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Europas Vater-Komplex

«The Civil Wars» heisst Milo Raus neuster Theater-Streich. Was martialisch tönt, zeigt sich bei der Premiere am Theaterspektakel Zürich als intime Suche nach den verlorenen Vätern.
Von  Peter Surber , 

Drei Schauspieler, eine Schauspielerin, ein Wohnzimmer mit Sofa, Buffet und Familienfotos, eine Live-Kamera, die die Schauspieler beim Reden filmt: Das ist Milo Raus Minimal-Theater, ohne Handlung, ohne Interaktion, reduziert auf vier Menschen und ihre Geschichten, die man sich anhört, als wären sie wahr. Und denen man zwei Stunden lang mit hohem Interesse folgt.

Depressiv und gewalttätig

Aus den lockeren Erzählungen, in französisch und flämisch mit deutscher Übersetzung, schält sich nach und nach der Kern heraus – das Drama der verlorenen Väter. Sara de Bosschere  sieht ihren begabten und schillernden Vater, Pianist und Trotzkist, nach und nach in Depressionen versinken. Sébastian Foucault verliert seinen Vater, der den gleichen Namen wie der Philosoph Michel Foucault trägt, an wahnhafte Verfolgungszustände. Karim Bel Kacem verwünscht seinen gewalttätigen, arbeitslosen Trinker-Vater. Johan Leysen schliesslich, mit Runzelgesicht und Grossvater-Lächeln, erzählt vom frühen Tod des Vaters und von den kuriosen Erlebnissen mit Kino-Übervater Jean-Luc Godard – es sind die heitersten Momente im meist gemessen-ernsten Erzählstück.

The-Civil-Wars_IIPM_Marc-Stephan_4Lebensgeschichten, noch dazu von hervorragenden Schauspielern erzählt: Was will man mehr? Der Titel «The Civil Wars» und Milo Raus Erläuterungen zum Stück (in einem Gespräch mit Rolf Bossart) deuten aber darauf hin, dass das Projekt mehr als ein Stück Biographie-Arbeit sein will. In der Vaterlosigkeit sieht er ein europäisches Grundproblem, und die Titel der einzelnen Akte greifen ins Volle: «Die grossen Bewegungen», «Geschichte des Wahnsinns» oder «Diskurs über die Methode». Den Kontext sieht Rau geradezu apokalyptisch: 2073 soll laut einer Nasa-Studie die Welt endgültig den Klima-Kollaps erleiden. Und: «Die grossen politischen Fragen unserer Zeit spiegeln sich in den privaten Erzählungen jedes einzelnen.»

Tatsächlich kann man in den Familienepisoden durchaus Archetypisches heraushören – das Zerbrechen der Väter am Exil und am ökonomischen Druck, die Not der Kinder mit den Idealbildern, welche die Eltern auf sie projizieren, der unerfüllbare Wunsch nach einem umarmenden Vater. Und es tun sich gesellschaftliche Bruchstellen auf – am stärksten dort, wo Bel Kacem seine Kindheit im trostlosen «Pigonnier» in einer französischen Banlieue schildert.

Zu einem «Porträt Europas», wie es Regisseur Rau vorschwebt, tragen diese Geschichten gewiss einzelne, beklemmende und auch mal fröhliche Puzzlesteine bei. Weniger spürbar ist die politische Dringlichkeit, welche seine vorhergegangenen Produktionen, die «Moskauer Prozesse» oder «Hate Radio», das Stück zum Bürgerkrieg in Ruanda auszeichneten.

Geplant: eine «Geschichte des Maschinengewehrs»

Das mag am mehrfach geänderten Konzept liegen. Ursprünglich sollte das Stück von europäischen Jugendlichen handeln, die sich dem islamischen Dschihad anschliessen. Davon sind jetzt noch die Rahmenerzählungen um den belgischen «Gotteskrieger» Joris übriggeblieben. Und die verzweifelten, in ihrer Überzeichnung beinah wieder komischen Vater-Folter- und Mordfantasien, die der Regisseur dem Schauspieler Bel Kacem in den Mund legt. Die privateren Erzählungen verknüpfen sich mit dieser Thematik höchstens sehr lose.

The-Civil-Wars_IIPM_Marc-Stephan_1«The Civil Wars»  ist ein persönlicher, schauspielerisch berührender Abend. Den welterklärerischen Gestus drumherum hätte er nicht nötig. Dieser wird vielleicht in den kommenden Teilen der als «Europa-Trilogie» angekündigten Produktion eingelöst: «Fuck you, Europa!» und «Die Geschichte des Maschinengewehrs».

Vielleicht ist aber auch diese Ankündigung nur Theater – dem Spieler Rau wäre es zuzutrauen. Bevor «The Civil Wars» beginnt, prangt auf der Bühne eine gewaltige, vergoldete und mit rotem Plüschvorhang und Löwenwappen prunkende Theaterloge, Sinnbild des feudalen barocken Illusionstheaters. Dann dreht sich die Bühne, die Loge verschwindet, im Alltagsraum fangen die Schauspieler ihre Erzählungen an. Wahrheit und Erfindung, Wirklichkeit und Kulisse, trompe-l’oeil und trompe-l’oreille: Bei Rau weiss man nie.

Weitere Vorstellungen 28. bis 31. August, Rote Fabrik Zürich, Restkarten. Heute abend mit Gespräch mit dem Regisseur. Infos: theaterspektakel.ch

Bilder: Internationale Institute / Marc Stephan

 

 

 

 

 

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