Story: unglaubwürdig. Rollenbilder: frauenfeindlich. Musik: göttlich … Geht es um Così fan tutte, hat man die Etiketten leicht zur Hand, schon immer. Kaum uraufgeführt 1789, galt die Handlung um zwei junge Frauen, die von ihren Geliebten auf eine Treueprobe gestellt werden, als konstruiert und lächerlich: «das albernste Zeug von der Welt», das sich nur «in Rücksicht auf die vortreffliche Komposition» lohne, schrieb ein Kritiker in Leipzig 1790 – ein Urteil, das sich durch das ganze 19. und bis weit ins 20. Jahrhundert behauptete.
Inzwischen hat sich jedoch herumgesprochen, dass das Werk seine Tiefen und Untiefen hat, musikalisch sowieso, aber auch moralisch, gesellschaftlich, als Spiegel der Zeit, als aufklärerisches Experiment am offenen Herzen junger Leute. Wie dieses Experiment ausgeht, klären Mozart und sein Textdichter Lorenzo da Ponte am Ende bloss halbherzig – «da ragion guidar si fa», von Vernunft und heiterem Sinn («bella calma») soll man sich leiten lassen im Chaos dieser Welt, singt Don Alfonso. Und dies, nachdem gerade zwei Beziehungen beinah zu Bruch gegangen sind?
Liebesglück aus dem Katalog
Das Liebesquartett in der St.Galler Inszenierung ist überzeugend besetzt: Ferrando (Brian Michael Moore, eher angestrengt) und Guglielmo (locker Vincenzo Neri) ziehen dabei werkbedingt den Kürzeren gegen Jennifer Panara als klangschöne Dorabella und die überragende Olivia Smith als Fiordiligi.
Die vier haben sich im Doppeleinfamilienhaus Typ «Schöner wohnen» eingerichtet. Bad, Küche, Salon mit Grossfernseher und Ehebett, alles zwillinghaft da auf der Drehbühne (Alain Rappaport). Die Ouvertüre bietet eine Hausführung, Guglielmo und Ferrando zappen gelangweilt zwischen Tennis und Fussball, oben schon im Negligé Fiordiligi und Dorabella, noch rasch ein Selfie. Mozarts Musik kreist munter wie die Bühne – und bald auch die Gefühle.
Getrübtes Wohnglück: Die Männer (Vincenzo Neri, Brian Michael Moore) ziehen in den Krieg, die Frauen (Olivia Smith, Jennifer Panara) haben das Nachsehen.
Dem properen häuslichen Glück traut man von Beginn weg nicht. So wenig wie Dienstmädchen Despina (Mack Wolz), die in zornigen Koloraturen das soziale Gefälle, ihre «vita maledetta» beklagt. Und Don Alfonso (jugendlich abgebrüht Jonas Jud) macht die Probe aufs Exempel: Die Männer werden angeblich zu den Waffen gerufen, die Frauen bleiben tränenreich zurück, zufällig kommen zwei Fremde ins Haus, die «graziosa commedia» (Don Alfonso) nimmt ihren Lauf.
Den Soundtrack zum so zeitlosen wie aus der Zeit gefallenen Plot liefert das Sinfonieorchester St.Gallen, mit blendend aufgelegten Bläsern, mit einem brillanten Roberto Forno am Cembalo und dem künftigen Chefdirigenten Pietro Rizzo am Pult. Dieser führt sich furios in St.Gallen ein, die Tempi sind zupackend, manchmal, wie im ersten Terzett und später im Finale von Akt 1, so rasant, dass Orchester und Sänger:innen in Turbulenzen geraten, die Amors ganze Nachsicht benötigen. Wermutstropfen ist die übersteuerte Tonanlage – da wird manches schrill, was luftig gedacht wäre.
Die Musik steckt an
Es überwiegen aber die Highlights. Beneidenswert, wie Liebesseufzer klingen können, wenn einer wie Mozart sie in Töne schmilzt im «Addio»-Quintett – so falsch die Tränen von Ferrando und Guglielmo und so ironisch die putzige Jolle «Fior di bella» sein mögen, mit der die Regie die Segel hissen lässt. Bewegend, wie die Verlassenen im Terzett mit Don Alfonso den «vento soave» beschwören. Und unübertrefflich, wie musikalische Wut die Bühne beinah sprengen kann, wenn Fiordiligi ihre felsenfeste Treue beschwört («come scoglio»).
Schauspieldirektorin Barbara-David Brüesch führt erstmals Opern-Regie und lässt sich von Mozart anstecken. Als Handwerker verkleidet, mit falschen Schnäuzen, Leiter, Stöpsel und Akkubohrer steigen die Männer den Frauen auf die Bude und stellen sich dabei wie die letzten Deppen an. Auch sonst kommt, was grad zur Hand ist an Haushaltgeräten, Mixer, Kaffeemühle, Waschlappen oder Grill, musikalisch in Schwung, illustriert und ironisiert die Partitur. Smoothie zum Seelenschmetter, sprudelnde Koloraturen im Schaumbad oder Epilierpflaster gegen den Herzschmerz: Die Inszenierung holt hehre Gefühle auf Alltagslevel herunter. Das macht Mozart nicht trivial, sondern menschlich.
Gnade für das Patriarchat
Bei den von Fiordiligi und Dorabella rasch durchschauten «buffonerie», die Don Alfonso und Despina anzetteln, bleibt es allerdings nicht. Nach den schwindligen Turbulenzen des ersten Akts kippt nach der Pause die Stimmung. Aus Spiel wird Ernst, aus Geplänkel seelische Not. Mozart gibt ihr Raum, namentlich in den ausladenden Duetten der Liebenden über Kreuz: Guglielmo bezwingt Dorabella, Fiordiligi gibt innerlich zerrissen Ferrando doch noch nach – «ai vinto». Amor (Tänzerin Ann-Kathrin Adam), die zuvor nur gelegentlich herbeigeschwebt war als Souvenir aus der Mozartzeit, braucht jetzt ihr ganzes Zehenspitzengefühl, um die jungen Frauen auf den richtigen Liebesumweg zu bringen.
Happy End mit Maserati – in der Mitte Don Alfonso (Jonas Jud).
Da bekommt denn auch das traute Eigenheim Risse, sinnbildlich für den Bruch der Beziehungsgewissheit: Es teilt sich in zwei Hälften. Die Männer, die das Debakel fahrlässig («quel pazzo desire», sagt Don Alfonso) verursacht haben, müsste man anno 2026 eigentlich zum Teufel jagen. Doch die Regisseurin meint es im Finale überraschend gnädig mit ihnen. Im gesponserten weissen Maserati fahren sie zur Fake-Hochzeit, am Steuer immerhin: die Frauen. Der Theaterchor gratuliert in Pierrot-Kostümen (Kostüme: Sabin Fleck).
Die «liaisons dangereuses» bleiben noch einmal unsanktioniert. Don Alfonsos Experiment endet polyamor, zu viert im Doppeldoppelbett.
Così fan tutte: bis 26. Mai, Theater St.Gallen.
konzertundtheater.ch