Widerstand mit Schere und Leim
Kathrin Rothe hat mit Johnny and Me mehr als eine Hommage an den Künstler John Heartfield geschaffen. Der Film ist ein Appell an die Menschen, Widerstand zu leisten – gegen Faschismus und Selbstzweifel.
Ein Werk des Urvaters der politischen Collagen: John Heartfield (Bild:pd)
Zensur kommt meist von aussen. Dann werden Inhalte aus politischen Gründen gekürzt, verboten, gelöscht. Wer sich wehrt, wird gejagt, gebüsst, eingesperrt oder sogar getötet. Zensur kann aber auch im eigenen Kopf stattfinden, etwa weil man an sich selbst zweifelt oder denkt, das Gedachte, Gefühlte oder Kreierte habe keinen Wert.
Damit ist auch Kunst oft der Zensur unterworfen, der eigenen und der äusseren. Nicht nur einmal in der Geschichte wurden Bücher oder Gemälde vernichtet und nicht nur einmal sind Künstler:innen an Selbstzweifeln zerbrochen. Der Animationsfilm Johnny and Me – Eine Zeitreise mit John Heartfield von Katrin Rothe handelt von beidem, der politischen Zensur unter dem NS-Regime und der psychischen im Fall eines Burnouts. Und er macht Mut, sich gegen beides zu wehren. 2024 erschien der Film in Deutschland, nun kommt er als Premiere ins Kinok.
Katrin Rothe erzählt darin die Geschichte des Künstlers John Heartfield (1891–1968), indem ihn Protagonistin Stefanie (Stefanie Stremler) aus Karton zum Leben erweckt. Manuel Harder übernimmt dessen Stimme. Stefanie ist selbst Grafikerin und erlebt Zensur. Allerdings findet die Zensur in ihr selbst statt, ein Burnout hat sie fest im Griff, hat ihr Kreativität und Selbstvertrauen genommen. Gemeinsam mit Karton-John reist sie durch die Zeit und entdeckt in seiner Geschichte Zuversicht für ihre eigene und Lehren für die heutige Gesellschaft.
«Ich spürte, dass John Heartfield mir etwas sagen wollte.» Mit diesem Zitat der Protagonistin Stefanie beginnt der Film. Die Grafikerin reist durch Dimensionen in ein Atelier aus den 20ern. Dort freut sie sich über Schere und Leim – etwas übertrieben, als wären beide Werkzeuge aus der Steinzeit – und macht sich daran, die Geschichte des Künstlers zu erzählen und zu visualisieren.
«Copy, paste, copy, paste.» Stefanie schneidet Absätze aus Dokumenten, klammert Fotos und Dokumente mit Wäscheklammern an eine Schnur und erschafft so eine Zeitachse von Heartfields Leben. Bald erwacht die von Stefanie aus Karton gebastelte Version von John Heartfield zum Leben und begleitet sie durch seine Geschichte. Sie folgen dieser nicht chronologisch, sondern springen in der Zeit hin und her. Zuweilen ist das etwas verwirrend, tut der Qualität des Films aber keinen Abbruch.
John Heartfield aus Karton begleitet Grafikerin Stefanie durch den Film (Bild:pd)
Dabei werden dokumentarische Szenen aus dem Leben des Künstlers als Animationen im Collage-Stil gezeigt. Einen roten Faden bilden in der Erzählung zwei SED-Beamte: Genossin Gäffel (Dorothee Carls) und Genosse Jobst (Michael Hatzius), die Heartfield über Jahre hinweg beobachtet haben, weil sie ihn für einen Spion hielten.
John Heartfield hiess eigentlich Helmut Herzfeld. Seinen Künstlernamen legte er sich aus Protest zu, gegen das Kaiserreich und dessen «chauvinistischen Gruss: Gott strafe England».1918 produzierte er Propagandafilme für den Krieg. Nach seinem Eintritt in die Kommunistische Partei schuf er für diese Plakate, Fotomontagen für die Arbeiterzeitschrift und für das Satire-Blatt «Der Rote Knüppel». Der einsetzende Dadaismus gefiel Heartfield, er zerschnitt Propaganda-Bilder und setzte sie in neue Kontexte, kreierte Widersprüche. «Ich zeige Fakten», sagt Heartfield über die Fotomontage, die Göring mit einem Hackbeil als «Henker» vor dem brennenden Reichstag zeigt. Oder wie Stefanie es formuliert: «Für dich, John Heartfield, war Kunst eine Waffe.»
Kurz darauf wird die Wohnung des Grafikers gestürmt, er flieht. Aus dem Exil in Prag arbeitet er weiter, zieht Hitler ins Lächerliche, zeigt das Böse und das Leid, bis er wieder flüchten muss. Denn -Heartfield hörte nicht auf, Widerstand zu leisten – mit Schere und Leim. Er wurde von Nazis gejagt und von den Kommunisten beobachtet, floh aus Deutschland, floh nach Tschechien, emigrierte nach London, lebte in Paris und entkam mehr als einmal knapp dem Tod. «Deine Bilder bewirken etwas», sagt Stefanie, «meine nicht. Alles ist digital.»
Wo Stefanie hier eine Verknüpfung macht, die etwas verloren wirkt, doppelt Karton-Johnny an anderer Stelle nach: «Glaubt nicht den Bildern!» Damit zieht Rothe in vielen Sequenzen Parallelen zwischen damals und heute, zwischen Kunst und Propaganda. Denn rechtes Gedankengut verbreitet sich, und Bilder werden nach wie vor politisch genutzt. Tatsächlich findet in Stefanies Zeit – draussen vor dem Atelier – gerade eine Demo statt. «Ach, Corona, Flüchtlingswelle, die Rechten demonstrieren», erklärt Stefanie schulterzuckend. Worauf Heartfield aufspringt und fleht: «Faschismus? Wir müssen das stoppen! Wieso tust du nichts?»
Anlässlich der Premiere von Johnny and Me vom Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart 2024 sagte Kathrin Rothe: «Ständig wurde ich gefragt: ‹Was hat John Heartfield mit heute zu tun?› Ich habe gesagt, dass die Rechte immer mehr erstarkt. Es war damals schon wichtig ein Zeichen zu setzen, so wie heute auch.»
Johnny and Me – eine Zeitreise mit John Heartfield: 4. Dezember, 20 Uhr, Kinok, St.Gallen; Gespräch mit Regisseurin Katrin Rothe und Schauspielerin Stefanie Stremler, Moderation: Marcel Elsener.
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