Kantonsrat verzockt St.Galler Kultur

Die Frühjahrssession des Kantonsrates dauerte vom 2. bis 4. März 2026 (Bild: Mathias Born)

Der Kantonsrat hat am Dienstag über die Vergabe der Lotteriefondsgelder beraten. Während von der Regierung ein konstruktiver Vorschlag vorlag, weibelten SVP und FDP für einen radikalen Kahlschlag der Kultur – mit Erfolg.

Im De­zem­ber tauch­te im St.Gal­ler Kan­tons­rat ei­ne Mo­ti­on aus dem bür­ger­li­chen Block auf. Ei­ne Mo­ti­on, die die Ver­ga­be von Lot­te­rie­fonds­gel­dern neu re­geln soll­te – zu Guns­ten des Sports. Die bür­ger­li­che Al­li­anz aus Mit­te, SVP und FDP will da­mit ei­nen Pro­zess an­re­gen, um Klar­heit zu schaf­fen und mit de­fi­nier­ten Quo­ten und Ka­te­go­rien die ewi­gen Strei­tig­kei­ten zu be­en­den – und um den Sport künf­tig stär­ker zu för­dern (Sai­ten be­rich­te­te hier). Die Mo­ti­on ver­lang­te un­ter an­de­rem, dass die Gel­der für die Kul­tur auf «höchs­tens 40 Pro­zent»ge­kürzt wer­den, wäh­rend ver­mehrt in den Sport (30 Pro­zent) so­wie in «stra­te­gi­sche Ent­wick­lungs­pro­jek­te des Kan­tons (Bil­dung, In­no­va­ti­on, wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung)» (20 Pro­zent) und in gros­se kan­to­na­le Vor­ha­ben (10 Pro­zent) in­ves­tiert wer­den soll.

Doch auch von Sei­ten der Re­gie­rung war zu ver­neh­men, dass es Be­stre­bun­gen gibt, die un­kla­re Re­ge­lun­gen zur Ver­ga­be der Lot­te­rie­gel­der zu prä­zi­sie­ren und bes­ser zu struk­tu­rie­ren. Im Hin­blick auf die so­eben be­en­de­te Früh­lings­es­si­on reich­te die Re­gie­rung dann ei­nen Vor­schlag ein, ba­sie­rend auf der Mo­ti­on der Bür­ger­li­chen aber mit ge­än­der­tem Wort­laut. Ge­mäss die­sem soll­ten die Kul­tur und wei­te­re Be­rei­che, die in der Va­ri­an­te der Bür­ger­li­chen nicht auf­tau­chen, künf­tig mit 60 bis 70 Pro­zent der Lot­te­rie­fonds­gel­der ge­för­dert wer­den, der Sport mit 25 bis 30 Pro­zent. Die rest­li­chen Gel­der wür­den auf wei­te­re Be­rei­che ver­teilt, zum Teil so, wie in der bür­ger­li­chen Va­ri­an­te vor­ge­se­hen, zum Teil in wei­te­re wie «Me­di­en».

Kurz vor Start des zwei­ten Ses­si­ons­ta­ges tauch­ten dann zwei neue Ver­sio­nen auf. Die ei­ne trug den Ab­sen­der der Frak­tio­nen von SVP und FDP, die an­de­re kam aus der Mit­te-EVP-Frak­ti­on. Ers­te­re schraub­te den Pro­zent­be­trag für Kul­tur ge­gen­über dem ur­sprüng­li­chen Mo­ti­ons­text auf 50 bis 55 Pro­zent hoch, der Be­trag soll­te «aber min­des­tens dem Um­fang der Mit­tel», der im Schnitt in den Jah­ren 2022 bis 2024 aus­ge­zahlt wur­de, ent­spre­chen. Wei­ter­hin sah die FDP-SVP-Va­ri­an­te rund 30 bis 35 Pro­zent für den Sport vor und hielt sich auch sonst mehr­heit­lich an den ur­sprüng­li­chen Wort­laut.

In der neu­en Ver­si­on der Mit­te-EVP-Frak­ti­on, die sich of­fen­bar nicht mit den bei­den an­de­ren Erst­mo­tio­nä­rin­nen von FDP und SVP ei­ni­gen konn­te, wur­den zwei Ab­sät­ze ge­stri­chen, in de­nen Gel­der an wei­te­re Be­rei­che ge­spro­chen wer­den soll­ten, und mach­te aus den 40 Pro­zent für Kul­tur «zwei Drit­tel», wäh­rend «ein Drit­tel» in den Sport flies­sen soll­te.

Frag­wür­di­ge Ar­gu­men­te

Zu Be­ginn der De­bat­te er­klär­te FDP-Frak­ti­ons­chef Ra­pha­el Frei, dass auf­grund des neu­en Geld­spiel­ge­setz­tes nun mehr Geld vor­han­den sei, dass an die Kan­to­ne ver­teilt wird und da­durch selbst mit der 50-Pro­zent-Quo­te, wie SVP und FDP sie ver­lan­gen, kein Geld in der Kul­tur feh­le. Im Ge­gen­teil wür­den die Mehr­ein­nah­men Spiel­raum bie­ten, um wei­te­re Pro­jek­te zu fi­nan­zie­ren. Es brau­che aber neue, kla­re Re­geln. Spä­ter in der De­bat­te füg­te er an, die Ver­si­on von SVP und FDP sei ei­ne «sau­be­re Lö­sung», kein Kahl­schlag: «Wir kür­zen nicht.»

Dass es kla­re Re­geln braucht für die Ver­ga­be der Lot­te­rie­fonds­gel­der, be­stritt nie­mand. Auch nicht die Mit­te-EVP-Frak­ti­on, de­ren Text­va­ri­an­te wohl ein Kom­pro­miss sein soll­te. Da­zu er­klär­te Bo­ris Tschir­ky, Prä­si­dent der Mit­te-EVP-Frak­ti­on, man ha­be sich der Mo­ti­on da­mals auf­grund der Mehr­ein­nah­men aus dem Lot­te­rie­fonds an­ge­schlos­sen. Und weil die Ge­mein­nüt­zig­keit bei der Ver­ga­be ge­klärt wer­den müs­se. Mit ih­rer ver­schlank­ten Va­ri­an­te wer­de der Sport ge­stärkt, ge­nau­so wie kul­tu­rel­le Pro­jek­te wei­ter­hin ge­för­dert wür­den.

Sa­scha Schmid von der SVP-Frak­ti­on hat­te aus­ser ein paar po­le­mi­schen All­ge­mein­plät­zen we­nig zur De­bat­te bei­zu­tra­gen. Mit dem Lot­te­rie­fonds sei­en schon ei­ni­ge «frag­wür­di­ge Pro­jek­te» fi­nan­ziert wor­den: «Ein Be­ra­tungs­an­ge­bot für il­le­gal ein­ge­wan­der­te Mi­grant:in­nen, ein que­er­fe­mi­nis­ti­sches Fes­ti­val, ein Zie­gen­melk-Kurs in Sim­bab­we und ein lä­cher­lich kur­zer Ski­lift.» Ei­nes die­ser Pro­jek­te sei frei er­fun­den: «Ich la­de Sie ein, zu ra­ten, wel­ches.» Der Lot­te­rie-Fonds sei mitt­ler­wei­le eher ein «Lot­te­ri-Fonds».

Lot­te­rie­fonds oder Selbst­be­die­nungs­la­den

Mar­tin Sai­ler blieb wäh­rend der ge­sam­ten De­bat­te der ein­zi­ge SP-Par­la­men­ta­ri­er, der ak­tiv ver­such­te, die teils fal­schen und oft un­dif­fe­ren­zier­ten Vo­ten der rech­ten Saal­sei­te an­zu­fech­ten. Zu Schmids Vo­tum sag­te er: «Ich fin­de das da­ne­ben.» Doch auch Sai­ler sprach sich schliess­lich für den Wort­laut der Mit­te aus: «Die Lot­te­rie um den Lot­te­rie­fonds geht jetzt erst rich­tig los.» Von den Fol­gen der FDP-SVP-Va­ri­an­te wä­ren vor al­lem auch die 80 Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen be­trof­fen, die ei­ne Leis­tungs­ver­ein­ba­rung mit dem Kan­ton hät­ten. Sai­ler em­pör­te sich auch dar­über, dass sich ei­ni­ge Po­li­ti­ker:in­nen ge­stört hät­ten über die «vie­len Mails aus der Kul­tur­sze­ne» und frag­te: «Was dach­ten Sie denn, was pas­siert?» 

Die IG Kul­tur Ost hat­te sich im Vor­feld an die Kan­tons­rät:in­nen und die Frak­tio­nen ge­wen­det, er­klärt was die ur­sprüng­li­che Mo­ti­on für die Kul­tur be­deu­ten wür­de und wes­halb der Vor­schlag der Re­gie­rung der rich­ti­ge Weg sei – und die Par­la­men­ta­ri­er:in­nen zum Han­deln auf­ge­ru­fen. In ei­ner Me­di­en­mit­tei­lung hat­te die IG zu­dem Stel­lung zur ur­sprüng­li­chen Mo­ti­on der Bür­ger­li­chen und an den Kan­tons­rat ap­pel­liert, «sich sei­ner Ver­ant­wor­tung be­wusst zu sein und den Lot­te­rie­fonds nicht für Macht­spie­le zu miss­brau­chen».

Bür­ger­li­cher Zu­spruch für die Kul­tur

Aber auch aus dem bür­ger­li­chen Block gab es Vo­ten für die Kul­tur. So sprach Isa­bel Schorer (FDP) in ih­rem ei­ge­nen Na­men und legt ih­re In­ter­es­sen of­fen – als Mit­glied im Ver­wal­tungs­rat von Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len so­wie als Mit­glied im Ver­eins­vor­stand und Stif­tungs­rat des Tex­til­mu­se­ums St.Gal­len. Sie setz­te sich für den Vor­schlag der Re­gie­rung ein: «Ei­ne Lö­sung die ver­bin­det, statt spal­tet.» Kul­tur sei re­le­vant für den Stand­ort, schaf­fe wirt­schaft­li­che Vor­tei­le und Auf­trä­ge und be­le­be Städ­te. Auch Sa­rah No­ger-En­ge­ler von der GLP setz­te sich im Na­men der Par­tei für den Re­gie­rungs­vor­schlag ein, der Mo­ti­ons­text von SVP und FDP ei­nen Kahl­schlag und ei­ne Zweck­ent­frem­dung der Gel­der be­deu­ten wür­de – die Viel­fäl­tig­keit der Kul­tur dür­fe nicht zum Spiel­ball wer­den. 

Vor dem SVP-FDP-Wort­laut warn­ten auch Tho­mas War­zi­nek oder Bar­ba­ra Dürr-Bru­hin (bei­de Mit­te). Letz­te­re be­ton­te als Be­trof­fe­ne (Stifts­bi­blio­thek und Schloss Wer­den­berg), dass die FDP-SVP-Va­ri­an­te für un­zäh­li­ge Pro­jek­te weit­aus mehr als «nur» ei­ne Kür­zung der Gel­der be­deu­ten wür­de: Man wer­de Per­so­nal ent­las­sen müs­sen und Leucht­tür­me in der Re­gi­on wür­den ster­ben.

Pa­thos von rechts, Schwei­gen von links

FDP-Par­la­men­ta­ri­er Jens Jä­ger sprach in sei­nem Na­men und als Prä­si­dent der IG Sport des Kan­tons­rats und hielt ei­ne flam­men­de Re­de für den Spit­zen­sport, un­ge­ach­tet des­sen, dass die­ser nicht über die kan­to­na­len Fonds, son­dern auf na­tio­na­ler Ebe­ne fi­nan­ziert wird. Er er­zähl­te von der Ver­ant­wor­tung, die das Par­la­ment für die Ver­ei­ne und die Men­schen tra­ge. Sport sei In­te­gra­ti­on, Zu­sam­men­halt und Iden­ti­tät, bis­her fi­nan­zi­ell aber nur ei­ne Rand­no­tiz: «20 Pro­zent für ei­nen Be­reich, der in un­se­rer Ge­sell­schaft ei­ne tra­gen­de Rol­le spielt: Das kann und darf nicht sein!» Da­bei brau­che es In­ves­ti­tio­nen in In­fra­struk­tur, in Ta­lent- und Ge­sund­heits­för­de­rung. Es ge­he nicht um ein Aus­spie­len ge­gen­ein­an­der, son­dern ein Mit­ein­an­der: «Der Sport pro­fi­tiert ein biss­chen mehr, die Kul­tur ein biss­chen we­ni­ger.» Und im Ge­gen­satz zur Kul­tur sei der Sport ru­hig ge­blie­ben, ha­be im Vor­feld die­ser De­bat­te kei­ne Mails ver­schickt und ha­be «Hal­tung be­wahrt».

Mi­cha­el Sar­bach von den Grü­nen plä­dier­te für ein «nicht Ein­tre­ten» auf die Mo­ti­on, wo­mit al­le Va­ri­an­ten erst ein­mal vom Tisch wä­ren – stand mit die­sem Vo­tum aber auf ver­lo­re­nem Pos­ten. «Der Lot­te­rie­fonds ist kein Ba­zar», pol­ter­te er. Die Mo­ti­ons­va­ri­an­te von FDP und SVP sei kei­ne «Kor­rek­tur», son­dern ein «Kahl­schlag». Kul­tur sei Iden­ti­tät, ge­nau wie der Sport: «Es ist ein ge­gen­ein­an­der Aus­spie­len!» Sar­bach und Sai­ler blie­ben die ein­zi­gen, die sich von lin­ker Sei­te laut für die Kul­tur ein­setz­ten. Im Gros­sen und Gan­zen war die kul­tur­po­li­ti­sche Stil­le auf der lin­ken Saal­sei­te oh­ren­be­täu­bend.

Ei­ne ein­zi­ge Stim­me

Lau­ra Bucher, Re­gie­rungs­rä­tin und Vor­ste­he­rin des De­par­te­ments des In­ne­ren, sprach sich für den Vor­schlag der Re­gie­rung aus. Und schnitt in ih­rem Vo­tum auch ei­ne Fra­ge an, die im Saal noch nicht ge­stellt wur­de: Was, wenn die Quo­ten nicht er­füllt wer­den? «Es braucht Fle­xi­bi­li­tät. Die Pro­jek­te, die hier im Kan­ton ent­ste­hen, fol­gen kei­ner Quo­te, des­we­gen gibt es die Kul­tur­för­der­stra­te­gie und ei­ne sol­che braucht es eben auch für an­de­re Be­rei­che.» Spä­ter be­ton­te sie die End­lich­keit der Lot­te­rie­fonds­re­ser­ven, auf die ge­mäss Va­ri­an­te von SVP und FDP zu­rück­ge­grif­fen wer­den soll: «Die Re­ser­ven sind in fünf Jah­ren da­hin.» Ge­mäss ei­nem im Vor­feld ver­schick­ten Fak­ten­blatt der Re­gie­rung ent­steht mit den im ur­sprüng­li­chen Wort­laut er­wähn­ten 40 Pro­zent ein De­fi­zit von rund 45 Pro­zent. Bucher warnt den Rat, dass selbst die 50 bis 55 Pro­zent Quo­te im neu­en Wort­laut der Va­ri­an­te von SVP und FDP zu ei­nem De­fi­zit führ­ten.

Es nützt al­les nichts: Bei der Ge­gen­über­stel­lung ob­sieg­te der Wort­laut der SVP-FDP ge­gen­über je­nem der Mit­te-EVP-Frak­ti­on ganz knapp mit 60:59 Stim­men. Ei­ni­ge im Saal schluck­ten leer. Der Mist war ge­führt. Auch der für die Kul­tur vor­teil­haf­tes­te Vor­schlag der Re­gie­rung so­wie der ur­sprüng­li­che Mo­ti­ons­text hat­ten ge­gen die neue SVP-FDP-Va­ri­an­te kei­nen Stich. 

Nach der De­bat­te zeig­te sich Frak­ti­ons­prä­si­dent Bo­ris Tschir­ky ent­täuscht. Man ha­be sich für ei­nen Kom­pro­miss ein­ge­setzt, weil die Quo­ten in Pro­zen­ten als nicht sehr ziel­füh­rend er­ach­tet wor­den sei­en, so der Ge­mein­de­prä­si­dent von Gai­ser­wald. «We­gen ei­ner Stim­me! Wir hat­ten ge­hofft, ein paar Kol­leg:in­nen aus den Rei­hen der FDP mit un­se­rem Wort­laut über­zeu­gen zu kön­nen.» Ob­schon wäh­rend der De­bat­te die meis­ten Vo­tant:in­nen den Kom­pro­miss der Mit­te-EVP-Frak­ti­on be­für­wor­te­ten, hielt der FDP-SVP-Block bei der Ab­stim­mung stramm ge­gen den Mit­te-Vor­schlag – und da­mit die bür­ger­li­che Mehr­heit. Im­mer­hin bei der Ge­gen­über­stel­lung von Re­gie­rungs- und SVP-FDP-Vor­schlag gab es mit Isa­bel Schorer ei­ne frei­sin­ni­ge Ab­weich­le­rin.

Was sich wie ein Schlag ins Ge­sicht für die Zu­schau­en­den aus der Kul­tur­sze­ne an­fühl­te, for­mu­lier­te die Re­gie­rungs­prä­si­den­tin Lau­ra Bucher so: «Mit die­ser Ver­si­on der Mo­ti­on sind wir schon sehr weit weg von dem Vor­schlag der Re­gie­rung, das ist ein­schnei­dend. Aber ich ha­be der De­bat­te ent­nom­men, dass das Ni­veau ge­hal­ten wer­den soll und nie­mand ei­ne Kür­zung bei der Kul­tur möch­te – das stimmt mich hoff­nungs­voll. Ich wer­de die Kan­tons­rät:in­nen beim Wort neh­men. Im Rah­men der Ge­set­zes­ent­wurfs wer­den wir uns nun den De­tails der Um­set­zung und den Zu­stän­dig­kei­ten wid­men.»

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