Dass der Jodel keine alpenländische Spezialität und erst recht kein Hort des Reaktionären ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen – vom samischen Joik über korsische Männer- oder bulgarische Frauenstimmen bis nach Asien ist der Naturtongesang allgegenwärtig. Die Thurgauer Sängerin Sonja Morgenegg macht mit ihrem neuen Trio den Jodel definitiv zu Weltmusik und nennt ihn auch mit globalisiertem Neologismus: «Youchz».
Die Besetzung ist weltläufig, Jazzpianist John Wolf Brennan ist gebürtiger Ire, Perkussionist Tony Majdalani Palästinenser aus Haifa, die Sängerin ist im Muotathaler Juuz so heimisch wie im Obertongesang, in schamanischen Singpraktiken und (mit dem Trio Triado und dem Quartett Stimmsaiten) in freier Improvisation.
Das erste Album des neuen Trios namens Sooon startet seine musikalische (also CO2-neutrale) Weltreise in der Mongolei, macht Station in Brennans irischer Heimat, schlägt eine schwindelerregende Brücke vom Nahen Osten – mit Tony Majdalanis suggestiven Rhythmen – zum Joik eines samischen Bärenjägers und weiter nach Lateinamerika mit einer groovenden Hommage an die obertonreiche Berimbao.
Der Jodel umarmt den Klezmer, färbt sich bretonisch, arabisch oder türkisch ein, übt sich im Bauchtanz und verneigt sich vor der Obertonreihe des Pytagoras. Die Arrangements sind ausgetüftelt und stehen ganz im Dienst von Morgeneggs virtuoser Stimmkunst.
Sooon: Youchz now, soeben erschienen beim Label Narrenschiff.
sooon.li, narrenschiff-label.ch
Der Einführungstext im Booklet stellt klar, dass hier keine «neue Art von Schweizer Volksmusik» zu erwarten sei, sondern eine «Unterwegsmusik», die sich nicht bestimmten Regionen oder Traditionen zuordnen wolle. Dennoch lassen sich ihre Inspirationsquellen identifizieren – auch im Namen, den sich das Trio gegeben hat: In den drei «O» von «Sooon» steckten Ostschweiz und Obertongesang, Jodel, Piano oder Berimbao, Tony, Sonja und John.
Erst recht in Schwung komme der «imaginäre Drohnenflug durch neue Welten» live, verspricht das Booklet. CD-Taufe ist am 1. Dezember im Baronenhaus Wil.
In anderer Besetzung, zusammen mit Stimmsaiten (Marcello Wick, Stimme, Lorena Dorizzi, Cello und Marc Jenny, Kontrabass) kann man sich Sonja Morgeneggs Stimme vom 9. bis 13. September auch im Kulturkonsulat St.Gallen anhören. «Weckruf» nennt sich das Projekt für Frühaufsteherinnen, es bringt jeweils um 7 Uhr morgens rund 40 Minuten improvisierte Musik und gelegentliche Gäste, die zum Teil ihrerseits mit weitem weltmusikalischem Horizont unterwegs sind (am 11.12. Noldi Alder, am 12.12. Lika Nüssli, am 13.12. Paul Giger).
Für Sonja Morgenegg zumindest dürfte die frühe Konzertstunde kein Problem sein: Den Schluss auf der CD macht ein Thurgauer Sunneufgang Juuchz.
Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.
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