Hinterm Bahngleis beginnt das Universum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Blick ins Obergeschoss vom Stellwerk Heerbrugg (Bild: vez)
Das Obergeschoss des ehemaligen SBB-Stellwerks in Heerbrugg leuchtet. Ein bisschen extraterrestrisch wirkt das Türmchen neben den Gleisen, das seit vielen Jahren ein Kulturraum ist. Die Weichen sind gestellt, und die Ausstellung «Hinter’m Mond» von U5 und Monika Stalder führt wahrlich hinter den Mond. Nämlich direkt ins Weltall.
Initiiert hat die Ausstellung der Verein Wegwarte, der zum zweiten Mal das Gastrecht im Stellwerk hat. Ursula Badrutt, gemeinsam mit Sandro Heule Vereinsgründerin, erklärt: «Die Künstler:innen für die Ausstellung wählen wir so, dass das Situative und Zeitgenössische, aber auch Musik eine Bedeutung in ihrem Werk hat.» Dadurch könne man ein spartenübergreifendes Rahmenprogramm realisieren. In dieses Konzept gepasst hat offenbar U5. Ausstellungsmacherin Badrutt fragte das Künstler:innenkollektiv aus St. Gallen und Zürich Ende 2025 an. «Weil das Kollektiv kooperatives Arbeiten und den Austausch mag, holte es zusätzlich Künstlerin Monika Stalder ins Boot», so Badrutt.
Und sie, Stalder, war es auch, die laut U5 das Ausstellungsthema eingebracht hat. Schon lange setzt sich die Künstlerin mit Weltall und Kosmos auseinander. Auf die Frage, was sie daran fasziniere, meint sie trocken: «Lueg dr Nachthimu aa!» Das, was da oben sei, sprenge jedwede Vorstellungskraft. Schwarze Löcher, Sterne, Monde, Weltraumschrott. Auch das Konzept von Paralleluniversen finde sie reizvoll. Gemeinsam haben Stalder und U5 diese Fäden in ihrer Kooperationsausstellung «Hinter’m Mond» in Heerbrugg weitergesponnen. Die entstandene Schau lebt von einer verspielt bis trashigen Weltraumästhetik, in die subtile Gesellschaftskritik und popkulturelle Referenzen eingewoben sind.
Eine leuchtende Kupferschallplatte an der Wand springt einem direkt ins Auge. Voyager VII, wie sie Monika Stalder liebevoll nennt. Das Werk sei ein Verweis auf die Golden Records, die seit fast 50 Jahren mit Voyager 1 und 2 durchs All fliegen. Unter der Platte hängt der Whole Earth Catalog von Stewart Brand aus dem Jahr 1969. Eine Anleitung, wie man im Notfall autark überleben könne, und Teil der Counter Culture, die etwa die Umweltbewegung in den 60ern und später dann die Tech-Branche geprägt habe, erklären U5.
Unheimlich gerne würde man in dieser Anleitung stöbern. Hier wäre das natürlich ein absolutes No-Go, weil Kunstobjekt. Aber für irgendwas gibts ja das Internet. Doch bevor gegoogelt wird, bleiben wir bei der Ausstellung: Dem Whole Earth Catalog stellt U5 das Cover eines fiktiven Whole Moon Catalog gegenüber, datiert aufs Jahr 2026. Wohl eine Parodie auf die imperialen Träumereien gewisser Herrschaften, den Mond, den Mars oder sonst was zu besiedeln. Ein Planet B für die Menschheit – oder zumindest für die, die es sich leisten können.
Ein Quartett: Voyager VII, eine Malerei, der Whole Earth Catalog und das Cover des Whole Moon Catalog (Bild: vez)
Hier, im Stellwerk, wird man selbst zur Weltraumtourist:in. Taucht ein in ein Universum aus abstrusen Artefakten und schrägen Szenerien. Die Schmelzbilder von U5 wirken wie ausserirdische Landschaften, in denen man Allerlei zu erkennen glaubt. Mal einen Wal, mal ein menschliches Gesicht. Bei genauem Hinschauen entdeckt man Pillenkapseln. Laut dem Künstler:innenkollektiv vegane Leerkapseln, aus denen auch künstliche Tränen hergestellt werden.
Mit wenigen Schritten gelangt man in die erste Etage und scheint sich plötzlich im Innern eines Raumschiffs zu befinden. Sphärische Musik erklingt. Aus dem Untergrund streckt ein sechsfingriges Alien die Arme und bedient eine Tastatur. Eine weisse Bank lädt ein zum Sinnieren über die Gestalt von Aliens oder zum Abdriften in utopische Parallelwelten. Fast unscheinbar lagern auf der Bank Plastikbeutel mit Handtuch und Seife. Eine Referenz auf The Hitchhikers Guide to the Galaxy von Douglas Adam, wo das Handtuch das wichtigste Multifunktionstool für Weltraumreisende ist.
Ob es im Whole Moon Catalog wohl ein Kapitel über das Handtuch gäbe, fragt man sich. Und vielleicht wären da einige Tipps gegen das Zumüllen unserer Umwelt hilfreich. Zumal auch das Weltall davon nicht verschont bleibt. Erst vergangenen Mittwoch soll ein Teil einer SpaceX-Rakete mit dem Mond kollidiert sein. Im Stellwerk ist gemäss dem Künstler:innenkollektiv der in einer Ecke stehende Feuerlöscher in Teenage-Glitter-Dream-Optik als eine Anspielung auf den im All treibenden Weltraumschrott zu verstehen.
Ein oranger Tentakel lockt von den Müllproblemen in den obersten Stock. Hier hat Monika Stalder die Scheiben mit irisierender Folie verpackt. Das, was dem Turm von weitem schon die spacige Aura verleiht, wirkt genauso im Innern. Das Licht flirrt und schillert. Wind zieht durch die geöffneten Fenster, bringt Monika Stalders monochrome Mondmalereien auf Tuchbahnen zum Schwingen. Sanft wabern sie über einer pilzförmigen Miniaturwelt, die sich aus einem Meer aus blau-weisser Katzenstreu hebt. Ein Kopf ragt daraus hervor. Taucher:in oder Astronaut:in? Unterwasserwelt oder Outer Space?
Beides unbekanntes Terrain, das in der popkulturellen Darstellung eindeutige Parallelen aufweist. Fremde, lebensfeindliche Landschaften. Schwerelosigkeit, Stille, Dunkelheit. Und mittendrin der Mensch. Man denke etwa an Sandra Bullock, die in Gravity im Raumanzug durchs All schwebt, oder an Kristen Stewart, die in Underwater im Tauchanzug über den Meeresgrund wandert. Einerlei, nach der Odyssee hinter den Gleisen in Heerbrugg will man vor allem eines: Sich des Nachts in eine Wiese legen und nach oben starren. Sich fragen, wie weit es da geht, und sich unfassbar winzig fühlen.
U5 und Monika Stalder– «Hinter’m Mond»: bis Sonntag, 23. August, Stellwerk Heerbrugg.
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