Unsichtbare Lobby

Im Vorfeld der Frühjahrssession und der erneuten Debatte um die Lotteriefondsgelder haben Kultur und Politik erstmals zusammengearbeitet. Das zeigt, wie es um kulturpolitische Strategien steht.

(Bild: Studie Toericht)

Als der St.Gal­ler Kan­tons­rat An­fang März über den Wort­laut der Mo­ti­on zur Re­ge­lung der Lot­te­rie­fonds­gel­der dis­ku­tier­te, mel­de­te sich ei­ne Hand­voll Ver­tre­ter:in­nen aus der Kul­tur­sze­ne zu Wort. So vo­tier­te Isa­bel Schorer (FDP) prak­tisch als ein­zi­ge für den Vor­schlag der Re­gie­rung (sie­he Haupt­text). Da­mit wich sie von der Par­tei­li­nie ab, hat­te sich die FDP doch klar mit der SVP auf ei­nen Wort­laut ge­ei­nigt. Schorer be­grün­de­te dies im Nach­gang da­mit, dass in der Ver­si­on der Re­gie­rung «die Kul­tur min­des­tens gleich ge­stellt ist wie heu­te und an­teil­mäs­sig an den stei­gen­den Er­trä­gen be­tei­ligt ist». Der Vor­schlag der Mit­te hin­ge­gen sei kein valabler Kom­pro­miss, son­dern «un­aus­ge­wo­gen» ge­we­sen und wä­re nicht über­wie­sen wor­den, weil er die neu­en För­der­ka­te­go­rien nicht be­rück­sich­tigt ha­be.

Im Vor­feld hat­te sich die aus­ser­par­la­men­ta­ri­sche IG Kul­tur Ost eben­falls für den Vor­schlag der Re­gie­rung stark ge­macht (sie­he Haupt­text). Erst warn­te sie in ei­ner Me­di­en­mit­tei­lung vor der ur­sprüng­li­chen Mo­ti­on des bür­ger­li­chen Blocks, der noch ei­ne ra­di­ka­le Kür­zung des Kul­tur­anteils auf 40 Pro­zent vor­sah – dies hät­te für vie­le Kul­tur­schaf­fen­de das Aus be­deu­tet. Spä­ter wand­te sie sich per E-Mail an die Kan­tons­rät:in­nen und bat die­se zu han­deln. Letzt­end­lich aber stimm­ten die Frak­tio­nen von FDP und SVP ge­schlos­sen – bis auf Isa­bel Schorer – für ih­ren Vor­schlag.

Fal­sche Aus­sa­gen

Dass wäh­rend der De­bat­te die ho­mo­pho­ben und ras­sis­ti­schen Vo­ten der rech­ten Saal­hälf­te un­kom­men­tiert blie­ben, ist frag­wür­dig, aber Teil ei­ner an­de­ren Dis­kus­si­on. Doch dass die Falsch­aus­sa­gen zur Ver­tei­lung der Lot­te­rie­fonds­gel­der kaum an­ge­foch­ten wur­den, ist fahr­läs­sig. So klang Jens Jä­gers (FDP) Vo­tum so, als ob es mehr Gel­der im kan­to­na­len Sport­fonds brau­che, um wei­ter­hin die Olym­pi­schen Spie­le schau­en zu kön­nen. Und Ra­pha­el Frei (FDP) be­haup­te­te, dass der po­li­ti­sche Pro­zess die bes­ten Lö­sun­gen aus­hand­le.

Aber ist dies der Fall, wenn Be­trof­fe­ne nicht ein­ge­bun­den sind? Die Tat­sa­che, dass sich die IG Kul­tur Ost im Vor­feld der De­bat­te ein­brach­te, fusst auf ei­ner erst­ma­li­gen Ab­spra­che zwi­schen ihr und der SP. Da­rio Sul­zer, Prä­si­dent der SP-Grü­ne-GLP-Frak­ti­on im Kan­tons­rat, spricht von ei­nem gu­ten ge­mein­sa­men Aus­tausch. Seit der Grün­dung der par­la­men­ta­ri­schen IG Kul­tur ha­be die­se die An­lie­gen von Kul­tur­schaf­fen­den in den Kan­tons­rat ge­tra­gen, sagt die ehe­ma­li­ge Frak­ti­ons­prä­si­den­tin und ak­tu­el­le Re­gie­rungs­rä­tin Bet­ti­na Sur­ber (SP). Ei­ne ak­ti­ve Zu­sam­men­ar­beit mit Kul­tur­schaf­fen­den aus­ser­halb des Par­la­ments gab es bis­her schein­bar nicht. Dass sich wäh­rend der De­bat­te aus­ser Mar­tin Sai­ler nie­mand aus den Rei­hen der SP kon­kret zu den Falsch­aus­sa­gen oder den ras­sis­ti­schen Vo­ten der rech­ten Saal­hälf­te äus­ser­te, ha­be laut Sul­zer tak­ti­sche Grün­de ge­habt: «Wir woll­ten dem Mit­te-Vor­schlag zu ei­ner Mehr­heit ver­hel­fen.»

Ein­sa­me Kul­tur

Mit der par­la­men­ta­ri­schen IG Kul­tur sei der Aus­tausch nicht ge­sucht wor­den, sagt de­ren Prä­si­dent Mar­tin Sai­ler – schon in der Rats­de­bat­te be­dau­er­te er, dass die Ver­fas­ser:in­nen der Mo­ti­on im Vor­feld nicht von sich aus auf die IG zu­ge­gan­gen sei­en.

Mit ihr ver­fügt die Kul­tur, ähn­lich wie der Sport, der öf­fent­li­cher Ver­kehr, «Fisch und Fleisch» oder «Al­ter» über die par­la­men­ta­ri­schen Grup­pie­run­gen ei­ne In­ter­es­sen­ver­tre­tung im Kan­tons­rat. Al­ler­dings hat sie sich nicht ge­schlos­sen hin­ter den Vor­schlag der Re­gie­rung ge­stellt, der für die Kul­tur am för­der­lichs­ten ge­we­sen wä­re. Ge­mäss Sul­zer su­chen Al­ters­in­sti­tu­tio­nen, Per­so­nal­ver­bän­de oder die Gas­tro­no­mie seit vie­len Jah­ren ak­tiv den Aus­tausch mit den Rats­mit­glie­dern, bei der Kul­tur er­le­be er dies bis­lang nicht. Man ha­be aber aus der ak­tu­el­len De­bat­te ge­lernt und wol­le den Kon­takt mit der 
IG Kul­tur Ost auf­recht­erhal­ten und aus­bau­en.

Auf die Fra­ge, in­wie­fern die kan­to­na­le SP Kul­tur­po­li­tik be­treibt, ant­wor­tet Sul­zer: «Wir set­zen uns re­gel­mäs­sig für Kul­tur­schaf­fen­de ein, bei den Lot­te­rie­fonds­bot­schaf­ten, beim Klang­haus, der Co­vid-Pan­de­mie oder dem Ent­las­tungs­pa­ket.» Die Mehr­heit im Par­la­ment ha­ben aber die Bür­ger­li­chen. Es brau­che ei­nen Plan, um Mit­te und FDP ins Boot zu ho­len. Auch im Rah­men der De­bat­te um die neue Bi­blio­thek, die laut Sul­zer ge­nau­so wich­tig sei wie der Lot­te­rie­fonds. Ob dies ge­nügt oder ob es künf­tig ei­ne stär­ke­re Kul­tur-Lob­by und vor al­lem ei­ne kon­kre­te Stra­te­gie des – ge­schlos­se­nen – lin­ken La­gers im St.Gal­ler Kan­tons­rat zur Kul­tur­po­li­tik braucht, bleibt ab­zu­war­ten.

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