Wasser, Drag und Virginia Woolf

Mosimann als bärenartige Kreatur im Stück Orlando* (Bild: pd/Leni O.)

Mosimann als bärenartige Kreatur im Stück Orlando* (Bild: pd/Leni O.)

Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen. 

«Be wa­ter, my fri­end.» Ob auf ei­nem Shirt, als Ku­lis­se oder als Auf­ruf. Der Satz taucht im Stück Or­lan­do* der St.Gal­ler Thea­ter­kom­pa­nie Roh­stoff im­mer wie­der auf. Zu­ge­schrie­ben wird er der Mar­ti­al-Arts-Le­gen­de Bruce Lee, wo­bei Lee selbst im Stück kei­ne Rol­le spielt. Da­für scheint sein Spruch so et­was wie die Es­senz des rau­schen­den Spek­ta­kels zu sein. 

Das Stück greift die fast gleich­na­mi­ge Ro­man­vor­la­ge Or­lan­do – Ei­ne Bio­gra­fie von Vir­gi­nia Woolf aus dem Jahr 1929 auf. Die Ge­schich­te han­delt von ei­nem eng­li­schen Ad­li­gen, der im Lau­fe sei­nes jahr­hun­der­te­lan­gen Le­bens das Ge­schlecht wan­delt. Kunst und Kul­tur be­fas­sen sich im­mer wie­der ger­ne mit dem Ma­te­ri­al. So auch das Team von Roh­stoff. Se­bas­ti­an Ry­ser, der die Kom­pa­nie im Jahr 2023 ge­mein­sam mit Lars Wol­fer ge­grün­det hat, er­klärt: «Der Ro­man ist ei­ne tol­le li­te­ra­ri­sche Vor­la­ge, weil Woolf dar­in ei­ne schar­fe Ge­sell­schafts­ana­ly­se zieht und den­noch spie­le­risch bleibt. Für vie­le que­e­re Künst­ler:in­nen wur­de Or­lan­do ei­ne wich­ti­ge Re­fe­renz, sie ist ei­ne Ur­mut­ter der quee­ren Kul­tur.»

Roh­stoff ver­sucht mit ih­rer Ad­ap­ti­on gar nicht erst, die sich über drei Jahr­hun­der­te hin­zie­hen­de Ro­man­vor­la­ge 1:1 um­zu­set­zen. Statt­des­sen will man sich das «Ge­fühl des Ro­mans» an­eig­nen. «Uns geht es dar­um, zu zei­gen, wie leicht sich die­se oh­ne­hin dün­nen Gren­zen zwi­schen den Ge­schlech­tern auf­lö­sen las­sen. Wie lust­voll das sein kann. Das ist ge­ra­de jetzt, wo wir ei­nen be­ängs­ti­gen­den Back­lash er­le­ben, enorm wich­tig.» Pre­mie­re fei­er­te das Stück im Ja­nu­ar des Jah­res im Pa­lace, am 22. und 23. Mai ist es in der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne zu se­hen. 

Es be­ginnt mit ei­ner Har­py­ie

Or­lan­do* be­ginnt da, wo ei­ne drei­stün­di­ge, ori­gi­nal­ge­treue Thea­ter­ad­ap­ti­on von Woolfs Werk en­det. Es ist die Der­niè­re, der Mo­ment, an dem ei­gent­lich al­les vor­bei ist. Die Per­for­me­rin (An­ni­na Mo­si­mann) nutzt die­sen Mo­ment und be­ginnt ih­re ei­ge­ne In­ter­pre­ta­ti­on des Stoffs zu spin­nen. Ei­ne aus­ser­halb der bi­nä­ren Ge­schlecht­er­ord­nung. Ei­ne, in der Or­lan­do von ei­ner Har­py­ie ge­bo­ren wird. 

Es scheint dann, als be­gin­ne ein Stück im Stück: Es wird dun­kel und Se­bas­ti­an Ry­ser fragt aus dem Off: «Magst du den Mo­ment, wenn es lang­sam dun­kel wird im Thea­ter? (…) Hörst du die an­de­ren at­men?» Und wie Ali­ce durch den Spie­gel taucht man ein in die rau­schen­de Ge­schich­te, ir­gend­wo zwi­schen Wun­der­land, Ma­te­ri­al­thea­ter und wil­der Par­ty­nacht. Zwi­schen ei­ner Art Um­klei­de und ei­ner Büh­ne auf der Büh­ne wech­selt das Spiel hin und her. Op­po­si­tio­nen lö­sen sich auf: das Sicht­ba­re und das Un­sicht­ba­re, das Öf­fent­li­che und das Pri­va­te oder eben die Büh­ne und die Um­klei­de. Wo das ei­ne be­ginnt, hat das an­de­re längst be­gon­nen. 

Ge­nau­so flui­de ver­wan­delt sich ei­ne durch­wegs be­ein­dru­cken­de Mo­si­mann von ei­ner Fi­gur in die nächs­te. Sie, die fast al­le Rol­len selbst ver­kör­pert, ist Er­zäh­ler:in und Ge­schich­te zu­gleich. Ist mal Mann, mal Frau, mal Krea­tur, mal al­les – oder nichts. Nur Or­lan­do ver­kör­pert sie nie, denn die Fi­gur kommt nur in der Er­zäh­lung vor. 

Sel­ten flies­sen Ge­sag­tes und Ge­zeig­tes in die glei­che Rich­tung. Wenn Mo­si­mann er­zählt, Or­lan­do wer­de zur Frau, wird sie selbst zum Mann – oder zu dem, was man als Mann liest. Die Klei­dung, der Gang, der Blick. Wor­an er­ken­nen wir ei­gent­lich ei­nen Mann? Wor­an ei­ne Frau? Und ist das nicht ein­fach al­les nur Show? Ein Spiel, bei dem wir al­le mit­spie­len und so tun, als wä­re es keins? Als Til­do, Ber­ner-Gie­le und Drag­King, re­flek­tiert Mo­si­mann die The­se gleich selbst und kommt zum Schluss: «Es sind al­les nur Rol­len, die wir spie­len.» 

Pup­pen de­bat­tie­ren Ge­schlecht­er­ord­nung

Poin­tiert fliesst in Or­lan­do* die zeit­ge­nös­si­sche De­bat­te um die Ge­schlecht­er­ord­nung ein. Bun­te Fin­ger­pup­pen­mons­ter und ei­ne blon­de Hand­pup­pe wet­tern ge­gen den «Ge­schlech­ter-Fir­le­fanz», ver­wei­sen auf das Zi­vil­stand­ge­setz, das aus «Grün­den der Über­sicht­lich­keit» nur zwei Ge­schlech­ter ak­zep­tiert, und for­dern mit ei­ner Ve­he­menz «Ru­he für die Kern­fa­mi­lie», dass ei­nem kurz un­wohl wird. Denn, ob­wohl die De­bat­te hier über­zeich­net und ab­surd in­sze­niert ist, ist sie er­schre­ckend rea­li­täts­nah – in­halt­lich wie auch im Ton­fall. Dass sich die De­bat­te bald in ei­nem pa­ni­schen Ge­schrei auf­löst, ent­las­tet. Man lacht herz­haft, auch wenn man im sel­ben Mo­ment wü­tend ist.

Or­lan­do* nimmt ei­nen mit auf ei­nen rau­schen­den Trip durch die Zeit. Zeigt, wie viel Spiel im Mensch­sein steckt, schon im­mer ge­steckt hat. Auch der Plan der Kom­pa­nie Roh­stoff, die ge­schlecht­li­che Bi­nä­ri­tät der Ro­man­vor­la­ge zu über­win­den, geht auf. Viel­leicht ge­ra­de des­halb, weil die Fi­gur Or­lan­do kei­ne kör­per­li­che Ent­spre­chung fin­det. Sie bleibt flüch­tig, flies­send, schwer fass­bar – eben wie Was­ser. «Be wa­ter, my fri­end.» Ry­ser da­zu: «Was­ser fin­det im­mer ei­nen Weg, geht durch Mau­ern, löst Gren­zen auf.» Was­ser al­so als Me­ta­pher, um die ge­sell­schaft­li­che Ord­nung zu un­ter­lau­fen und auf­zu­bre­chen. 

Roh­stoff – Or­lan­do*: Frei­tag, 22. Mai und Sams­tag, 23. Mai, je­weils 20 Uhr, Kel­ler­büh­ne St.Gal­len.

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Heftvorschau 05/26
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