach einem umarmenden Vater. Und es tun sich gesellschaftliche Bruchstellen auf – am stärksten dort, wo Bel Kacem seine Kindheit im trostlosen «Pigonnier» in einer französischen Banlieue schildert.
Zu einem «Porträt Europas», wie es Regisseur Rau vorschwebt, tragen diese Geschichten gewiss einzelne, beklemmende und auch mal fröhliche Puzzlesteine bei. Weniger spürbar ist die politische Dringlichkeit, welche seine vorhergegangenen Produktionen, die «Moskauer Prozesse» oder «Hate Radio», das Stück zum Bürgerkrieg in Ruanda auszeichneten.
Geplant: eine «Geschichte des Maschinengewehrs»
Das mag am mehrfach geänderten Konzept liegen. Ursprünglich sollte das Stück von europäischen Jugendlichen handeln, die sich dem islamischen Dschihad anschliessen. Davon sind jetzt noch die Rahmenerzählungen um den belgischen «Gotteskrieger» Joris übriggeblieben. Und die verzweifelten, in ihrer Überzeichnung beinah wieder komischen Vater-Folter- und Mordfantasien, die der Regisseur dem Schauspieler Bel Kacem in den Mund legt. Die privateren Erzählungen verknüpfen sich mit dieser Thematik höchstens sehr lose.
«The Civil Wars» ist ein persönlicher, schauspielerisch berührender Abend. Den welterklärerischen Gestus drumherum hätte er nicht nötig. Dieser wird vielleicht in den kommenden Teilen der als «Europa-Trilogie» angekündigten Produktion eingelöst: «Fuck you, Europa!» und «Die Geschichte des Maschinengewehrs».
Vielleicht ist aber auch diese Ankündigung nur Theater – dem Spieler Rau wäre es zuzutrauen. Bevor «The Civil Wars» beginnt, prangt auf der Bühne eine gewaltige, vergoldete und mit rotem Plüschvorhang und Löwenwappen prunkende Theaterloge, Sinnbild des feudalen barocken Illusionstheaters. Dann dreht sich die Bühne, die Loge verschwindet, im Alltagsraum fangen die Schauspieler ihre Erzählungen an. Wahrheit und Erfindung, Wirklichkeit und Kulisse, trompe-l’oeil und trompe-l’oreille: Bei Rau weiss man nie.
Weitere Vorstellungen 28. bis 31. August, Rote Fabrik Zürich, Restkarten. Heute abend mit Gespräch mit dem Regisseur. Infos: theaterspektakel.ch
Bilder: Internationale Institute / Marc Stephan
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!