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Brücke zwischen musikalischer und sprachlicher Tradition

Der Appenzeller Hackbrett-Spieler Nicolas Senn und die US-Gruppe Tom Rigney & Flambeau spielten gemeinsam am Heiden-Festival 2024. (Bild: pd)

Der Appenzeller Hackbrett-Spieler Nicolas Senn und die US-Gruppe Tom Rigney & Flambeau spielten gemeinsam am Heiden-Festival 2024. (Bild: pd)

«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.

Am Sams­tag star­tet das Hei­den-Fes­ti­val zu sei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­ga­be: Es fin­det be­reits zum zehn­ten Mal statt, wie ge­wohnt über das Pfingst­wo­chen­en­de. Im tra­di­ti­ons­be­wuss­ten Ap­pen­zel­ler­land bringt es zum ei­nen al­te und Neue Volks­mu­sik zu­sam­men, zum an­de­ren öff­net es den Blick auf mu­si­ka­li­sche Tra­di­tio­nen jen­seits des Al­pen­raums.

Gast­kan­ton ist in die­sem Jahr das Tes­sin. Da­hin­ter steht aber nicht nur die Hoff­nung auf ein stär­ker ita­lie­nisch ge­präg­tes Flair, son­dern vor al­lem ein pro­gram­ma­ti­scher An­spruch: Seit 2023 lädt das Hei­den-Fes­ti­val ge­zielt nicht-deutsch­spra­chi­ge Gast­kan­to­ne ein, um mu­si­ka­li­sche und sprach­li­che Tra­di­tio­nen der Schweiz mit­ein­an­der in Dia­log zu brin­gen. Nach drei fran­zö­sisch­spra­chi­gen Kan­to­nen ist nun der ita­lie­nisch­spra­chi­ge an der Rei­he.

In­ter­re­gio­na­ler Aus­tausch

Die dies­jäh­ri­ge Aus­ga­be fügt sich da­mit stim­mig in ein oh­ne­hin in­ter­na­tio­na­les Pro­gramm ein. Ne­ben schwei­ze­ri­schen, ita­lie­ni­schen, deut­schen und ös­ter­rei­chi­schen For­ma­tio­nen sind auch Grup­pen aus Bel­gi­en, Po­len und Finn­land ver­tre­ten. Mit Blick über den Bo­den­see, der seit je­her ein Kno­ten­punkt meh­re­rer Re­gio­nen, Dia­lek­te und Tra­di­tio­nen ist, po­si­tio­niert sich das Hei­den-Fes­ti­val schon län­ger als Be­geg­nungs­stät­te und mu­si­ka­li­scher Schmelz­tie­gel im Be­reich der eu­ro­päi­schen Volks­mu­sik. 

Was einst vor al­lem als Kon­zert­rei­he be­gann, ha­be sich über die ver­gan­ge­nen Jah­re «qua­li­ta­tiv und dra­ma­tur­gisch stark wei­ter­ent­wi­ckelt», sagt Lau­rent Girard, In­ten­dant und Mit­be­grün­der des Fes­ti­vals. Heu­te ver­ste­he sich das Hei­den-Fes­ti­val «als kul­tu­rel­les Ge­samt­erleb­nis». Ne­ben klas­si­schen Kon­zert­for­ma­ten, Tanz und Ku­li­na­rik setzt das Fes­ti­val in­zwi­schen be­wusst auch auf klei­ne­re und orts­be­zo­ge­ne Be­geg­nungs­räu­me ab­seits der gros­sen Büh­nen. In die­sem Jahr ste­hen zu­dem Work­shops, ge­mein­sa­me Sing­an­ge­bo­te, Kirch­turm­kon­zer­te so­wie die «kleins­te Bie­der­mei­er-Stu­be­te der Welt» auf dem Pro­gramm.

In­ner­halb des mu­si­ka­li­schen Re­per­toires er­wei­tern sechs Tes­si­ner En­sem­bles so­wie der Tes­si­ner Chor St.Gal­len den geo­gra­fi­schen wie sprach­li­chen Ho­ri­zont des Fes­ti­vals. Tes­si­ner Volks­mu­sik, die nicht im­mer in ita­lie­ni­scher Spra­che ge­sun­gen wird, ge­niesst bis­lang bes­ten­falls Ni­schen­sta­tus. «Vie­le ken­nen das Tes­sin vor al­lem als Fe­ri­en­re­gi­on, we­ni­ger je­doch des­sen viel­fäl­ti­ge Volks­mu­sik­tra­di­tio­nen», sagt Lau­rent. Da­mit wol­le das Fes­ti­val­ko­mi­tee in die­sem Jahr be­wusst Ak­zen­te set­zen und gleich­zei­tig den in­ter­kul­tu­rel­len Aus­tausch wei­ter stär­ken. Im Zen­trum steht die Sicht­bar­ma­chung an­de­rer Mu­sik­tra­di­tio­nen und ins­be­son­de­re die Wei­ter­ga­be die­ser mu­si­ka­li­schen Prak­ti­ken in der Ost­schweiz. Mit Vox Blenii und Vent Ne­gru sind zu­dem zwei Tes­si­ner For­ma­tio­nen ein­ge­la­den, die Ein­bli­cke in die münd­lich über­lie­fer­ten Mu­sik­tra­di­tio­nen der Re­gi­on bie­ten.

Ge­leb­tes Kul­tur­er­be

Kul­tur muss ge­lebt und er­fahr­bar wer­den, um sie in die Pra­xis zu über­füh­ren und letzt­lich über­le­bens­fä­hig zu ma­chen. Was eig­net sich da­für bes­ser als Mu­sik? Das Hei­den-Fes­ti­val trägt seit zehn Jah­ren, mit ei­ner Pau­se im Co­ro­na­jahr 2020, da­zu bei, der al­ten Volks­mu­sik ei­nen Raum zu ge­ben und durch Neue Volks­mu­sik ein er­wei­ter­tes Pu­bli­kum zu er­schlies­sen. Ent­spre­chend sind die Be­su­cher­zah­len seit 2016 kon­ti­nu­ier­lich ge­stie­gen.

Volks­lie­der, die ge­ra­de durch ein­fa­che Me­lo­dien, Har­mo­nien und rhyth­mi­sche Struk­tu­ren be­stechen, er­mög­li­chen den Blick auf im­ma­te­ri­el­les Kul­tur­er­be, das in der na­tio­na­len und in­ter­na­tio­na­len Kul­tur­po­li­tik häu­fig ver­nach­läs­sigt wird. Die so­ge­nann­te ora­le Kul­tur­ge­schich­te ist ein wich­ti­ger Be­stand­teil mensch­li­chen Er­in­nerns und des Wis­sens­trans­fers über Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg und wird häu­fig durch Lie­der über­lie­fert, die als frü­he For­men künst­le­ri­schen Aus­drucks gel­ten.

Das Hei­den-Fes­ti­val setzt ge­nau hier an, in­dem es Volks­mu­sik nicht als star­res oder mu­sea­les Gen­re, son­dern als le­ben­di­ge und of­fe­ne Mu­sik­form ver­steht. «Tra­di­ti­on trifft hier im­mer wie­der auf Ge­gen­wart, Ex­pe­ri­ment, Mehr­stim­mig­keit oder auf Ein­flüs­se aus Jazz, Klas­sik und Welt­mu­sik», sagt Lau­rent.

Für das kom­men­de Jahr ist be­reits die elf­te Aus­ga­be des Hei­den-Fes­ti­vals ge­plant. Hin­ter den Ku­lis­sen lau­fen die Vor­be­rei­tun­gen da­für be­reits seit Mo­na­ten.


Hei­den-Fes­ti­val: Sams­tag, 23. Mai, bis Mon­tag, 25. Mai, di­ver­se Ver­an­stal­tungs­or­te, Hei­den.
hei­den-fes­ti­val.ch

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