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Orchestrierter Angriff gegen externen Aufklärungsunterricht 

Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.

Das Februarheft 2025 widmete einen Schwerpunkt dem Aufklärungsunterricht. Romea Enzler stellte dafür mittelalterliche Tragezeichen aus der Datenbank kunera.nl zusammen.  

Das Februarheft 2025 widmete einen Schwerpunkt dem Aufklärungsunterricht. Romea Enzler stellte dafür mittelalterliche Tragezeichen aus der Datenbank kunera.nl zusammen.


 


 

Schu­len in den Kan­to­nen St.Gal­len und bei­den Ap­pen­zell kön­nen für den Auf­klä­rungs­un­ter­richt Mit­ar­bei­ter:in­nen der Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen zu­zie­hen. Leis­tungs­auf­trä­ge mit den Kan­to­nen re­geln die­se Zu­sam­men­ar­beit und das An­ge­bot wird von vie­len Schu­len re­gel­mäs­sig ge­nutzt. In den letz­ten drei Jah­ren, 2023 bis 2025, leis­te­te die Fach­stel­le in den drei Kan­to­nen fast 800 se­xu­al­päd­ago­gi­sche Ein­sät­ze und er­reich­te über 8000 Schü­ler:in­nen.

Dem in der Co­ro­na-Zeit ent­stan­de­nen «Leh­rer­netz­werk Schweiz», das der SVP na­he­steht, passt das nicht. Die Or­ga­ni­sa­ti­on kämpf­te an­fäng­lich ge­gen die Mas­ken­pflicht an den Schu­len und setzt sich heu­te un­ter an­de­rem für die Ab­schaf­fung des Früh­fran­zö­sisch ein. Sie kämpft – wie die SVP in ih­rem An­fang Jahr ver­öf­fent­lich­ten Po­si­ti­ons­pa­pier zur Volks­schu­le – ge­gen die «wo­ke Be­ein­flus­sung der Ju­gend­li­chen» und ge­gen ei­ne an­geb­lich über­grif­fi­ge Se­xu­al­auf­klä­rung in den Schu­len. Kan­to­na­le Bil­dungs­de­par­te­men­te be­kom­men im­mer wie­der Post mit ent­spre­chen­den For­de­run­gen. 

Mit dem Slo­gan «Hän­de weg von un­se­ren Pri­mar­schü­lern» po­le­mi­sier­te das Leh­rer­netz­werk ge­gen die Or­ga­ni­sa­ti­on Se­xu­el­le Ge­sund­heit Aar­gau (Se­ges), die – wie die St.Gal­ler Fach­stel­le – Auf­klä­rungs­un­ter­richt in Schu­len über­nimmt. Die Aar­gau­er SVP-Kan­tons­rä­tin und An­wäl­tin Ni­co­le Bur­ger trug den Fall ins Kan­tons­par­la­ment. Von ihr stammt auch ein auf der Web­site des Netz­werks be­reit­ge­stell­ter Mus­ter­brief für ei­ne «el­ter­li­che Er­klä­rung zum Se­xu­al­kun­de­un­ter­richt». Dar­in wird be­tont, dass die Ver­ant­wor­tung für die Se­xu­al­erzie­hung bei den El­tern lie­ge. In der Er­klä­rung wer­den un­ter an­de­rem In­for­ma­tio­nen zum The­ma Trans­gen­der kri­ti­siert. Dies ver­un­si­che­re die Kin­der in ih­rer Iden­ti­tät, statt sie zu stär­ken.

Kla­ge mit Hil­fe aus dem Aar­gau

Die glei­che Aar­gau­er An­wäl­tin und Po­li­ti­ke­rin hat als Ver­tre­te­rin von El­tern nach ei­nem Se­xu­al­kun­de­un­ter­richt in der Schu­le Büt­schwil-Gan­ter­schwil ei­ne Straf­an­zei­ge so­wie ei­ne Auf­sichts­be­schwer­de im Kan­ton St.Gal­len ein­ge­reicht. Von frü­he­ren Ein­sät­zen her ist der Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen be­kannt, dass es in die­ser Schu­le ei­ni­ge Kin­der aus fun­da­men­ta­lis­tisch-re­li­gi­ös ge­präg­ten Fa­mi­li­en gibt. Ei­ne An­fra­ge bei der lo­ka­len Grup­pe «Fa­mi­li­en nach dem Her­zen Got­tes» ob die Kla­ge aus die­sen Krei­sen stammt, blieb un­be­ant­wor­tet.

Kon­kret ging es um ei­ne Un­ter­richts­stun­de im No­vem­ber 2025 in ei­ner 5. Pri­mar­klas­se in Büt­schwil. Die Straf­kla­ge rich­tet sich ge­gen ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der St.Gal­ler Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen. Ihr wer­den «se­xu­el­le Hand­lun­gen mit Kin­dern» vor­ge­wor­fen. Doch die Staats­an­walt­schaft lehn­te die Er­öff­nung ei­nes Straf­ver­fah­rens ab. Un­ter­des­sen zog die Rechts­an­wäl­tin den Fall an die An­kla­ge­kam­mer wei­ter – ein Ent­scheid steht noch aus. In­zwi­schen po­le­mi­siert das Leh­rer­netz­werk auf sei­ner In­ter­net­sei­te ge­gen die St.Gal­ler Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen und dis­kre­di­tiert sie als «Or­ga­ni­sa­ti­on mit ideo­lo­gi­schem oder ak­ti­vis­ti­schem Hin­ter­grund». Man wer­de «in die­ser Sa­che nicht lo­cker­las­sen und un­nach­gie­big blei­ben und die Be­hör­den in die Ver­ant­wor­tung neh­men».

Die Prä­si­den­tin des Trä­ger­ver­eins der Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen, SP-Kan­tons­rä­tin An­drea Schöb, stellt klar, dass se­xu­el­le Bil­dung Teil des Lehr­plans ist und die Leis­tungs­ver­ein­ba­run­gen mit den Kan­to­nen St.Gal­len und bei­den Ap­pen­zell den Auf­trag fest­schrei­ben, in den The­men­fel­dern Prä­ven­ti­on (HIV, STI, Schutz­stra­te­gien), Se­xu­al­päd­ago­gik, se­xu­el­le Ge­sund­heit, Dis­kri­mi­nie­rung und LGBTI­QA+ die Schu­len zu be­glei­ten, zu be­ra­ten und zu in­for­mie­ren. «Se­xu­al­päd­ago­gik ist ei­ne wich­ti­ge Mass­nah­me im Be­reich der se­xu­el­len Ge­sund­heit und der Prä­ven­ti­on. Sie hilft Kin­dern und Ju­gend­li­chen ih­ren Kör­per bes­ser zu ver­ste­hen, Gren­zen set­zen zu kön­nen und wis­sen, wo sie Hil­fe be­kom­men kön­nen», so An­drea Schöb. Für Schu­len sei es wich­tig, dass sie auf ex­ter­ne Fach­per­so­nen zu­rück­grei­fen kön­nen, weil die Schü­ler:in­nen so frei­er sind. Und wei­ter: «Un­se­re Fach­per­so­nen sind sehr gut aus­ge­bil­det und er­fah­ren im Un­ter­richt. Sie stel­len in Ab­spra­che und zu­sam­men mit der Klas­sen­lehr­per­son si­cher, dass der Un­ter­richt in ei­nem ge­schütz­ten Rah­men statt­fin­det, denn se­xu­el­le Auf­klä­rung in der Schu­le ist der Grund­stein für se­xu­el­le Ge­sund­heit.»

SVP-An­grif­fe auf die Schu­le

Par­al­lel da­zu ist der Fall auch in die St.Gal­ler Po­li­tik ge­tra­gen wor­den. In ih­rer In­ter­pel­la­ti­on ver­lan­gen die Stadt­s­ankt­gal­ler SVP-Kan­tons­rä­tin Es­ther Gra­nit­zer und der EDU-Kan­tons­rat Heinz Her­zog aus Thal (als EDU-Mit­glied po­li­ti­siert er in der SVP-Frak­ti­on) von der Kan­tons­re­gie­rung Ant­wor­ten auf sie­ben Fra­gen. Sie wol­len un­ter an­de­rem wis­sen, ob der Un­ter­richt «lehr­plan­kon­form» war und wie die Re­gie­rung si­cher­stel­le, dass das ver­fas­sungs­recht­lich ge­schütz­te Er­zie­hungs­recht der El­tern auch bei aus­ge­la­ger­tem Un­ter­richt ge­wahrt bleibt.

Die­ser Vor­stoss passt in die Li­nie der ak­tu­el­len At­ta­cken der SVP auf die Schu­le und neu­er­dings auch auf die Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­len. Die Aus­bil­dungs­gän­ge sei­en dort pra­xis­fremd, zi­tier­te die­ser Ta­ge der «Ta­ges-An­zei­ger» den Zür­cher SVP-Na­tio­nal­rat Ben­ja­min Fi­scher. EDU-Kan­tons­rat Heinz Her­zog ist sei­ner­seits als Mit­glied der Frei­en Evan­ge­li­schen Ge­mein­de Rhein­eck ein er­klär­ter Geg­ner von Schul­re­for­men. Er wur­de 2006 zum Schul­prä­si­den­ten in Thal ge­wählt, weil er aber ge­gen das Har­mos-Kon­kor­dat und den Lehr­plan 21 kämpf­te, ent­stand po­li­ti­scher Druck und er trat 2015 zu­rück. Zu­letzt hat­te er im St. Gal­ler Kan­tons­rat das Rats­re­fe­ren­dum ge­gen die Fi­nan­zie­rung der Ki­tas lan­ciert, über die am 14. Ju­ni ab­ge­stimmt wird.

Re­gie­rung ver­weist auf den Lehr­plan

In ih­rer Ant­wort ver­weist die St.Gal­ler Re­gie­rung auf den Lehr­plan und die Zu­stän­dig­keit der Schul­trä­ger. Se­xu­al­kund­li­cher Un­ter­richt sei im Lehr­plan fest­ge­schrie­ben und die Schu­len sind des­halb ver­pflich­tet, ihn durch­zu­füh­ren. Der Kan­ton schrei­be da­bei nicht vor, wie Se­xu­al­kun­de zu un­ter­rich­ten sei. Die Schu­len hät­ten, ge­stützt auf die Me­tho­den­frei­heit, die Mög­lich­keit, ex­ter­ne Fach­per­so­nen bei­zu­zie­hen. Die Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen ha­be für sol­che Ein­sät­ze Leis­tungs­ver­ein­ba­run­gen so­wohl mit dem Ge­sund­heits­de­par­te­ment, als auch mit dem De­par­te­ment des In­nern und ste­he in re­gel­mäs­si­gem Aus­tausch mit den Be­hör­den. 

Dass im kri­ti­sier­ten Un­ter­richt Mo­del­le von Ge­schlechts­tei­len ein­ge­setzt wer­den sei «lehr­plan­kon­form», denn: «Ver­bo­te von spe­zi­fi­schen In­hal­ten, wie sie in der Fra­ge­stel­lung ge­nannt wer­den, ent­hält der Lehr­plan nicht», so die Ant­wort der Re­gie­rung. Ein Straf­tat­be­stand sei die­ser Ein­satz nicht.

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