«Wer hält uns davon ab, frei zu sein?»
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
Laut der iranischen Journalistin und Aktivistin Masih Alinejad schreibe die Islamische Republik ihre Ideologie auf den Körpern der Frauen: «Wir tragen das sichtbarste Symbol der religiösen Diktatur.» (Bild: pd)
Ekelig ist eines der Worte, mit dem sich viele Szenen in Girls and Gods beschreiben lassen. Bizarr ein anderes. Am Ende bleibt Wut als vordergründiges Gefühl zurück. Ein Mann erklärt an einer Pro-Life-Demo, dass Frauen nicht abtreiben dürfen. Sagt, dass die Leben ungeborener Kinder ein Geschenk Gottes seien. Die Frau dürfe sich doch nicht über die Worte in der Bibel stellen, nicht über Gott, die höchste Instanz – was sie natürlich tue, wenn sie selbst über ihren Körper bestimmt.
Die Bibel sagt, Eva entstand aus Adams Rippen, sie erlaubt dem Mann, seine Frau zu bestrafen. Ebenso tut es der Koran. Frauen müssen ihre Körper verhüllen, um die Blicke der Männer nicht herauszufordern. Auch deswegen tragen Jüdinnen Perücken. Frauen gelten in den monotheistischen Religionen als unrein oder sündhafte Versuchung, die die Männer ins Verderben stürzt.
Deswegen ist Inna Shevchenko, ukrainische Aktivistin und Mitbegründerin der internationalen feministischen Bewegung Femen, Atheistin. Sie konnte nicht anders, erzählt sie eingangs des Dokumentarfilms im Gespräch mit einer Priesterin. Am Tag ihrer ersten Periode durfte sie die Kirche nicht betreten, sie war unrein. Ihr Feminismus sei nicht mit der russisch-orthodoxen Kirche vereinbar. Überhaupt sei Feminismus mit Religion unvereinbar, so die Prämisse des Films.
Der schweizerisch-österreichische Dokumentarfilm Girls and Gods feierte 2025 Premiere und wurde vom SRF mitproduziert. Gegenüber der österreichischen Zeitschrift «Women» sagt die Aktivistin Shevchenko, der Film sei ein Debatten-Film. Sie habe herausfinden wollen, was passiere, wenn mutige Frauen versuchen, religiöse Strukturen von innen heraus zu verändern.
So spricht Shevchenko mit römisch-katholischen Priesterinnen, die auf die Frage, was sie vom Vatikan und der männlichen Führung der Kirche halten, antworten: «Wir beten für sie.» Sie trifft Theologinnen und eine Rabbinerin, die sich für Gleichstellung einsetzt. Und eine Jüdin, die sich von ihrer Gemeinschaft distanziert hat, sowie ehemalige Muslimas, die sich in ihrer Religion unterdrückt gefühlt, gewehrt und deswegen ihre Heimat verlassen haben. Shevchenko spricht aber auch mit gläubigen Frauen, die einen Hijab tragen und sich als Feministinnen bezeichnen.
Die meisten der Gesprächspartnerinnen sehen sich als Feministinnen. Doch einige von ihnen glauben an eine Religion, was für hitzige Debatten mit Shevchenko sorgt. Denn die Femen-Aktivistin fragt nicht nur, sondern konfrontiert das Gegenüber mit ihren oft widersprüchlichen Aussagen oder ihren eigenen Ansichten. Shevchenkos Gesichtszüge verraten sie schon vor dem verbalen Konter, und ab und zu, während die Gesprächspartnerinnen sprechen, schaut die Aktivistin demonstrativ auf ihre Nägel. Es scheint, als ob sie ihr Gegenüber eher aufs Glatteis führen möchte als interessante Thesen zu hören.
So erklärt eine gläubige Muslima, der Schleier sei eine Ermächtigung, ein Schlüssel zur Freiheit – die für Frauen sonst eher schmerzhaft sei. Sie vergleicht den Hijab mit einem Autogurt. Shevchenko verdreht die Augen und wirft ihr vor, so jegliches Verhalten von Männern zu rechtfertigen. Und fragt rhetorisch, ob sich nicht eher die Blicke, die Haltung und das Handeln von Männern ändern müsse.
Emotional und inhaltlich weitaus interessanter sind die Gespräche über den Iran. Die iranische Journalistin und Aktivistin Masih Alinejad sagt, am Hijab liesse sich der Zustand des Staates ablesen: «Die Islamische Republik schreibt ihre Ideologie auf unseren Körpern. (…) Wir tragen das sichtbarste Symbol der religiösen Diktatur.» Deswegen sei die Freiheit der Frauen deren grösste Bedrohung. Eingespielte Videos zeigen Frauen ohne Hijab auf den Strassen Teherans.
Ausserdem überzeugt Girls and Gods mit Musik von Baby Volcano und feministischer Kunst. Zu sehen sind auch Videos von Protestaktionen von Pussy Riot oder Femen. Die Autorin und Aktivistin Taslima Nasrin liest zum Ende der 105-minütigen Doku: «Kopf hoch, mach deinen Rücken gerade. (…) Sag, was du denkst, sag es laut. Schrei so laut, dass sie sich verstecken. (…) Sie werden sagen, du seist eine Hure. Wenn sie das sagen, sag: Ja, ich bin eine Hure. Die Männer werden rot anlaufen und schwitzen. Die Frauen werden sich wünschen, eine Hure zu sein wie du.»
Letztlich stellt sich die Frage, was der Film soll, bleiben die Debatten doch eher oberflächlich – der Debatten-Film scheint eher ein Bubble-Film. Im Gespräch mit «Woman» sagt Shevchenko zu dessen Botschaft: «Das Heilige gehört niemandem. Niemand hat das Monopol auf Moral, Freiheit oder Gott – schon gar nicht jene, die Strukturen auf Schuld und Scham errichtet haben. Wenn das Göttliche existiert, dann nicht über uns, sondern zwischen uns.»
Girls and Gods: ab Donnerstag, 11. Juni, Kinok, St.Gallen.
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