Ein katholisch geprägtes Bergdorf und eine spirituelle Bewegung. Zwei Welten prallen aufeinander, als sich im innerschweizerischen Seelisberg die Transzendentale Meditations-Bewegung (TM) um den weltbekannten Guru Maharishi Mahesh Yogi niederlässt. In den Hotelanlagen Klum und Sonnenberg errichtet die Gruppierung in den 70er-Jahren ihren Hauptsitz, gründet eine eigene «Weltregierung» und ruft das Zeitalter der Erleuchtung aus.
Das Versprechen: Menschen sollen durch eine besondere Meditationsform Glück und Frieden finden. Bis zu 300 Meditierende wohnen zu Spitzenzeiten in der Anlage und das Dorf wird zum Pilgerort der Gruppierung. Das alles löst bei den Einheimischen nicht gerade Begeisterungsstürme aus.
Rund 55 Jahre später ist die Niederlassung verkauft. Zeit also für die Aufarbeitung der Geschichte. Und genau das macht der 1964 geborene Urner Regisseur und Moderator Felice Zenoni (Charlie Chaplin – The Forgotten Years, 2003) mit Namaste Seelisberg. Entstanden ist ein Dokumentarfilm vor einer wunderbaren Bergkulisse, bei dem man sich am Ende fragt, ob etwas mehr Einordnung nicht doch gut gewesen wäre.
Der Glanz der Vergangenheit
Der von Naomi Seckelman erzählte Film beginnt mit einem märchenhaften «Es war einmal…». Die folgende Geschichte hat dann tatsächlich fantastische Züge, vor allem aber triffts wortwörtlich zu: Der Höhepunkt der TM in Seelisberg liegt schon lange Zeit zurück. Bereits im Jahr 1992 hat die Gruppe ihren Hauptsitz nach Vlodrop (NL) verschoben. Der Guru Maharishi Mahesh Yogi selbst ist vor knapp 20 Jahren verstorben. In der Hotelanlage in Seelisberg verblieb bis Ende 2025 lediglich eine Meditationsschule der TM.
Gegliedert in sieben Kapitel und einen Epilog geht es in Namaste Seelisberg um die Konflikte der TM mit den Einheimischen, die Selbstdarstellung des Gurus, Aufenthaltsbewilligungen und Steuerersparnisse. Zenoni montiert Archivmaterial neben Erzählungen von Zeitzeugen und beeindruckenden Landschaftsaufnahmen.
Dass die Hotelanlage längst baufällig ist, können auch die goldenen Ornamenttapeten und die goldenen Samtsessel nicht verbergen. Der Kontrast zu dem von Anhänger:innen der TM erzählten Glanz früherer Zeiten ist enorm. Die Inszenierung wirkt wie eine Metapher: Nicht nur das Gebäude zerfällt, sondern auch die TM in Seelisberg.
Vielstimmige Dysbalance
In Namaste Seelisberg scheinen vor allem die Anhänger:innen der TM eine grosse Präsenz zu haben, insbesondere Raja Felix Kägi, der Direktor der TM in Seelisberg. Zwar bemüht sich Zenoni um Vielstimmigkeit und es kommen auch Einwohner:innen und Kritiker:innen zu Wort. Trotzdem bleibt eine leichte Dysbalance bestehen, die auch Stimmen wie jene des Schweizer Sektenexperten Hugo Stamm oder der TM-Aussteigerin Susan Shumsky nicht auflösen.
Beide üben deutliche Kritik an der TM. Stamm verweist auf sektenähnliche Strukturen der Gruppierung und Shumskyprangert Machtmissbrauch sowie illegale Machenschaften an. Allerdings hat der Sektenforscher nur wenige Minuten Redezeit, und dass Shumsky am Ende des Films einem Konzert der TM beiwohnt, verleiht ihrem Statement einen etwas faden Beigeschmack.
Der Föhn und fehlende Einordnung
Verklären tut Namaste Seelisberg die TM aber nicht. Der Film stellt durchaus kritische Fragen, wobei die Antworten kaum eingeordnet werden. Oft bleibt es bei feinen Zwischentönen, die das Gesagte kommentieren. Etwa wenn es um das einstige Vorhaben des Gurus geht, den Föhnwind durch Meditation zu reduzieren. Darauf angesprochen erklärt TM-Direktor Kägi mit aller Ernsthaftigkeit, er finde, dass dank der Meditation in Seelisberg der «destruktive» Föhn wirklich zurückgegangen sei – währenddessen sieht man in Überblendungen wohl eben diesen Wind über den See wehen. Entlarvt man damit Kägis Aussage als falsch? Eine ironische Leseart ist hier zumindest implizit vorhanden, was genau die Montage sagen will, bleibt aber offen.
Dieses subtile Entlarven scheint im Film Strategie zu sein. Insgesamt hätte eine klare analytische Einordnung dem Film aber mehr Kontur verliehen. Denn so verbleibt zu viel in der Andeutung. Zeit für solche Ausführungen wäre an anderer Stelle gut einzusparen gewesen, zum Beispiel bei den langen Meditationsaufnahmen oder dem Exkurs ans Zentrum der TM in Vlodrop. Letztlich sind es Passagen wie diese, die den rund 90-minütigen Film unnötig in die Länge ziehen.
«Und so neigt sich das Zeitalter der Erleuchtung, zumindest in Seelisberg, dem Ende zu…», schliesst das Märchenhafte die Klammer um Namaste Seelisberg. Ob die halbtransparente Einblendung des betenden Gurus vor dem Fronalpstock kurz vor dem Abspann nun Ironie, Würdigung oder einfach eine visuelle Spielerei ist, liegt wohl, wie so vieles im Film, im Auge des:der Betrachter:in.
Namaste Seelisberg: Filmpremiere mit Regisseur, Donnerstag, 26. Februar, 20 Uhr, Kinok St.Gallen. Weitere Aufführungen bis Ende März.
Namaste Seelisberg: Dienstag, 3. März, 18.30 Uhr, Kino Cameo, Winterthur. Weitere Aufführungen bis Ende März.