Peter Olibet, 12. Mai 2010 um 20:11 Uhr danke, für die umsichtige und sorgfältige analyse zum (medien-)theater ums (geplante) theater. sehr schnell wurde milo raus gesellschaftskritik vom tagblatt zu einem skandal hochgekocht, von experten und anwälten öl ins feuer gegossen und in den leserbriefspalten kräftig holz nachgelegt. jetzt hat st.gallen einen theaterskandel, aber einen hausgemachten. das geplante stück wurde abgesagt, bevor es überhaupt fertig geschrieben wurde. schade, dass die kalten füsse stärker waren, als der mut zu beginn. ich hoffe, dass das theater st.gallen in zukunft mehr standfestigkeit bewahrt, damit sozialkritische produktionen nicht beim ersten gegenwind wieder gestrichen werden. weichgespültes gibt es zur genüge. ob die geplante podiumsdiskussion ein würdiger ersatz für die wichtige debatte über integration ist, wage ich zu bezweifeln.
ueli bosshart, 12. Mai 2010 um 19:27 Uhr Es ist jammerschade, dass offensichtlich brennende Themen nicht Eingang finden können in das Theater. Dass Milo Rau brennende Themen mit feinem Gespür zu treffen scheint, hat die Ceaucescu-Inszenierung „die letzten Tage der Ceaucescu“ in Rumänien, Deutschland und der Schweiz aufgezeigt. Die akribische Recherche der Umstände des rumänischen Umbruchs mit beteiligten Exponenten, der differenzierte Umgang mit schwierigen Themen und vor allem der respektvolle Umgang mit den Menschen zeigten den Willen des Autors, ausschliesslich die gesellschaftliche Auseinandersetzung in den Vordergrund zu stellen. Ein weiteres haben die Theateraufführungen gezeigt, ein sehr grosses Publikumsinteresse mit übervollen Theatersälen. Es ist offensichtlich, dass die theatrale Installation wichtiger Themen einem Bedürfnis grösserer Teilen der Gesellschaft entspricht. Beschämend für mich der billige Journalismus und das Themen Setting im Stil der Boullevard-Presse des St. Galler Tagblatt – einer Zeitung der NZZ-Gruppe . Ihr ist es gelungen mit suggestiven und schreierischen Titeln eine Auseinandersetzung mit der Ausländerpolitik in einem neuen Gefäss im Keim zu ersticken.
Marc Jenny, 12. Mai 2010 um 18:36 Uhr Danke für den differenzierten Artikel. Er zeigt sehr gut auf, dass der "St. Galler Kleinstadt Skandal" weder einer ist, noch einer hätte sein sollen. Interessante Feldstudie, wie unsensible mediale Berichterstattung komplett am Ziel vorbeischiesst. Also gibts fürs Tagblatt heute nur eine verkohlte Bratwurst, allen LeserbriefschreiberInnen ein knappes "Danke für Eure enorm wertvolle eigene Meinung!", den gesellschaftskritischen Theaterleuten spendiere man ein Bier und bei den Angehörigen entschuldigt man sich für die unsensible Aufbauschung (letzteres bitte direkt durch die Verantwortlichen beim Tagblatt)... ... und dann können wir uns bitte sehr wieder wichtigeren Dingen zuwenden! Zum Beispiel obigen Fragen oder dem Umstand, dass es in der Ostschweiz ein Solidaritätsnetz braucht um die in dieser Debatte vielzitierte Menschenwürde nur ansatzweise zu ermöglichen.
David Loher, 11. Mai 2010 um 22:59 Uhr Es ist richtig und notwendig, dass sich das Theater in aktuelle gesellschaftspolitische Debatten einmischt. Dass es beim geplanten Projekt um die soziologische Dimension – und nur um diese! – geht, wird jeder und jedem klar, der über den zugegebenermassen unglücklich gewählten Titel hinaus liest. Von der gewöhnlichen Leserbriefschreiberin oder dem gewöhnlichen Leserbriefschreiber kann man das (leider) nicht erwarten, wohl aber vom Tagblatt. Wie die beteiligten Journalistinnen und Journalisten mit geschickter Dramaturgie Raum für die öffentliche Empörung schaffen, zeugt von einer feinen Nase für den möglichen Skandal – wie auch von fehlendem journalistischen Ethos. Schade, dass es nach der losgetretenen Schlammschlacht dem Theater wohl kaum mehr möglich sein wird, am Projekt festzuhalten. Die gesellschaftspolitischen Fragen jedoch, denen Rau in seinem Projekt nachgehen will, bleiben. Was, wenn die empörten Reaktionen also nicht von der dem Theater falsch untergeschobenen Respektlosigkeit her rühren, sondern vielmehr daher, dass mit dem Projekt unangenehme und ungelöste Fragen an die Gesellschaft gestellt werden? Fragen, die man lieber nicht hören möchte.
Andreas Stadelmann, 11. Mai 2010 um 17:39 Uhr Ein hervorragender Text und eine bemerkenswerte Richtigstellung. Aber was einmal verkürzt, verzerrt, verwurstet, gegessen, verdaut und ausgesondert wurde; wie im vorliegenden Fall geschehen, lässt sich nur schwer wieder rekonstruieren und die Wahrheit interessiert niemanden mehr. Viel lieber suhlt man sich im Dreck des vermeintlichen Skandals. Ein Schmierenstück, leider alltäglich geworden in der Zeit der 'Verzwanzigminutisierung' der Medien.
hansdampf, 11. Mai 2010 um 14:42 Uhr Besonders schwierig finde ich den doppelzüngigen und scheinheiligen Umgang mit dem Mord an Paul Spirig im "Tagblatt". So scheiterte in den ersten Monaten nach dem Verbrechen – als der Mörder auf der Flucht war – ein geplantes Täter-Interview im "Tagblatt" an der Tatsache, dass es einige 1000 Franken gekostet hätte. Und nicht etwa an der journalistischen Haltung, dass mit diesem Mann ganz grundsätzlich kein Interview geführt und/oder abgedruckt wird. Jahre später war eine Schlagzeile in einer kosovarischen Zeitung dem "Tagblatt" einen Bericht wert. Darin wurden die verlogenen Anschuldigungen des Täters an die Adresse von Paul Spirig nahezu unreflektiert wieder gegeben. Wenn die Zeitung dem Theater und den Autoren nun vorwirft, Salz in unverheilte Wunden zu streuen, so täte ein Blick ins eigene Archiv schon auch einmal gut.
dani fels, 11. Mai 2010 um 12:20 Uhr ein grossartiger artikel, der wohl keinen einzug ins lokalblatt finden wird. leider...