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20 Schafe und ein DJ

Von 20 ausgebüxten Schafen finden nur 19  auf Anhieb zurück - ungut für Ahmet. (Bild: trigon-film)

Von 20 ausgebüxten Schafen finden nur 19  auf Anhieb zurück - ungut für Ahmet. (Bild: trigon-film)

Der nordmazedonische Film DJ Ahmet erzählt von einer kleinen Familie, die versucht, über die Runden zu kommen, und gegen Trauer kämpft. Und von zwei Jugendlichen, die rebellieren und mit Traditionen brechen.

Ah­met (Arif Jak­up) muss sei­nem Va­ter (Ak­sel Meh­met) hel­fen. Er soll nicht mehr zur Schu­le ge­hen, son­dern 20 Scha­fe hü­ten. Der Va­ter ist streng, er­war­tet viel von sei­nen Söh­nen. Na­im (Agush Agus­hev), der jün­ge­re, spricht nicht. In dem klei­nen Haus, in dem die drei woh­nen, gibt es kei­nen Ess­tisch. Ih­re Ge­sich­ter sind un­ge­wa­schen und von der Son­ne ge­bräunt.

Al­les ist an­ders, seit die Mut­ter nicht mehr lebt. Das Schwei­gen Na­ims, die Un­ter­stüt­zung, die Ah­met nun leis­ten muss, und die Stren­ge des Va­ters. Mit we­nig Dia­log und in lang­sa­men, oft weit­wink­li­gen Auf­nah­men zeich­net Ge­or­gi M. Un­kov­ski in sei­nem Spiel­film­de­but DJ Ah­met ei­ne kar­ge Welt ir­gend­wo in Nord­ma­ze­do­ni­en. Karg, weil die Land­schaft so weit­läu­fig ist, dass sie ein­sam scheint, weil das nah­ge­le­ge­ne Dorf nur we­ni­ge Häu­ser zählt und weil Ah­met, Na­im und ihr Va­ter al­le auf ih­re Art ver­su­chen, mit der un­ter­drück­ten Trau­er um­zu­ge­hen, wäh­rend ei­ne pa­tri­ar­cha­le, zu­wei­len ge­walt­tä­ti­ge Kul­tur das Le­ben be­stimmt.

Um­so span­nen­der sind je­ne Sze­nen, in de­nen der ju­gend­li­che Ah­met aus der Tris­tesse aus­zu­bre­chen wagt. Dump­fen Ge­räu­schen fol­gend, stol­pert er in ei­nen nächt­li­chen Ra­ve im Wald. Ah­met wähnt sich träu­mend, auch Zu­schau­er:in­nen sind sich nicht si­cher, wer wach ist und wer träumt. Al­les ist bunt, fla­ckernd, knal­lig. Laut dröhnt elek­tro­ni­sche Mu­sik. Dann peitscht ein Mäd­chen tan­zend ih­ren Pfer­de­schwanz ver­se­hent­lich in Ah­mets Ge­sicht. Ah­med ist wach. Und be­geis­tert. Vom DJ, dem es ge­lingt, die Mas­se in Eu­pho­rie zu ver­set­zen. Und von der schö­nen Aya (Do­ra Akan Zla­ta­no­va).

Zwi­schen Tra­di­ti­on und Re­bel­li­on

Die Ma­gie, die das Mäd­chen um­gibt, trans­por­tiert der Re­gis­seur Un­kov­ski oft in Nah­auf­nah­men: Fin­ger, die übers Gras strei­chen, Wind, der Haa­re zer­zaust. Und im­mer wie­der sind Ge­sich­ter Mit­tel­punkt der Sze­nen. So ent­steht ei­ne un­auf­dring­li­che In­ti­mi­tät. Sol­che Ge­gen­sät­ze sind es, die die­sen Film be­son­ders ma­chen: nah und fern, laut und lei­se, Dra­ma und Hu­mor, Far­big­keit und Mo­no­chro­mie.

Blö­ken­de Scha­fe un­ter­bre­chen den Ra­ve. Ah­mets Her­de ist aus­ge­büxt und ihm ge­folgt. Un­ter den Par­ty­gäs­ten sorgt dies für Be­lus­ti­gung, bei Ah­met für Pa­nik. Er möch­te nicht vom Va­ter be­straft wer­den und über­haupt kein Hir­te sein, son­dern Mu­sik hö­ren und DJ wer­den. Und auch Aya möch­te sich den Tra­di­tio­nen nicht un­ter­ord­nen, möch­te ih­re be­vor­ste­hen­de Zwangs­hei­rat stop­pen. So schmie­den die bei­den ei­nen Plan, ei­ne klei­ne Re­vo­lu­ti­on. Und ver­lie­ben sich zwi­schen Mu­sik, Tanz, Re­bel­li­on und zwei Laut­spre­chern auf ei­nem Trak­tor.

Naim (links) und Ahmet (rechts) halten zusammen, auch auf dem fahrbaren Soundsystem. (Bild: trigon-film)

Naim (links) und Ahmet (rechts) halten zusammen, auch auf dem fahrbaren Soundsystem. (Bild: trigon-film)

Die rebellische Aya wehrt sich gegen die Zwangsheirat, die ihr bevorsteht. (Bild: trigon-film)

Die rebellische Aya wehrt sich gegen die Zwangsheirat, die ihr bevorsteht. (Bild: trigon-film)

Ge­or­gi M. Un­kov­ski, selbst Nord­ma­ze­do­ni­er, hat für DJ Ah­met be­reits in­ter­na­tio­na­le Prei­se ge­won­nen. Be­kannt­heit er­lang­te er be­reits mit be­rüh­ren­den Kurz­fil­men wie et­wa Sti­cker (2019). Dar­in wird ei­nem Va­ter der Weg zur Auf­füh­rung sei­ner Toch­ter un­nö­tig kom­pli­ziert ge­macht. Wie auch in Sti­cker führ­te Un­kov­ski bei DJ Ah­met nicht nur Re­gie, son­dern schrieb auch das Dreh­buch. Und auch die­ser ers­te Spiel­film be­schäf­tigt sich mit der Kul­tur Nord­ma­ze­do­ni­ens, mit den Er­war­tun­gen ei­ner tra­di­tio­na­lis­ti­schen Ge­sell­schaft, die mit den Be­dürf­nis­sen der Ju­gend kol­li­die­ren.

Ein DJ-Set für den Auf­bruch

In DJ Ah­met er­zählt Ge­or­gi M. Un­kov­ski sanft und herz­lich ei­ne hu­mor­vol­le Ge­schich­te über Re­bel­li­on, Lie­be und Frei­heit, Tra­di­ti­on und Ver­än­de­rung. So möch­te auch der Imam im Dorf mit der Zeit ge­hen und die Laut­spre­cher des Mi­na­retts tech­nisch auf­rüs­ten. Ah­met soll ihm da­bei hel­fen. Doch für den äl­te­ren Her­ren ist der Pro­zess dann doch et­was kom­pli­ziert und so hört das ge­sam­te Dorf statt dem abend­li­chen Ge­bet die E-Mail-Zu­gangs­da­ten des Imams.

Und dann ist da noch Na­im. Die Rol­le des klei­nen, schweig­sa­men Bru­ders. Um ihn zum Re­den zu brin­gen, karrt ihn sein Va­ter täg­lich zu ei­nem zwei­fel­haf­ten Hei­ler. Un­kov­ski (und dem Schau­spie­ler Ak­sel Meh­met) ge­lingt es, die Ver­zweif­lung des Va­ters zu trans­por­tie­ren, bei­na­he oh­ne Wor­te. Ge­nau­so wie je­ne von Ah­met, der mit sei­nem Bru­der wort­los kom­mu­ni­ziert und ihn lie­be­voll zu schüt­zen ver­sucht. Und ob­wohl Na­ims Rol­le so lei­se ist, hält sie die Ge­schich­te zu­sam­men. Er tanzt mit Aya und Ah­met, un­ter­stützt sei­nen Bru­der in des­sen Vor­ha­ben DJ zu wer­den und bringt am En­de die Fa­mi­lie wie­der zu­sam­men.

Ah­mets ei­ge­ne Ge­schich­te könn­te der­weil als Co­ming-of-Age-Dra­ma ge­le­sen wer­den. Geht es doch auch dar­um, dass er nach dem Tod der Mut­ter in den Au­gen des Va­ters nun ei­ne neue, er­wach­se­ne Rol­le ein­neh­men muss. Ei­ne Rol­le, die Ah­met nicht ein­neh­men möch­te, im Ge­gen­teil: Der 15-Jäh­ri­ge wehrt sich ge­gen das kon­ser­va­ti­ve Kon­strukt, wäh­rend er sich in die schö­ne Aya ver­liebt, die ei­nem äl­te­ren Mann ver­spro­chen ist. 

Letzt­lich re­bel­liert selbst der Va­ter als sich DJ Ah­met mit ei­ner spek­ta­ku­lä­ren Ak­ti­on selbst in Ge­fahr bringt. Ge­or­gi M. Un­kov­ski sagt über sei­nen Film: «Im Kern han­delt der Film vom uni­ver­sel­len mensch­li­chen Be­dürf­nis, sich selbst aus­zu­drü­cken, und da­von, wie Kunst, in die­sem Fall Mu­sik, so­wohl Zu­fluchts­ort als auch Ka­ta­ly­sa­tor für Ver­än­de­run­gen sein kann.»

DJ Ah­met: ab Don­ners­tag, 2. April im Ki­nok, St.Gal­len, Ci­ne­wil, Wil und Ci­ne­ma Lu­na, Frau­en­feld              

Ver­ei­nig­te Kul­tur­sze­ne pro­tes­tiert ge­gen den Spar­ham­mer

Die er­neu­ten Spar­vor­schlä­ge der St.Gal­ler Re­gie­rung stos­sen auf brei­te Ab­leh­nung. Die Kul­tur­sze­ne so­li­da­ri­siert sich ge­gen die Ab­bau­plä­ne. Die Kul­tur­lob­by hat sich in Stel­lung ge­bracht. Obs hilft?

Von Roman Hertler,
2611 Kulturgelder gaffa rappenspalter 2 farbe

Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
Cecileund Pina300dpi

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
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Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
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Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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