Vier Stimmen, ein Raum: Experiment Heartspace ist geglückt

Guang-Xuan Chen (links) und Andrea Lippolis (rechts) in Once a refugee von Charmene Pang. (Bild: Gregory Batardon/pd)

Guang-Xuan Chen (links) und Andrea Lippolis (rechts) in Once a refugee von Charmene Pang. (Bild: Gregory Batardon/pd)

Mit Heartspace wagt die Tanzsparte am Theater St. Gallen einen mutigen Schritt: Vier Mitglieder der Kompanie übernehmen erstmals die Rolle der Choreograf:innen und entdecken ihre künstlerische Stimme – auf sehr unterschiedliche Weise.

Un­ter der künst­le­ri­schen Lei­tung von Frank Fan­nar Pe­der­sen be­tritt die Tanz­kom­pa­nie St. Gal­len mit die­sem Pro­jekt Neu­land. Weit her­ge­holt ist die Idee zwar nicht: Die Gren­zen zwi­schen den Tän­zer:in­nen und den Cho­reo­graf:in­nen sind im zeit­ge­nös­si­schen Tanz längst durch­läs­sig ge­wor­den.

Mit He­ar­space ist ein Abend ent­stan­den, der nicht nur Be­we­gung, son­dern die un­sicht­ba­ren Pro­zes­se der Krea­ti­vi­tät selbst the­ma­ti­siert. Wo­mit al­le vier Cho­reo­graf:in­nen zu kämp­fen hat­ten, war der Fak­tor Zeit. Es wa­ren schnel­le Ent­schei­dun­gen not­wen­dig, vie­le Ideen muss­ten auf­ge­ge­ben und der ei­ge­nen In­tui­ti­on ver­traut wer­den. Ei­ge­ne künst­le­ri­sche Ideen oh­ne vor­ge­ge­be­nes Kon­zept zu er­for­schen, er­for­dert viel Fle­xi­bi­li­tät und den Mut Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und Lü­cken zu­zu­las­sen. Das Pre­mie­ren­pu­bli­kum in der Lok­re­mi­se re­agiert po­si­tiv auf das Ex­pe­ri­ment.

Vier Stü­cke an ei­nem Abend

Das Stück ist in vier Tei­le ge­glie­dert: Ch­ar­me­ne Pangs On­ce A Re­fu­ge er­öff­net den Abend mit ei­ner Mi­schung aus Kon­zert und Tanz­per­for­mance. In­spi­riert von ei­nem be­lieb­ten Pod­cast mit in­ti­men Live-Auf­trit­ten, die je­weils am Schreib­tisch ei­nes Ra­dio­mo­de­ra­tors auf­ge­nom­men wer­den, über­trägt sich die über­schäu­men­de En­er­gie der fünf Tän­zer:in­nen auf das Pu­bli­kum. Da­bei wer­den die Tän­zer:in­nen zu Per­for­mer:in­nen, die ih­re ei­ge­ne Ge­schich­te er­zäh­len.

Ari­ad­ni To­umpe­kis Mi­kro­kos­mos zeigt in ih­rem Du­ett die Span­nung zwi­schen Cha­os und Ord­nung. Sie wirft ei­nen kon­zen­trier­ten Blick auf grund­le­gen­de Kräf­te des Da­seins. Al­les fliesst, wie Was­ser, das kei­ne fes­te Form kennt und doch al­les ver­bin­det. Ei­ne durch­sich­ti­ge Ku­gel halb mit Was­ser ge­füllt, pen­delt über den Köp­fen der bei­den Tän­zer. Ih­re Be­we­gun­gen fol­gen kei­nem fest­leg­ten Ver­lauf. Die Cho­reo­gra­fin be­zieht sich auf die My­tho­lo­gie ih­res Hei­mat­lan­des Grie­chen­land, in wel­cher zwei ge­gen­sätz­li­che Cha­rak­ter­zü­ge des Men­schen be­schrie­ben wer­den. Das ei­ne exis­tiert nicht oh­ne das An­de­re: ge­nau­so rin­gen die bei­den Per­for­mer mit Nä­he und Di­stanz.

Ein Tisch, zwei Stüh­le und ein Paar sind die Haupt­dar­stel­ler:in­nen von Ta­ke My Breath Away von Ada­man­tia Pa­paky­ria­ki. Sie be­schreibt in ih­rer Cho­reo­gra­fie ei­ne lang­jäh­ri­ge Be­zie­hung, die an der Rou­ti­ne zu zer­bre­chen droht. Die Span­nung ist greif­bar, Ges­ten und Bli­cke wer­den här­ter und ab­wei­sen­der. Ge­wohn­hei­ten wer­den zur Be­dro­hung, zum stil­len Vor­wurf. Die Stim­mung droht zu kip­pen. Der Tisch wird zur Büh­ne und bringt die Kom­mu­ni­ka­ti­on auf ei­ne neue Ebe­ne. Ben E. Kings Stand by me löst den Kno­ten und kit­tet die Be­zie­hung.

Spür­ba­re Zu­sam­men­ar­beit

Den Ab­schluss bil­det Mitch Har­veys He­re We Are, ein kraft­vol­les Grup­pen­stück, das von Club­kul­tur und Ge­mein­schaft ge­prägt ist. Down­beat- und Trip-Hop-Sounds treibt die Tän­zer:in­nen an. Kör­per be­geg­nen sich, fin­den zu­ein­an­der und ent­fer­nen sich wie­der. Es sind flüch­ti­ge Mo­men­te des kol­lek­ti­ven Er­le­bens. «Tog­e­ther we dance alo­ne», be­schreibt Mitch Har­vey sei­ne Krea­ti­on.

Bei den Pro­ben wur­den die vier Cho­re­graf:in­nen von San­dra Klimek und Emi­ly Pak un­ter­stützt. Das Krea­tiv­team, mit Va­le­ria Bal­lek als Ver­ant­wort­li­che für die Kos­tü­me, Li­sa Leo­pold für die Dra­ma­tur­gie und Yu­ka His­amatsu für das Licht­de­sign, sorgt für ei­ne vi­su­ell und dra­ma­tur­gisch stim­mi­ge Um­set­zung. Be­mer­kens­wert ist, dass die Cho­reo­graf:in­nen selbst nicht auf der Büh­ne ste­hen – ih­re Aus­drucks­kraft als Tän­zer:in­nen trotz­dem spür­bar ist.

He­art­space über­zeugt nicht nur durch die tän­ze­ri­sche Leis­tung, son­dern macht auch die schöp­fe­ri­sche Frei­heit der Künst­ler:in­nen sicht­bar. Ein Abend, der die Viel­schich­tig­keit von Be­we­gung, Iden­ti­tät und Ge­mein­schaft fei­ert – und der En­er­gie der Tanz­kom­pa­gnie frei­en Lauf lässt.

He­art­space: Mitt­woch, 22. April, Sonn­tag, 3. Mai und Mitt­woch, 14. Mai, Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len, St.Gal­len.
kon­zert­und­thea­ter.ch

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ein Kurz­trip durch Schein­wel­ten

Vier Jah­re nach ih­rem De­büt keh­ren Lev Ti­gro­vich mit ei­ner neu­en EP zu­rück. Die­se han­delt von Kon­troll­ver­lust, Il­lu­sio­nen und gros­sen Ge­füh­len – und ent­hält erst­mals ei­nen Song, der nicht auf Rus­sisch ge­sun­gen ist.

Von  David Gadze
Lev Tigrovich Press Photo 4 Lena Frei

FC St. Gal­len vs. FC Thun 1:1 – Kein Sie­ger zwi­schen den bes­ten zwei Teams der Sai­son

Im letz­ten Spiel der Sai­son trifft der FC St.Gal­len auf den neu­en Schwei­zer Meis­ter aus Thun - ei­nen Sie­ger gibt es nicht.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Phy­sik und er­schöpf­te Ma­schi­nen

Ca­li­ne Aoun in­ter­es­sie­ren die Mo­men­te der Ver­än­de­rung, die Über­gän­ge und Zu­stän­de. Ih­re Aus­stel­lung in Kunst­mu­se­um und Kunst­hal­le Ap­pen­zell wird zum En­de der sechs­mo­na­ti­gen Lauf­zeit ei­ne an­de­re sein als zu Be­ginn. 

Von  Kristin Schmidt
Kunsthalle Appenzell Caline Aoun 03 High Res RGB

Un­ter­schrift als Re­li­quie

Der 1100. To­des­tag von Wi­bora­da – In­klu­sin, Stadt­hei­li­ge und Pro­jek­ti­ons­flä­che – ist zur­zeit The­ma viel­fäl­ti­ger Ak­ti­vi­tä­ten. Zu den High­lights ge­hört ei­ne mut­mass­li­che Un­ter­schrift, zu be­sich­ti­gen in der Aus­stel­lung im St.Gal­ler Re­gie­rungs­ge­bäu­de.

Von  Peter Müller
Unterschriften2

Gastkommentar

Kul­tur­jour­na­lis­mus – ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Not­wen­dig­keit

Von  Johannes Sieber
Johannes sieber

Schü­ler:in­nen auf den Spu­ren Wi­bora­das

An­na Beck-Wör­ner hat ein Wi­bora­da-Un­ter­richts­heft er­ar­bei­tet. Im Pos­ten­lauf, der durch St.Gal­len führt, kön­nen Schü­ler:in­nen an­hand von Wi­bora­das Le­bens­weg lehr­plan­kon­form The­men wie Ge­mein­schaft, Le­bens­form, Bü­cher oder Iden­ti­tät er­ar­bei­ten.

Von  Kathrin Reimann
2605 Wyborada Laura Tura Crossing

Stras­sen­kunst als Ent­schleu­ni­gung

Am Wo­chen­en­de bringt das Auf­ge­tischt-Fes­ti­val wie­der über 100 Stras­sen­künst­ler:in­nen aus al­ler Welt in die Gas­sen der Stadt St.Gal­len. Wir ha­ben mit Dai­a­na Min­ga­rel­li vom Duo Dai­a­na Lou über die Ei­gen- und Be­son­der­hei­ten des Bus­king ge­spro­chen.

Von  Philipp Bürkler
Daiana Lou

Heavy Psych Sounds Fest

Fes­ti­val der schwe­ren Gi­tar­ren­klän­ge

Von  David Gadze
Weedpecker 25 BW 6 50

Ro­ter Tep­pich und ro­te Li­ni­en

Der pein­li­che bis in­halts­lee­re Auf­tritt des Tech-Fa­schis­ten Cur­tis Yar­vin hat die Be­richt­erstat­tung über das dies­jäh­ri­ge St.Gal­len Sym­po­si­um do­mi­niert. Am Mon­tag ha­ben – vor al­lem geis­tes­wis­sen­schaft­li­che – Ex­po­nent:in­nen der HSG in ei­nem öf­fent­li­chen Ge­spräch ver­sucht, Yar­vins lan­gen Schat­ten zu ver­we­deln.

Von  Roman Hertler
3 F1 A3554 web

Was­ser, Drag und Vir­gi­nia Woolf

Die St.Gal­ler Thea­ter­kom­pa­nie Roh­stoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr ak­tu­el­les Thea­ter­stück in der Kel­ler­büh­ne. Wie in ei­nem Rausch er­zählt Or­lan­do* von Ge­schlech­ter­nor­men, Grenz­auf­lö­sun­gen und Ver­wand­lun­gen. 

Von  Vera Zatti
LUX 9420 JPG 1500 by Leni O

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Im Bi­ber­re­gen

Von  Jeremias Heppeler

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby

Or­ga­nik trifft KI

Nach vier­zig Jah­ren kehrt Gui­do R. von Stür­ler in die Kunst­hal­le nach Wil zu­rück. Der Künst­ler, mit ei­nem Fai­ble für Flie­gen, zeigt in «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt» ei­ne Werk­über­sicht, die Or­ga­ni­sches und Di­gi­ta­les ver­eint.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 9225 2

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI