Mitspielen dürfen. Aber auch die Spielregeln mitbestimmen?
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Die jährliche Kulturkonferenz fand am Samstag in Wil statt. (Bilder: Philipp Bürkler)
Auf den Tischen liegen Spielfiguren, Karten und Aufgaben. Die Teilnehmer:innen müssen miteinander reden, Entscheidungen treffen und gemeinsam Lösungen finden. Für knapp zwei Stunden gleicht die jährlich stattfindende kantonale Kulturkonferenz in Wil weniger einer klassischen Konferenz mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen als vielmehr einem Spielnachmittag.
Die Spielanleitung: Möglichst rasch durch eine lebensfeindliche und trockene Wüste in eine blühende «Oase» gelangen, dort möglichst viele Setzlinge sammeln und sie danach sicher zurückbringen, um das «Zuhause» mit den Pflänzchen zum Erblühen zu bringen. Beteiligt sind etwa ein Dutzend «Teams» à je etwa fünf Personen. Jede Person übernimmt eine andere Rolle, beispielsweise Organisator:in, Kommunikator:in oder Übermittler:in. Entwickelt und durchgeführt wurde das Spiel von der Zürcher Firma Game Solutions im Auftrag des Kantons.
Das Spiel sollte sichtbar machen, wie eine Gruppe mit Herausforderungen umgeht: Wer übernimmt Verantwortung? Wer welche Rolle? Wer teilt Informationen? Entsteht Konkurrenz zu den anderen Teams oder Zusammenarbeit? Für die rund 90 Kulturschaffenden im Raum, Leute aus Museen, Künstler:innen oder Veranstalter:innen, scheint die Antwort rasch klar zu sein. Sie kommunizieren, tauschen sich aus und handeln grösstenteils ausgesprochen kooperativ.
An einem der Spieltische sitzt auch Regierungsrätin Laura Bucher. Sie erlebt einen solchen Spieltag nicht zum ersten Mal. Mehrfach wurde sie in der Vergangenheit in anderen Branchen zu ähnlichen Spielveranstaltungen eingeladen. Sie stellt fest: Dort sei jeweils stärker über Rollen, Zuständigkeiten und Machtverteilung verhandelt worden. Unter den Kulturschaffenden jedoch erlebte sie die unkomplizierte Zusammenarbeit als fast selbstverständlich.
Eingeladen nach Wil hat das Amt für Kultur des Kantons St.Gallen. Gemeinsam mit Kunst- und Kulturschaffenden sollte an der Konferenz über die künftige Kulturstrategie des Kantons nachgedacht und diskutiert werden. Kulturschaffende sollen sich einbringen, so die Idee.
Denn die aktuelle Kulturförderstrategie gilt seit 2020 und läuft 2027 aus. Für die darauffolgenden acht Jahre bis 2035 muss nun eine neue Strategie ausgehandelt werden. Wichtig ist die begriffliche Veränderung: Was seit 2020 «Kulturförderstrategie» heisst, soll ab 2028 verkürzt «Kulturstrategie» genannt werden. Die einzelnen Abteilungen wie Kulturerbe, Archive, Bibliotheken oder kulturelle Teilhabe erarbeiten dazu ihre eigenen Strategien. An der Kulturkonferenz stand allerdings vor allem die Kulturförderung im Mittelpunkt – auch weil sich die teilnehmenden Kunstschaffenden besonders dafür interessierten. Veranstaltet wurde die Konferenz vom Amt für Kultur, organisiert von dessen Abteilung für Kulturförderung.
Das Amt für Kultur ist demnach überrascht, dass die Anzahl Teilnehmer:innen an der diesjährigen Konferenz tiefer ist als in den vergangenen Jahren, gerade weil es um das wichtige Thema der künftigen Kulturstrategie geht. Sind es diesmal knapp 100 Personen, haben in den vergangenen Jahren rund 140 Personen teilgenommen.
Im Frühling wurden Kunst- und Kulturschaffende in einer Onlineumfrage zu ihren Erwartungen an die neue Kulturstrategie befragt. Zu den Erkenntnissen der Erarbeitung und der Umfrage stellte der Kanton konkrete Fragen zusammen:
Wie erreicht Kultur mehr Menschen? Wie bleiben kulturelle Angebote auch ausserhalb der städtischen Zentren lebendig? Wo findet Anspruchsvolles und Experimentelles noch Platz? Unter welchen Bedingungen können Kulturschaffende langfristig arbeiten? Und wie muss die Förderung ausgestaltet sein, damit neben Bewährtem auch Neues entstehen kann?
Das Amt für Kultur hat diese Fragen fünf Schwerpunkten zugeteilt: Zugang, Regionen, Orientierung, Arbeitsbedingungen und Förderung. Zu jedem Thema gibt es am Nachmittag einen Workshop. Die Teilnehmenden konnten zwei davon besuchen. Für die Diskussion standen jeweils 20 Minuten pro Thema zur Verfügung. Ich entscheide mich für die Themen «Zugang» und «Arbeitsbedingungen».
Um den Zugang zu Kunst und Kultur für die Bevölkerung zu vereinfachen, fordern Diskussionsteilnehmer:innen beispielsweise eine verständliche und mehrsprachige Kommunikation, die Hemmschwellen abbaut. So sollen etwa Kulturinstitutionen wie Theater oder Museen auch aktiver auf Schulen zugehen und ihre Angebote dort verständlicher kommunizieren, damit auch jüngere Schüler:innen auf die kulturellen Angebote aufmerksam werden und daran teilhaben können.
Eine Teilnehmerin verweist auf ein progressives Pilotprojekt in Neuenburg: In der Westschweizer Stadt können Ärzt:innen mit der sogenannten «Ordonnance muséale» Menschen mit psychischen oder chronischen Erkrankungen seit 2025 einen kostenlosen Besuch in einem Museum oder im Botanischen Garten verschreiben. Kultur auf Rezept, wäre das eventuell auch ein Rezept für die St.Galler Kulturpolitik?
Im ersten Workshop geht es vor allem darum, wie das Publikum und verschiedene gesellschaftliche Gruppen Zugang zu Kultur finden. Die Gruppe «Bedingungen» befasst sich dagegen mit der Situation der Kunstschaffenden selbst: Was brauchen sie, um arbeiten zu können? Beruflich, organisatorisch und technisch? Und wie halten Künstler:innen den Widerspruch aus, in einer Gesellschaft zu leben, der Kunst wichtig ist, die dafür aber immer weniger bezahlen will?
Zentrale Einwände in der Diskussion sind generell die «fehlende Wertschätzung des Kunstschaffens». Kunst ist in der Gesellschaft zwar gefragt, aber unter welchen Bedingungen sie entsteht, wird oft nicht genug anerkannt.
Mireille Loher und Marina Pondini vom kantonalen Kulturamt.
Zwischen all den Diskussionen und Spielen unterhielt Spoken-Word-Künstlerin Miriam Schöb das Publikum.
Eine Teilnehmerin spricht an, wie «belastend» das Gefühl für viele Kulturschaffende sei, bei Förderstellen als Bittsteller:innen auftreten zu müssen. Als Antragsteller:in müsse man fast dankbar sein, überhaupt finanzielle Unterstützung zu erhalten. Mit anderen Worten: Wer Kunst und Kultur macht, muss betteln, während Investitionen in Millionenhöhe in anderen Wirtschaftszweigen als selbstverständlich gelten.
Thema ist auch das Dilemma «Eigenleistung». Bei Förderanträgen an die öffentliche Hand, aber auch an private Stiftungen erwarten die geldgebenden Institutionen von den Antragsteller:innen in der Regel, einen substanziellen Teil der Finanzierung als Eigenleistung zu verbuchen; einen Teil des Projekts also als freiwillige und unbezahlte Arbeiten zu verrichten. In den Köpfen vieler Menschen und Förderstellen werde Eigenleistung oft mit unbezahlter Arbeit gleichgesetzt, gibt eine Teilnehmerin zu bedenken. Noch immer sei die Vorstellung verbreitet, künstlerisches Schaffen sei eher eine Freizeitbeschäftigung als professionelle Arbeit.
Das sind nur zwei, drei Themen, die am Samstag in den Räumlichkeiten der Psychiatrie in Wil, wo die Kulturkonferenz in diesem Jahr zu Gast ist, zur Debatte stehen. In den anderen Workshops geht es um die Kultur in den Regionen, um Orientierung und um die zukünftige Förderung. Diskutiert wurde beispielsweise darüber, wie Kulturangebote ausserhalb der Städte gestärkt, besser sichtbar und einfacher zugänglich gemacht werden können. Auch einfachere Gesuche und eine bessere Beratung kamen zur Sprache. Dabei zeigte sich: 20 Minuten für die Aufarbeitung und Besprechung solcher Themen reichen bei Weitem nicht. Jedes Thema hätte für sich alleine einen ganzen Nachmittag Zeit beansprucht.
Kulturschaffende haben zu viele Themen, zu viele offene Fragen. Die vielen, mit unterschiedlichen Handschriften geschriebenen Flipchart-Seiten sind eindrücklich und zeigen das Bedürfnis nach Dialog mit den ausführenden Stellen des Kantons deutlich.
Das Amt für Kultur will im Januar 2027 einen ersten Entwurf der neuen Kulturstrategie präsentieren. Begleitet wird die Erarbeitung der Kulturstrategie von Con-Sense, einer Zürcher Beratungsfirma und Spin-off des Center for Philanthropy Studies (CEPS) der Universität Basel. Con-Sense begleitet den gesamten Prozess bis zur fertigen Strategie.
Wie verbindlich die Beteiligung der Kulturschaffenden ist, bleibt dennoch offen. Unklar ist insbesondere, wie die Ergebnisse der Workshops und der Onlinebefragung gewichtet werden und welchen Einfluss die Kulturszene auf den ersten Entwurf nehmen kann.
Vor der eintägigen Kulturkonferenz in Wil konnte die Kulturszene im Juni an einer Onlinebefragung teilnehmen. Verschiedene Kulturvertreter:innen bemängelten jedoch, dass die Umfrage zu kurzfristig verschickt wurde und offenbar auch nicht alle relevanten Personen auf dem Verteiler waren. Auf die Umfrage im Juni gingen nur wenige Antworten ein. Das Amt für Kultur vermutet, dass die Einladung nicht alle Kulturschaffenden erreicht hat, und sieht bei den Adresslisten Verbesserungsbedarf.
Das Amt betont auf Nachfrage, dass Kulturschaffende weiterhin Anregungen zur Kulturförderung einbringen können. Noch diese Woche soll eine neue Webseite über den Stand des Prozesses informieren und eine Möglichkeit für Rückmeldungen bieten. Gegen Ende 2026 soll die Kulturszene ausserdem nochmals auf die Vorschläge reagieren können, bevor sie an die Regierung gehen; die Form dafür steht noch nicht fest. Auch an der Konferenz der regionalen Förderorganisationen von Ende Oktober wird die Strategie Thema sein.
Im März 2027 will sich der Regierungsrat zu einem ausserordentlichen Workshop treffen, an dem der erste Entwurf besprochen wird. Wie stark die Rückmeldungen der Kulturszene den Entwurf tatsächlich noch verändern können, bleibt offen. Vertreter:innen von Kulturorganisationen und Interessengemeinschaften befürchten, dass die Strategie letztlich in einem Top-down-Verfahren von oben vorgegeben wird und Kunstschaffende am Ende vor vollendeten Tatsachen stehen. Gegen Ende 2027 dürfte der Kantonsrat über die endgültige Fassung der Kulturstrategie entscheiden. Er kann die Strategie genehmigen, Änderungen verlangen oder sie ablehnen.
Das Spiel um die fragilen Setzlinge hat gezeigt, dass die Kulturszene ausgesprochen kooperativ, kommunikativ und agil miteinander umgeht. Das gemeinsame Ziel, die gesammelten jungen Pflanzen zum Blühen zu bringen, taugt als Sinnbild für die weitere Strategiearbeit. Nun muss sich zeigen, ob diese Zusammenarbeit auch im Prozess und der Ausarbeitung der Kulturstrategie mit dem Kanton funktioniert.
Im März 2026 hat der Kantonsrat eine Motion überwiesen, die eine neue Verteilung der Lotteriefondsgelder verlangt. Für Kultur, Brauchtum, Soziales, Gesundheit und Entwicklungszusammenarbeit sollen künftig 50 bis 55 Prozent zur Verfügung stehen. Der Sport soll mit 30 bis 35 Prozent einen deutlich grösseren Anteil erhalten. Bis zu zehn Prozent sind für strategische Entwicklungsprojekte und weitere zehn Prozent als Reserve für grosse kantonale Vorhaben vorgesehen. (Saiten berichtete)
Gleichzeitig soll die Kultur mindestens so viele Mittel erhalten wie im Durchschnitt der Jahre 2022 bis 2024. Ob diese Zusicherung langfristig ausreicht, ist umstritten. Kulturinstitutionen befürchten, dass bei steigenden Kosten und einer wachsenden Zahl von Projekten trotzdem weniger Geld für einzelne Institutionen und Kulturschaffende übrigbleibt.
Die neue Aufteilung gilt allerdings noch nicht unmittelbar. Die Regierung muss zuerst eine entsprechende Gesetzesvorlage ausarbeiten. Trotzdem zeigt die Debatte einen zentralen Widerspruch: Während der Kanton an einer neuen Kulturstrategie arbeitet, wird gleichzeitig darüber verhandelt, wie viel Geld künftig für deren Umsetzung zur Verfügung steht.
Der Sport kann im Kanton St.Gallen weitgehend selbst über seine Fördermittel entscheiden. Die Kultur muss jedes einzelne Projektli vom Parlament absegnen lassen. Der Lotteriefonds gehört endlich entpolitisiert. Ein Kommentar.
Im Vorfeld der Frühjahrssession und der erneuten Debatte um die Lotteriefondsgelder haben Kultur und Politik erstmals zusammengearbeitet. Das zeigt, wie es um kulturpolitische Strategien steht.
Die Kultur bekommt künftig maximal 55 Prozent aus dem kantonalen Lotteriefonds, während der Anteil für den Sport steigt. Das hat der Kantonsrat beschlossen. An der heutigen Höhe der Kulturgelder soll sich zwar nichts ändern. Und doch schadet dieser Entscheid der Kultur.
Jährlich werden in der Deutschschweiz rund 600 Millionen Franken von den Lotterien auf die Kantone verteilt. Während der ausgeschüttete Reingewinn kontinuierlich steigt, stapeln sich auch die Reserven in den kantonalen Fonds.
Lotteriefonds
Die St.Galler SVP versucht vermehrt, aus ideologischen Gründen Beiträge aus dem Lotteriefonds zu streichen. Es laufen verschiedene Bestrebungen, die Vergabepolitik neuzuregeln. Eine Motion der bürgerlichen Fraktionen wirft diverse Fragen auf.
Die Sparmassnahmen des Bundes dürften sich insgesamt negativ auf die Kulturförderpolitik der Kantone auswirken. Kommt hinzu, dass diese ihrerseits sparen. Es gibt aber nicht nur schlechte Nachrichten.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
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Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
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Die Schweizer Rocklegenden Krokodil haben kürzlich ihr neues Album Beyond The Eye veröffentlicht. Ur-Krokodil Düde Dürst schwärmt von der Energie der 2019 wiederbelebten Band – und hat noch lange nicht genug. Am Freitag spielen sie in der Grabenhalle.
24/7 Traumacore
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Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
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